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Notfallmedizin

Reanimation mit Technik

06.09.2017
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Von Michael Brendler / Die Überlebensraten von Reanimationspatienten sind derzeit gering. Das soll sich mithilfe von modernen Technologien ändern. Doch wie effizient die Reanimationsmaschinen sind, muss sich erst noch zeigen.

Vor knapp drei Monaten war dieser Mann noch tot. 70 Minuten lang. Inzwischen steht Ralf Mundgens (Name geändert) zwar immer noch ein wenig wacklig auf den Beinen, aber er lebt und erzählt staunend von dem »Wunder«, wie er es nennt, das ihm das Leben gerettet hat. Eigentlich hatte sich der 45-Jährige nur etwas unwohl gefühlt. Kaum beim Hausarzt angekommen, kippte er um. 

 

Der Rest wurde ihm erzählt, als er acht Tage später angeschlossen an 21 Beatmungs-, Infusions- und Messgeräte auf der Intensivstation wieder aufwachte. Eine halbe Stunde lang hatte man vergeblich versucht, sein Herz wieder in Gang zu bringen. Laut Studien geben die meisten Retter spätestens zu diesem Zeitpunkt auf. Der Notarzt entschied sich trotzdem dafür, seinen Patienten in die Uniklinik Freiburg zu bringen.

 

Der Grund: Die Uniklinik Freiburg entwickelt eine neue Technologie. CIRD, Kontrolliertes Integriertes Reanimations-Gerät, nennt sich die Erfindung, die in den vergangenen zwei Jahren insgesamt sechs Patienten das Leben gerettet hat. Mundgens war einer von ihnen. Einer, bei dem sein behandelnder Arzt, Dr. Georg Trummer, noch im Nachhinein ungläubig den Kopf schüttelt: »Sein Blut war fast schwarz«, erinnert er sich, nach 70 Minuten Herz-Druck-Massage war kaum noch Sauerstoff darin.

 

Wie schlecht Mundgens Chancen waren, zeigt ein Blick auf die Statistik: Nur jeder 30. Patient, der außerhalb des Krankenhauses einen Herzstillstand erleidet, überlebt. Selbst in der Klinik ist die Quote gering: Hier verläuft jede fünfte Reanimation erfolgreich. Und von den Reanimierten hat wiederum jeder zweite einen mehr oder weniger schweren Hirnschaden.

 

An dieser Bilanz muss sich etwas ändern, darin sind sich Mediziner einig. Und immer mehr von ihnen hoffen, dieses Problem durch den Einsatz moderner Technik zu lösen. Das Prinzip der Geräte ist dasselbe, das in der Chirurgie schon seit Jahrzehnten Operationen am offenen Herzen ermöglicht: Mit einer Art Herz-Lungen-Maschine, der Kombination einer externen Pumpe mit der Sauerstoff-Anreicherung des Blutes durch Extrakorporale Membranoxygenierung, wollen sie die ausgefallenen Organe Herz und Lunge ersetzen und die mögliche Reanimationszeit verlängern.

AktionsWoche

Vom 18. bis 24. September findet ­unter der Schirmherrschaft des ­Bundesministeriums für Gesundheit die »Woche der Wiederbelebung« statt. Ärzte und Fachkräfte initiierten unter dem Motto »Ein Leben retten. 100 Pro Reanimation« zahlreich eigene Aktionen in Kliniken oder ­öffentlichen Orten. Weitere Informationen zu der Aktionswoche, zur Laienreanimation und Materialien zur Kampagne sind unter www.einlebenretten.de zu finden.

Herz-Lungen-Maschine bei Notfällen

 

1976 probierten texanische Notfallärzte das Verfahren erstmals an Patienten aus: Sie saugten vor dem rechten Vorhof durch einen Katheter in der Leistenvene das venöse Blut ab, um es mit Sauerstoff angereichert wiederum über die Leiste zurück in die Aorta zu pumpen. Mit Erfolg, einem Großteil der Patienten half diese sogenannte VA-ECMO-Technologie, das Kürzel steht für veno-arterielle extrakorporale Membranoxygenierung. Inzwischen greifen immer mehr Rettungsmediziner zu der Methode: Allein seit 2012 hat sich laut Register-Daten die Zahl der Einsätze verdreifacht.

 

Trummers CIRD-Maschine geht 40 Jahre später noch weiter. Sie versucht zu berücksichtigen, dass bei längeren Ischämiezeiten die Wiederherstellung der Blutversorgung selbst gefährlich sein kann. Bedingt durch den Sauerstoffmangel und die Anhäufung von Stoffwechselprodukten ist das Blut stark übersäuert und mit Calcium überladen. Wird es wieder durch den Körper gepumpt, reagieren die Gefäße oft mit einer Vasoplegie, einer Lähmung der glatten Gefäßmuskulatur – und der Blutdruck sinkt stark ab. Den Endothelzellen mangelt es zudem an Energievorräten, um das einströmende Calcium aus ihrem Inneren zu pumpen. Die Folge: Mit den Mineralien dringt Wasser in die Zellen, sie schwellen an, sterben teilweise ab und schädigen das umliegende Gewebe. Und die hohen Sauerstoffkonzentrationen, die die Ärzte ihren Patienten manchmal geben, können selbst toxisch sein.

 

Gefäßschäden vermeiden

 

Aus diesem Grund versuchen die Mediziner der Uniklinik Freiburg mit ihrer CIRD-Maschine den Wiederbelebungsprozess besser zu kontrollieren: Das Gerät misst neben Blutfluss und den Vitalwerten minutiös, wie sich pH, Calcium und Sauerstoffpartialdruck entwickeln, reguliert die Werte und reichert das Blut eventuell mit Medikamenten und Nährstoffen an. »Wir benutzen in der Notfallmedizin seit 20 Jahren dieselben Geräte, dieselben Techniken, dieselben Medikamente«, sagt der Herzchirurg. »Das Ergebnis ist extrem unbefriedigend. Unser Konzept könnte ein Wendepunkt sein.«

 

Es sprechen noch andere Argumente für den Ansatz: »Ich sage den Rettungssanitätern oft, ihr könnt das Blaulicht abstellen, wenn der Patient an der Maschine hängt«, erzählt Dr. Dirk Lunz, der an der Uniklinik Regensburg Ähnliches versucht. Sobald die Technik die Funktion von Herz oder Lunge übernehme, sei es mit der Hektik vorbei. Die gewonnene Zeit lässt sich nutzen, um zum Beispiel in Ruhe im Herzkatheterlabor die verstopften Gefäße eines Infarkt-Patienten wieder zu eröffnen. Werde durch das Gerät das Pumporgan erst einmal entlastet, berichtet der Anästhesist, komme häufig der Rhythmus ganz von alleine wieder.

 

Im Gegensatz zu seinem Freiburger Kollegen setzt Lunz die Technologie – eine herkömmliche VA-ECMO-Maschine – auch außerhalb des Krankenhau-ses ein. Melden die Leitstellen einen passenden Patienten, schnappt sich der Notarzt zwei große Taschen und rast mit seinem ECMO-Mobil los. Etwa zehn Minuten dauere es vor Ort, um die beiden fingerdicken Kanülen in die Leistenadern zu schieben und die Katheter mit dem Gerät zu verbinden, berichtet er. »Mit viel Übung«, denn gleichzeitig pumpen die Kollegen oben am Brustkorb weiter.

 

Inwieweit die Technik tatsächlich Leben rettet, ist bislang noch unklar. 2015 zeigten Wissenschaftler um Dr. Prachi Sanghavi von der Universität Chicago im Fachjournal »JAMA Internal Medicine« sogar, dass die Chancen eines Patienten steigen, wenn er mit möglichst wenig Aufwand reanimiert wird (DOI: 10.1001/jamainternmed.2014. 5420). Laientaugliche Methoden wie Herzdruckmassage, Beatmung und Defibrillation waren in der Studie aufwendigeren professionellen Rettungsmaßnahmen klar überlegen.

 

Die Erfolgsquoten der Hightechmediziner liegen laut eines Reviews aus dem Jahr 2014 bei 40 und 50 Prozent. Dieser Anteil an Patienten überlebt eine ECMO-Reanimation im Krankenhaus ohne schwere neurologische Schäden. Das berichteten Forscher um Dr. David Fagnoul von der Universität Brüssel im Fachjournal »Current Opinion in Critical Care« (DOI: 10.1097/MCC.0000000000000098). Bei einem Einsatz außerhalb des Krankenhauses ist das Ergebnis bescheidener. Hier beträgt die Quote der geistig fitten Geretteten gerade mal ein Fünftel – und dies gilt auch nur, wenn der Patient spätestens innerhalb von einer Stunde an die Maschine angeschlossen ist. Der Erfolg von ECMO und CIRD hängt also stets davon ab, wie schnell Maschine und Patient am gleichen Ort sind.

 

Wirksamkeit testen

»Die Technik kommt deshalb meiner Meinung nach vor allem für ganz bestimmte Menschen infrage«, sagt Dr. Ralf Westenfeld, der leitende Arzt der kardiologischen Notfall- und Intensivmedizin der Uniklinik Düsseldorf. Für jüngere, noch recht gesunde Patienten, die schon in der Hand von Spezialisten einen Herzstillstand erleiden, also von Personen, die in der Lage sind, bis zum Eintreffen der Maschine das Gehirn des Patienten per Herzmassage durchblutet zu halten. Auch in Trummers Statistik stehen den sechs gelungenen, sieben gescheiterte Rettungsversuche gegenüber.

 

Viele Fragen zur Effizienz und zum Einsatz der Technologie sind noch nicht beantwortet. Umso wichtiger sei es, die Maschinen fürs Erste nur in größeren, spezialisierten Zentren und im Rahmen wissenschaftlicher Studien einzusetzen. Genau darum bemüht man sich nun in Freiburg. In einer Vergleichs-Studie soll im nächsten Jahr die CIRD-Technologie ihre Sicherheit, Effizienz und klinische Wirksamkeit an zehn großen Kliniken in Europa belegen. Gleichzeitig wird versucht, das Gerät soweit zu verkleinern, dass es auch außerhalb der Klinik zum Einsatz kommen kann. /

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