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Drei Neuzugänge im August

01.09.2014
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Von Kerstin A. Gräfe, Annette Mende und Sven Siebenand / Das Orphan Drug Cabozantinib ist einer von drei neuen Arzneistoffen, die im August auf den deutschen Markt kamen. Eingesetzt werden darf es bei einer seltenen Krebsform der Schilddrüse. Nummer zwei ist das Diabetes-Medikament Empagliflozin, gefolgt von dem Antikörper Obinutuzumab bei chronischer lymphatischer Leukämie.

Medulläre Schilddrüsenkarzinome (MTC) machen etwa 5 bis 10 Prozent aller Schilddrüsentumoren aus und zählen mit einer geschätzten Inzidenz von rund 1000 pro Jahr in Europa zu den seltenen Erkrankungen. MTC entstehen aus den Calcitonin produzierenden Zellen (C-Zellen), weswegen das Hormon hier auch als Tumormarker dient (Calcitonin-Screeing). Charakteristisch für diese Krebsart ist eine Mutation im RET-Protoonkogen, das für die Rezeptor-Tyrosinkinase RET kodiert.

 

Bis vor einigen Jahren stand keine effektive Therapie zur Verfügung; mit einer Chemotherapie konnten lediglich geringe Ansprechraten erzielt werden. Mit Vandetanib (Caprelsa®, AstraZeneca) kam im März 2012 erstmals eine medikamentöse Therapieoption auf den deutschen Markt. Der Tyrosinkinase-Hemmer verlängerte im Vergleichen zu Placebo das progressionsfreie Überleben um etwa elf Monate, allerdings zum Preis von teils erheblichen Nebenwirkungen. Der Arzneistoff darf deshalb nur bei fortgeschrittenen symptomatischen Erkrankungen eingesetzt werden.

Cabozantinib

 

Mit Cabozantinib (Cometriq® 20 mg/ 80 mg Hartkapseln, Sobi) hat nun ein weiterer oraler Kinasehemmer die europäische Zulassung zur Behandlung des medullären Schilddrüsenkarzinoms erhalten. Indiziert ist das Orphan Drug bei Erwachsenen zur Therapie mit progredienter, nicht resektabler, lokal fortgeschrittener oder metastasierter Erkrankung.

 

Bei Patienten, deren RET-Mutationsstatus unbekannt oder negativ ist, sollte vor der Entscheidung einer Cabozantinib-Behandlung der potenzielle geringere Nutzen berücksichtigt werden.

Cabozantinib ist ein Multikinase-Hemmer. Er hemmt unter anderem die Rezeptor-Tyrosinkinase RET, den Mesenchymal-Eptihelial Transition Factor MET und den Vascular Endothelial Growth Factor (VEGF)-Rezeptor 2. Die empfohlene Anfangsdosis beträgt einmal täglich 140 mg, eingenommen als eine 80-mg-Kapsel und drei 20-mg-Kapseln. Die Patienten sollten mindesten zwei Stunden lang vorher und eine Stunde nach der Einnahme nicht essen. Da in den zulassungsrelevanten Studien bei 79 beziehungsweise 72 Prozent der mit Cabozantinib behandelten Pa­tienten die Dosis aufgrund von Nebenwirkungen gesenkt oder vorübergehend abgesetzt werden musste, müssen die Patienten in den ersten acht Wochen engmaschig überwacht werden. Die Behandlung wird solange fortgesetzt, bis der Patient keinen Nutzen mehr aus ihr zieht oder die Nebenwirkungen nicht mehr akzeptabel sind.

 

Wie auch bei Vandetanib ist das Nebenwirkungsspektrum groß. Sehr häufige Nebenwirkungen (bei mehr als 20 Prozent der Patienten) sind Durchfall, Hand-Fuß-Syndrom (palmar-plantares Erythrodysästhesiesyndrom, das Hautausschlag und Taubheitsgefühl in den Handflächen und Fußsohlen beinhaltet), Gewichtsverlust, Appetit­losigkeit, Übelkeit, Müdigkeit, Ge­schmacks­störungen, Veränderungen der Haarfarbe, Hypertonie, Entzündungen der Schleimhaut einschließlich Stomatitis, Verstopfung, Erbrechen, Schwäche und Veränderungen im Klang der Stimme.

 

Sehr häufige schwerwiegende Nebenwirkungen sind Lungenentzündung, Schleimhaut­ent­zün­dung, Hypocalciämie, Dysphagie, Dehydratation, Lungenembolie und Hypertonie.

Die häufigsten Laborwert-Anomalien sind erhöhte Werte von Leberenzymen wie As­par­ta­ta­mino­trans­fe­rase (AST), Alani­na­mi­no­trans­fe­ra­se (ALT) und al­ka­li­scher Phos­pha­ta­se (ALP), niedrige Zahlen der weißen Blut­kör­per­chen (Lymphopenie oder Neu­tro­pe­nie), Throm­bo­zy­to­pe­nie, Hy­po­cal­ciämie, Hy­po­phos­phatämie, Hypoalbuminämie und Hyperbilirubinämie.

Da Cabozantinib ein CYP3A4-Subs­trat ist, ist Vorsicht geboten bei der gleichzeitigen Anwendung von starken CYP3A4-Inhibitoren wie Ritonavir, Itraconazol, Erythromycin, Clarithromycin und Grapefruitsaft. Gleiches gilt für CYP3A4-Induktoren wie Dexamethason, Phenytoin, Carbamazepin, Rifampicin, Phenobarbital oder Johanniskraut-Präparate.

 

Nicht empfohlen wird die gleichzeitige Anwendung von Protonenpumpen-Hemmern, da die Löslichkeit von Cabozantinib pH-abhängig ist und dementsprechend herabgesetzt werden kann.

 

Cabozantinib ist ein Inhibitor des P-Glykoproteins (P-gp). Daher kann der Arzneistoff die Plasmakonzentrationen von gleichzeitig angewendeten P-gp-Substraten wie Fexofenadin, Aliskiren, Ambrisentan, Dabigatranetexilat, Digoxin, Colchicin, Maraviroc, Posaconazol, Ranolazin, Saxagliptin, Talinolol und Tolvaptan erhöhen.

 

Gebärfähige Frauen sind darauf hinzuweisen, während der Einnahme und bis mindestens vier Monate nach der Therapie eine Schwangerschaft zu vermeiden. Gleiches gilt für Partnerinnen von Männern, die den Arzneistoff einnehmen. Da die Wirkung des Tyrosin­kinase-Hemmers auf orale Kontrazeptiva nicht untersucht wurde, wird während der Einnahme eine zusätzliche Verhütungsmethode empfohlen. In Tierversuchen zeigte Cabozantinib embryofetale und teratogene Wirkungen. Eine Anwendung während der Schwangerschaft sollte daher nur dann erfolgen, wenn es der klinische Zustand der werdenden Mutter erforderlich macht. Frauen sollten während und bis zu vier Monate nach der Behandlung nicht stillen.

 

Cabozantinib ist mit Erschöpfung und Schwäche assoziiert. Daher ist beim Führen eines Fahrzeugs oder beim Bedienen von Maschinen Vorsicht geboten.

 

Die Zulassung basiert auf der EXAM-III-Studie, an der 330 Patienten mit fortgeschrittenem Malignom teilnahmen. Cabozantinib verlängerte im Vergleich zu Placebo das progressionsfreie Überleben signifikant von 4,0 auf 11,2 Monate. Zudem reduzierte sich bei 27 Prozent der Patienten die Tumormasse. In der Kontrollgruppe wurde dieser Effekt nicht beobachtet. Ob Cabozantinib auch Einfluss auf das Gesamtüberleben hat, bleibt abzuwarten. Eine Zwischenanalyse, die 75 Prozent der für die Abschlussanalyse erforderlichen Gesamttodesfälle einschloss, zeigte eine Tendenz zu einem längeren Gesamtüberleben im Cabozantinib-Arm (26 Monate versus 20,3 Monate unter Placebo).

 

→ vorläufige Bewertung:  Analogpräparat 


Empagliflozin

 

Im August wurde der dritte Vertreter der SGLT-2-Inhibitoren als Neueinführung gemeldet. Empagliflozin (Jar­diance® 10 mg/ 25 mg Filmtabletten, Boehringer Ingelheim) ist bei erwachsenen Typ-2-Diabetikern zur Verbesserung der Blutzuckerkontrolle angezeigt. Der Wirkstoff ist für die Monotherapie zugelassen, wenn Diät und Bewegung allein den Blutzucker nicht ausreichend senken und die Anwendung von Metformin aufgrund von Unverträglichkeiten als ungeeignet erachtet wird. Darüber hinaus darf Empagliflozin in Kombination mit anderen blutzuckersenkenden Arzneimitteln, einschließlich Insulin, zum Einsatz kommen, wenn diese den Blutzucker zusammen mit Diät und Bewegung nicht ausreichend kontrollieren. 

SGLT-2-Hemmer senken die Glucoselast unabhängig von der Betazellfunktion und Insulinresistenz. Sie bewirken die Ausscheidung überschüssiger Glucose über den Urin. Normalerweise wird Glucose in den Nieren glomerulär filtriert und später im proximalen Tubulus aktiv resorbiert. 

SGLT 2 ist der Haupttransporter, der für die Wiederaufnahme von Zucker an dieser Stelle verantwortlich ist, ein Natrium-abhängiger Glucose-Co-Transporter (sodium dependent glucose transporter, SGLT). 90 Prozent der renalen Glucose-Reabsorption laufen über ihn. Durch die selektive Blockade von SGLT-2 lässt sich die Rückresorption von Zucker reduzieren und somit dessen Ausscheidung mit dem Harn forcieren.

 

Die empfohlene Startdosis beträgt einmal täglich 10 mg Empagliflozin. Die Tablette kann zu oder unabhängig von einer Mahlzeit eingenommen werden. Bei Patienten, die die 10-mg-Dosis vertragen, eine geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR) von mindestens 60 ml/min/1,73 m2 haben und eine stärkere Blutzuckerkontrolle benötigen, kann der Arzt die Tagesdosis auf 25 mg erhöhen. Bei einer eGFR unter 60 ml/min/1,73 m2 sollte er die Therapie mit dem Gliflozin nicht beginnen. Fällt die eGFR im Verlauf der Behandlung unter diesen Wert, sollte er nur 10 mg pro Tag verschreiben, bei einer eGFR unter 45 ml/min/1,73 m2 den Wirkstoff absetzen. Der Grund: Die Wirksamkeit von SGLT-2-Hemmern ist bei einer schlechten Nierenfunktion nicht mehr gewährleistet. Für Dialysepflichtige oder Patienten mit terminaler Niereninsuffizienz stellen SGLT-2-Hemmer somit keine Therapieoption dar. Sicherheitshalber sollte die Nierenfunktion der Patienten regelmäßig kontrolliert werden – vor Beginn der Therapie, mindestens jährlich unter Empagliflozin-Einnahme und vor dem Start einer Begleittherapie mit Arzneimitteln, die sich negativ auf die Nierenfunktion auswirken können.

 

Da die therapeutischen Erfahrungen bei Patienten mit schwerer Leberfunktionsstörung begrenzt sind, wird die Anwendung von Empagliflozin bei dieser Patientengruppe nicht empfohlen. Auch Schwangere und Stillende sollten nicht mit Empagliflozin behandelt werden. Obwohl das Wirkprinzip der SGLT-2-Hemmung auch bei Typ-1- Diabetes funktionieren müsste, wird in der Fachinformation davon abgeraten, Jardiance bei diesen Patienten einzusetzen.

Die Wirkung von Empagliflozin auf die Glucoseausscheidung im Urin ist mit einer osmotischen Diurese verbunden, die den Hydrierungszustand beeinflussen könnte. Auch eine Blutdrucksenkung ist möglich. Deshalb ist Vorsicht geboten bei Patienten, bei denen eine durch den Wirkstoff induzierte Blutdrucksenkung ein Risiko darstellen könnte, zum Beispiel bei Patienten mit bekannter kardiovaskulärer Erkrankung. Darüber hinaus kann Empagliflozin den diuretischen Effekt von Thiazid- und Schleifendiuretika verstärken und das Risiko einer Dehydrierung und Hypotonie erhöhen. Verlieren die Patienten bei einer anderen Erkrankung, zum Beispiel des Gastrointestinaltrakts, zu viel Flüssigkeit, wird empfohlen, den SGLT-2-Hemmer möglicherweise vorübergehend absetzen. Zudem sollte der Volumen- und Elektrolyt­status überwacht werden.

 

Empagliflozin wurde in zehn randomisierten Phase-III-Studien bei mehr als 13 000 Typ-2-Diabetikern untersucht. In vier Hauptstudien, an denen mehr als 2700 Patienten teilnahmen, betrug die Behandlungsdauer 24 Wochen. Hauptkriterium für die Wirksamkeit war die nach dieser Zeit erzielte Senkung des HbA1c-Wertes gegenüber dem Ausgangswert. In einer Studie, in der zuvor unbehandelte Patienten Empagliflozin als Monotherapie erhalten hatten, lag die HbA1c-Senkung bei einer Dosis von 10 mg bei 0,66 Prozent und bei einer Dosis von 25 mg bei 0,78 Prozent. Im Vergleich zu Placebo (- 0,08 Prozent) ist das eine statistisch signifikante Reduktion. Patienten, die in dieser Studie 100 mg Sitagliptin einnahmen, erzielten eine HbA1c-Senkung von 0,66 Prozent. Damit war Empagliflozin dem DPP-4- Hemmer ebenbürtig.

 

Auch Kombinationstherapien mit Empagliflozin wurden in Studien untersucht. Das Gliflozin führte als Add-on-Therapie zu Metformin, zu Metformin und einem Sulfonylharnstoff oder zu Pioglitazon mit oder ohne Metformin im Vergleich zu Placebo zu einer statistisch signifikanten Abnahme des HbA1c-Werts. So betrug die Änderung des HbA1c gegenüber dem Ausgangswert nach 24 Wochen - 0,13 Prozent, wenn Metformin mit Placebo kombiniert wurde. Metformin plus 10 beziehungsweise 25 mg Empagliflozin erzielten dagegen eine Änderung gegenüber dem Ausgangswert von - 0,7 beziehungsweise - 0,77 Prozent.

Metformin, ein Sulfonylharnstoff und Placebo brachten nach 24 Wochen eine Änderung von - 0,17 Prozent gegenüber dem Ausgangswert. Die Kombination Metformin, Sulfonylharnstoff und 10 beziehungsweise 25 mg Empagliflozin war mit einer Änderung von - 0,82 beziehungsweise - 0,77 Prozent erfolgreicher.

 

Ein ähnliches Ergebnis zeigte sich bei der Add-on-Therapie von Pioglitazon mit oder ohne Metformin plus 10 beziehungsweise 25 mg Empagliflozin. Die Änderungen des HbA1c-Werts betrugen nach 24 Wochen - 0,59 beziehungsweise - 0,72 Prozent und waren damit deutlich höher als in der Gruppe, die zusätzlich zur bestehenden Medikation ein Placebo erhielt (- 0,11 Prozent).

 

Verlängerungen der Hauptstudien führen zu der Annahme, dass der Nutzen von Empagliflozin bei längerer Therapie kontinuierlich andauert. Zudem wurde ein Nachweis dafür erbracht, dass auch die Kombinationstherapie mit Insulin vorteilhaft ist. Ferner weisen Studienergebnisse darauf hin, dass die Behandlung mit Empagliflozin mit einer vorteilhaften Abnahme bei Körpergewicht und Blutdruck einhergeht.

 

Die Nebenwirkungen von Empagliflozin stimmen mit denen anderer Vertreter dieser Wirkstoffklasse überein. Ein substanzeigenes Unterzuckerungs-Risiko besteht nicht, in Kombination mit Sulfonylharnstoffen oder Insulin sind Hypoglykämien aber möglich. Bei Anwendung von Empagliflozin in Kombina­tion mit Insulin oder Sulfonylharnstoffen kann unter Umständen daher eine niedrigere Dosierung des Sulfonylharnstoffs oder des Insulins in Betracht gezogen werden, um das Risiko einer Hypoglykämie zu senken. Zudem wurden Infektionen des Genitaltrakts bei mit Empagliflozin behandelten Patienten häufiger beobachtet als unter Placebo. Diese traten aber in den meisten Fällen nur einmalig auf und waren in der Regel mit Standardtherapien behandelbar. Häufig traten in Studien auch Harnwegsinfektionen sowie verstärkte Harnausscheidung und generalisierter Juckreiz auf.

 

→ vorläufige Bewertung: Analogpräparat 


Obinutuzumab

 

Mit Obinutuzumab (Gazyvaro™ 1000 mg, 40 ml Konzentrat zur Herstellung einer Infusionslösung, Roche) steht ein neuer Antikörper zur Behandlung von Patienten mit chronischer lymphatischer Leuk­ämie (CLL) zur Verfügung. Er darf eingesetzt werden in Kombination mit Chlorambucil bei nicht vorbehandelten Erwachsenen, die aufgrund von Begleiterkrankungen für eine Therapie mit einer vollständigen Dosis Fludarabin nicht geeignet sind. Da es insbesondere bei der ersten Gabe sehr häufig zu Infusions-abhängigen Reaktionen (IRR) kommt, muss jede Anwendung unter engmaschiger Überwachung eines erfahrenen Arztes erfolgen und eine Ausrüstung zur Wiederbelebung sofort verfügbar sein.

CLL ist in der westlichen Welt die häufigste Leukämieform und betrifft meist Patienten im fortgeschrittenen Lebensalter. Bei ihnen kommt es zu einer Vermehrung von funktionslosen Lymphozyten, in der überwiegenden Mehrheit der Fälle von B-Lymphozyten. Der rekombinante monoklonale humanisierte Antikörper Obinutuzumab greift am CD20-Protein auf der Oberfläche von B-Lymphozyten an und sorgt dafür, dass diese vom Immunsystem erkannt und abgetötet werden. Sowohl maligne als auch nicht maligne B-Zellen werden auf diese Weise beseitigt. Hämatopoetische Stammzellen im Knochenmark, die das CD20-Protein nicht tragen, bleiben hingegen verschont und können normale B-Zellen nachbilden.

 

Der Fc-Anteil von Obinutuzumab ist durch Glycoengeneering modifiziert, was seine Affinität für Fcγ-RIII-Rezeptoren erhöht. Diese Rezeptoren finden sich unter anderem auf natürlichen Killerzellen, Makrophagen und Monozyten und vermitteln die antikörperabhängige zelluläre Zytotoxizität. Obinutuzumab vermag dadurch verglichen mit Rituximab, einem ebenfalls von Roche hergestellten Anti-CD20-Antikörper, B-Zellen effektiver abzu­töten.

 

Ausschlaggebend für die Zulassung war die offene, randomisierte Phase-III-Stufe BO21004/CLL11, an der 781 Patienten teilnahmen. Sie wurden im Verhältnis 2:2:1 auf drei Behandlungsarme mit folgenden Therapieregimen aufgeteilt: Obinutuzumab plus Chlorambucil, Rituximab plus Chlorambucil und Chlorambucil als Monotherapie. Primärer Endpunkt war das vom Prüfarzt beurteilte mediane progressionsfreie Überleben (PFS). Dieses war unter Obinutuzumab/Chlorambucil mit 26,7 Monaten sowohl gegenüber Chlorambucil (11,1 Monate) als auch gegenüber Rituximab/Chlorambucil (15,2 Monate) signifikant verlängert. Auch beim sekundären Endpunkt Gesamtüberleben zeigte sich die Obinutuzumab-Chlor­ambucil-Kombination sowohl Chlor­ambucil allein als auch Rituximab/Chlorambucil überlegen. Eine Aussage über das mediane Gesamtüberleben ist allerdings noch nicht möglich, da dieser Endpunkt noch nicht erreicht wurde.

 

Das Risiko für Krankheitsprogression oder Tod war im Obinutuzumab-Chlor­ambucil-Arm gegenüber beiden anderen Behandlungsarmen verringert, außer in der Subgruppe der Patienten mit 17p-Deletion. Bei ihnen wurde lediglich ein positiver Trend im Vergleich zur Chlorambucil-Monotherapie gesehen, gegenüber der Rituximab-Chlorambucil-Kombination hatte Obinutuzumab/Chlorambucil keinen Vorteil. Bei Patienten mit dieser genetischen Veränderung schreitet die CLL in der Regel rasch fort und sie sprechen generell oft nur kurzzeitig auf eine Therapie an.

Obinutuzumab wird nicht nach Körperoberfläche dosiert, sondern in der Standarddosierung 1000 mg verabreicht. Es soll in sechs Behandlungszyklen à 28 Tage gegeben werden. Die Patienten erhalten am ersten Tag zunächst 100 mg, um zu testen, wie sie die Behandlung vertragen. Treten IRR auf, soll je nach Schweregrad der Reaktion die Infusion unterbrochen beziehungsweise ihre Geschwindigkeit gesenkt werden. Wenn die ersten 100 mg problemlos vertragen wurden, kann der zweite Beutel mit 900 mg Obinutuzumab noch am selben Tag verabreicht werden. Ansonsten darf das erst am folgenden Tag geschehen. Diese Vorsichtsmaßnahme gilt nur für die allererste Infusion, da sowohl die Inzidenz als auch der Schweregrad von IRR in Studien bei den folgenden Behandlungen sehr stark zurückgingen. Sowohl die 1000-mg-Dosen an den Tagen 8 und 15 des ersten Behandlungszyklus als auch an den Tagen 1 der Zyklen zwei bis sechs werden daher unaufgeteilt verabreicht.

 

Um die geteilte Infusion zu ermöglichen und gleichzeitig Verwechslungen zu vermeiden, soll die erste Teildosis à 100 mg Obinutuzumab (entsprechend 4 ml Konzentrat) in 100 ml 0,9-prozentiger NaCl-Lösung verdünnt werden. Für die restlichen 900 mg (entsprechend 36 ml Konzentrat) wird ein 250-ml-Beutel verwendet. Für alle folgenden Infusionen mit jeweils 1000 mg Obinutuzumab werden ebenfalls 250-ml-Beutel empfohlen.

 

Bei der ersten Infusion von Obinutuzumab traten bei fast zwei Drittel der Patienten (65 Prozent) IRR auf; in 7 Prozent der Fälle waren diese so schwerwiegend, dass die Therapie abgebrochen werden musste. Die häufigsten Symptome waren Übelkeit, Schüttelfrost, Hypotonie, Fieber, Erbrechen, Dyspnoe, Hitzegefühl, Hypertonie, Kopfschmerzen, Tachykardie und Diarrhö. Um einem Blutdruckabfall vorzubeugen, soll bei Patienten mit anti­hypertensiver Dauermedikation diese zwölf Stunden vor, während sowie eine Stunde nach jeder Infusion abgesetzt werden, falls die individuelle Nutzen-Risiko-Abwägung das zulässt.

Außer IRR wurden Überempfindlichkeitsreaktionen einschließlich Anaphylaxie, Neutropenie, Thrombozytopenie, eine Verschlechterung vorbestehender Herzerkrankungen und ein Tumorlysesyndrom beobachtet. Für Letzteres besteht bei Patienten mit hoher zirkulierender Lymphozytenzahl ein erhöhtes Risiko. Ab einer Lymphozytenzahl von > 25 x 109/l sollen Patienten daher zwölf bis 14 Stunden vor Behandlungsbeginn eine Hydratation sowie Allopurinol oder ein anderes Urikostatikum erhalten.

 

Da die B-Lymphozyten durch Obinutuzumab abgetötet werden, sind Lebendimpfungen kontraindiziert. Unter der Therapie kann es zur Reaktivierung einer Hepatitis-B-Infektion kommen. Alle Patienten müssen deshalb vor der ersten Infusion auf Hepatitis-B-Oberflächenantigen und -Antikörper getestet werden und bei positivem Nachweis während der gesamten Therapie­dauer von einem Hepatologen überwacht werden. Wegen der Gefahr einer progressiven multifokalen Leukenzephalopathie muss die Behandlung mit Obinutuzumab beim Auftreten neurologischer Auffälligkeiten unterbrochen werden, bis diese fachärztlich abgeklärt sind.

 

Weder ein höheres Lebensalter noch eine leichte bis mittelschwere Nierenfunktionsstörung sprechen gegen den Einsatz von Obinutuzumab. Allerdings wurde der Arzneistoff bei Patienten mit schwerer Nierenfunk­tionsstörung (Kreatinin-Clearance < 30 ml/min) und bei Patienten mit Leberfunktionsstörung nicht untersucht. Gleiches gilt für Kinder und Jugendliche sowie für Schwangere. Eine Tierstudie ergab keinen Hinweis auf eine Schädigung der Nachkommen bei Exposition in der Schwangerschaft, außer einer kompletten B-Zell-Depletion, die sich innerhalb der ersten sechs Lebensmonate regenerierte. Dennoch müssen Frauen im gebär­fähigen Alter während der Therapie mit Obinutuzumab und 18 Monate danach eine wirksame Empfängnisverhütung anwenden.

 

→ vorläufige Bewertung: Analogpräparat

Kommentar

Drei Analoge im August

Der direkte therapeutische Vergleich des neuen Tyrosinkinase-Inhibitors Cabozantinib zur Behandlung des medullären Schilddrüsenkarzinoms mit dem seit 2012 verfügbaren Vandetanib ist aufgrund der vorliegenden Unterlagen nicht möglich. Auch die Verträglichkeit scheint nicht besser zu sein. Daher kann Cabozantinib vorläufig nur als Analogpräparat eingestuft werden.

 

Mit Empagliflozin steht nun nach Dapagliflozin und Canagliflozin der dritte Vertreter der SGLT-2-Inhibitoren zur Verfügung. Da keine klinischen Vergleiche untereinander vorliegen, ist Empagliflozin als Analogpräparat zu beurteilen.

 

Auch Obinutuzumab kann nur als Analogpräparat angesehen werden. Es wurde zwar ein klinischer Vergleich mit Rituximab durchgeführt, der bezüglich des progressionsfreien Überlebens Vorteile zeigt. Ein Vergleich mit Ofatumumab, das seit 2010 für die Therapie der CLL zur Verfügung steht, liegt aber nicht vor.

 

Professor Dr. Hartmut Morck

Universität Marburg

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