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Honorar

Apotheker wehren sich

04.09.2012  18:21 Uhr

Von Daniela Biermann, Daniel Rücker und Stephanie Schersch / Die Zeichen stehen auf Protest. Nachdem die Bundesregierung bislang keine Zugeständnisse bei der Honorierung gemacht hat, planen Apothekerverbände nun öffentlichkeits­wirksame Aktionen.

Streiken oder nicht streiken? Diese Frage ist bei Apothekern umstritten. Zwar ärgern sich fast alle über das unzureichende Angebot aus dem Bundeswirtschaftsministerium, Abfragen der Landesapothekerverbände zeigen aber ein sehr uneinheitliches Bild. Besonders offensiv ist dabei der LAV Baden-Württemberg.

 

Ein Zeichen setzen

 

Dort fand an diesem Mittwoch ein erster Streik statt. 27 Apotheken im Stadtbezirk Esslingen und 37 Apotheken im Notdienstbezirk Sigmaringen ließen zwischen 9 und 12 Uhr ihren Türen geschlossen. Kunden wurden durch die Notdienstklappe bedient, um die Arzneimittelversorgung sicherzustellen. Mit Plakaten und Handzetteln und im persönlichen Gespräch machte das Personal Patienten auf die schwierige finanzielle Lage vieler Apotheken aufmerksam.

»Wir haben den politischen Entscheidern mehr als ausreichend Zeit gelassen, aber wir können auch nach den jüngst geführten Gesprächen keine Bewegung in der Sache wahrnehmen«, erklärte Fritz Becker, Präsident des LAV Baden-Württemberg und Vorsitzender des Deutschen Apothekerverbands, im Vorfeld des Streiks. »Die Unannehmlichkeit von Wartezeiten in den Warnstreik-Zeiträumen können wir den Kunden nicht ersparen, aber wir setzen damit ein Zeichen, dass sich die Arzneimittelversorgung dramatisch verschlechtern wird, wenn uns Apothekern eine gerechte Honorierung vorenthalten wird.« Weitere und umfangreichere Streiks schließt der LAV nicht aus.

 

Eine ähnliche Aktion plant der Saarländische Apothekerverein (SAV) für den 12. September, allerdings landesweit. Auch hier sollen keine Apotheken schließen, dafür kann es aber zu erheblichen Wartezeiten für die Kunden kommen, weil lediglich die Apothekeninhaber die Patienten beraten und Arzneimittel abgeben. Die Mitarbeiter sollen Kunden ansprechen und mithilfe von Handzetteln über die wirtschaftliche Lage der Apotheken informieren. Die Patienten wolle man ausdrücklich nicht »in Geiselhaft nehmen«, sondern den Informationsweg suchen, schreibt der SAV in einem Mitgliederrundschreiben.

 

Die Apotheker in Rheinland-Pfalz wollen sich an dem Protest beteiligen. »Wir finden die Aktion gut, deshalb habe ich dem SAV unsere Teilnahme zugesagt«, erklärte der Vorsitzende des LAV Rheinland-Pfalz, Theo Hasse, gegenüber der Pharmazeutischen Zeitung. Mit Blick auf das zu erwartende Medienecho sei es gut, wenn zwei Bundesländer gleichzeitig protestierten. Mit Anzeigen in regionalen Zeitschriften wollen die Apotheker im Vorfeld die Aufmerksamkeit auf ihren Protest erhöhen. Hasse machte deutlich, dass die Versorgung auch während des Protests sichergestellt bleibe.

 

Die nächste Eskalationsstufe

 

Tatsächlich dürften es sogar drei Bundesländer werden. Denn auch Baden-Württemberg will am 12. September mitmachen. Nach dem Protest am 5. September sieht man dort die länder­übergreifende Aktion als nächste Eskalationsstufe des Protestes.

 

Auch der Apothekerverband Westfalen-Lippe hat seine rund 1800 Mitglieder zur Streikbereitschaft befragt. Laut AVWL haben sich 962 Apotheken (46,5 Prozent) an der Umfrage beteiligt. Davon sprachen sich 650 Betriebe (67 Prozent) für einen Streik aus. Von den streikbereiten Apotheken wiede­rum würden rund 60 Prozent ganztägig und knapp 40 Prozent stundenweise die Offizintüren schließen. Einige wollen nur unter dem Vorbehalt streiken, dass die Patientenversorgung aufrecht erhalten bleibt und die Apotheken im Umkreis mitmachen. 58 Prozent der Umfrageteilnehmer würden sich zudem an Demonstrationen beteiligen.

 

Deutlich mehr Aufwand

 

Eine andere Form des Protests findet in Brandenburg statt. Weil dort die Streikbereitschaft eher gering ist, hat die Landesapothekerkammer den Ministerpräsidenten Matthias Platzeck (SPD) um Unterstützung in der Honorardebatte gebeten. Dabei weist Kammerpräsident Jens Dobbert insbesondere auf die Mehrbelastung durch die neue Apothekenbetriebsordnung (ApBetrO) hin. Dieser Aufwand könne durch eine nicht ausreichende Vergütung der apothekerlichen Leistungen nicht erbracht werden. Die Kammer hat die ehrenamtlich tätigen Pharmazieräte aufgefordert, bis auf Weiteres von Apothekenrevisionen nach neuer ApBetrO abzusehen. Die Kammer könne unter den derzeitigen Umständen weder die Umsetzung in der gebotenen Weise verlangen noch Nichtbefolgungen sanktionieren.

Auch in Hessen hält sich die Streikbereitschaft in Grenzen. Bei einer Umfrage des Hessischen Apothekerverbands (HAV) sprachen sich die hessischen Apotheker für eine zentrale Demonstration gegen die unzureichende Anpassung der Arzneimittelpreisverordnung aus. Wie HAV-Chef Dr. Peter Homann bei der Jahreshauptversammlung seines Verbands vergangenen Donnerstag berichtete, sind 94 Prozent der antwortenden Apotheker für einen deutlich wahrnehmbaren Protest. Bei einer Rücklaufquote von fast 40 Prozent der rund 1600 hessischen Apotheken ist dies ein ernstzunehmendes Votum.

 

Relativ viel Sympathie haben die hessischen Apotheker auch für eine Unterschriftenaktion in den Apotheken. 43 Prozent der Antwortenden hielten dies für sinnvoll. Es folgt der Dienst durch die Notklappe (34 Prozent) und Dienst vom Chef allein (30 Prozent). Mit einer Zustimmung von 21 Prozent sprachen sich für einen Streik relativ wenige Apotheker aus. Allerdings sei diese Option auf Wunsch der Landesapothekerkammer auch nicht abgefragt worden, sagte Homann.

 

Der HAV-Chef hält allerdings eine zentrale Demonstration der hessischen Apotheker in Frankfurt am Main noch für zu klein. Er setzt daher auf eine bundesweite Aktion. Diese könnte beispielsweise während des Deutschen Apothekertags im Oktober in München stattfinden. Sein rheinland-pfälzischer Kollege Hasse würde sich an einer solchen Demonstration beteiligen, allerdings nur unter der Bedingung, dass eine ausreichende Zahl von Demonstranten sichergestellt werden kann.

 

In Niedersachsen und Sachsen-Anhalt setzen die Apotheker auf eine Postkarten-Aktion. Seit diesem Dienstag verschicken die Apotheken der beiden Bundesländer Postkarten an Landes- und Bundespolitiker mit dem Slogan »Wir sind MehrWert! – Weniger als 3 Cent Anpassung pro Jahr sind ein schlechter Witz« (siehe Foto). Alle Mitgliedsapotheken der beiden Verbände wurden dazu aufgerufen, über die Postkarte an ihren regionalen Abgeordneten auf die Folgen der geringen Honoraranpassung hinzuweisen. Auch Schleswig-Holstein, Hamburg und Bremen beteiligen sich an der Aktion.

 

»Die vom Bundeswirtschaftsministerium geplante Anpassung des Apothekenhonorars von 8,10 Euro auf 8,35 Euro gefährdet die flächendeckende und qualitativ hochwertige Arzneimittelversorgung in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt«, betonte Heinz-Günter Wolf, Vorsitzender des LAV Niedersachsen. Ziel der Postkartenaktion sei es, möglichst viele Politiker zu erreichen und für die schwierige Situation der Apotheken zu sensibilisieren, sagte sein sachsen-anhaltinischer Kollege Mathias Arnold. »Der Politik muss klar sein, dass die Verschlechterung der wirtschaftlichen Situation der Apotheken nicht nur Apothekeninhaber und ihre Mitarbeiter betrifft, sondern vor allem die Patienten«, sagte Arnold weiter.

 

Das falsche Mittel

 

Insgesamt ist der Protest der Landesapothekerverbände also eher vielfältig als einheitlich. Ob dies ein Vor- oder ein Nachteil ist, muss sich erst noch erweisen. Bei den Kammern als Körperschaften des öffentlichen Rechts ist man naturgemäß zurückhaltender. Besonders deutlich positionierte sich hierbei die niedersächsische Kammerpräsidentin Magdalene Linz. In einem Interview mit der »Niedersächsischen Allgemeinen« vom Montag bezeichnete sie Streiks als »das falsche Mittel«. Der Ärger der Apotheker sei zwar mehr als berechtigt und Protestaktionen auch nachvollziehbar. Man solle aber mit den Menschen sprechen, anstatt sie nicht zu versorgen. /

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