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Suizidprävention

Reden kann Leben retten

01.09.2008  11:54 Uhr

Suizidprävention

Reden kann Leben retten

Von Christina Hohmann

 

Viele Suizide wären vermeidbar, denn die meisten geschehen mit Ankündigung. Die Signale zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren, kann oft das Schlimmste verhindern.

 

Der Suizid ist die weltweit häufigste gewaltsame Todesursache. Etwa 815.000 Menschen nehmen sich jedes Jahr laut eines 2002 veröffentlichten Berichts der Weltgesundheitsorganisation das Leben. »Das sind deutlich mehr als durch Mord oder Krieg umkommen«, sagte Dr. Udo Wortelboer, Psychiater an den Horst-Schmidt-Kliniken in Wiesbaden, auf einer vom Hospizverein Auxilium organisierten Veranstaltung. Auch in Deutschland ist Suizid ein großes, aber unterschätztes Problem: Jedes Jahr töten sich etwa 10.000 Menschen. Dies sind deutlich mehr als durch Verkehrsunfälle, Mord und Aids zusammen sterben. Die Zahl der Suizidversuche liegt noch einmal um den Faktor 10 höher, berichtete Wortelboer. Dabei wählen vor allem Männer diesen letzten Ausweg - drei Viertel der Suizidopfer sind männlich. Betroffen sind hauptsächlich Menschen im mittleren und höheren Lebensalter. Etwa 10 Prozent der Suizide werden von Menschen unter 30 Jahren, dagegen 40 Prozent von Menschen über 60 Jahren begangen.

 

Erhöhtes Risiko

 

Hauptrisikofaktoren sind psychische Erkrankungen wie Depressionen, Persönlichkeitsstörungen und Schizophrenie, aber auch Suchterkrankungen. So liegt das Suizidrisiko bei Alkoholabhängigen etwa zehnfach höher als bei der Allgemeinbevölkerung. »In der Intoxikation sinkt die Hemmschwelle deutlich«, erklärte Wortelboer. Ein weiterer wichtiger Risikofaktor seien eigene Suizidversuche und solche in der Familie. »Jeder Zehnte, der einen Versuch unternommen hat, versucht es innerhalb des nächsten Jahres erneut.« Zudem seien Hoffnungslosigkeit, Resignation, Isolation und Schuldgefühle Anzeichen für eine Suizidalität. Auch narzistische Kränkungen, schwierige soziale Situationen wie Trennungen, Vereinsamung, Langzeitarbeitslosigkeit, Fehlen von Perspektiven im Alter oder schwere schmerzhafte Erkrankungen könnten Menschen in den Freitod treiben.

 

Hilfreich für die Diagnostik von Suizidalität ist neben den Risikofaktoren das sogenannte suizidale Syndrom, das der Psychiater Erwin Ringel in den 1950er-Jahren beschrieb. Es geht dem Suizid voraus und umfasst die drei Merkmale Einengung, Aggressionsumkehr und Suizidfantasien, berichtete Wortelboer. Menschen, die dieses Syndrom aufweisen, fühlen sich in ihren Wahlmöglichkeiten, in ihrem Verhalten und Denken stark eingeengt, bis sie keinen anderen Ausweg als den Freitod sehen. Bei den Betroffenen staut sich Aggression an, die nicht abgelassen wird, sondern sich irgendwann gegen sie selbst richtet. Sie haben das Gefühl, der Realität nicht gewachsen zu sein und bauen sich eine Scheinwelt auf, in der die Gedanken an den eigenen Tod eine wichtige Rolle einnehmen. Das Auftreten des suizidalen Syndroms sei ein ernst zu nehmendes Warnzeichen.

 

Weg mit Umkehr

 

Der Weg in den Suizid umfasse verschiedene Stufen. Am Anfang stünden Ruhewünsche ohne Versterbensinitiative, die sich später zu Todeswünschen steigern, sagte Wortelboer. Schließlich kämen Suizidideen auf, bei denen mögliche Methoden abgewogen werden. Die nächste Stufe sei die Suizidabsicht, bei der konkrete Pläne geschmiedet und Ort und Methode ausgewählt werden. Dies könnte dann in den Suizidversuch beziehungsweise in den Suizid münden. Von einer ersten Erwägung führe die Entwicklung also über eine Phase der Ambivalenz zum Entschluss. »Dabei ist auf jeder Stufe noch eine Umkehr möglich, wenn Hilfe oder ein Gespräch angeboten wird«, betonte der Psychiater.

 

Viele Suizide seien vermeidbar, wenn die Warnsignale richtig gedeutet würden (siehe dazu Kasten). Doch dies sei sehr schwierig. Das häufigste Anzeichen sei eine Verhaltensänderung, die Angehörige häufig aber erst nach der suizidalen Handlung erkennen. Diese könnte sich in einem sozialen Rückzug, dem Aufgeben von gewohnten Interessen und Aktivitäten, depressiver oder aggressiver Stimmung oder einem Wandel des äußeren Erscheinungsbildes äußern. Eine Verhaltensänderung kann aber auch in eine andere Richtung erfolgen: Wenn ein vorher unruhiger, depressiver Mensch auf einmal entspannt und ruhig wirke, könnte das darauf hinweisen, dass er sich nach einer Phase der quälenden Zweifel zum Suizid entschlossen hat. »Diese Ruhe verbinden Angehörige dann nicht mehr mit Suizidabsichten, sondern mit einer Besserung«, sagte Wortelboer.

Anzeichen einer Suizidgefährdung

Gefühl der Einengung

Verhaltensänderungen

sozialer Rückzug

Aufgabe gewohnter Interessen und Aktivitäten

depressives, aggressives Verhalten

Stimmungsschwankungen

Wandel der äußeren Erscheinung

plötzliche Ruhe und Ausgeglichenheit

Grübeln, Suizidgedanken

Ankündigungen des Suizids

 

Ein weiteres Warnsignal sind direkte oder indirekte Ankündigungen des Suizids. Vielfach werden solche Äußerungen wie »Das hat alles keinen Sinn mehr« oder »Ich wünschte, ich wäre tot« abgetan. Denn die meisten Menschen glauben, wer darüber spricht, bringt sich nicht um. Doch das Gegenteil ist der Fall. Etwa 80 Prozent aller Suizide werden Studien zufolge vorher angekündigt. »Jede Ankündigung ist daher ernst zu nehmen«, betonte Wortelboer.

 

Jemand zum Reden

 

Wichtige Ansprechpartner für Suizidkandidaten sind Ärzte. Ein hoher Prozentsatz der Betroffenen sucht einen Arzt auf, bevor er einen Selbstmordversuch begeht. Auch der Apotheker kann eine wichtige Rolle spielen, Gefährdete zu erkennen, sagte Georg Fiedler vom Therapie-Zentrum für Suizidgefährdete am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, gegenüber der PZ. »Die klassische Apotheke ist ein Ort, wo viele Kunden gut bekannt sind«, so Fiedler. »Gerade ältere Patienten haben ein gutes Vertrauensverhältnis zu ihrem Apotheker.« Wenn Apothekenmitarbeiter das Gefühl bekommen, dass ein Patient suizidgefährdet ist, gibt es verschiedene Möglichkeiten zu reagieren. Bei einem guten Verhältnis kann der Patient vorsichtig angesprochen und nach dem Befinden gefragt werden, um die Selbstgefährdung abzuschätzen. »Bei ganz Fremden geht das natürlich nicht«, sagte Fiedler, der auch stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention ist. Wenn dem Apotheker ein Rezept oder das Verhalten eines ihm nicht bekannten Patienten verdächtig vorkomme, könne er mit dem behandelnden Arzt Rücksprache halten und die Besorgnis äußern, rät Fiedler.

 

»Es gibt eine ganze Reihe von Medikamenten, mit denen man sich das Leben nehmen kann. Mit einer erhöhten Aufmerksamkeit können Apotheker dazu beitragen, eine Gefahr zu erkennen.« Auch die Bundesapothekerkammer engagiert sich für die Suizidprävention und erarbeitet Maßnahmen zur Erhöhung der Arzneimittelsicherheit. Bei der BAK können sich besorgte Apotheker Rat holen und sich informieren, welche Wirkstoffe kritisch sind. Ebenso können in Krisensituationen die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (www.suizidprophylaxe.de) oder das Nationale Suizid-Präventions-Programm (www.suizidprävention-deutschland.de) weiterhelfen. Eine Möglichkeit besteht auch darin, suizidgefährdete Patienten an professionelle Hilfsangebote zu vermitteln. Hierzu zählen neben den psychiatrischen Ambulanzen auch Psychotherapeuten und Seelsorger etwa in Gemeinden. In Krisensituationen kann bei der Telefonseelsorge (www.telefonseelsorge.de) rund um die Uhr ein Gesprächspartner kontaktiert werden.

 

Um auf das Tabuthema Suizid hinzuweisen und die Zahl der Todesfälle weiter zu reduzieren, findet am 10. September der »Tag der Suizidprävention« statt. Obwohl die Zahl der Suizide in Deutschland 2007 auf einem historischen Tief war, will Fiedler keine Entwarnung geben. Die Prävention müsse noch weiter ausgebaut werden - auch mit der Hilfe der Apotheker.

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