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Demografischer Wandel

Die Potenziale alter Menschen fördern

02.09.2008  16:09 Uhr

Demografischer Wandel

Die Potenziale alter Menschen fördern

Von Uta Grossmann, Berlin

 

Die Lebensqualität alter Menschen ist gestiegen, auch dank der Innovationen der pharmazeutischen Industrie. Jedenfalls kommt eine Studie zu diesem Schluss, die vom Interessenverband der forschenden Azrneimittelhersteller in Auftrag gegeben wurde.

 

Die Menschen leben länger und bleiben länger agil und produktiv. Ein heute 70-Jähriger ist oft so fit wie ein 65-Jähriger in der Generation davor. Der demografische Wandel hat also nicht nur Schattenseiten wie die finanzielle Schieflage der Rentenversicherung, wenn immer weniger junge Arbeitnehmer für immer mehr Rentner zahlen müssen.

 

Die Lebensqualität alter Menschen ist jedoch nicht ohne die Hilfe der pharmazeutischen Industrie gestiegen. Wer länger lebt, benötigt in der Regel mehr Medikamente als ein junger Mensch. Gesundheit im Alter ist ein relativer Begriff und bedeutet nicht unbedingt Freiheit von Krankheit.

 

Mit der Entwicklung innovativer Arzneimittel haben forschende Arzneimittelhersteller zudem selbst dazu beigetragen, dass die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland seit Anfang des 20. Jahrhunderts um mehr als 30 Jahre gestiegen ist.

 

Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) hat sich diese Zusammenhänge in einer Studie bestätigen lassen und sie am vergangenen Donnerstag in Berlin vorgestellt.

 

Die Professoren Dr. Walter E. Müller und Dr. Adelheid Kuhlmey haben die Auftragsstudie unter dem Titel »Herausforderungen einer alternden Gesellschaft: Was kann ihr die pharmazeutische Industrie geben« vorgelegt. Der Pharmakologe Müller ist Direktor des Pharmakologischen Instituts am Biozentrum der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Die Altersforscherin Kuhlmey ist Direktorin des Instituts für Medizinische Soziologie der Berliner Charité und Mitglied des Sachverständigenrates zur Begutachtung der Entwicklung im Gesundheitswesen.

 

Müller brachte die zwei Seiten der Medaille auf den Punkt: Multimorbidität, also eine Vielzahl an Erkrankungen, und ein zusätzlicher Medikamentenbedarf seien der Preis für eine älter werdende Gesellschaft. Kuhlmey sagte, es sei unrealistisch, einen »Zustand x« von Gesundheit endlos zu erhalten. Vielmehr gelte es, die Potenziale älter werdender Menschen zu unterstützen.

 

Was hat nun die pharmazeutische Industrie den alten Menschen zu bieten? Die Antworten der Studienautoren: Sie kann Medikamente entwickeln, die chronische Erkrankungen in einem frühen Stadium beeinflussen und schwere Verläufe bremsen. Sie kann bei der Entwicklung von Arzneimitteln Wechselwirkungen und die Verträglichkeit für den alten, vulnerablen Körper berücksichtigen. Und sie kann ihre Forschung darauf richten, wie die Autonomie im Alter gefördert werden kann.

 

Mangelnde Therapietreue

 

Der Pharmakologe Müller wies am Beispiel der mit dem Alter fortschreitenden Volkskrankheit Bluthochdruck (Hypertonie) auf die Problematik mangelnder Therapietreue (compliance) hin.

 

Zwar gebe es gut wirksame Medikamente, mit denen Hypertonie erfolgreich behandelt werden könne. Allerdings hindere das fehlende Krankheitsempfinden viele Patienten mit hohem Blutdruck daran, dauerhaft Medikamente einzunehmen. Das Kostenargument sei ebenfalls nicht stichhaltig. Müller beschrieb die Ausgaben für eine medikamentöse Therapie als Investition in die Zukunft und verglich sie mit der zusätzlichen Sicherheit durch einen Seitenairbag im Auto. Dafür würden klaglos hohe Kosten in Kauf genommen, obwohl die Wirkung nur bei einem Unfall, also vielleicht nie, zu spüren sei.

 

Eine in der Erforschung befindliche Bluthochdruck-»Impfung« ist nach Müllers Meinung ein innovativer Ansatz zur lang anhaltenden Blutdrucksenkung durch die immunologische Inaktivierung des Hormons Angiotensin II. Dadurch könnte eine bessere Therapietreue erreicht werden.

 

Ein Ergebnis der Studie, das die Pharmaindustrie erfreuen dürfte, ist die Aussage, die Arzneimitteltherapie bedeute für die mittlere Lebenserwartung einen Gewinn von drei Wochen im Jahr. Weil gleichzeitig nicht-medikamentöse Maßnahmen reduziert würden, sei trotz höherer Kosten für Medikamente unter dem Strich sogar ein ökonomischer Gewinn zu verbuchen.

 

Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des VFA, sieht die Arzneimittelhersteller auf dem richtigen Weg. Allerdings müsse der von der Pharmaforschung erarbeitete medizinische Fortschritt auch bei den Patienten ankommen, forderte sie. Die »innovationsfeindliche Kostendämpfungspolitik der Bundesregierung mit ihren zum Teil widersprüchlichen Überregulierungen« habe das viel zu oft verhindert.

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