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Veneninsuffizienz

Den Tag mit Phytos besser durchstehen

04.09.2007
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Veneninsuffizienz

Den Tag mit Phytos besser durchstehen

Von Elke Wolf

 

Ach, wäre das schön: während eines langen Arbeitstages ab und zu die Beine hochlegen. Apotheker und andere Berufstätige in Stehberufen wissen, wovon die Rede ist. Stehen ist Schwerstarbeit für den Körper. Phytopharmaka können helfen, die Venen zu entlasten.

 

Pflanzliche Präparate können die Progression einer chronisch venösen Insuffizienz (CVI) verhindern. Dafür muss man allerdings ein Arzneimittel einsetzen, das die Bezeichnung rationales Phytopharmakon verdient. Jene Phytopharmaka also, die nicht nur mit In-vitro-Daten, sondern auch mit klinischen Studien punkten können, in denen Wirksamkeitsparameter wie Ödemreduktion und Besserung subjektiver Symptome mit valider Messmethodik geprüft wurden. Dazu gehören in erster Linie Flavonoid-Derivate aus dem roten Weinlaub, Rutoside aus dem japanischen Schnurbaum und auf Aescin standardisierte Extrakte aus Rosskastaniensamen, die peroral verabreicht werden.

Stadieneinteilung der CVI

Das Anfangsstadium I macht abends mit geschwollenen Knöcheln, Stauungsgefühlen und Kribbeln in den Beinen auf sich aufmerksam. Während sich beim einen am Sprunggelenk bereits bläuliche Äderchen schlängeln und Besenreiser ihren Lauf nehmen, nimmt der andere äußerlich gar keine Symptome wahr. Der Organismus ist in der Lage, Druck- und Volumenbelastung bis zu rund einem Liter Flüssigkeit zu kompensieren.

 

Im Stadium IIa der chronisch venösen Insuffizienz sind Stauungsödeme deutlich zu sehen, sie klingen nachts nicht mehr ab. Durch Hämoglobin entstehen braune Flecken auf der Haut. Diese Hyperpigmentierungen sind mit Ödemprotektiva rückgängig zu machen. Im Stadium IIb bilden sich statt gesundem rosigem Gewebe minderwertige, weiße und verhärtete Zellen. Diese Dermatosklerose ist irreversibel.

 

Im Stadium III sorgen Ulzerationen für ein offenes Bein, das sogenannte Ulcus cruris venosum.

 

Beratungshinweis: Sobald die Haut des Patienten verhärtete weiße Stellen aufweißt, ist die CVI kein Fall mehr für die Selbstmedikation.

Klinische Studien belegen, dass die oben genannten Extrakte eine CVI Grad I bis III ebenso erfolgreich behandeln wie ein Kompressionsstrumpf der Klasse II. Beispielhaft sei eine Studie von Diehm (1) genannt, die 1996 im Fachjournal »Lancet« publiziert wurde. Das ist bemerkenswert, sind doch Untersuchungen über Phytopharmaka in diesem wissenschaftlichen Magazin eher selten. Mau sieht es dagegen mit der Studienlage für Externa aus: Topische Venenmittel tauchen in den phlebologischen Leitlinien nicht mehr auf. Dennoch schwören manche Patienten mit oberflächlichen Gefäßentzündungen (Phlebitiden) auf sie. Denn durch die Kälte ziehen sich die Gefäße kurzzeitig zusammen, Druck und Schmerz lassen nach.

 

Aescin, der Klassiker

 

Die peroral einzunehmenden Pflanzenextrakte versprechen Erfolge im Anfangsstadium der Erkrankung, wenn physikalische Maßnahmen keine durchschlagende Wirkung mehr zeigen. Ebenso begleiten sie eine Kompressionstherapie. Die Medikamente eignen sich zur Dauer- und als Intervalltherapie sowie für Schwangere. Um optimal wirken zu können, müssen sie allerdings ausreichend hoch dosiert und über einen längeren Zeitraum verabreicht werden. Da eine CVI besonders in Sommermonaten zutage tritt, sollte man mit der Einnahme bereits einige Wochen zuvor beginnen.

 

Der Rosskastaniensamenextrakt (RKSE) ist das mit Abstand am besten dokumentierte Ödemprotektivum. Kernstück der klinischen Effektivität ist b-Aescin, ein Saponingemisch aus 30 Einzelkomponenten. Zahlreiche randomisierte placebokontrollierte Studien mit RKSE-Monopräparaten (zum Beispiel Venostasin® retard, Venoplant®) beschreiben das Phytopharmakon als effektiv und sicher bei CVI. So legten sich in placebokontrollierten Studien Beinschmerzen, in mehreren Studien schwand das Beinvolumen um durchschnittlich 58,6 ml, bei einer Studie um 42, 4 ml (2). Eine zwölfwöchige Behandlungsdauer mit Aescin reduzierte Ödeme der unteren Extremität ebenso gut wie ein Kompressionsstrumpf (1). Allerdings erreichte ein Strumpf den optimalen Effekt bereits nach vier Wochen, während das Phytopharmakon wesentlich länger brauchte.

Kompressionsklassen und Indikationen

Kompressionsklasse I: Kompression von 18-21 mm Hg, leichte Oberflächenwirkung

Indikationen: Prophylaxe bei Schwere- und Müdigkeitsgefühlen in den Beinen, geringe Varikosis, beginnende Schwangerschaftsvarikosis

 

Kompressionsklasse II: Kompression von 23-32 mm Hg, mittlere Oberflächenwirkung

Indikationen: leichte chronische venöse Insuffizienz, nach oberflächlicher Thrombophlebitis, nach Abheilung unerheblicher Ulzerationen, bei stärkerer Schwangerschaftsvarikosis, nach Sklerosierung, zur Thromboseprophylaxe

 

Kompressionsklasse III: Kompression von 34-46 mm Hg, mit Oberflächen- und Tiefenwirkung

Indikationen: starke Varikosis mit Ödemneigung, chronisch venöse Insuffizienz infolge post-thrombotischen Syndroms, posttraumatisches Ödem nach Ulcus cruris, sekundäre Varikosis, nach Sklerosierung

 

Kompressionsklasse IV: Kompression über 49 mm Hg, verstärkte Tiefenwirkung

Indikationen: schwere postthrombotische Fälle, starke Ödemneigung

Anmerkung: Die Klassen III und IV gibt es nur als Maßanfertigung

Der Extrakt wirkt antiexsudativ, also gefäßabdichtend, und verbessert die Mikrozirkulation. Untersuchungen zeigen, dass Aescin die lysosomalen Enzyme Elastase und Hyaluronidase hemmt und dadurch den Abbau von Proteoglykanen im Bindegewebe verhindert. Zusätzlich zügelt der Extrakt die inflammatorische Aktivität der Leukozyten. Eine Forschergruppe um Professor Dr. Stephan Nees von der Universität München (3) beobachtete in Gewebekulturmodellen, wie ein RKSE das Venenendothel repariert. Allerdings ist für die ödemprotektive Wirkung die zweimal tägliche Dosis von 50 mg Aescin in retardierter Darreichungsform nötig, so die Positivmonographie der Kommission E. Das entspricht 250 bis 300 mg standardisiertem Extrakt. Da Saponine den Magen reizen, empfiehlt sich die retardierte Form.

 

Flavonoide stopfen Löcher

 

Gut untersucht sind auch Extrakte des roten Weinlaubs (zum Beispiel Antistax®). Die enthaltenen Flavonoide schützen das Venenepithel, indem sie Membranen stabilisieren und deren Elastizität steigern. Der Flavonoid-Extrakt lagert sich selektiv im Endothel an. Er flickt Interzellularspalten, sodass wieder ein zusammenhängender Endothelrasen entsteht. Zudem besitzt er ein leicht oxidierbares Flavinringsystem. Sauerstoffradikale aus Entzündungszellen können durch die Flavonoide damit entschärft werden. Das Endothel wird so geschützt.

 

Diese Erkenntnisse werden durch randomisierte, placebokontrollierte Doppelblindstudien untermauert. So zeigte eine Untersuchung mit 257 Patienten mit CVI Grad I, dass das Verum effektiv Wasser aus dem Bein schwemmte. Bei einer Dosis von 360 mg war das Bein um etwa 42,2 ml, bei 720 mg um etwa 66,2 ml Flüssigkeit leichter (4). Eine andere doppelblinde, randomisierte, placebokontrollierte Crossover-Studie (5) demonstrierte, dass sich der Blutfluss signifikant verbesserte und der transcutane Sauerstoffdruck wieder anstieg. Dabei hielt der positive Effekt jedoch nur während der Therapie an.

 

Ähnliche antiödematöse Effekte schreiben diverse klinische Studien dem japanischen Schnurbaum zu. Auch hier sind es die Flavonoide, die venenfreundlich wirken, genauer das b-Hydroxyethylrutosid oder Oxerutin (zum Beispiel in Venoruton®). Die dazu notwendige Tagesdosis liegt bei zweimal 500 mg. Weiterhin ist belegt, dass durch die Kombination von Oxerutin und Kompression ein additiver antiödematöser Effekt zu erzielen ist. Das beweist zum Beispiel eine doppelblinde, randomisierte Multicenterstudie mit 133 Patientinnen (6), die an einer CVI Schweregrad II litten. Über einen Zeitraum von zwölf Wochen, gefolgt von einer sechswöchigen Nachbeobachtungsphase, bekam die Verumgruppe täglich 1000 mg Oxerutin. Alle Frauen erhielten als Basistherapie Kompressionsstrümpfe der Klasse II. Die mittlere Ödemreduktion nach zwölfwöchiger Behandlung betrug 63,9 ml in der Kombinationsgruppe und 32,9 ml bei Patientinnen, die Kompressionsstrümpfe und Placebo erhielten. In der Verumgruppe hielt die Wirksamkeit in der Nachbehandlungsphase außerdem länger an.

 

Mäusedorn holt auf

 

Extrakte des Mäusedornwurzelstocks sind im Kommen, zumindest was die Unterfütterung seiner Wirksamkeit mit wissenschaftlichen Studien betrifft. Die Positivmonographie der Kommission E schreibt dem Extrakt aus Ruscus aculeatus (70 bis 75 mg Trockenextrakt am Tag, standardisiert auf 7 bis 11 mg Gesamtruscogenin) zwar nur eine »unterstützende Therapie von CVI-Beschwerden« zu. Neuere Studien geben dem Mäusedornwurzelstock jedoch bessere Noten. Danach erfüllt der Extrakt den Status einer eigenständigen Therapie und zieht zum Beispiel mit der Effektivität von rotem Weinlaub gleich.

 

Auf dem Prüfstand stand etwa eine monographiekonforme, auf Ruscogenine standardisierte Trockenextraktzubereitung aus Ruscus-aculeatus-Rhizom (Fagorutin® Ruscus-Kapseln) (7). Bei Einnahme von zwei Kapseln über zwölf Wochen nahm das Fuß- und Unterschenkelvolumen im Vergleich zu Placebo signifikant um 31 ml ab. Auch die subjektiven Symptome des venösen Beinleidens wie müde und schwere Beine, Spannungsgefühl oder Kribbeln besserten sich unter der Therapie deutlich.

 

Der Wirkmechanismus ist bisher noch nicht so umfassend untersucht wie zum Beispiel der von Aescin. Man glaubt, dass die Ruscogenine auf zweierlei Weise gefäßaktiv sind. Im Gespräch ist zum einen ein venentonisierender Effekt, zum anderen scheinen die Inhaltsstoffe die Kapillaren abdichten zu können. Dazu hemmen sie Enzyme, die die Stützfaser Elastin angeht.

 

Festzuhalten bleibt: Werden Ödemprotektiva rechtzeitig eingesetzt, können sie funktionelle Störungen und damit die Symptome einer chronischen Insuffizienz deutlich lindern. Der progrediente Krankheitsverlauf wird eingedämmt beziehungsweise verlangsamt. Ein Umstand, den alle Stehberufler zu schätzen wissen dürften. Doch eines können sie nicht: aus Krampfadern wieder gesunde Venen machen.

Literatur

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Diehm, C., et al., Comparison of leg compression stocking an oral horsechestnut seed extract therapy in patients with chronic venous insufficiency. Lancet 347 (1996) 292-294.

Pittler, M, H., Ernst, E., Horse chestnut seed extract for chronic venous insufficiency. Cochrane Library 4 (2002).

Nees, S., et al., Neue Aspekte zur Pathogenese und Therapie chronisch peripherer Venenleiden. Fortschr. Fortb. Medizin. Bd. 24, Sonderdruck (2000/2001) 3-20.

Kiesewetter, H., et al., Efficacy of o-rally admi nistered extract of Red vine leaf AS 195 in CVI (Stages I-II), Arzneim.-Forsch./Drug Res. 50 (I) 2 (2000) 109-117.

Kalus, U. et. Al., Improvement of cutaneous microcirculation and oxygen supply in patients with CVI by orally administered extract of red vine leaves AS 195. Drugs R & D 5, Nr. 2 (2004) 63-71.

Großmann, K., Vergleich der Wirksamkeit einer kombinierten Therapie mit Kompressionsstrümpfen und Oxerutin versus Kompressionsstrümpfe und Placebo bei Patienten mit CVI. Phlebology 26 (1997) 105-110.

Lücker, P., et. al., Efficacy and safety of ruscus aculeatus cxtract compared to placebo in patients suffering from CVI. Arzneim.-Forsch./Drug Res. 24 (I) 2 (2002) 85-90.

 

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