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Erstes pharmazeutisches Privatinstitut in Deutschland 1779 eröffnet

29.08.2006
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Innovationsschub aus Thüringen

Erstes pharmazeutisches Privatinstitut in Deutschland 1779 eröffnet

Von Fritz Krafft

 

Der wichtigste Innovationsschub für die wissenschaftliche Ausbildung von Apothekern in Deutschland ging von Thüringen aus - aber nicht erst von der bekannten Pensionsanstalt Trommsdorffs in Erfurt. Das erste Institut dieser Art richtete Johann Christian Wiegleb 1779 in Langensalza ein und führte es bis 1798 mit großem Erfolg.

 

Dieses Institut besuchten zahlreiche angehende Apotheker aus vielen Teilen Europas für ihre wissenschaftliche Ausbildung. Im Lauf der Jahre avancierte es zum Vorbild für zahlreiche ähnliche Einrichtungen. Neuartige Quellen erschließen viele seiner Zöglinge und gewähren somit Einblicke in seine Sozialstruktur (1).

 

Wiegleb im Urteil der Nachwelt

 

Die Wissenschaftsgeschichtsschreibung hatte Johann Christian Wiegleb (1732 bis 1800) fast vergessen. Dies liegt in erster Linie daran, dass die Jahre nach seinem Tod für die Naturwissenschaften nicht nur eine sehr schnelllebige Zeit waren, sondern für die exakten Disziplinen einschließlich der Pharmazie auch einen fast völligen Neuanfang und Umbruch darstellten. Daraufhin begegneten spätere Vertreter dieser Disziplinen ihren Vorläufern aus dem 18. Jahrhundert mit Unverständnis, weil man ihre Beiträge zur Wissenschaft teleologisch, das heißt: allein danach bewertete, ob sie aus der jeweils modernen Sicht »richtige« Erkenntnisse gehabt, »richtige« Ergebnisse erbracht oder »richtige« Methoden angewandt haben; denn allein diese sollten noch als »wissenschaftlich« gelten.

Johann Christian Wiegleb

21. Dezember 1732: in Langensalza als Sohn eines Advokaten geboren

1748 bis 1754 Apothekerlehre in der Marienapotheke in Dresden (Apotheker Dr. C. Sartorius)

Apothekergeselle in der Marienapotheke Dresden 1754 und der Hofapotheke Quedlinburg 1754 bis 1755

Verwalter der Reisigschen Apotheke seines verstorbenen Vetters in Langensalza ab Michaelis 1755

1758 nach Heirat der Apothekerstochter Übernahme der Apotheke und 1759 Verlegung in ein neu erworbenes Haus (Marktstraße Nr. 7), Einrichtung eines großen Laboratoriums

1776 Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Naturforscher Leopoldina und der Kurmainzischen Akademie gemeinnütziger Wissenschaften in Erfurt

1779 Gründung des ersten pharmazeutischen Privatinstituts (1798 geschlossen)

1796 Verkauf der Apotheke

16. Januar 1800: gestorben in Langensalza

 

Wichtige Publikationen

Vogel's Lehrsätze der Chemie (1775, 1785)

Historisch-kritische Untersuchung der Alchemie (1777, 1793)

Handbuch der allgemeinen und angewandten Chemie (2 Bände, 1781, 1786, 1796)

H. Boerhaav[e]s Anfangsgründe der Chymie (1782, 1791)

J. C. Erxlebens Anfangsgründe der Chemie (1784, 1793)

Geschichte des Wachsthums und der Erfindungen in der Chemie in der neuern Zeit (2 Bände, 1790/91)

Zudem hatte Wiegleb das Pech, kurz nach Beginn der neuen Epoche der Chemie und Pharmazie gestorben zu sein - im 68. Lebensjahr. Folglich betrachtete die rückblickende Würdigung zu seinem Tod sein Wirken aus der Sicht der neuen Chemie. Entsprechend kritisch und abfällig urteilt denn auch der einzige Nekrolog, den der Herausgeber des Allgemeinen Journals der Chemie, Alexander Nikolaus Scherer (1771 bis 1824), in seiner Zeitschrift veröffentlichte (2) - zumal er sich als Vertreter der neuen wissenschaftlichen Chemie erst einmal selber hatte profilieren müssen!

 

Wiegleb wurde vorgeworfen, sich nicht zu der neuen Chemie Antoine Laurent de Lavoisiers (1743 bis 1794) bekannt zu haben, deren Grundwerk »Traité élémentaire de chimie« von 1787 schon 1792 in einer deutschen Fassung erschienen war. Aber abgesehen davon, dass der Übersetzer kein Geringerer als Sigismund Friedrich Hermbstaedt (1760 bis 1833) war, den Wiegleb selbst in die Geheimnisse der Chemie eingeweiht hatte, war die Lavoisiersche Theorie keineswegs so ausgereift, wie es im Nachhinein erscheinen mag. Sie nahm sogar das von ihr bekämpfte Phlogiston in veränderter Form wieder auf, indem sie »Lichtstoff« (lumière) und »Wärmestoff« (calorique) zu den unverbundenen Stoffen, den »chemischen Elementen«, zählte und die Gase als Verbindungen dieser Grundstoffe erklärte.

 

Außerdem setzte Wiegleb sich kritisch mit den Ideen Georg Ernst Stahls (1659 bis 1734) auseinander und variierte wie andere Zeitgenossen dessen Vorstellungen vom Phlogiston. Schon 1784 und 1786 zu Beginn der zweiten Auflage seines »Handbuchs der allgemeinen Chemie« betonte er, dass sich »Stahls Lehre von der erdigen Natur des Phlogiston [...] nicht mehr verteidigen« lasse (3). In Anlehnung an Richard Kirwan (1733 bis 1812) ersetzte er es durch die »entzündbare« Luft (das ist Wasserstoffgas), wodurch sich die von Lavoisier genannten Versuche ebenfalls und sogar besser erklären ließen. 1796 variierte er diese Theorie im Anschluss an Jeremias Benjamin Richter (1762 bis 1807) nochmals (4).

 

Kind der Aufklärung

 

Aber eine neue Theorie der Chemie gehörte gar nicht zu Wieglebs Interessen und Zielen, eine Widerlegung der Alchemie und ihrer Mutationslehre dagegen schon. Er hat dieser erstmals überhaupt eine Monographie gewidmet, die »Historisch-kritische Untersuchung der Alchemie, oder der eingebildeten Goldmacherkunst, von ihrem Ursprunge sowohl als Fortgange, und was von ihr zu halten sey« (Weimar 1777, erweitert 1793).

 

Die hier postulierte Erhaltung der Massen spielte auch in seinen eigenen chemischen Untersuchungen eine Rolle. So versuchte er, experimentell nachzuweisen, dass aus Pflanzen und Mineralien gewonnene Öle, Salze und Alkalien nicht erst während des Gewinnungsprozesses entstehen, sondern bereits in den Ausgangsstoffen als solche enthalten sind. Außerdem bewies er 1781 durch penible Gewichtsanalysen sämtlicher am Vorgang beteiligter Stoffe und Geräte, dass Flusssäure Kieselsäure aus dem Glas des Behältnisses zu lösen vermag.

 

Wiegleb war jedoch nicht nur in diesem Punkt ein Kind der Aufklärung. Er gehörte ihrer utilitaristisch ausgerichteten Spätphase an, die in größeren Städten ohne Universität zur Einrichtung Patriotischer Gesellschaften »zur Beförderung des Gewerbefleißes« geführt hatte. Diese wollten für das heimische Gewerbe praktisch verwertbares Wissen erarbeiten und vermitteln. Auch Wiegleb gab sein Wissen bereitwillig preis und arbeitete unter anderem eng mit dem Berliner Aufklärungsverleger Christoph Friedrich Nicolai (1733 bis 1811) zusammen. Eines der großen Ziele, die sich beide setzten, war die Entzauberung von Erscheinungen und Praktiken, die als magisch eingestuft, neuerdings aber als natürlich, nämlich chemisch, erklärbar erkannt worden waren. Er praktizierte dies, wie für seine Zeit typisch, an einer ungeheuren Vielzahl und Vielfalt von Untersuchungsobjekten und wurde so einer der großen Popularisatoren der experimentellen Naturwissenschaften im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts.

 

Dazu war es ja auch nicht erforderlich, die benutzten Ingredienzien und Substanzen oder die eingeleiteten Reaktionen in korrekter Lavoisierscher Terminologie zu benennen oder aus der Lavoisierschen Theorie heraus zu erklären. Dass es in der chemischen Praxis vielmehr auf das ankommt, was bei dem Procedere herauskommt, wenn man die gegebenen Vorschriften korrekt anwendet, demonstrierten auch andere, jüngere Apotheker, die zur Verwissenschaftlichung der Apothekerkunst an dieser Umbruchschwelle wesentliche Beiträge leisteten.

 

Für den Apotheker relevant wurden das antiphlogistische System und seine Nomenklatur erst seit der lateinischen Erstfassung der Preußischen Pharmakopöe von 1799. Johann Bartholomäus Trommsdorff (1795 bis 1828) dagegen konnte die Gründung seiner Pensionsanstalt für angehende Apotheker 1794 noch mit den Worten ankündigen, dass er neben der angewandten »die reine Chemie nach dem phlogistischen und antiphlogistischen System vortragen« werde (5). Sein »Systematisches Handbuch der Pharmacie« von 1792 ist trotz Erwähnung der Theorie Lavoisiers noch ganz auf phlogistischer Grundlage aufgebaut.

 

Noch 1808 schrieb Johann Friedrich August Göttling (1755 bis 1833), der seine Apothekerlehre von 1769 bis 1774 bei Wiegleb absolviert hatte und seit 1788 Professor in Jena war, dass er sich in seinem »Elementarbuch der chemischen Experimentierkunst« sämtlicher theoretischer Auseinandersetzungen enthalte. Denn »dem experimentierenden Chemiker ist jede Erklärung gleich, ihm liegt es bloß an der reinen Tatsache, die, wenn man sich von ihrer Richtigkeit überzeugt hat, unverändert bleibt, was sie ist, und nur allein sie leitet die Ansicht der Dinge, und ist die Basis aller chemischen Bemühungen« (6).

 

Erfahrungen als Apothekerlehrling

 

Aber diese »Tatsachen«, also die chemischen Verfahren und Gerätschaften, die Stoffe und ihre chemischen Eigenschaften und Wechselwirkungen, mussten einem angehenden Apotheker erst einmal vorgeführt und beigebracht werden, damit er die chemischen Vorschriften der amtlichen Arzneibücher anwenden konnte. In diesem Punkt hatte Wiegleb während seiner 1747 angetretenen sechsjährigen Lehre in der Dresdner Marienapotheke die denkbar schlechtesten Erfahrungen gemacht (7). Dies war keine Ausnahme. Es gab keine Anleitung und keine Lehrbücher und die Ausstattung mit Handbüchern, die die Lehrlinge hätten benutzen dürfen, war äußerst dürftig. Privates Selbststudium war während des langen Arbeitstags nicht erlaubt und musste gegebenenfalls nachts heimlich erfolgen.

 

Aber welcher Lehrling besaß schon geeignete Bücher oder beherrschte gar Latein, die Sprache der amtlichen Arzneibücher? Wiegleb hatte auf Empfehlung eines Vetters, des Langensalzaer Apothekers Christian Friedrich Reisig, wohlweislich einige Bücher mitgenommen (8). Von diesen lenkte ihn Johannes Kunckels 1716 erschienenes »Collegium physico-chymicum experimentale« dann auf alle möglichen chymischen Bücher des 17. Jahrhunderts. Schließlich schwirrte ein wahres Sammelsurium alchemischer und chymischer Ideen in seinem Kopf herum, vor dem ihn noch schauderte, als er um 1767 aus Anlass einer autobiographischen Skizze wieder darüber nachdachte. Nach der Übernahme der Reisigschen Apotheke (Rathausstraße 1) 1755, die er 1759 in ein neu erworbenes Haus (heute Marktstraße 7) überführte, wies ihn der Arzt Ernst Gottfried Baldinger (1738 bis 1804) bei einem Besuch auf genau diesen Zu- und Missstand seines Bücherbestands hin. Er empfahl, moderne chemische Literatur zu erwerben, und das war natürlich seinerzeit phlogistische.

 

»Nun kam ich erst also in ein ordentliches Geleise der Wissenschaft«, schreibt Wiegleb (9), »und sah wohl ein, dass alles mein damaliges Wissen zu nichts nütze« war: »Ich mußte also meinen ganzen alten Kram vergessen und nun von neuem zu studiren anfangen.«

 

Bemühen um Unterrichtsliteratur

 

Diesen Umweg wollte Wiegleb künftigen Apothekerlehrlingen ersparen. Dazu übersetzte er geeignete lateinische Werke ins Deutsche, kommentierte und ergänzte sie.

 

Als Erstes erschienen 1775 Rudolph Augustin Vogels »Institutiones chemiae: ad lectiones academicas accomodatas«, die 1755 zuerst als Lehrbuch für Medizinstudenten herausgekommen waren, unter dem Titel »Vogel's Lehrsätze der Chemie, ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen versehen« - immerhin ein Werk von 660 Seiten Umfang, das 1785 eine zweite Auflage erfuhr. Es folgten eine annotierte und berichtigte Neuauflage von Gottfried August Hoffmanns »Anleitung zur Chemie für Künstler und Fabricanten« (1779) sowie eine völlige Umarbeitung von Johann Nikolaus Martius' »Unterricht in der natürlichen Magie« (1779, von dessen zweiter Auflage Wiegleb 1782/85 die ersten beiden Bände verfasste). 1781 erschien, »mit vielen Zusätzen vermehrt von Wiegleb«, Gottfried Heinrich Burgharts »Zum allgemeinen Gebrauch wohleingerichtete Destillirkunst« in zweiter Auflage, 1782 Wieglebs deutsche Übersetzung von Hermann Boerhaaves »Elementa chemiae«.

 

Hierher gehört auch der Auftrag, die als Universitätslehrbuch hoch angesehenen »Anfangsgründe der Chemie« von Johann Christian Polykarp Erxleben nach dessen Tod neu bearbeitet herauszugeben. Wiegleb hatte sich offenbar durch seine eigenen Werke als geeignetster Bearbeiter zur Aktualisierung dieses gut eingeführten Universitätslehrbuchs erwiesen.

 

1781 war auch sein eigenes großes zweibändiges »Handbuch der allgemeinen Chemie« herausgekommen. Dieses Handbuch, von dem 1786 und 1796 aktualisierte Auflagen erschienen, enthielt erstmals alle Bereiche der Chemie, neben der reinen theoretischen die »angewandte« und innerhalb dieser die »physische« (unter Einschluss der Pflanzenphysiologie und Mineralogie), die »pharmaceutische« (worin dann auch die anderen apothekerlichen Tätigkeiten mit abgehandelt wurden), die »technische« und die »ökonomische Chemie«.

 

Wieglebs Pensionsanstalt

 

Dieses Handbuch war auf der Basis eigener Unterrichtserfahrungen und für den eigenen Unterricht entstanden; denn Wiegleb hatte es nicht bei geeigneter Ausbildungs- und Handbuchliteratur für die Praxis belassen. Er wollte auch die in der eigenen Lehrzeit vermisste praktische Anleitung vermitteln. Hierzu richtete er 1779 in seinem Haus eine Unterrichtsanstalt mit Vorlesungsbetrieb - Hermbstaedt war der erste Vorlesungsrepetent - und praktischem Experimentalunterricht ein (10). Das Handbuch erlaubt vorsichtige Rückschlüsse auf die vielfältigen Inhalte des Unterrichts.

 

1782 hatte E. G. Baldinger erstmals im »Neuen Magazin für Aerzte« werbend auf die Existenz und Ziele dieses Pensionsinstituts hingewiesen, das »schon seit einigen Jahren« erfolgreich arbeite (11). 1783 folgte ein Hinweis in Lorenz Crells Periodikum »Die neuesten Entdeckungen in der Chemie«. Im selben Jahr wird das Institut auch im »Almanach oder Taschenbuch für Scheidekünstler und Apotheker« angezeigt, 1784 nochmals durch Göttling im »Archiv der medicinischen Polixey und gemeinnützigen Arzneikunde« (11). Es bestand bis 1798, noch zwei Jahre über den Verkauf der Wieglebschen Apotheke (1796) hinaus.

 

Dass die Pensionsanstalt von Anfang an nicht nur von den eigenen Lehrlingen genutzt werden konnte, ist nicht überliefert, aber wahrscheinlich. Immerhin hatte Hermbstaedt sein Studium bereits abgeschlossen, als er zur Gründungszeit Vorlesungsrepetent wurde. Der schweizerische Apotheker und Naturforscher Johann Georg Albrecht Höpfner (1759 bis 1813), der später das »Magazin für die Naturkunde Helvetiens« gründete und herausgab, hatte nach seiner Apothekerlehre in Lausanne bei Wiegleb den chemischen Unterricht besucht, bevor er 1781 in Leipzig zum Doktor der Medizin promoviert wurde. Höpfner war von den Lehrmethoden Wieglebs und seinem Aufenthalt in Langensalza so stark beeindruckt, dass er später seinen Lehrer um eine »Anleitung zum Erlernen der Chemie ohne mündlichen Unterricht« für einen jungen Schweizer bat. Diese Anleitung in Form von Lehrbriefen druckte er 1781/82 in seinem Magazin ab.

 

Auch der Aufenthalt des aus Heimar gebürtigen Apothekers und späteren Arztes Johann Friedrich Bernhard Hasse (1756 bis 1840) fiel sicherlich vor die Abfassung des Buches, das er unter dem Titel »Die in den Apotheken aufgenommenen chemischen Zubereitungen« mit einer Vorrede von Lorenz Crell 1782 in Lemgo herausbrachte.

 

Neben Göttling, der allerdings nach Abschluss seiner Lehre bei Wiegleb bereits 1774 Langensalza verlassen hatte, und Hermbstaedt war der Berliner Apothekersohn und spätere dortige Professor der Botanik Carl Ludwig Willdenow (1765 bis 1812) ein weiterer früher Wiegleb-Schüler (vor 1784).

 

Weiterhin waren bislang als Besucher dieser Lehranstalt in späteren Jahren bekannt: Oktober 1789 bis 1790 Matthew Robinson Boulton (1770 bis 1842), der Sohn des mit James Watt zusammenarbeitenden englischen Industriellen Matthew Boulton (12), und 1795/96 für wenige Wochen Friedrich von Hardenberg (Novalis, 1772 bis 1801), der sich von Wiegleb auf eine leitende Tätigkeit in den Sächsischen Salinen in Weißenfels an der Saale vorbereiten ließ (13).

 

Wer waren Wieglebs Zöglinge?

 

Friedrich Christan Stöller, der mit Wiegleb viele Jahre lang befreundet war, sprach in seinem Nekrolog davon (14), dass jener »von verschiedenen Vätern« gebeten worden wäre, »ihre Söhne, die sich der Pharmacie und Chemie widmeten oder letztere zu tieferer Einsicht in die Naturwissenschaft oder zu bürgerlichen Geschäften erlernen wollten, zum Unterricht zu sich zu nehmen«. Dies habe zur Gründung des »Privat-Instituts« geführt, woraufhin »in der Folge verschiedene junge Männer von Akademien und aus entfernten Ländern und Provinzen, Engländer, Dänen, Liefländer, Schweizer, Preußen, Hannoveraner et cetera in seinem Hause wohnten und mit ihm speisten, systematischen Unterricht erhielten und an allen chemisch-pharmaceutischen Arbeiten Theil haben konnten«. Sie hätten Wieglebs Bibliothek benutzen dürfen und in der Stadt bei anerkannten Lehrern Sprachunterricht nehmen können - vor allem wohl in Latein als der Sprache der amtlichen Arzneibücher.

 

Söller schätzte die Gesamtzahl bis 1798 »auf etliche und vierzig«, also auf mehr als vierzig. Diese Anzahl ist jedoch sicherlich zu gering. Immerhin berichtete schon der Gründer und Leiter der Schnepfenthaler Erziehungsanstalt, Christian Gotthilf Salzmann (1744 bis 1811), dass er aus Anlass eines Besuchs des Instituts am 3. Oktober 1785 dort sechs »Jünglinge« angetroffen habe (15).

 

Als weitere Quelle für Zöglinge an Wieglebs Institut erwies sich die Subskribentenlisten der Crellschen »Chemischen Annalen« (16). Die jährlichen Listen von 1784 bis 1791 geben neben dem Namen der Bezieher auch den Bezugsort an. Sie nennen dabei neunmal jeweils für wenige Jahre Langensalza. Der Bezug war in diesen Fällen also an einen Aufenthalt in Langensalza gebunden. Eine erste Überprüfung der Personen ergab, dass sechs von ihnen Apothekersöhne waren, die ihre Lehre kurz vor dem Jahr der Nennung abgeschlossen hatten. In zwei Fällen enthielten die zugänglichen biographischen Daten sogar den Hinweis auf einen Aufenthalt in Wieglebs Institut. Zu den Beziehern der »Chemischen Annalen« aus Langensalza gehörten neben Wiegleb selbst:

 

ein Sprössling der Berliner Apothekerfamilie Bärensprung (17), 1785 und 1787 bis 1789,

[Gottfried] Becker aus Kopenhagen, 1786 bis 1788 (Aufenthalt in Langensalza: November 1786 bis Februar 1788),

Braun (18), 1788 (danach 1789 und 1790 als Subskribent in Augsburg und 1791 in Nürnberg geführt),

O[tto] W[ilhelm] C[onrad] Christiani aus Kiel, 1784 und 1785 (1786 wird er in Straßburg als Subskribent geführt) (19),

Grudtner [noch nicht identifiziert], 1785,

B[enjamin] G[ottlieb] Praetorius aus Riga (20), 1784 bis 1786,

Silenz aus Schleswig [noch nicht identifiziert], 1786 bis 1788,

[Johann Heinrich] Spalkhaver [aus Itzehoe] (21), 1788.

 

Demnach bezogen allein 1785 vier (22), 1788 fünf und in den Jahren 1786 und 1787 je drei Personen die Crellschen Annalen. Jedoch hatte vermutlich nicht jeder Zögling das Journal abonniert (immerhin waren es 1785 nur vier, als Saltzmann bei seinem Besuch sechs »Jünglinge« angetroffen hatte). Dank dieser Listen lässt sich das Privatinstitut allmählich mit Leben füllen und seine Sozialstruktur aufhellen.

 

Pfisters Stammbuch als Quelle

 

Im Jahr 2003 erschloss sich dem Verfasser dann mit dem Stammbuch des Schaffhauser Apothekers Jacob Friedrich Pfister (1765 bis 1826) eine weitere hochrangige Quelle. Pfister hatte das Buch auf seine Servier- und Wanderjahre mitgenommen. Nach ersten Hinweisen des Anbieters sollte es Einträge von Johann Christian Wiegleb und seiner Frau Rebecca Christina enthalten. Das Studium des Buchs brachte Überraschendes zu Tage (23).

 

Aus den in Langensalza erfolgten Einträgen ergibt sich, dass Pfister von Juli 1784 bis April 1785 dort weilte. Neben Wiegleb selbst (Eintrag: März 1785) hatten auch seine Frau Rebecca Christina und seine damals noch unverheiratete Tochter Charlotta Eleonora in das Buch geschrieben (beide am 29. März 1785). Trotz der Länge des Aufenthalts lässt sich erst daraus ein engerer Kontakt des Stammbuchbesitzers zur Familie des Apothekers erschließen: Er wurde wohl als Pensionsgast von beiden Damen betreut und nahm an den theoretischen und praktischen Lehrveranstaltungen teil.

 

Zu den direkt mit dem Lernaufenthalt in Langensalza zusammenhängenden Einträgen gehören zudem die des Buchhändlers Johann Siegmund Zolling (6. April 1785) und des Conrectors Johannes George Daniel Graberg (17. März 1785). Letzterer enthält eine lateinische Widmung nebst deutscher Übersetzung. Das legt nahe, dass Graberg Pfisters Lateinlehrer in Langensalza war.

 

Kunstvolle Porträtsilhouetten

 

Die drei Einträge der Wieglebs sind wie sieben weitere aus Langensalza mit Porträtsilhouetten versehen. Weiterhin sind zwei ganzseitige Gouachemalereien auf Extrablättern eingeschaltet. Die eine stellt den Marktplatz von Langensalza mit dem Rathaus und der gegenüberliegenden Häuserzeile der Markt- und Rathausstraße (rechts) dar, gesehen aus einem Obergeschossfenster des Wieglebschen Hauses in der Marktstraße, die andere das »Laboratorium Pharmaceuticum Wieglebi«.

 

Wiegleb hatte sich dieses großzügige Laboratorium in dem an seinen Hof angrenzenden Gebäude ebenerdig eingerichtet. Die Kreuzgewölbe sind heute noch erhalten und in das im Haus untergebrachte Sportgeschäft integriert (24).

 

Diese Illustrationen mit hohem Erinnerungswert, die sich nur innerhalb der Einträge aus Langensalza finden, sind aus vielerlei Gründen Wieglebs 1762 geborenem taubstummen Sohn Friedrich Christian (1762 bis 1797) zuzuweisen. Er hatte eine Ausbildung zum Maler und Zeichner erhalten und stand nachweislich in engerem Kontakt zumindest zu den Hausgenossen unter den Zöglingen (25).

 

Auf Spurensuche

 

Das Stammbuch enthält zahlreiche Einträge, die zur namentlichen Erschließung von Mitzöglingen an Wieglebs Institut beitragen. Manche Angaben stützen die Erkenntnisse aus den Subskriptionslisten. Das gilt im Fall von Benjamin Gottlieb Prätorius aus Riga (Eintrag: April 1785), Otto Wilhelm Conrad Christiani (April 1785) sowie von Bärensprung, der daraufhin als Ferdinand B. identifiziert werden kann (April 1785). Letzterer scheint Pfister eine Anstellung als Geselle in der väterlichen Apotheke in Berlin vermittelt zu haben; denn ähnlich wie in Langensalza die Wieglebs haben sich später (jeweils 14. März 1786) neben dessen Vater, Apotheker H. S. Bärensprung, auch dessen Mutter A. M. und ein Geschwister (?) G. S. in das Stammbuch eingetragen.

 

Übrigens folgen dann Einträge des Dresdner Hofapothekers Gottlieb Adolph Ortmann und seiner Ehefrau C. L. Ortmann (26. Mai 1787). Pfister hat also anschließend an der Dresdner Hofapotheke serviert, bevor er zurück nach Schaffhausen ging (26).

 

Aber wir erfahren aus dem Stammbuch auch von weiteren Apothekergesellen, die gleichzeitig mit Pfister Zöglinge am Wieglebschen Institut in Langensalza gewesen sind (27):

 

Johannes Müller aus Varde in Jütland, Dänemark (April 1785, mit Porträt),

Mathias Ludolf Schöller aus Düsseldorf (Juli 1784, mit Porträt),

Matthias Christian Henck aus Mönchengladbach, der insgesamt zweimal in Langensalza war (23. August 1784 erste Abreise, am 19. Januar 1785 ergänzt),

G. C. Thorspecken aus Dessau [noch nicht identifiziert] (1. März 1785) und

Ernst Wilhelm Bucholz (April 1785).

 

Eine besondere Bewandtnis hat es mit dem Eintrag von Claus Seidelin Jessen (1759 bis 1837) aus Nakskov (Lolland, Dänemark) (26. Mai 1786) auf sich. Er erfolgte erst in Dresden, wohin Pfister von Langensalza aus ging, und auf der dafür nicht vorgesehenen Rückseite des Einschaltblatts mit dem Laboratorium. Dass Jessen kurz darauf ebenfalls ans Wiegleb-Institut in Langensalza ging, geht aus anderen Quellen hervor (28). Offenbar hatte ihn neben Pfisters Berichten auch die Darstellung des Laboratoriums dazu angeregt.

 

Damit sind für die Jahre 1784 und 1785 insgesamt je zwölf Zöglinge nachgewiesen. Insgesamt waren es in den zwanzig Jahren des Bestehens sicherlich weit mehr als vierzig. Schon für einzelne Jahre sind das mehr Schüler und Pensionsgäste, als manche größere Universität Studierende der Medizin vorweisen konnte.

 

Wieglebs Institut als Vorbild

 

Das allein unterstreicht schon die Bedeutung dieser ersten wissenschaftlichen Aus- und Fortbildungsstätte für Apothekergesellen. Sie bildete das Vorbild für die Gründung ähnlicher Institute durch Wieglebs Schüler Sigismund Friedrich Hermbstaedt (1789) und Johann Friedrich August Göttling (1794) bis hin zu dem bekanntesten, das Trommsdorff 1795 in Erfurt einrichtete und bis 1828 erfolgreich führte (29).

 

Auch andere beriefen sich ausdrücklich auf das Vorbild der Langensalzaer Einrichtung, darunter auch, trotz seines drei Jahre zuvor gefällten herben Urteils über Wiegleb, Alexander Nikolaus Scherer, der 1803 in Dorpat ein »Institut für junge Apotheker« ankündigte. Manche Pläne wurden allerdings nicht ausgeführt, so die vom Gräflich-Leiningischen Landphysikus Heinrich Felix Paulizky (gestorben 1791) dem Mainzer Kurfürsten unterbreiteten (30).

 

Die erfolgreichen Gründungen trugen wesentlich zur Verwissenschaftlichung der Pharmazie und der Apothekerausbildung bei, ja sie begründeten sie im Anschluss an Wiegleb. Dies geschah lange bevor die Ausbildung an den Universitäten erfolgte oder gar dort obligatorisch wurde, wie zuerst 1808 in Bayern. Aber selbst an der Landesuniversität Landshut erfolgte der praktische Unterricht noch bis 1840 an dem neben der Universität eingerichteten Privatinstitut von Johann Andreas Buchner.

Literatur

...und Anmerkungen unter www.staff.uni-marburg.de/~krafft/Nr.312-Literatur.htm.

Der Autor

Fritz Krafft hat sich nach dem Studium der Klassischen Philologie, Philosophie und Physik 1968 an der Universität Hamburg für Geschichte der Naturwissenschaft habilitiert. 1970 wurde er Professor am Fachbereich Mathematik der Universität Mainz. Von 1988 bis 2000 leitete er als Professor für Geschichte der Pharmazie das Institut für Geschichte der Pharmazie der Philipps-Universität Marburg. Er ist Mitglied der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina, der Académie Internationale d‘Histoire des Sciences sowie der Akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu Erfurt. Seine wissenschaftlichen Arbeiten behandeln vor allem die Verankerung der Wissenschaften in Kultur, Religion und Sozialgeschichte und beziehen sich vornehmlich auf Umbruchsituationen und Entstehungsphasen neuer Disziplinen.

 

 

Anschrift des Verfassers:

Professor Dr. Fritz Krafft

Schützenstraße 18

35096 Weimar/Lahn

krafft(at)staff.uni-marburg.de

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