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Fieberkrämpfe

Dramatisch, doch meist ungefährlich

18.08.2015  11:25 Uhr

Von Ulrike Viegener / Bei Fieberkrämpfen im Säuglings- und Kleinkindalter ist der Spuk in drei von vier Fällen nach einigen Minuten wieder vorbei. Doch es gibt auch komplizierte Fieberkrämpfe. Der Notarzt entscheidet, wie weiter vorzugehen ist.

Fieberkrämpfe sind im Säuglings- und Kleinkindalter relativ häufig. Rund 4 Prozent aller Kinder erleiden mindestens einmal einen solchen Krampfanfall, und zwar in aller Regel zwischen dem sechsten Lebensmonat und dem fünften Lebensjahr. Frühgeborene tragen ein erhöhtes Risiko. Der Krampfanfall geht vom Gehirn aus und zeigt meist das Bild eines tonisch-klonischen Grand-Mal-Anfalls: Zunächst kommt es für Sekunden zu einer gleichzeitigen Versteifung aller Muskeln, und das Kind verliert das Bewusstsein. Anschließend treten rhythmische Muskelzuckungen am ganzen Körper ein.

Zuckungen des Zungenmuskels können dazu führen, dass Speichel aufgeschlagen wird und als Schaum vor den Mund tritt. Die Symptomatik ist für die Eltern hoch alarmierend, sie verschwindet aber in den meisten Fällen innerhalb einiger Minuten – und zwar ohne Folgen für die weitere Entwicklung des Kindes. Oft schläft das Kind nach dem Krampfanfall ein. Das ist der typische Verlauf eines einfachen Fieberkrampfs, der eigentlich kein Notfall ist. Trotzdem sollte jedes Kind mit einem ersten Krampfanfall unverzüglich von einem Notarzt untersucht werden.

 

In rund 25 Prozent der Fälle treten sogenannte komplizierte Fieberkrämpfe auf. Sie dauern länger als 15 Minuten und wiederholen sich innerhalb von 24 Stunden. Dabei ist nicht der ganze Körper von den Muskelzuckungen betroffen, sondern nur einzelne Körperteile beziehungsweise nur eine Körperseite. Auch wenn sich die Anfälle vor dem sechsten Lebensmonat oder nach dem fünften Geburtstag ereignen, gilt das als Kriterium für einen komplizierten Fieberkrampf. Komplizierten Fieberkrämpfen liegt häufig, aber nicht immer eine organische Ursache zugrunde, und sie sind mit einem leicht erhöhten Risiko für spätere epileptische Anfälle verbunden.

 

Krämpfe bei steigendem Fieber

 

Die Pathogenese von Fieberkrämpfen ist nicht im Detail geklärt. Es wird vermutet, dass das Fieber die Isolierung der Nervenzellen herabsetzt, sodass es zur übergreifenden Aktivierung größerer Hirnarreale kommt. Der Fieberkrampf entwickelt sich bei einem Infekt während der Phase des Fieber­anstiegs. Nicht die Höhe des Fiebers scheint ausschlaggebend zu sein, sondern die Geschwindigkeit, mit der das Fieber steigt. Bei raschem Fieberanstieg kann sich ein Krampfanfall entwickeln, noch bevor die Eltern überhaupt bemerkt haben, dass sich das Kind einen Infekt zugezogen hat. Besonders häufig sind Fieberkrämpfe beim Drei-Tage-Fieber, das durch Herpesviren verursacht wird. Auch als Impfreaktionen können Fieberkrämpfe auftreten, wobei ein relevantes Risiko vor allem nach Mehrfachimpfungen beschrieben ist.

 

Im Fall eines Fieberkrampfes sollten die Eltern Ruhe bewahren und das Kind sicher seitlich lagern, damit es sich nicht verletzen und Speichel nach außen abfließen kann. Eine medikamentöse Intervention ist bei unkomplizierten Fieberkrämpfen nicht erforderlich. In aller Regel ist der Anfall schon vorbei, wenn der Notarzt kommt. Eventuell wird er ein antipyretisches Medikament geben, zum Beispiel Ibuprofen oder Paracetamol als Zäpfchen. Wenn der Krampf noch andauert, ist ein Muskelrelaxans wie Diazepam indiziert. Ergibt sich der Verdacht, dass die Krämpfe andere Ursachen haben könnten als das Fieber, ist eine ausführliche Differentialdiagnose erforderlich.

 

Das Risiko weiterer Fieberkrämpfe ist vor allem im ersten Jahr erhöht, der Risikoanstieg wird mit rund 30 Prozent beziffert. Bei Kindern, die bereits einen Fieberkrampf erlitten haben, sollten im Fall einer erneuten fiebrigen Erkrankung fiebersenkende Maßnahmen ergriffen werden. Sowohl anti­pyretische Medikamente als auch Wadenwickel sind geeignet. Dass sich auf diese Weise tatsächlich weitere Krampfanfälle verhindern lassen, ist allerdings nicht bewiesen. Die vorbeugende Gabe von Antiepileptika kommt bei einem Infekt nur sehr selten in Betracht, wenn ein Kind bereits mehrere Fieberkämpfe oder einen komplizierten Anfall durchgemacht hat. Auf jeden Fall ist Eltern mit Risikokindern zu empfehlen, ein krampflösendes Medikament als Mikroklistier, zum Beispiel Diazepam Desitin® rectal tube, in der Hausapotheke zu haben. /

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