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Hygiene

Krankheiten aus dem Trinkwasser

20.08.2014
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Von Christina Hohmann-Jeddi / Sauberes Trinkwasser ist in Mitteleuropa eine Selbstverständlichkeit, in vielen Regionen der Welt dagegen Luxus. Dort müssen die Menschen auf verunreinigtes Wasser zurückgreifen, das Krankheitserreger, Chemikalien oder Algen enthalten kann. Millionen Todesfälle gehen jedes Jahr auf wasserbedingte Erkrankungen zurück.

Sauberes Trinkwasser ist entscheidend für die Gesundheit von Menschen. Im Jahr 2010 erkannte die Generalversammlung der Vereinten Nationen das Recht auf Zugang zu Trinkwasser und zu Abwassersystemen als Menschenrecht an. Auf diesem Gebiet wurden laut Angaben der Weltgesundheits­organisation (WHO) in den vergangenen Jahrzehnten deutliche Fortschritte gemacht. So erhielten im Jahr 2012 etwa 89 Prozent der Weltbevölkerung Wasser aus höherwertigen Quellen, 1990 waren es noch 76 Prozent.

Dennoch beziehen immer noch 748 Millionen Menschen ihr Wasser zum Trinken, Zubereiten von Speisen oder Hausgebrauch aus unzureichend sicheren Quellen. 173 Millionen verwenden sogar Wasser aus Oberflächen­gewässern wie Seen oder Flüsse. Weltweit verwenden insgesamt 1,8 Milliarden Menschen Trinkwasser, das zumindest zweitweise mit Fäkalien kontaminiert ist, berichtet die WHO. Dieses kann Erreger von Erkrankungen wie Cholera, Typhus, Hepatitis, verschiedenen Durchfallerkrankungen sowie Polio enthalten. Jedes Jahr kommen etwa 500 000 Menschen durch Durchfall­erkrankungen ums Leben.

 

Die wohl am meisten gefürchtete Erkrankung, die über kontaminiertes Wasser übertragen wird, ist Cholera. In der Vergangenheit hat sie Pandemien verursacht, die Millionen Menschen das Leben kosteten. Heute tritt sie dort auf, wo Trink- und Abwassersysteme nur unzureichend getrennt sind, in armen Regionen und in Krisengebieten. Erreger der Krankheit ist das Bakterium Vibrio cholerae. Die meisten Infektionen bleiben asymptomatisch, nur in 15 Prozent der Fälle verursachen sie eine Durchfallerkrankung. Dann setzen nach einer Inkubationszeit von zwei bis drei Tagen die typischen Symptome ein: schwere, wässrige Durchfälle und starkes Erbrechen, die zu einer raschen Exsikkose und Elektrolytverlust führen können. Unbehandelt führt die Erkrankung bei 20 bis 70 Prozent der Betroffenen zum Tod.

 

Die wichtigste Behandlungsmöglichkeit ist der Ersatz des Flüssigkeitsverlusts und der verloren gegangenen Salze und Zucker, wenn möglich intra­venös. In medizinisch unterversorgten Regionen kann die von der WHO empfohlene Trinklösung, eine orale Rehydratations-Lösung, angewendet werden. Bei schweren Krankheitsverläufen ist die Gabe von Antibiotika sinnvoll, wobei sie eher die Zeit der Infektiosität verkürzt als die Erkrankungsdauer. Laut WHO-Angaben erkranken jedes Jahr 3 bis 5 Millionen Menschen an Cholera, 100 000 bis 120 000 sterben an der Infektion. In Deutschland ist die Erkrankung sehr selten. Zwischen null und sechs importierte Cholera-Fälle registriert das Robert-Koch-Institut (RKI) pro Jahr.

 

Typhus

Ebenfalls durch kontaminiertes Wasser werden Typhus und Paratyphus übertragen. Die Erreger der beiden Erkrankungen sind die Enterobakterien Salmonella enterica Serotyp Typhi beziehungsweise Paratyphi. Sie sind weltweit verbreitet. An Typhus erkranken Schätzungen zufolge jedes Jahr etwa 22 Millionen Menschen, 200 000 sterben an der Infektion. Bei Paratyphus geht man von jährlich 5,5 Millionen Erkrankungen aus. In Deutschland ist die Erkrankung sehr selten geworden. Im Jahr 2012 wurden 58 Typhus-Erkrankungen und 43 Paratyphus-Fälle gemeldet, etwa 90 Prozent waren importiert.

 

Etwa ein bis zwei Wochen nach der Ansteckung beginnt die Erkrankung zunächst mit unspezifischen Symptomen wie Kopf- und Gliederschmerzen. Nach zwei bis drei Tagen setzt dann hohes Fieber von 39 bis 41 °C ein, das über Wochen anhalten kann und das von einem stark ausgeprägten Krankheitsgefühl begleitet wird. Zu Beginn der Erkrankung kann eine Verstopfung auftreten, während im weiteren Verlauf breiartige Durchfälle typisch sind. Das Krankheitsbild von Paratyphus ähnelt dem des Typhus, fällt aber in der Regel milder aus.

Infizierte scheiden den Erreger mit dem Stuhl aus, zum Teil noch Wochen nach Abklingen der Symptome. Etwa 2 bis 5 Prozent der Infizierten scheiden dauerhaft Erreger aus und bilden somit eine Infektionsquelle für andere. Nach durchgemachter Erkrankung besteht für etwa ein Jahr eine Immunität, die allerdings durch hohe Erregermengen durchbrochen werden kann. Auch weitere Vertreter der Enterobakterien wie einige Salmonellen- und Shigellen-Arten (Erreger der Bakterienruhr) rufen Durchfallerkrankungen beim Menschen hervor.

 

Viren im Wasser

 

Neben Bakterien können sich in kontaminiertem Wasser auch Viren wie zum Beispiel Enteroviren befinden. Die Arten dieser Gattung aus der Familie der Picorna­viridae werden fäkal-oral übertragen und lösen ganz unterschiedliche Krankheitsbilder aus: von Brechdurchfall über Sommergrippe, Meningitis, Pneumonie, Hand-Fuß-Krankheit bis hin zu Myokarditis. Auch das Poliovirus gehört in diese Gattung und wird ab und zu in Abwassersystemen entdeckt, beispielsweise im vergangenen Sommer in Israel oder in diesem Jahr in Brasilien. In Deutschland treten hin und wieder Epidemien mit Echo-Viren auf, die asep­tische Meningitis hervorrufen. Ebenfalls in die Gruppe der Enteroviren gehört das Hepatitis-A-Virus, das akute Leberentzündungen verursachen kann.

Auch die typischen Erreger von viralen Gastroenteritiden wie Noroviren und Rotaviren können über kontaminiertes Wasser übertragen werden. Zusammen sind sie für den Großteil aller viralen Durchfallerkrankungen verantwortlich.

 

Ein weiterer Teil der wasserbedingten Erkrankungen wird durch verschiedene humane Parasiten im Süßwasser hervorgerufen. Hierzu zählen Entamoeba histolytica, das Geißeltierchen Giardia intestinalis, Spulwürmer und der Guineawurm (Dracunculus medinensis). Letzterer gelangt über mit Larven infizierte Ruderfußkrebse bei der Aufnahme von verunreinigtem Wasser in den Menschen. Im Dünndarm werden die Larven freigesetzt, können durch den Körper wandern und sich dort paaren. Das befruchtete Weibchen wächst enorm und kann eine Länge von einem Meter erreichen. Es nistet sich in den unteren Extremitäten in der Muskulatur ein und verursacht dort ein Geschwür. Die als Dracontiasis bezeichnete Erkrankung ist ausgesprochen selten geworden. Während in der Mitte der 1980er-Jahre noch etwa 3,5 Millionen Erkrankungen verzeichnet wurden, befindet sich der Guineawurm derzeit laut WHO-Angaben am Rande der Ausrottung. So traten im Jahr 2013 nur noch 148 Fälle weltweit auf.

 

Deutlich größer ist die Krankheitslast durch Infektionen mit Giardia intestinalis (synonym lamblia oder duodenalis). Die Protozoen befallen den Dünndarm des Menschen und verursachen starke Durchfälle, Blähungen und selten auch Fieber. Bei schweren Verläufen kann es zur Mangelernährung kommen. Rund 200 Millionen Menschen erkranken jedes Jahr weltweit an der Lamblienruhr, besonders in Entwicklungsländern stellt sie ein ernstes Gesundheitsproblem dar.

 

Auch der Einzeller Entamoeba histolytica, der Erreger der Amöbenruhr, ist weltweit verbreitet und vor allem in Regionen mit unzureichenden hygienischen Verhältnissen anzutreffen. Die Erkrankung ist durch geleeartige Durchfälle und Unterleibschmerzen gekennzeichnet, Bauchfellentzündungen und Leberabszesse können hinzukommen. In schweren Fällen kann die Erkrankung über eine starke Exsikkose zum Tod führen. Man geht von bis zu 100 000 Todesfällen pro Jahr aufgrund von Entamoeba histolytica aus.

 

Weit verbreitete Egel

 

Von großer Bedeutung ist auch die durch Pärchenegel der Gattung Schistosoma ausgelöste Schistosomiasis (Bilharziose). Sie gehört mit etwa 200 Mil­lionen Infizierten weltweit zu den am meisten verbreiteten tropischen Krankheiten und gilt laut WHO als unter gesundheitspolitischen Gesichtspunkten zweitwichtigste Parasitenerkrankung nach Malaria. Freischwimmende Egellarven können bei Kontakt mit kontaminiertem Süßwasser beim Schwimmen oder Waschen die menschliche Haut durchdringen. In einem ersten Stadium der Erkrankung verursachen die Larven Juckreiz, auch Zerkarien- Dermatitis genannt. Später entwickeln sich die Larven zu adulten Tieren, die sich paaren. Anschließend geben die Weibchen eine Vielzahl von Eiern in den Blutstrom ab. Auf diese Weise gelangen die Eier in verschiedene Gewebe, wo sie Entzündungsreaktionen auslösen, die das lebensgefährliche Krankheitsbild der Schistosomiasis mit hohem Fieber, Schüttelfrost und Kopfschmerzen bedingen.

 

Chemische Schadstoffe

 

Nicht nur biologische Verunreinigungen im Trinkwasser, sondern auch chemische Kontaminationen natürlichen oder menschlichen Ursprungs wie Pestizide aus der Landwirtschaft oder Chemikalien aus der Industrie gefährden die Gesundheit von Menschen. So können zum Beispiel erhöhte Konzentrationen von Arsen, Blei oder Fluorid auf Dauer Krankheiten verursachen.

Zu einer Arsenikosis kann es kommen, wenn über einen Zeitraum von mehreren Jahren große Mengen Arsen mit dem Trinkwasser aufgenommen werden, informiert die WHO. Charakteristische Symptome sind Verfärbungen und Verhärtungen der Haut vor allem auf den Handinnenflächen und Fußsohlen, zudem können Tumoren der Haut, Niere, Gallenblase oder Lunge entstehen. Es sind auch Schädigungen der Blutgefäße als Folge einer erhöhten Arsenaufnahme beschrieben. Arsen kommt in geringen Mengen in allen Gewässern vor. Zu erhöhten Konzen­trationen kann es durch natürliche Einträge, aber auch durch industrielle Prozesse etwa beim Bergbau, in der Holz- oder Metallverarbeitung kommen.

 

Selten können auch Bleivergiftungen durch belastetes Trinkwasser entstehen. Meist geht eine erhöhte Aufnahme aber nicht auf Wasser, sondern auf verunreinigte Luft zurück. Das aufgenommene Blei kann verschiedene Organe wie die Nieren, das Zentralnervensystem und die Geschlechtsorgane schädigen. Zudem können Bluthochdruck und Anämie entstehen.

 

Auch erhöhte Mengen von Fluorid können auf Dauer krank machen. Zuerst sind dentale Effekte in Form von Verfärbungen und Aufweichen des Zahnschmelzes zu erkennen. Im weiteren Verlauf kann es zu Schäden am Skelett kommen. Fluorid lagert sich bei chronisch erhöhter Zufuhr im Knochen ein und führt zu Versteifungen und Schmerzen in den Gelenken sowie zu einer Veränderung der Knochenstruktur. Hohe Fluoridkonzentrationen im Wasser sind in der Regel natürlichen Ursprungs. Etwa 25 Länder weltweit sind betroffen, vor allem in Nordafrika und im Nahen und Mittleren Osten. /

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