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Sabine Dittmar

Der Medikationsplan hat mich aufgeregt

16.08.2017  09:35 Uhr

Von Stephanie Schersch und Ev Tebroke, Berlin / Die Sozial­demokraten bleiben bei ihrem Nein zum Rx-Versandverbot, das hat SPD-Gesundheitsexpertin Sabine Dittmar im Interview mit der PZ noch einmal betont. Zugleich hob sie die Kompetenzen der Apotheker hervor und machte deutlich, wo diese künftig stärker zum Tragen kommen sollen.

PZ: Viele Apotheker sind nach dem vorläufigen Aus für das Rx-Versandverbot nicht gut auf die SPD zu sprechen. Können Sie das nachvollziehen?

 

Dittmar: In der Gänze kann ich das nicht nachvollziehen. Mit Blick auf die politischen Verhältnisse wäre es wichtig für die Apotheker, sich auch einmal mit anderen Lösungen auseinanderzusetzen oder diese zu debattieren. Ich habe durchaus Verständnis dafür, dass sich vor allem kleine Apotheken auf dem Land sorgen, wo häufig die ärztliche Versorgung wegbricht. Das Rx-­Versandverbot wird diese Problematik aber nicht lösen.

 

PZ: Warum sind Sie gegen ein Rx-Versandhandelsverbot?

 

Dittmar: Ich habe da vor allem die Leistungen der deutschen Versender im Blick, also Präsenzapotheken mit angegliedertem Versandhandel, die sich auf Spezialrezepturen oder Defekturen und besondere Versorgungsbedarfe spezialisiert haben. Da könnte es bei einem Rx-Versandverbot zu Versorgungsproblemen für die Patienten kommen.

 

PZ: Die Apotheker sagen, es gäbe keine Versorgungsprobleme. Präsenz­apotheken könnten das auffangen.

 

Dittmar: Das glaube ich nicht. Die ABDA hat ja bestätigt, dass das Netz an Apotheken mit Sterillaboren nicht so dicht ist, sodass mit Anfangsschwierigkeiten und Umstellungsproblemen zu rechnen ist. Und der Referentenentwurf von Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe zum Rx-Versandverbot sieht noch nicht einmal eine Übergangsfrist vor.

 

PZ: Auf dem Apothekertag 2016 hat sich die SPD noch eindeutig für den Erhalt der flächendeckenden Arzneimittelversorgung über Präsenzapotheken ausgesprochen. Die Befürwortung des Rx-Versandhandels nach dem EuGH-Urteil war dann ein Schwenk, über den sich viele gewundert haben.

 

Dittmar: Es gab keinen Schwenk. Dass der Versandhandel eine Vertriebsalternative für die Versicherten ist, die wir offenhalten wollen, war von Anfang an Konsens. Es gibt auch andere Mittel und Wege, die stationäre Apotheke zu stärken, zum Beispiel die Umsetzung des Leitbilds, das die Apotheker aufgestellt haben und demzufolge der Apotheker vor allem Pharmazeut und weniger Kaufmann ist. Daher ist mir wichtig, dass wir nun in unserem Wahlprogramm verankert haben, den Apotheker stärker in die Versorgungsstruktur einzubinden.

 

PZ: Statt eines Rx-Versandverbots möchte die SPD die Apotheken vor Ort gegen die Online-Konkurrenz auch durch bessere Vergütung von Dienstleistungen stärken. Union und Linke kritisieren, dass die Umsetzung einer neuen Preisverordnung zu lange dauert. In der Zeit gewinnen Kapitalgesellschaften wie Zur Rose viel Boden. Was halten Sie dagegen?

 

Dittmar: Knapp ein Jahr nach dem EuGH-Urteil sehe ich mit Blick auf den Marktanteil des Rx-Versandhandels bislang keine bedeutsame Veränderung. Vor dem Gesundheitsausschuss im Bundestag haben die Versender von einem angestrebten Umsatzzuwachs von 6 bis 7 Prozent für das gesamte Jahr gesprochen. Bezogen auf den Gesamtmarkt würde der Umsatzanteil der europäischen Versandapotheken demnach um 0,1 bis 0,2 Prozent steigen, bei einem Gesamtkuchen von 42 Milliarden Euro im Rx-Bereich. Grundsätzlich hätten wir schon vor einem halben Jahr anfangen können, als Konsequenz aus dem EuGH-Urteil über eine differenziertere Vergütung von Dienstleistungen in der Apotheke zu reden, wenn die Bereitschaft dazu da gewesen wäre.

 

PZ: Haben Sie denn bereits konkrete Vorschläge für eine Reform des Apothekenhonorars?

 

Dittmar: Heute gibt es die pauschale Vergütung von 8,35 Euro pro Packung. In Zukunft sollte man stärker differenzieren: Was ist eine logistische Aufgabe und was eine Dienstleistung? Dazu können neben der Beratung natürlich auch Aufgaben wie Blutzuckermessen, Impfpass-Check, Maßnahmen der Arzneimitteltherapiesicherheit und andere Präventionsleistungen gehören. Das muss man sich genau anschauen und gemeinsam Lösungen entwickeln. Wichtige Anhaltspunkte wird sicher die Studie des Bundeswirtschaftsministeriums zum Apothekenhonorar liefern, deren Ergebnisse im Herbst vorliegen sollen.

 

PZ: Sie kennen die Kampfansage von Zur Rose im Zuge des Börsengangs, den Markt aufmischen zu wollen. Glauben Sie nicht, dass man eine schnelle Lösung braucht, weil sonst die Präsenz­apotheken wichtige Marktanteile verlieren?

 

Dittmar: Ich bin sicher, dass wir die Zeit haben, eine differenzierte Honorargestaltung zu erarbeiten. Die Apotheker sollten sich jetzt mit dem Thema auseinandersetzen. Derzeit plädieren nur Union und Linkspartei für das Versandverbot. Deshalb ist die Chance recht gering, dass es kommen wird.

 

PZ: Im aktuellen Wahlprogramm widmet die SPD den Apothekern genau einen Satz. Sind Apotheker aus sozialdemokratischer Sicht tatsächlich so unwichtige Player im Gesundheitswesen?

 

Dittmar: Es geht nicht um die Anzahl der Worte, sondern darum, was drinsteht. Wir möchten die Kompetenz der Apotheker in die Versorgungsstrukturen stärker einbinden. Wenn das gelingt, ist das ein enormer Fortschritt. Mich hat in der zurückliegenden Legislaturperiode der Medikationsplan sehr aufgeregt. Wenn ich über Arzneimitteltherapie­sicherheit rede, muss ich das Wissen des Apothekers vor Ort in das Medikationsmanagement einbinden und ihn dafür auch honorieren. Ihn bei der Erstellung des Plans komplett außen vor zu lassen, war ein kapitaler Fehler.

 

PZ: Welche Konzepte schweben Ihnen vor, um die Arzneimittelversorgung in strukturschwachen Regionen auch künftig sicherzustellen?

 

Dittmar: Anstatt den Botendienst weiter zu verschärfen, wie im Referentenentwurf vorgesehen, müsste er sehr viel flexibler ausgestaltet werden, sodass Apotheken mehr Möglichkeiten bekommen, Patienten auf diesem Weg zu versorgen. Der Referentenentwurf sieht jedoch vor, dass der Botendienst nur in sehr eng gefassten Einzugsgebieten erlaubt sein soll und die Abgabe durch pharmazeutisches Personal erfolgen muss, falls zuvor kein persönlicher Kontakt in der Apotheke stattgefunden hat. Das ist aus meiner Sicht nicht praxistauglich. In einigen Fällen könnte durchaus eine telefonische Beratung ausreichen, sodass auch nicht-pharmazeutisches Personal ausliefern könnte.

 

PZ: Wie stehen Sie zur Mischpreis-Kalkulation?

 

Dittmar: Da muss der Gesetzgeber nachbessern, das ist meine persönliche Meinung. Wenn ein Medikament für eine Patientengruppe einen Zusatznutzen hat, soll der Hersteller dafür einen adäquaten Preis erhalten. Aber bei fehlendem Zusatznutzen sehe ich keinen Grund, ein teureres Medikament zu verordnen. Das geplante Arztinformationssystem sollte hier künftig helfen, damit der Mediziner Mischpreis-Medikamente nicht per se als unwirtschaftlich betrachtet, sondern eine Meldung erhält, für welche Indikation ein Zusatznutzen besteht, der die Verordnung des teureren Präparats rechtfertigt.

 

PZ: Im Zentrum sozialdemokratischer Gesundheitspolitik steht die Einführung einer Bürgerversicherung. Das wäre ein grundlegender Systemwechsel im Gesundheitswesen und ein regelrechtes Mammutprojekt, das vermutlich viel Zeit in Anspruch nimmt.

 

Dittmar: Die Bürgerversicherung kann man sicher nicht über Nacht einführen, aber der erste Schritt muss nun kommen: Zunächst sollen alle Personen, die erstmals eine Krankenversicherung abschließen wollen, automatisch in einem Bürgerversicherungstarif versichert werden. Das Gleiche gilt für alle bislang gesetzlich Versicherten und Beamte. Privat Versicherte können wählen, ob sie wechseln wollen. Grundsätzlich wird die SPD in keine Koalition einsteigen, die keine Parität der Beitragsfinanzierung vorsieht. Sehr wichtig ist uns zudem die Einführung einer einheitlichen Gebührenordnung für Ärzte.

 

PZ: Welche gesundheitspolitische Bilanz ziehen Sie nach vier Jahren Großer Koalition?

 

Dittmar: Wir haben einiges auf die Beine gestellt, zum Beispiel die große Pflegegesetzgebung. Die Sozialdemokraten haben viel anstoßen können: Hospiz- und Palliativgesetz, Präventionsgesetz. Bei einigen Punkten ist man allerdings leider auf halber Strecke stehen geblieben. Im Präventionsgesetz hätte ich zum Beispiel die Verhältnisprävention gerne stärker in den Fokus gerückt. Insgesamt hat sich am Ende gezeigt, wo die Grenzen einer Großen Koalition verlaufen. /

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