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Älterwerden

Nur mit Bodyguard

17.08.2016
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Von Jennifer Evans / Am 19. August wird die Internistin Marianne Koch 85 Jahre alt. Jungsein ist eine Entscheidung, davon ist sie überzeugt. In ihrem kürzlich erschienenen Buch »Körperintelligenz: Was Sie wissen sollten, um jung zu bleiben« zeigt Koch, wie sich Elan und Lebenslust bis ins hohe Alter bewahren lassen.

Wer jung bleiben will, muss seine Gesundheit schützen. Dafür braucht jeder nach Ansicht von Marianne Koch seinen (inneren) Bodyguard. Das sei einer, der aufpasst, dass nicht durch Achtlosigkeit Körper oder Geist etwas zustoße. Die meisten Menschen, so die Autorin, haben bereits Bekanntschaft mit ihrem Bodyguard gemacht. 

 

Er ist derjenige, der einen erinnert, bei Kälte eine Jacke zu tragen, einen zu ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen und zum Sport schickt und derjenige, der ein drittes Glas Wein für keine so gute Idee hält. »Er ist Ihr guter Geist, Ihr Instinkt, Ihr Gewissen und Ihre Vernunft«, schreibt Marianne Koch. Und so lästig dieser Leibwächter auch manchmal sein möge, wer auf ihn hört, habe gute Chancen, länger fit und jung zu bleiben.

 

Gerade in puncto Bewegung redet der Bodyguard vielen ins Gewissen. Dazu hat er auch allen Grund: feste Knochen, geschmeidige Gelenke und starke Muskeln tragen nämlich erheblich zur Jugend­lich­keit eines Menschen bei. Wer ein paar Tricks beherzigt, zahlt schon viel auf sein persönliches Konto der Jugendlichkeit ein.

 

Faulheit ist fatal

 

So bleiben die über 200 Knochen im Körper durch eine kalziumreiche Ernährung mit vielen Milch- und Getreideprodukten, grünem Gemüse und Mineralwasser fest. Mindestens 1000 Milligramm Kalzium pro Tag sollte jeder zu sich nehmen, rät Koch. Zusätzlich beugen skelettbelastende Bewegungsarten Krankheiten wie Osteoporose vor. Durch die beim Laufen erzeugten Stöße wie etwa beim Joggen oder Wandern produziert der Knochen mehr stabilisierende Knochen­masse. Toller Nebeneffekt des regelmäßigen Trainings sind starke Muskeln. Sie sind nicht nur wichtig, um das Skelett zu unterstützen, sondern auch um die Gelenke in Position zu halten. Damit verhindern kräftige Muskeln, dass sich durch Fehlstellungen die Knorpelschicht der Gelenke zusätzlich abnutzt und Arthrose begünstigt. Koch empfiehlt für den Aufbau unserer über 600 Muskeln drei- bis viermal pro Woche einen flotten Spaziergang von rund vier Kilometern oder regelmäßige Bewegung auf dem Hometrainer beispielsweise beim Fernsehgucken.

 

Gute Beweglichkeit beflügelt aber nicht nur Gesundheit und Lebensgefühl. Nein, sie ist laut Koch auch der entscheidende Faktor dafür, wie jung ein Mensch auf andere wirkt. Demnach bleiben Figur, Gesicht, Haare und Kleidung nebensächlich. Allein Gang und Haltung sind ausschlaggebend für die Alterseinschätzung durch Fremde. »Beweglichkeit entsteht durch Koordination, also durch das perfekte Zusammenwirken von Knochen, Gelenken, gut durchbluteten und trainierten Muskeln und den Nerven, die Befehle aus dem Gehirn blitzschnell an die Muskeln übertragen«, sagt Koch. Diese Koordination müsse allerdings geübt werden.

 

Zellen kommunizieren

 

Körperliche Aktivität ist außerdem der stärkste Reiz für die Erhaltung der rund 100 Milliarden Nervenzellen. Denn Bewegung regt die Durchblutung an und steigert damit die Produktion der Gehirn-Botenstoffe, also die Fähigkeit der Zellen, miteinander zu kommunizieren. Dieser Mechanismus ist laut Koch die wichtigste Voraussetzung für ein funktionierendes Gedächtnis. Vergesslichkeit, Nachlassen von Konzentration und Lernfähigkeit seien aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge keine unausweichlichen Begleiterscheinungen des Alters, sondern hätten andere Ursachen wie etwa schlechte Durchblutung, erklärt Koch. Die Leistungs­fähigkeit des rund anderthalb Kilo schweren Gehirns in Schwung zu halten, sind einfach in den Alltag zu integrieren. Zum Beispiel unzusammenhängende Begriffe eine Minute lang anschauen und sie nach einiger Zeit auswendig wiederholen. Oder einfach mal Kopfrechnen üben. Ein gutes Training ist auch, flüchtige Alltagsgedanken mithilfe eines Stichworts zu notieren – entweder im Kopf oder auf dem Papier. Sich später anhand des Stichworts zu erinnern, fordert das Gehirn. Wer Informationen langfristig abspeichern will, muss seine Konzentration trainieren. Je mehr ungestörte Aufmerksamkeit einer Sache gewidmet werde, desto schneller gelange sie ins Langzeitgedächtnis, so Koch. Seien die Informationen zusätzlich mit Gegenständen verbunden, prägten sie sich noch leichter ein. /

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PZ: Sie malen das schöne Bild vom inneren Bodyguard. In welchen Situationen warnt er Sie im Alltag?

 

Marianne Koch: Wenn ich verschwitzt vom weiten Spaziergang nach Hause komme, sagt er: Zieh’ dich um! Wenn ich einen schweren Einkaufskorb ins Auto heben will, sagt er: Geh’ beim Hochheben in die Knie! Nimm gefälligst beide Hände dazu! Wenn ich beim Bergwandern ins Schnaufen komme, sagt er: Siehst du, ein bisschen mehr Training würde dir nicht schaden! Wenn ich neue Menschen kennenlerne, sagt er entweder: Prima Typ! Oder: Mit dem wäre ich eher vorsichtig.

 

PZ: Der Körper ist intelligent, er redet mit uns: Kann man es erlernen, unspezifische Signale im Lauf der Zeit besser zu deuten? Wenn ja, wie? Und wo sind die Grenzen?

 

Koch: Es ist bekannt, dass Frauen ein viel besseres Körpergefühl haben als die meisten Männer. Schließlich haben sie durch den monatlichen Zyklus und womöglich Schwangerschaften und Geburten gelernt, auch feinste Regungen ihres Körpers zu registrieren und zu deuten. Sie sind dann auch viel eher dazu bereit, ihren Körper zu beobachten und sich bei Unregelmäßigkeiten an ihre Ärzte zu wenden. Männer sind darin schwierig. Wenn es nicht gerade um die sexuelle Fitness geht, versuchen sie leider oft, Symptome möglichst lange zu ignorieren. Das andere Extrem sind natürlich Hypochonder, die jede, aber auch wirklich jede Körperregung ängstlich wahrnehmen und hinterfragen.

 

PZ: Wie trainieren Sie selbst Ihr Gehirn?

 

Koch: Ich denke, es trainiert sich von selbst. Ich mache jede Woche eine einstündige Live-Sendung im Bayerischen Rundfunk (Bayern2Radio: »Gesundheitsgespräch«, samstags von 12 bis 13 Uhr), über jeweils ein anderes medizinisches Thema. Das bedeutet, dass ich sehr viel recherchiere, um auf dem neuesten Stand der Forschung zu sein. Außerdem schreibe ich gerade ein neues Buch über Vorsorge und lerne dabei unglaublich viel – wie jeder, der etwas vermitteln will.

 

PZ: Welche Ziele haben Sie sich für Körper und Geist zuletzt gesetzt? Haben Sie in den vergangenen Jahren ein neues Hobby angefangen?

 

Koch: Ziele? Habe ich keine. Ich genieße es, dank offensichtlich guter Gene, vernünftiger Ernährung und vieler Spaziergänge mit unserem Hund Bessie, ein Welsh Corgie, noch ganz schön fit zu sein, körperlich und geistig. Und ich freue mich daran, viel Musik, Literatur und Fußballspiele zu erleben. Mal schauen, ob ich es schaffe, gesund, gelassen und vor allem rechtzeitig zu sterben.

 

PZ: Welche der beschriebenen Beauty-Tipps setzten Sie selbst um?

 

Koch: Was ich da erwähne, sind ja »persönliche«, also Tipps, die ich selbst befolge. Das gilt auch für die Anregung, ein schönes, weiches Licht im Badezimmer zu installieren, weil man dann eher positiv in den Tag startet, als wenn man bei grausamem Licht in den Spiegel schaut. Aber Ratschläge wie Heiß-Kalt-Duschen, Gesicht am Abend gründlich reinigen, Haare häufig waschen sind eigentlich inzwischen bekannt. Dazu kommt noch ein für mich wichtiger Rat: Einen weiten Bogen um alle Schönheits­chirurgen zu machen. Aber das muss jeder selbstverständlich für sich selbst entscheiden.

 

PZ: Verraten Sie mir das schönste Kompliment, das Sie bekommen haben, seit Sie über 80 sind?

 

Koch: »Das ist vielleicht die beste Lammkeule, die ich je gegessen habe. Und dazu diese wunderbaren grünen Bohnen … Du bist eine tolle Köchin!«

 

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