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Krebs

Neue Kriterien für neue Wirkstoffe

16.08.2016  15:49 Uhr

Von Annette Mende / Daran, wie schnell ein Krebsgeschwür unter einer Antitumorbehandlung schrumpft, lässt sich die Wirksamkeit klassischer Krebsmedikamente gut beurteilen. Den neuen, zielgerichteten Wirkstoffen wird dieses Kriterium aber nicht immer gerecht.

Um zu beurteilen, ob die Tumorlast im Zuge einer Therapie sinkt, werden Krebsgeschwüre per Computertomografie und Magnetresonanztomografie vermessen. Die zugrundeliegenden Kriterien heißen RECIST, Response Evaluation Criteria in solid Tumors. Sie legen fest, wann ein komplettes oder partielles Ansprechen vorliegt beziehungsweise eine stabile oder fortschreitende Erkrankung. Für zytotoxische Chemotherapeutika und die Radiotherapie sind die RECIST-Kriterien gut geeignet.

 

Zytostatisch, nicht zytotoxisch

 

Das gilt jedoch nicht für Signaltransduktions-Inhibitoren (STI), die unter anderem bestimmte Tyrosinkinasen, Signalwege oder Wachstumsfaktoren hemmen, so Professor Dr. Natalie Serkova und Professor Dr. Gail Eckhardt von der University of Colorado im Fachjournal »Frontiers in Oncology« (DOI: 10.3389/fonc.2016.00152). STI führen nicht direkt zum Tumorzelltod, wirken aber zytostatisch, etwa indem sie den Glucosemetabolismus zum Erliegen bringen. Dieser Effekt tritt meist rasch nach Therapiestart ein.

 

Wie viel Glucose in einem Gewebe verbraucht wird, lässt sich mittels Positronenemissionstomografie (PET) unter Einsatz radioaktiv markierter 18F-Fluoro-Deoxyglucose messen. Dieses Verfahren eignet sich aus Sicht der Autoren besser als RECIST, um früh im Therapieverlauf das Ansprechen auf einen STI zu beurteilen.

 

Ein anderer metabolischer Aspekt ist der Phospholipid-Bedarf. Er ist bei Tumor­zellen aufgrund der rasanten Teilungs­rate erhöht, weil Phospholipide für den Aufbau von Zellmembranen benötigt werden. Der Phospholipid-Bedarf lässt sich mittels PET ermitteln, wenn als Marker eine radioaktiv markierte Variante des Phospholipid-Ausgangsstoffs Cholin eingesetzt wird. Serkova und Eckhardt schlagen diese Methode zur frühen Wirksamkeits-Beurteilung unter anderem von Hemmstoffen des Ras/Raf/MEK/MAPK-Signalwegs vor, da diese den Glucosestoffwechsel von Tumorzellen kaum, dafür den Phospholipid-Bedarf aber beträchtlich beeinflussen.

 

Auch für die neue Klasse der Tumor-Immuntherapeutika brauche es dringend besser geeignete Kriterien als RECIST. Die Autorinnen zitieren eine kürzlich im »Journal of Clinical Onco­logy« erschienene Studie (DOI: 10.1200/JCO.2015.64.0391). Demnach führt das Anlegen der RECIST-Kriterien bei Therapien mit dem Checkpoint-Inhibitor Pembrolizumab in bis zu 15 Prozent der Fälle dazu, dass das Medikament wegen vermeintlicher Unwirksamkeit abgesetzt wird, obwohl der Patient eigentlich darauf anspricht.

 

Unter- und Übergebrauch vermeiden

 

»Unter der Therapie mit PD1- und PDL1-Checkpoint-Inhibitoren kann eine erfolgreiche Immunantwort gegen den Tumor zu einer Entzündung führen, die anfangs eine Volumenzunahme des Tumors vortäuscht«, erklärt Serkova in einer begleitenden Pressemitteilung. Sie und ihre Mitautorin sehen die Gefahr, dass Patienten erfolgversprechende Therapien vorenthalten werden, wenn ausschließlich die RECIST-Kriterien herangezogen werden. Das gelte es ebenso zu vermeiden wie den umgekehrten Fall, nämlich den Einsatz der sehr teuren Wirkstoffe bei Patienten, die nicht darauf ansprechen. /

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