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Tropenkrankheiten

Dreifachschlag gegen Parasiten

16.08.2016
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Von Sven Siebenand / US-amerikanische Wissenschaftler haben einen Wirkstoff entdeckt, der in präklinischen Studien gegen drei vernachlässigte Tropenkrankheiten wirksam war: die Leishmaniose, die Chagas-Krankheit und die oft als afrikanische Schlafkrankheit bezeichnete Trypanosomiasis.

Die Chagas-Krankheit wird durch eine Infektion mit Trypanosoma cruzi hervorgerufen, die afrikanische Schlafkrankheit durch Trypanosoma brucei und die Leishmaniose durch Erreger der Gattung Leishmania. Alle drei Parasiten gehören zu einer bestimmten Klasse geißeltragender einzelliger Organismen, den sogenannten Kinetoplastea. Diese besitzen in der Nähe der Geißel ein einziges großes Mitochondrium, den namensgebenden Kinetoplast.

 

Müllabfuhr wird lahmgelegt

 

Das Forscherteam um Dr. Frantisek Supek vom Genomics Institute of the Novartis Research Foundation in San Diego suchte sich einen Angriffspunkt aus, der bei allen drei Erregern identisch ist: das Proteasom. Dieser Enzymkomplex baut nicht benötigte oder falsch gefaltete Proteine ab. Bei der Analyse von etwa drei Millionen Substanzen stießen die Forscher auf eine mit der Bezeichnung GNF6702, die das Proteasom hemmt – ähnlich wie das beim Multiplen Myelom eingesetzte Bortezomib. GNF6702 legt sozusagen die Müllabfuhr lahm, was schließlich zum Tod der Parasiten führt. Anders als zum Beispiel Bortezomib wirkt sich den Forschern zufolge GNF6702 nicht auf das humane Proteasom aus. Das zeigten In-vitro-Untersuchungen, wie sie in »Nature« berichten (DOI: 10.1038/ nature19339).

 

In Tierversuchen infizierten die Wissenschaftler Mäuse mit Leishmaniose-Erregern und behandelten sie danach mit GNF6702 oder dem häufig eingesetzten Miltefosin. Dabei zeigte sich, dass die Prüfsubstanz sowohl im Falle der viszeralen als auch der kutanen Leishmaniose besser abschnitt als Miltefosin. Ähnlich positiv waren die Erfahrungen mit GNF6702 bei Mäusen, die mit dem Erreger der Chagas-Krankheit infiziert worden waren. Die neue Substanz schnitt genauso gut ab wie das häufig eingesetzte Benznidazol, das oft Nebenwirkungen verursacht, die zum Therapieabbruch führen. Zudem überzeugte GNF6702 in den präklinischen Tierversuchen auch bei der afrikanischen Trypanosomiasis. Wenn sich die Parasiten im fortgeschrittenen Stadium dieser Erkrankung im Gehirn ausgebreitet haben, besteht Lebens­gefahr. Bei Mäusen in dieser meningo­enzephalitischen Phase bewirkte der bei Tieren eingesetzte Wirkstoff Diminazen nicht, dass die Parasiten aus dem Gehirn verschwanden, eine siebentägige Behandlung mit GNF6702 dagegen schon.

 

Im nächsten Schritt wird die neue Substanz nun in toxikologischen Tests bei Tieren untersucht. Erst wenn diese positiv verlaufen, kann an klinische Studien gedacht werden. Am Ende von diesen könnte dann ein neuer Wirkstoff zur Behandlung der drei Tropenerkrankungen stehen, die allesamt noch nicht ausreichend gut therapierbar sind.

 

Tödliche Parasitosen

 

An Leishmaniose, Chagas-Krankheit und Trypanosomiasis erkranken jährlich 20 Millionen Menschen auf der Welt, 50 000 sterben daran. Die Erreger der Leishmaniose werden mit dem Stich der Sand- oder Schmetterlingsmücke übertragen. Die kutane Leishmaniose, auch Orientbeule genannt, befällt ausschließlich die Haut und verursacht Geschwüre, die oft von alleine abheilen. Die mukokutane Leishmaniose betrifft Haut und Schleimhaut. Die schwerste Form ist die viszerale Leishmaniose. Hier befällt der Parasit innere Organe wie Leber und Milz und es besteht, vor allem ohne Behandlung, Lebensgefahr. Antimon-Präparate, Amphotericin B und Miltefosin gehören zu den häufig eingesetzten Medikamenten.

 

Der Erreger der Chagas-Krankheit wird vor allem durch die Bisse von Raubwanzen übertragen. Viele Infizierte haben lebenslang kaum Symptome und wissen zum Teil gar nichts von der Infektion. Bei anderen verläuft die Krankheit in Stadien. In der akuten Phase haben viele Betroffene Fieber, Luftnot und Bauchschmerzen, in der anschließenden Latenz­zeit sind sie beschwerdefrei und beim chronischen Verlauf kommt es zu Symptomen am Herzen oder im Magen-Darm-Trakt. In der akuten Phase kommen vor allem Benznidazol und Nifurtimox zum Einsatz. Je früher eine Therapie beginnt, desto günstiger. Kommt es zu Komplikationen und ist das Herz bereits stark in Mitleidenschaft gezogen, endet die Chagas-Krankheit in vielen Fällen tödlich.

 

Die Erreger der afrikanischen Schlafkrankheit (Trypanosomiasis) werden durch die tagaktiven Tsetsefliegen auf den Menschen übertragen. Man unterscheidet die west- und die ostafrikanische Form. Erreger und Krankheitsverlauf differieren dabei. Nach der Infektion breiten sich die Para­siten im Körper aus und lösen schwere Entzündungen aus. Im Frühstadium haben die Infizierten oft Fieber, wenn sich die Erreger ins zentrale Nervensystem ausgebreitet haben, kommt es zu schwerer neurologischer Symptomatik, auch die namensgebenden Schlafanfälle sind typisch. Ohne Therapie endet die Schlafkrankheit tödlich. Als Medikamente kommen je nach Form im frühen Stadium Suramin oder Pentamidin zum Einsatz, später dann zum Beispiel Melarsoprol, Eflornithin oder Nifurtimox. /

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