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Venöse Ulzera

Hautzellen per Spray

14.08.2012  17:52 Uhr

Von Ulrike Viegener / Selbst unter optimaler Therapie ist die Heilungstendenz von venösen Beingeschwüren schlecht. Höhere Heilungsraten verspricht ein neues Spray mit Keratinozyten und Fibroblasten. Getestet wurde es in einer Phase-II-Studie, deren Ergebnisse im Fachjournal »The Lancet« veröffentlicht wurden.

Das Ulkus cruris venosum ist nach wie vor ein therapeutischer Problemfall. Trotz verschiedener Behandlungsoptionen sind die Heilerfolge nicht zufriedenstellend. So leiden 30 bis 70 Prozent der Patienten auch unter optimaler Kompressionsbehandlung nach drei Monaten unter »offenen Beinen«. Hoffnung machen die jetzt vorgelegten Studienergebnisse zur Wirksamkeit eines Hautzellen-Sprays: In 70 Prozent der Fälle heilten die chronischen Ulzera bei optimaler Dosierung des Sprays innerhalb von zwölf Wochen ab (doi:10.1016/S0140-6736(12)60644-8).

Welche Art Zellen enthält das Spray? Es handelt sich um ein Zweikomponenten-System, das allogene, lebende menschliche Keratinozyten und Fibroblasten enthält. Im ersten Schritt wird Fibrinogen auf die Wunde aufgebracht. Anschließend werden die Hautzellen aufgesprüht. Die neue Applikationsform optimiert die Therapie venöser Ulzera mit allogenen Keratinozyten. Dass deren Transplantation in der Lage ist, die Abheilung venöser Ulzera zu verbessern, ist bereits länger bekannt. Die Keratinozyten setzen Wachstumsfaktoren und Zytokine frei und stimulieren so die körpereigene Wundheilung. Später sterben die fremden Zellen ab.

 

Bei 70 Prozent vollständiger Wundverschluss

 

An der doppelblinden, randomisierten, placebokontrollierten Phase-II-Studie nahmen 228 Patienten teil. Sie litten an mindestens einem venösen Beingeschwür auf dem Boden einer per Doppler dokumentierten venösen Insuffzienz. Die Ulzera waren 2 bis 12 cm2 groß und persistierten trotz Kompressionstherapie sechs bis 104 Wochen. Die Patienten wurden fünf verschiedenen Studienarmen zugeteilt: Es wurden zwei verschiedene Dosierungen der Hautzellen (0,5 x 106 und 5 x 106/ml) getestet, die jeweils in unterschiedlicher Frequenz appliziert wurden. Die fünfte Gruppe war die Placebogruppe, die allein mit der Fibrinogenkomponente des Sprays behandelt wurde. In allen Gruppen wurde die Kompressionstherapie parallel fortgeführt.

 

Primärer Endpunkt der Studie war die Reduktion der Wundfläche nach zwölf Wochen. Zudem wurden die Heilungsraten bestimmt. Am effektivsten erwies sich die Applikation einer Dosis von 500 000 Zellen pro Milliliter alle 14 Tage. Im Vergleich zur Kontrollgruppe nahm die Wundfläche im Mittel um 16 Prozent mehr ab. Auch ein vollständiger Wundverschluss wurde in diesem Therapiearm am häufigsten erreicht: Nach zwölf Wochen betrug die Heilungsrate 70 versus 46 Prozent in der Placebogruppe. Unerwünschte Hautreaktionen wie Cellulitis traten in allen Gruppen etwa gleich häufig auf.

 

Option vor allem für schwere Fälle

 

Im Editorial des »Lancet« wird die Studie kommentiert. Es ist herauszulesen, dass das neue Hautzellen-Spray vermutlich nicht ganz kostengünstig werden wird, falls es Marktreife erlangt. Dagegen stehen die sehr hohen Behandlungskosten, die chronische venöse Ulzera verursachen. Unterm Strich könnte sich die Anwendung des Sprays daher – auch finanziell – rechnen. Eine potenzielle Indikation wird vor allem bei schweren Verläufen gesehen, die sich mit herkömmlichen Therapien nicht beherrschen lassen. /

Ulkus cruris

Fußgeschwüre und Beingeschwüre (Ulkus cruris) sind schlecht heilende (chronische), tiefe Wunden an Unterschenkeln und Füßen. Umgangssprachlich werden sie oft als »offene Beine« bezeichnet. In der Mehrzahl der Fälle liegen ihnen Störungen im venösen Blutkreislauf (chronisch-venöse Insuffizienz) zugrunde (venöses Ulcus cruris). Seltener sind sie durch Verengungen der Beinarterien bedingt (arterielles Ulkus cruris). Gehäuft treten Ulzera cruris auch beim Diabetes mellitus auf.

 

In Deutschland erkranken schätzungsweise 15 bis 30 von 100 000 Menschen im Jahr an einem Ulkus cruris, Tendenz steigend. Das Erkrankungsrisiko nimmt mit dem Lebensalter zu. Frauen und Männer sind etwa gleich häufig betroffen.

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