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Vorteil 24

Linda will die ganze Nation beglücken

16.08.2011
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Von Daniel Rücker / Seit rund sieben Jahren gibt es Abholstellen für Arzneimittel in Drogerien. Die Vorbehalte dagegen – juristische wie pharmazeutische – sind groß. Das hält die Apothekenkooperation Linda nicht davon ab, die eigene Spielart nun großflächig in den Koopertionsapotheken einzuführen.

Linda will das umstrittene Pick-up-Konzept »Vorteil 24« im Herbst all ihren Mitgliedern anbieten. Die bisherige Testphase mit 30 Apotheken habe bei Kunden und Apothekern »zu ausgezeichneten Ergebnissen geführt«, heißt es in einer Stellungnahme von Linda. Die Kunden schätzten die günstigeren Preise. Die Linda-Apotheker sähen in dem Pick-up-Konzept ein effektives Wettbewerbsinstrument. Weil die Arzneimittel aus den Niederlanden geliefert werden, fühlen sich die »Vorteil 24-Apotheker nicht mehr an die Arzneimittelpreisverordnung gebunden. Juristisch ist dies allerdings sehr umstritten. Derzeit muss der Gemeinsame Senat der Obersten Gerichtshöfe in einem anderen Fall klären, ob die Arzneimittelpreisverordnung auch für niederländische Apotheken gilt.

Zu dieser Einschätzung kam im vergangenen Jahr das Landgericht München. Es verbot einer Apothekerin, Medikamente unter Umgehung der Preisverordnung abzugeben. Die Apothekerin hatten die Präparate von einer ungarischen Apotheke bezogen.

 

Die ersten Medikamentenabholstellen entstanden 2004 in Filialen der Drogeriemarktkette dm in Kooperation mitder niederländischen Europapotheek. »Vorteil 24« basiert auf diesem Konzept und ist eine Idee der nordrheinischen Montanus-Apotheken, die von der Apothekerfamilie Winterfeld betrieben werden. Sie sieht vor, dass Kunden in den Apotheken Arzneimittel bestellen. Diese Bestellung wird an Winterfelds niederländischen Ableger Montanus-Apotheke B.V. weitergeleitet. Diese schickt die Ware in die Apotheke, in der sie der Kunde inklusive der bei niederländischen Apotheken üblichen Vergünstigungen in Empfang nehmen kann. Ursprünglich hatten die Winterfelds dieses Konzept für ihre Apotheken entwickelt.

 

Umstrittenes Modell

 

Das Pick-up-Modell der Winterfelds ist heftig umstritten. Viele Apotheker halten es für fatal, dass ausgerechnet Apotheken nun ein Geschäftsmodell übernehmen, das es Drogerien ermöglicht hat, rezept- und apothekenpflichtige Arzneimittel möglichst billig zu verkaufen. Apotheker, die solche Abholstellen in ihrer Apotheke einrichten, argumentieren, sich so gegen die Konkurrenz der Drogeriemärkte wehren zu können.

Der Streit um Pick-up-Stellen wird aber in erster Linie juristisch geführt. Und hier gibt es einigen Gegenwind für »Vorteil 24«. So liegt beim Verwaltungsgericht Aachen eine vom Kreis Euskirchen erwirkte Ordnungsverfügung gegen einen Apotheker, der eine Pick-up-Stelle in seiner Apotheke eingerichtet hat. Die Entscheidung ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Womöglich wird sich der Rechtstreit auch noch eine ganze Weile hinziehen. Dem ging die Einschätzung des nordrhein-westfälischen Gesundheitsministers voraus, »Vorteil-24« sei ein in Apotheken nicht erlaubtes Shop-in-Shop-Konzept. Verbunden war dies mit der Anweisung an die Amtsapotheker, gegen Vorteil 24-Apotheken vorzugehen.

 

Außerdem beschäftigen sich in Nordrhein-Westfalen Finanzgericht und Finanzdirektion damit, ob bei dem Geschäftsmodell Mehrwertsteuer in Deutschland zu zahlen ist.

 

Die nordrheinischen Apotheker haben mehrheitlich wenig Verständnis für Pick-up in Apotheken. Im vergangenen Jahr verabschiedeten die Delegierten der Apothekerkammer Nordrhein eine Resolution, dieses Konzept grundsätzlich aus Apotheken zu verbannen. Wer in »Vorteil 24« investiert, muss deshalb mit einigen finanziellen Nachteilen rechnen, wenn das Konzept am Ende der juristischen Prüfung nicht standhält. /

Kommentar

Gefährliches Spiel

Nur auf den ersten Blick erscheint es logisch: Wenn Drogeriemärkte Pick-up-Stellen einrichten, dann müssen Apotheker sich dieser Konkurrenz erwehren und dasselbe tun.

 

Es ist aber mehr als fraglich, ob diese Strategie aufgeht. Zum einen gibt es große rechtliche Bedenken dagegen, Arzneimittel aus einer ausländischen Apotheke zu Preisen anzubieten, die von der Preisverordnung abweichen. Zum anderen ist Pick-up ein Konzept von Discountern. Beratung und Sicherheit bedeuten weniger als der Preis. Pick up ist genau das Gegenteil dessen, was Apotheken stark macht. Deshalb treibt Linda hier ein gefährliches Spiel. Gibt es in vielen Apotheken Pick-up-Stellen, dann sinkt die Chance sie abzuschaffen auf null. Pick-up-Apotheken selbst machen das Konzept erst salonfähig. Danken werden es die Kunden den Apothekern sicher nicht. Wer Pick up möchte, der geht gleich dorthin, wo das Original erfunden wurde: in den Drogeriemarkt.

 

Daniel Rücker

Chefredakteur

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