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Doping

Arzneimittelmissbrauch der besonderen Art

07.08.2008
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Doping

Arzneimittelmissbrauch der besonderen Art

Von Fabian Krauth und Andrea Sinz

 

Die Olympischen Spiele haben begonnen – ebenfalls in den Startlöchern stehen die Dopingfahnder. Doch Doping ist nicht nur unter Profisportlern beliebt. Auch im Freizeitsport werden Tabletten und Spritzen zur fragwürdigen Leistungssteigerung missbraucht. Schwere Nebenwirkungen inklusive.

 

Während Doping vermutlich so alt ist wie die Menschheitsgeschichte selbst, kann von einer offiziellen Bekämpfung dieses leistungssteigernden Missbrauchs erst seit den späten 1960er-Jahren gesprochen werden. Auslöser waren zwei spektakuläre Todesfälle im Profiradsport. Der Däne Knut E. Jensen kollabierte beim Mannschaftszeitfahren der Olympischen Sommerspiele 1960 in Rom und starb kurze Zeit später im Krankenhaus. Diagnose: Amphetamin-Abusus. 1967 erwischte es den englischen Ausnahmeradsportler Tom Simpson bei einer Bergetappe der Tour de France. Bei 40 Grad im Schatten erlitt der völlig dehydrierte Simpson einen Kreislaufzusammenbruch und verstarb vor laufenden Kameras noch auf der Strecke. Die Autopsie ergab auch in diesem Fall einen Amphetamin-Missbrauch als Ursache.

 

Als Reaktion auf diese erschütternden Ereignisse wurden 1968 die ersten Dopingkontrollen der Neuzeit in Form einfacher dünnschichtchromatografischer Methoden bei den Olympischen Spielen in Grenoble (keine positiven Dopingtests) und Mexiko (ein Fall von Alkoholmissbrauch) durchgeführt. Bei den Olympischen Sommerspielen 1972 in München wurde unter der Leitung von Manfred Donike, Deutschlands bekanntestem Dopingfahnder, erstmals die Kombination aus Gaschromatografie und Elektronenstoß-Massenspektrometrie (GC/EI-MS) als analytische Methode erfolgreich eingesetzt. Von ungefähr 2000 überprüften Sportlern wurden bei sieben positive Dopingbefunde festgestellt. Die nachgewiesenen Substanzen waren Amphetamin, Ephedrin, Nicethamid und Phenmetrazin (1, 2).

 

1984 wurde erstmals sowohl auf synthetische anabole Steroide als auch auf das körpereigene steroide Sexualhormon Testosteron geprüft (siehe Kasten). 1988 ging den Dopingfahndern in Seoul bei den Olympischen Sommerspielen der kanadische 100-m-Sprintstar Ben Johnson ins Netz. In der obligatorischen Urinprobe konnten eindeutig Spuren des anabolen Steroids Stanozolol nachgewiesen werden. Johnson verlor seine Goldmedaille und wurde für zwei Jahre gesperrt (3, 4).

 

Zum ersten deutsch-deutschen Sportskandal kam es 1992. Die Sprinterin und mehrfache Goldmedaillengewinnerin Kathrin Krabbe geriet mit ihren Mannschaftskameradinnen und ihrem Trainer Thomas Springstein ins Fadenkreuz der Kölner Dopingfahnder. Den Ermittlern gelang es, das anabol wirksame β2-Sympathomimetikum Clenbuterol im Urin der Sportlerinnen nachzuweisen. Krabbe wurde vom Internationalen Leichtathletikverband mit mehreren Jahren Sperre belegt (4).

Anabolika

Die größte Gruppe der Anabolika umfasst die anabol-androgenen Steroidhormone, kurz AAS, welche sich vom männlichen Sexualhormon Testosteron ableiten. Dieses stimuliert die Muskelbildung durch eine Steigerung der Proteinbiosynthese. Daneben treten die typischen androgenen »Nebenwirkungen« auf, wie sie besonders bei pubertierenden Knaben zu beobachten sind: Erhöhte Talgdrüsenaktivität (»Steroidakne«), Vertiefung der Stimme, zunehmende Körperbehaarung und gesteigerte Libido. Häufig kommt es auch durch den exzessiven Anabolika-Abusus infolge einer Natrium-Retention zu Ödemen im Gewebe und zur Gynäkomastie durch die Umwandlung überschüssigen Testosterons zu Estrogen. Gelegentlich beobachtet man auch eine gesteigerte Aggressivität und Gewaltbereitschaft (»roid rage«). Bei Sportlerinnen kann AAS-Abusus zu irreversiblen Virilisierungserscheinungen bis hin zu Hermaphroditismus führen. Ein Missbrauch anaboler Steroide im Kindes- beziehungsweise Jugendalter kann das Längenwachstum durch vorzeitigen Verschluss der Epiphysenfugen negativ beeinflussen.

 

Zahlreiche Derivate von Testosteron wurden über die Jahre in der Hoffnung synthetisiert, Wirkstoffe mit vorwiegend anaboler und geringer bis keiner androgenen Wirkung zu erhalten. Dieses Ziel konnte bis heute nicht zufriedenstellend erreicht werden. In Position 17 methylierte Verbindungen wie Metandienon und Stanozolol wurden aufgrund beobachteter Leberzelltoxizität wieder vom Markt genommen, haben allerdings in der Dopingszene immer noch eine hohe Bedeutung (2, 5).

Das Fass zum Überlaufen brachte der Eklat 1998 bei der Tour de France. Bei einem Masseur des Radteams Festina wurden etliche Ampullen des Hormons Erythropoeitin (EPO) sichergestellt. Das vor allem in der Niere gebildete Hormon, das für die Erythropoeise im roten Knochenmark verantwortlich ist, war 1990 auf die Dopingverbotsliste gekommen, jedoch ohne, dass eine sensitive Nachweismethode existierte. Als Reaktion auf diese den Leistungssport diffamierenden Ereignisse wurde im darauffolgenden Jahr die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA) in Lausanne gegründet. Sie übernahm 2004 von der Medizinischen Kommission des IOC endgültig die Koordination der weltweiten Dopingbekämpfung in Zusammenarbeit mit (inter-)national agierenden Sportverbänden. Grundlage für die WADA-Definition für Doping ist die jährlich aktualisierte Liste verbotener Wirkstoffe und Methoden (siehe Kasten) (7).

 

Neue Substanzen schon in Sicht

 

Eine therapeutisch vielversprechende Wirkstoffklasse (mit hohem Missbrauchspotenzial, sowohl im Profi- als auch im Freizeitsport) stellen die selektiven Androgen-Rezeptor-Modulatoren (SARM) dar, die schon teilweise klinische Studien der Phase II hinter sich gebracht haben. Die strukturell sehr heterogene Substanzklasse beinhaltet zum Beispiel Arylpropionamide, Chinoline und bizyklisches Hydantoin. Für die Anwendung bei Muskelschwund und Osteoporose entwickelt, zeigen diese Substanzen verglichen mit Testosteron ausschließlich anabole Effekte auf Muskulatur und Knochen. Androgene Nebenwirkungen wie Alopezie, Ödembildung oder Prostatahyperplasie werden nicht beobachtet (8). SARM stellen somit eine Gruppe von Verbindungen dar, auf die viele manipulationsfreudige Leistungs- und Breitensportler schon lange gewartet haben dürften. In der WADA-Verbotsliste sind sie in die Gruppe »S1. Anabole Wirkstoffe« einzuordnen.

WADA-Verbotsliste 2008 (7)

Verbotene Substanzen (S) und Methoden (M) während und außerhalb des Wettkampfes

 

S1. Anabole Wirkstoffe

S2. Hormone und verwandte Wirkstoffe

S3. β2-Agonisten

S4. Hormon-Antagonisten und -Modulatoren

S5. Diuretika und andere Maskierungsmittel

M1. Erhöhung des Sauerstofftransportes

M2. Chemische und physikalische Manipulation

M3. Gendoping

 

Verbotene Substanzen (S) und Methoden (M) während des Wettkampfes

 

S1. Anabole Wirkstoffe

S2. Hormone und verwandte Wirkstoffe

S3. β2-Agonisten

S4. Hormon-Antagonisten und -Modulatoren

S5. Diuretika und andere Maskierungsmittel S6. Stimulanzien

S7. Narkotika

S8. Cannabinoide

S9. Glucocorticosteroide

M1. Erhöhung des Sauerstofftransportes

M2. Chemische und physikalische Manipulation

M3. Gendoping

 

Bei bestimmten Sportarten verbotene Wirkstoffe

 

Der Grenzwert (Blutwerte), ab dem ein Dopingverstoß vorliegt, ist für jeden Verband in Klammern angegeben.

 

P1. Alkohol

Motorsport (FIA) (0,10 g/L)

Boule (IPC-Regeln) (0,10 g/L)

Karate (WKF) (0,10 g/L)

Motorradsport (FIM) (0,10 g/L)

(...)

 

P2. β-Blocker

Billard (WCBS)

Turnen (FIG)

Kegeln (FIQ)

Schießen (ISSF, IPC)

(...)

 

Spezielle Wirkstoffe

 

Substanzen unter diesem Punkt können aufgrund ihrer leichten Verfügbarkeit und weiten Verbreitung in medizinischen Produkten unter Umständen unbeabsichtigt verwendet werden. Ein Dopingverstoß kann in diesem Fall zu einer reduzierten Sanktion führen.

alle inhalierbaren β2-Sympathomimetika mit Ausnahme von Salbutamol (frei und als Glucuronid) von mehr als 1 mg/mL und Clenbuterol (S1. Anabole Wirkstoffe)

α-Reduktase-Hemmer, Probenecid

Cathin, Ephedrin, Meclofenoxat, Nicethamid, ...

Cannabinoide

alle Glucocorticoide

Alkohol

alle α-Blocker

 

Seit 2003 listet die WADA-Verbotsliste unter verbotenen Methoden Gendoping. Die Definition lautet »die nicht therapeutische Anwendung von Zellen, Genen, Genelementen oder die Regulierung der Genexpression, welche die sportliche Leistungsfähigkeit erhöhen kann«. Über molekularbiologische Eingriffe kann die (In-)Aktivierung bestimmter Gene zur sportlichen Leistungssteigerung erreicht werden. Breites Interesse fanden zum Beispiel die Ergebnisse von Professor Dr. Se-Jin Lee aus Baltimore, dem es erstmalig im Tierversuch gelang, durch die Hemmung der Myostatinbildung bei Mäusen ein Muskelwachstum um etwa 400 Prozent zu erreichen. Hierbei handelt es sich um ein Peptid, das vermehrt bei Muskeldystrophie gebildet wird (9).

 

Etwa jeder Fünfte hilft nach

 

Was die SARM und die »Myostatinblocker« für die Kraft- und Schnellkraftsportarten sind, sind die HIF-Stabilisatoren für den Ausdauersport. Auch diese Substanzen fallen unter den Begriff Gendoping. Der Hypoxie-induzierte Faktor (HIF) reguliert die EPO-Synthese in der Niere bei einem niedrigen Sauerstoffpartialdruck im Blut. Bei einer Normoxie wird HIF schnell abgebaut. Durch die Stabilisierung von HIF mithilfe dieser neuen Wirkstoffe lässt sich die natürliche EPO-Synthese steigern, das heißt, dass die Supplementierung von rekombinant hergestelltem EPO und die damit verbundenen gelegentlich auftretenden Abstoßungsreaktionen des körperfremden Peptidhormons entfallen. Außerdem können die neuen Substanzen im Gegensatz zu EPO oral verabreicht werden (10, 11). Einzuordnen wäre diese Substanzklasse in der Gruppe »S2. Hormone und verwandte Wirkstoffe«.

 

Seit zahlreiche wissenschaftliche Studien den positiven gesundheitlichen Effekt einer regelmäßigen sportlichen Aktivität bewiesen haben, steigt das Interesse der Bevölkerung stetig, sich in irgendeiner Form körperlich zu betätigen. Längst hat das zur Entwicklung einer Gesundheits- und Wohlfühlindustrie geführt, die mit griffigen, meist englischen Schlagworten wie »Wellness«, »Anti-Aging« oder »Body-Shaping« zahlungswillige Kunden in ihre Studios locken will. Der Ehrgeiz und die Bereitschaft, die ein Teil der Hobbysportler entwickelt, über das Training und die Ernährung hinaus die Biochemie des eigenen Körpers für eine weitere Leistungssteigerung zu manipulieren, ist hoch. Laut Schätzungen der Gesundheitsberichterstattung des Bundes (GBE) nehmen in Deutschland rund 200.000 Hobbyathleten Dopingmittel ein. Etwa jeder fünfte Besucher eines Fitnessstudios habe GBE-Studien zufolge Erfahrungen mit der Einnahme von verbotenen Substanzen. Meist beginnt die Einnahme von Supplementen zunächst harmlos in Form orthomolekularer Produkte, Phytopharmaka oder Homöopathika. Danach reicht das Spektrum von Analgetika über β-Sympathomimetika  bis hin zu anabolen Steroiden und Wachstumshormonen (14).

 

Gesetz soll Abhilfe schaffen

 

Da im Breiten- und Freizeitsport aufgrund fehlender Anti-Doping-Regeln keine wettkampfmäßigen Dopingkontrollen durchgeführt werden, spricht man in diesem Bereich nicht von Doping sondern von Arzneimittelmissbrauch (13). Am 24. Oktober 2007 wurde das Gesetz zur Verbesserung der Bekämpfung des Dopings im Sport (»Anti-Doping-Gesetz«) vom Bundestag verabschiedet, um eine wirksame rechtliche Grundlage für die Dopingbekämpfung in Deutschland zu schaffen. Geändert wurde unter anderem der § 6a des Arzneimittelgesetzes (»Verbot von Arzneimitteln zu Dopingzwecken im Sport«). Neu ist ein Besitzverbot für besonders gefährliche und häufig verwendete Dopingmittel. Neben anabol wirkenden Stoffen zählen dazu bestimmte Hormone, ferner auch antiestrogen wirkende Stoffe, die insbesondere bei Freizeitsportlern als Mittel zur Vermeidung von Nebenwirkungen bestimmter Dopingmittel verbotenerweise beworben werden. Bestraft wird, wer diese Dopingmittel in einer nicht geringen Menge besitzt, weil darin ein Indiz für die Weitergabe der Mittel gesehen wird. Mit der Verpflichtung zur Aufnahme von Warnhinweisen und Fachinformationen in die Packungsbeilage zu Dopingzwecken geeigneter Arzneimittel sind des Weiteren auch Regelungen aufgenommen worden, die sich auf die Prävention erstrecken (15).

 

Rückenwind für Apotheker

 

Der Apotheker hat hier eine große Verantwortung und zudem die Chance, sich in der Bevölkerung als kompetenter und unabhängiger Patienten-/Verbraucherschützer im Kampf gegen Doping und Arzneimittelmissbrauch zu profilieren. Rückenwind für eine aktive Beteiligung der Apothekerschaft gab es erst vor Kurzem auf dem Symposium »Medikamente: Abhängigkeit und Missbrauch« der Bundesapothekerkammer (18. Juni 2008). Die anwesende Drogenbeauftragte Sabine Bätzing, MdB, begrüßte das Engagement der Apothekerschaft: »Auch bei verschreibungspflichtigen Medikamenten mit Abhängigkeitspotenzial kommt den Apothekern eine wichtige Beratungsfunktion zu. Denn nur sie können erkennen, wenn verschiedene Ärzte Medikamente mit gleichen oder ähnlichen Wirkstoffen verordnen. Deshalb begrüße ich den Leitfaden und das Engagement der Apotheker ausdrücklich.« (16)

 

Literatur bei den Verfassern

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