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Pharmaindustrie

Unternehmen fehlen gute Bewerber

07.08.2012  18:48 Uhr

Von Ev Tebroke / Noch finden Pharmakonzerne qualifizierte Mitarbeiter für offene Stellen. Aber die Suche wird mühsamer. Sinkende Bewerberzahlen, nachlassende Qualität der Bewerber – ­die Vorboten eines drohenden Fachkräftemangels sind vielerorts spürbar, wie auch die aktuelle Situation beim zweitgrößten deutschen Pharmaunternehmen Boehringer Ingelheim zeigt.

Wenn Boehringer Ingelheim freie Stellen besetzen möchte, gestaltet sich das oft nicht mehr so einfach wie früher. Noch gebe es zwar genügend qualifizierte Anwärter auf vakante Positionen, aber die Bewerbungen von deutschen Fachkräften sind nach Angaben des Unternehmens rückläufig. Auch auf ausgeschriebene Lehrstellen meldeten sich weniger Interessenten als in den Jahren zuvor, so die Personalchefin Ursula Fuggis-Hahn in einem Gespräch mit der Deutschen Presseagentur (dpa). Das Minus liege teilweise im zweistelligen Prozentbereich. Immer häufiger hingegen kämen gute Bewerber aus benachbarten EU-Ländern.

»In den meisten Bereichen gelingt es uns noch gut, Personal ohne großen Zusatzaufwand zu gewinnen«, sagte Fuggis-Hahn auf Anfrage der Pharmazeutischen Zeitung. »Bei bestimmten Expertenfunktionen wird es aber zunehmend schwieriger, zum Beispiel bei spezialisierten Medizinern. Hier rekrutieren wir verstärkt auch über Ländergrenzen hinweg.« Als Konsequenz der Wirtschaftkrise in einigen EU-Staaten seien aktuell mehr gute Bewerber bereit, eine Stelle in Deutschland anzunehmen. »Es ist derzeit einfacher, Mitarbeiter aus dem europäischen Ausland zu gewinnen, zum Beispiel aus Spanien«, so die Geschäftsführerin Personal. Angestellte mit spanischen Wurzeln seien bereits an verschiedenen Positionen im Unternehmen tätig. »Aber es ist nicht so, dass wir nun aus den europä-ischen Krisenländern reihenweise Bewerbungen bekommen.«

 

Kein Engpass bei den Pharmazeuten

 

Den Bedarf an Ingenieuren könne Boehringer Ingelheim noch gut decken. Schwieriger sei es dagegen immer schon in der Forschung und Entwicklung gewesen, etwa in der Sparte Medizin/Onkologie. Keine Probleme gebe es bislang inden Berufsgruppen, bei denen das Unternehmen selbst ausbildet, wie zum Beispiel Chemielaboranten. »Aber auch da wird es enger«, so Fuggis-Hahn». Bei der Berufsgruppe der Pharmazeuten können wir insgesamt sogar steigende Bewerberzahlen feststellen – auch durch unser breites Angebot für Pharmaziepraktikanten.«

 

Eine Veränderung auf dem Bewerbermarkt bemerkt man auch bei Pfizer Deutschland: »In der Deutschlandzen-trale in Berlin beobachten wir derzeit noch keinen generellen Fachkräftemangel – es gibt aber auch hier schon Bereiche, in den es zunehmend schwieriger wird, die geeigneten Kandidaten zu finden«, sagt Unternehmenssprecher Martin Fensch. Diese Tendenz sehe das Unternehmen auch in den Ausbildungsberufen. »Zwar ist die Bewerberzahl nicht rückläufig, doch lässt die Qualität der Bewerbungen deutlich nach«, so Fensch.

 

Beim Bayer-Konzern ist man sich ebenfalls der drohenden zukünftigen Verschärfung der Lage bewusst, wie Wolfgang Schenk, zuständig für Personal-Politik in der Bayer AG erklärt: »Momentan sehen wir uns zwar noch nicht mit einem substanziellen Fachkräftemangel konfrontiert. Wir beobachten die breit geführte Diskussion über einen akuten oder bevorstehenden Mangel an beruflichen und akademisch qualifizierten Fachkräften aber sehr aufmerksam.«

 

Um dem sich mittelfristig abzeichnenden Fachkräftemangel vorzubeugen, setzen Pharmaunternehmen wie Boehringer Ingelheim, Pfizer und Bayer bereits seit geraumer Zeit auf Kooperationen und Aktivitäten an Schulen, Universitäten und Fachhochschulen, Starthilfeprogramme und Ähnliches. »Die demografische Entwicklung wird sich in den nächsten Jahren nachhaltig auf die Fachkräftesituation insbesondere im naturwissenschaftlichen-technischchen Bereich in Deutschland auswirken«, so Schenk. »Dem Zusammenwirken von Schule und Wirtschaft kommt daher eine hohe Bedeutung zu.«

 

Die Situation der Bewerber im Pharmabereich befindet sich im Wandel. Einen Rückgang von Pharmazeuten als Stellenanwärter kann allgemein bislang aber nicht beklagt werden. Die seit 2008 wieder ansteigenden Studentenzahlen im Bereich Pharmazie lassen dies zur Zeit auch nicht befürchten.

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