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Antibiotikaverordnung

Ärzte schulen, Patienten aufklären

06.08.2012
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Von Ulrike Viegener / Antibiotikaverordnungen bei akuten Atemwegsinfekten lassen sich einer kanadischen Studie zufolge erheblich reduzieren, wenn Arzt und informierter Patient gemeinsam die Therapieentscheidung treffen. Die Ärzte der »Verumgruppe« erhielten eine Schulung, wie sie Patienten optimal aufklären und so zu kompetenten Mitentscheidern machen können.

In der Mehrzahl der Fälle werden akute Atemwegsinfekte durch Viren verursacht. Es besteht also keine Indikation für Antibiotika. Fakt ist jedoch, dass diese Arzneistoffgruppe bei akuten Infektionen der oberen Atemwege eindeutig zu häufig verschrieben wird – das ist in Kanada so und hierzulande nicht anders. Ursächlich ist zum einen das unkritische Verordnungsverhalten der Ärzte. Zum anderen spielt jedoch auch der Patient eine maßgebliche Rolle. Denn oft drängen Patienten auf die Verschreibung von Antibiotika, da sie die Medikamente mit potenter Therapie gleichsetzen.

Vor diesem Hintergrund wurde in Kanada ein Schulungsprogramm entwickelt, das speziell Hausärzten die Aufklärung der Patienten über den »kritischen« Einsatz von Antibiotika bei akuten Atemwegswegsinfekten erleichtern soll. Das DECISION+2 genannte Schulungsprogramm für die Ärzte besteht aus einem zweistündigen Online-Tutorial und einem sich daran anschließenden ebenfalls zweistündigen interaktiven Workshop. Ziel ist es, mit dem Erlernten eine valide Grundlage dafür zuschaffen, den informierten Patienten anschließend mit in die Therapieentscheidung einzubeziehen.

 

Schulung gegen Überverordnung

 

Die Effizienz dieses Programms wurde in der randomisierten zweiarmigen Studie an insgesamt 359 Patienten mit akuten Infekten der oberen Atemwege (Otitis media, Rhinosinusitis, Pharyngitis, Bronchitis) validiert (Légaré, F. et al.: Training family physicians in shared decision-making to reduce the overuse of antibiotics in acute respiratory infections: a cluster randomized trial, Canadian Medical Association Journal 2012, doi: 10.1503/cmaj.120568). Es wurden 181 aufgeklärte Patienten, die von 77 mit DECISION+2 geschulten praktischen Ärzten behandelt wurden, verglichen mit 178 Patienten, die von 72 Ärzten ohne Schulung behandelt wurden. In beiden Gruppen wurden die Patienten in die Entscheidung »Antibiotikum ja oder nein« eingebunden, wobei die aufgeklärten Patienten eine deutlich aktivere Rolle übernahmen.

 

Insgesamt entschieden sich in der »Verumgruppe« 27,2 Prozent der Patienten für ein Antibiotikum, in der Kon­trollgruppe dagegen waren es 52,2 Prozent. Das heißt, die Aufklärung der Patienten führte zu einer Senkung der Antibiotika-Anwendungen um rund 50 Prozent. Nach zwei Wochen wurden die Patienten nachbeobachtet, um zu prüfen, ob diese den Verzicht auf ein Antibiotikum in Bezug auf den Erkrankungsverlauf als Nachteil empfunden haben. Dies war nicht der Fall.

 

Die kanadische Studie legt nahe, dass eine entsprechende Schulung von Arzt und Patient eine geeignete Maßnahme sein könnte, um Antibiotikaverordnungen im hausärztlichen Bereich auf ein rechtes Maß herunterzubringen. Die Überverordnung dieser hochpotenten Arzneimittel ist ein großes Problem nicht nur, aber vor allem auch im Hinblick auf mögliche Resistenzentwicklungen.

 

Eine kürzlich veröffentlichte Erhebung in Deutschland unterstreicht die Problematik, wobei speziell die Verordnung von Antibiotika bei Kindern unter die Lupe genommen wurde (antibioti ka.faktencheck-gesundheit.de). Kinder erhalten Antibiotika noch häufiger als Erwachsene – und nicht selten bei Bagatellinfekten. Oft ist es der Druck besorgter Eltern, der vor allem Hausärzte verleitet, sich nicht leitlinienkonform zu verhalten und Antibiotika auch ohne Indikation zu verordnen. Eine Schulung analog zu DECISION+2 könnte den Ärzten den Rücken stärken und ihnen helfen, Eltern davon zu überzeugen, wenn diese mit gut gemeintem, aber falschem Anspruch auf die Verordnung von Antibiotika drängen. /

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