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Chinesische Medizin

Östliche Traditionen im Westen

01.08.2008
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Chinesische Medizin

Östliche Traditionen im Westen

Von Christina Hohmann

 

Einzelne Aspekte der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) wie Akupunktur oder Qigong sind den meisten Deutschen vertraut. Doch die wenigsten kennen das gesamte, sehr komplizierte Medizinsystem mit seinen Diagnose- und Therapieverfahren.

 

Die Traditionelle Chinesische Medizin ist Jahrtausende alt. Seit den 1970er-Jahren verbreiten sich die TCM-Methoden auch in Deutschland und anderen westlichen Ländern. Die Therapie der TCM beruht auf fünf Säulen: Neben der Arzneimitteltherapie sind dies die Akupunktur, Massagetechniken, Bewegungsübungen und die Diätetik. Ziel dieser Maßnahmen ist es, die Lebensenergie des Menschen (das Qi) ins Gleichgewicht zu bringen.

 

Das Qi spielt eine zentrale Rolle in der chinesischen Medizin. Der Theorie zufolge wird alles im Universum von der Lebensenergie durchströmt, die aus zwei gegensätzlichen, sich aber ergänzenden Seiten besteht: dem weiblichen Yin und dem männlichen Yang. Solange diese in einem harmonischen Verhältnis zueinander stehen, ist der Mensch gesund.

 

Das Qi fließt in unsichtbaren Bahnen durch den Körper, den sogenannten Meridianen. Auf Chinesisch heißen sie Jing Luo, was übersetzt »ein Faden, der etwas miteinander verknüpft« bedeutet. Insgesamt zwölf Haupt- und acht Sondermeridiane ziehen sich vom Schädel bis zu den Zehen und bilden ein Netz im gesamten Organismus, indem alle Teile des Körpers miteinander verbunden sind. An Hauptknotenpunkten dieses Netzes liegen die Akupunkturpunkte. Bringen krankmachende Einflüsse wie »Wind«, »Feuer« oder »Kälte« den Energiefluss ins Stocken oder mangelt es an Qi, entstehen im betroffenen Bereich Krankheitssymptome.

 

Zunge zeigen

 

Die Störungen im Energiefluss erkennt ein TCM-Arzt anhand einer ausführlichen Diagnostik. Dabei betrachtet er nicht das kranke Organ, sondern den gesamten Menschen. Bei der Anamnese gehen neben den Beschwerden auch andere Aspekte des menschlichen Befindens wie Appetit, Verdauung, Schlaf, Temperaturempfinden mit ein. Zusätzlich wird der Puls bestimmt. Während westliche Ärzte in der Regel die Pulsfrequenz ermitteln, unterscheiden chinesische Mediziner über 30 verschiedene Pulsqualitäten, wie oberflächlichen, tiefen, erschöpften, saitenförmigen oder schlüpfrigen Puls. Diese Qualitäten zeigen energetische Veränderungen im Körper an. Der wichtigste Aspekt für die Diagnose ist die Beschaffenheit der Zunge. Diese spiegelt den energetischen Zustand wider. Dabei wird zuerst der Zungenkörper beurteilt. Aus Farbe, Form, Beweglichkeit, Struktur und Belag schließt der Mediziner auf die Konstitution des Patienten, den Zustand seiner Organe und Veränderungen im Qi. Je dunkler zum Beispiel die Zungenfarbe ist, desto tiefer sind krankmachende Elemente bereits in den Körper eingedrungen. Auch Beläge oder Risse zeigen krankmachende Einflüsse von außen an. Ein gesunder Mensch hat eine hellrosa Zunge mit einem dünnen weißen und durchscheinenden Belag. Bei der Betrachtung der Zunge haben die verschiedenen Organe ihre festen Plätze: So entspricht die Zungenspitze dem Herz und der Lunge, auf der Mitte sind Milz und Magen abgebildet, während der Zungengrund über die Niere Aufschluss gibt. Die Beurteilung von »Klang und Geruch«, also der Stimme und anderer Faktoren, rundet die TCM-Diagnose ab.

 

Die fünf Säulen

 

Ebenso wie die Diagnostik wird auch bei der Therapie nicht das kranke Organ allein, sondern der gesamte Organismus behandelt. Die in der TCM wichtigste Therapieform ist die Arzneimitteltherapie. Hierbei werden vor allem Heilpflanzen, seltener mineralische oder tierische Drogen (siehe dazu TCM: Bedrohte Tiere auf Rezept) eingesetzt. Die Arzneimittel werden in Kombination von 2 bis 15 Drogen als Rezeptur verordnet. Eine typische Rezeptur ist nach hierarchischem Muster aufgebaut: Eine »Herrscherdroge« wird ergänzt durch »Minister«, »Assistenten« und »Boten«. Während der Herrscher die Hauptwirkung der Arznei bestimmt, unterstützen die anderen dessen Wirkung oder mildern potenzielle Nebenwirkungen ab. In der Regel wird eine Rezeptur abgekocht und das Dekokt eingenommen. Gängige Rezepturen werden allerdings auch als fertige Präparate zum Beispiel als Granulat gehandelt.

 

Die 400 wichtigsten Drogen sind auch in Deutschland in Apotheken erhältlich, wobei diese die Qualität und Reinheit überprüfen müssen. Informationen zu diesem Thema liefert das Centrum für Therapiesicherheit in der Traditionellen Chinesischen Arzneitherapie (www.ctca.de).

 

Die im Westen am stärksten verbreitete Therapieform ist die Akupunktur. Durch das Einstechen von Nadeln in die Meridiane und deren Knotenpunkte lassen sich Störungen des Energieflusses beheben. Statt mit Nadeln kann auch ein Erwärmen der Akupunkturpunkte durch Verbrennen von Beifußkraut (Moxibustion) den Energiefluss beeinflussen. In der Regel werden je nach Krankheitsbild 1 bis 20 Punkte stimuliert. Zur Behandlung sind etwa 5 bis 15 Sitzungen, die jeweils etwa 30 Minuten dauern, sinnvoll.

 

Deutlich weniger bekannt als die Akupunktur ist die ihr verwandte Tuina-Massage. Bei diesem Verfahren stimuliert der TCM-Mediziner die Meridiane und Akupunkturpunkte mit verschiedenen Griff- und Massagetechniken, um den Qi-Fluss zu harmonisieren. Tuina bedeutet auf Chinesisch »Schieben und Greifen«. Sie soll unter anderem gegen Schmerzen des Bewegungsapparates, Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Depressionen helfen.

 

Eine weitere Säule der TCM-Therapie sind Bewegungsübungen. Die Bewegungsformen wie Qigong oder Tai-Chi sollen neben dem Bewegungsapparat auch die Konzentration, Balance und Ausdauer trainieren. Die fließenden, ruhigen Bewegungen wirken entspannend, bauen Stress und Nervosität ab und stärken das Immunsystem. Entsprechende Kurse werden von vielen gesetzlichen Krankenkassen als Gesundheitsprophylaxe bezahlt.

 

Die fünfte Therapiesäule ist die Diätetik. Da auch Nahrungsmittel Qi in verschiedenen Qualitäten enthalten, kann über die Ernährung der Energiefluss im Körper ausgeglichen werden. Bei verschiedenen Diagnosen ist eine Ernährungsberatung und -umstellung nötig.

 

Fernöstliches auf Rezept

 

Die Traditionelle Chinesische Medizin wird in Deutschland immer beliebter, obwohl sie wissenschaftlich nur begrenzt anerkannt ist. So ist die Existenz der Meridiane, auf denen das Qi fließt, wissenschaftlich nicht zu belegen. Auch reicht die Studienlage bislang nach Kriterien der Evidenz-basierten Medizin nicht aus, um die Wirksamkeit der Arzneimitteltherapie zu beweisen. Eine sehr große und aufwendige Untersuchung gibt es allerdings zur Akupunktur. Die in Deutschland durchgeführte Gerac-Studie mit mehreren 100.000 Patienten verglich die Wirksamkeit der Akupunktur mit der einer Scheinakupunktur (Nadelung an Nicht-Akupunkturpunkten) und der konventionellen Standardtherapie. Bei Patienten mit Knie- oder Rückenschmerzen war die Akupunktur nicht wirksamer als die Scheinakupunktur. Aber beide waren deutlich wirksamer als die Standardtherapie, weshalb die Akupunktur für die Indikationen Knie- und Rückenschmerzen seit Januar 2007 Kassenleistung ist. Bezahlt wird die Therapie jedoch nur, wenn der behandelnde Arzt eine Kassenzulassung hat und über Zusatzqualifikationen zur Akupunktur, zur »Speziellen Schmerztherapie« und »Psychosomatischen Grundversorgung« verfügt.

 

Bei der Wahl eines TCM-Therapeuten sollte auf Qualität geachtet werden. Qualifizierte Mediziner sind auf den Websites der Fachgesellschaften zu finden, wie zum Beispiel bei der Internationalen Gesellschaft für Chinesische Medizin (www.tcm.edu). Auch die Deutsche Ärztegesellschaft für Akupunktur (www.daegfa.de) und die Arbeitsgemeinschaft für Klassische Akupunktur und Traditionelle Chinesische Medizin (www.agtcm.de) bieten eine Liste qualifizierter Therapeuten an.

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