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Hypertonie im Alter

Organschutz durch erhöhten Blutdruck?

31.07.2012  14:57 Uhr

Von Ulrike Viegener / Nicht immer scheint ein erhöhter Blutdruck ein Pathophänomen zu sein, das man korrigieren sollte. Diesen Schuss lässt eine aktuelle Studie zu, die Subgruppen älterer Patienten unter dem Aspekt der körperlichen Leistungsfähigkeit untersuchte.

Ältere Patienten in schlechter körperlicher Verfassung profitieren möglicherweise von moderat erhöhten Blutdruckwerten. Zu diesem Schluss kommt eine amerikanische Forschergruppe um Michelle Odden von der Oregon State University:

Ein systolischer Blutdruck von 140 mmHg und mehr hat demnach bei gebrechlichen älteren Menschen die Sterblichkeit nicht erhöht, sondern vielmehr reduziert (Odden, M.: Rethinking the Association of High Blood Pressure With Mortality in Elderly Adults, Arch Intern Med, 2012; doi: 10.1001/archinternmed.2012.2555). Der Blutdruckanstieg fungiert im Alter möglicherweise als Kompensationsmechanismus, der die Durchblutung vitaler Organe trotz abnehmender Elastizität der Blutgefäße sicherstellen soll.

 

Senioren-Subgruppen profitieren unterschiedlich

 

Michelle Odden und ihre Kollegen werteten Daten des National Health and Nutrition Examination Survey (1999/2000 und 2001/2000) aus, einer regelmäßig durchgeführten Querschnittserhebung zum Gesundheitszustand der US-amerikanischen Bevölkerung. Insgesamt wurden die Daten von 2340 Personen im Alter von mindestens 65 Jahren erfasst. Als Maß für die körperliche Verfassung verwendeten die Wissenschaftler die Laufgeschwindigkeit der Teilnehmer und teilten das Gesamtkollektiv in drei Subgruppen ein:

 

Menschen, die eine 6 Meter lange Strecke mit einer Geschwindigkeit von 0,8 Meter pro Sekunde oder schneller zurücklegten (n = 1307),

Menschen, die langsamer waren (n = 790) und

Menschen, die die 6 Meter überhaupt nicht schafften (n = 243).

 

Bis Ende 2006 traten im Gesamtkollektiv 589 Todesfälle auf. Dabei gingen systolische Blutdruckwerte von 140 mmHg und mehr in der ersten Gruppe – bei den rüstigen Senioren also – wie erwartet mit einer erhöhten Mortalität einher. Die Hazard Ratio (HR) betrug hier 1,35 im Vergleich zu normotonen Kontrollen. In der zweiten Gruppe war keine Korrelation der Sterblichkeit mit einem systolischen Blutdruck von mindestens 140 mmHg und/oder mit einem diastolischen Blutdruck von mindestens 90 mmHg feststellbar. Eine unerwartete Korrelation fanden die Wissenschaftler in der dritten Gruppe, bei den gebrechlichen Senioren: Erhöhte Blutdruckwerte waren hier nicht schädlich, sondern wirkten sich mindernd auf die Sterblichkeit aus. Die Hazard Ratio betrug 0,38 für systolische Werte über 140 mmHg und 0,10 für diastolische Werte über 90 mmHg.

 

Differenzierung nicht nur anhand des Alters

 

Diese neuen Daten stehen in Einklang mit früheren epidemiologischen Studien, die auf günstige Effekte eines moderat erhöhen Blutdrucks im Alter hinweisen. Einen anderen Schluss ziehen hingegen Interventionsstudien wie die HYVET-Studie, die bis ins hohe Alter einen Nutzen der Blutdrucksenkung dokumentieren. Allerdings werden solche randomisierten klinischen Studien, die auch als Basis für evidenzbasierte Therapieempfehlungen dienen, in der Regel mit gesunden Probanden mit gutem Allgemeinzustand durchgeführt.

 

Aktuell empfiehlt die Deutsche Hochdruckliga Patienten bis zum 80. Lebensjahr eine Senkung des Blutdrucks auf Werte unter 140/90 mmHg. Bei den Über-80-jährigen soll der systolische Blutdruck unter 150 mmHg liegen. Besonders bei dieser Altergruppe, so heißt es auch hier weiter, müsse das Ausmaß der anzustrebenden Blutdrucksenkung stark vom allgemeinen Gesundheitszustand abhängig gemacht werden. / 

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