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Rückentraining

Das Powerhouse in Ordnung bringen

31.07.2012  14:57 Uhr

Von Ulrike Viegener /  Nicht Schonung, sondern Bewegung ist bei Rückenschmerzen in den meisten Fällen die beste Therapie. Das gilt für Patienten mit Bandscheibenvorfall ebenso wie für den weit überwiegenden Teil von Betroffenen, bei denen sich keine spezifische Ursache für die Schmerzen finden lässt. Verschiedene Methoden des Rückentrainings haben sich etabliert.

»Ich habe Rücken.« Dieses inzwischen geflügelte Wort betrifft fast jeden Deutschen irgendwann einmal und viele sogar häufiger. An chronischen Rückenschmerzen leiden rund 20 Prozent aller Frauen und rund 15 Prozent aller Männer. In den meisten Fällen haben die Beschwerden keinen konkreten Auslöser. Das Problem dürfte hier in aller Regel eine zu schwach oder falsch ausgebildete Stützmuskulatur infolge von Bewegungsmangel, Fehlhaltungen und ungünstigen Bewegungsmustern sein. Dadurch ausgelöste Muskelverspannungen können sich immer weiter ausbreiten und in einen Teufelskreis aus Schmerz und falschem Schonverhalten münden.

 

Training für tiefe Muskelgruppen

»Powerhouse« hat John Pilates, der Erfinder der derzeit boomenden Pilatesmethode, das muskuläre Kraftzentrum genannt, das für eine physiologisch aufrechte Haltung entscheidend ist. Die quer verlaufende Bauchmuskulatur und die Lendenmuskulatur sind die tragenden Wände, die Beckenbodenmuskulatur das Fundament, und das Zwerchfell bildet das Dach. Die Aktivierung des Powerhouse stellt bei jedem Pilatestraining die Einstiegsübung dar, was die enorme Bedeutung dieses Kraftzentrums unterstreicht. Eine Besonderheit der Pilatesmethode ist das Training speziell auch von tiefen Muskelgruppen, die beim Stützen des Skeletts eine tragende Rolle spielen und die man mit anderen Trainingsmethoden nicht erreicht. Das bedeutet aber auch, dass man ein gewisses Körpergefühl und einen qualifizierten Trainer braucht, um die Pilatesübungen zu erlernen. Gerade weil sich diese Methode aktuell so großer Beliebtheit erfreut, ist nicht überall, wo Pilates draufsteht, auch wirklich qualifiziertes Pilates drin. Deshalb ist es wichtig, genau zu prüfen, wem man sich anvertraut – was im Übrigen für andere Methoden des Rückentrainings genauso gilt.

 

Es ist leicht einzusehen, dass man durch falsches Training die Rückenprobleme noch verschlimmern kann. Deshalb sollten Menschen mit massiven beziehungsweise chronischen Rückenproblemen die Übungen unbedingt unter Anleitung und Kontrolle eines sachkundigen Trainers durchführen. Auch ist in solchen Fällen ein individuelles Einzeltraining der Gruppenschulung vorzuziehen. Hat man dagegen nur gelegentlich Beschweren oder dient das Bewegungsprogramm der Prävention von Rückenschmerzen, kann man die Übungen eventuell nach einführender Anleitung auch in eigener Regie absolvieren. In jedem Fall ist eines wichtig für den Erfolg: Man muss bei der Stange bleiben. Gezieltes Muskeltraining wirkt nur so lange, wie es angewendet wird.

 

Reformierte Rückenschule

 

Das klassische Bewegungskonzept gegen Rückenprobleme ist die Rückenschule. Ursprünglich zielte dieses Konzept darauf ab, im Alltag relevante Bewegungsabläufe im Sinne einer Rückenschonung zu korrigieren. Dieser Ansatz hat sich als nicht zielführend erwiesen. Auch hat sich seit den 1980er-Jahren ein gewisser Wildwuchs breitgemacht. Unter dem lange Zeit nicht geschützten Begriff wurden unterschiedliche, nicht standardisierte Schulungen angeboten. Vor diesem Hintergrund und unter Berücksichtigung neuer Erkenntnisse zur Chronifizierung von Rückenschmerzen haben sich 2004 neun große Anbieter zur Konföderation der Deutschen Rückenschulen zusammengeschlossen und das Konzept der »Neuen Rückenschule« entwickelt, das seit 2007 als Richtlinie gilt. Das ganzheitliche Konzept der Neuen Rückenschule hat zum Ziel, die Patienten zu insgesamt mehr Bewegung im Alltag zu motivieren. Auch ein gezieltes Training der Stützmuskulatur ist im neuen Konzept enthalten. Die Patienten sollen einen aktiven Umgang mit ihren Rückenproblemen erlernen. Angst, Resignation, Katastrophenstimmung – Risikofaktoren für eine Chronifizierung – sollen möglichst abgebaut werden.

 

Ein anderes populäres Konzept gegen Rückenschmerzen ist das Kieser Training. Es handelt sich dabei um ein reines maschinengestütztes Krafttraining. Das sehr offensive Kieser-Marketing argumentiert unter anderem mit einer in der »Deutschen Zeitschrift für Sportmedizin« publizierten Studie, die Kieser gemeinsam mit dem Institut für Sportwissenschaften der Universität in Frankfurt am Main durchgeführt hat. Diese Untersuchung ergab in einer 58 Patienten starken Trainingsgruppe nach sechs Monaten eine mittlere Schmerzreduktion um 38 Prozent gegenüber 26 Prozent in der Kontrollgruppe. Um die Wirksamkeit des Kieser Trainings bei Rückenschmerzen valide beurteilen zu können, wäre aber eine kontrollierte Studie an größeren Fallzahlen erforderlich. /

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