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Öffnungszeiten

Jede Stunde zählt

01.08.2006  18:17 Uhr

Öffnungszeiten

Jede Stunde zählt

von Guido Michels

 

Demnächst können die Bundesländer selbst über die Ladenschlusszeiten entscheiden - und planen Veränderungen. So sollen in Hessen die Geschäfte künftig von Montag bis Samstag rund um die Uhr verkaufen dürfen. Auch wenn kaum eine Apotheke rund um die Uhr öffnen wird, gehören die eigenen Öffnungszeiten auf den Prüfstand: Doch lohnt sich längeres Offenhalten überhaupt?

 

Rückblick: Nach Ausweitung des Ladenschlusses in der Woche auf maximal 20 Uhr im Jahr 1996 hatten einer Treuhand-Untersuchung zufolge in West-Deutschland durchschnittlich 34 Prozent der befragten Apotheken ihre Öffnungszeiten um rund fünf Stunden in der Woche ausgedehnt. Die Apotheken im Osten waren etwas zurückhaltender und hatten nur zu 11 Prozent von der Möglichkeit Gebrauch gemacht. Das Beispiel zeigt, dass die Apotheken die vom Gesetzgeber geschaffenen Möglichkeiten dann auch nutzen, wenn es geschäftspolitisch sinnvoll ist.

 

Jetzt Strategie überprüfen

 

Gerade in angespannter wirtschaftlicher Situation wird sich der ein oder andere Betrieb mit seiner Öffnungsstrategie befassen. Immerhin kann man so seinen Kunden einen besonderen Service bieten und sich von anderen Apotheken abgrenzen. Vorher sollte jedoch die Thematik unter ökonomischen Aspekten betrachtet werden.

 

In Untersuchungen der Treuhand Hannover wurde wiederholt festgestellt, dass Apotheken mit einer hohen Wochenöffnungsstundenzahl insgesamt mehr Umsatz erzielten als Apotheken mit geringen Wochenöffnungsstunden. Dieser Tatbestand darf jedoch nicht zu dem Schluss verleiten, dass eine Apotheke, die ihre Öffnungszeiten verlängert, automatisch Umsatz hinzugewinnt. Der höhere Umsatz ist nicht primär eine Folge der längeren Öffnungszeiten, sondern eine Frage des Standortpotenzials. So haben zum Beispiel Apotheken in exponierten Lagen, auch in Reaktion auf ihr Umfeld, länger geöffnet und schöpfen dadurch Umsatz ab.

 

Die entscheidende Frage vor einer Ausweitung der Apothekenöffnungszeiten ist also: Existiert an meinem Standort außerhalb der jetzigen Öffnungszeiten ungenutztes Umsatzpotenzial, das die höheren Ausgaben (über-)kompensiert?

 

Besonders zwei Aspekte könnten eine Änderung der Öffnungszeiten nötig machen:

 

Verlängern die übrigen Einzelhändler am Standort ihre Öffnungszeiten, so kann dies zu einer zeitlichen Verschiebung der Kundenströme und, falls die Apotheke nicht mitzieht, zu Umsatzverlusten führen. Dies gilt insbesondere für Frequenzbringer und Lauflagen.

Ändert die Apotheken-Konkurrenz ihre Öffnungszeiten, so besteht unter Umständen Handlungsbedarf, um nicht Umsatz zu verlieren.

 

Durch Steigerungen im Umsatz müssen die anfallenden Mehrkosten wieder hereingeholt werden, damit sich das Betriebsergebnis nicht verschlechtert. Ausgaben bestehen zum größten Teil aus zusätzlichen Personalkosten, außer es gelingt, die Arbeitszeiten der vorhandenen Mitarbeiter anders zu verteilen. Hinzu kommen noch variable Kosten, wie zum Beispiel Energiekosten für Heizung, Lüftung oder Beleuchtung. Im zweiten Artikel zu Öffnungszeiten in der nächsten PZ wird verdeutlicht, wie man eine Kosten- und Nutzenbetrachtung für eine Verlängerung der Öffnungszeiten vornimmt.

 

Klar ist: Pauschale Empfehlungen kann es nicht geben. Es sollte immer kritisch hinterfragt werden, welches Umsatzpotenzial noch am Standort vorhanden ist. Auch ist nicht sicher, ob die Kunden überhaupt längere Öffnungszeiten wertschätzen. Man bedenke: Apotheken laden selten zum Shopping ein wie zum Beispiel große Warenhäuser. Produkte aus der Apotheke sind selten Gegenstand von Impulskäufen. Apotheken sind eher abhängig von der Verschreibung der Ärzte, sodass die Kundenfrequenz nachlässt, wenn die Praxen geschlossen sind. Eine Apotheke, die »im Alleingang« länger öffnet, ohne dass Geschäfte in ihrer Umgebung mitziehen, wird scheitern.

 

Sinn macht eine Erweiterung der Öffnungszeiten nur, wenn auch zusätzliche Kunden zu erwarten sind - und die werden von den Frequenzbringern in der Umgebung generiert. In dörflichen Lagen, wo traditionell früh »die Bürgersteige hochgeklappt werden«, wird von längeren Öffnungszeiten wohl kaum Gebrauch gemacht. In den vergangenen Jahren ist der Trend zu beobachten, dass sich Käuferströme von den Kleinstädten zu den Großstädten beziehungsweise Einkaufszentren auf der grünen Wiese verlagern und die Kunden kaum durch längere Öffnungszeiten zurückzugewinnen sind. Eine Umsatzausweitung lässt sich daher leichter in frequenzstarken Stadtlagen und Einkaufszentren als in Rand- oder kleinen Ortslagen realisieren. Beabsichtigt eine Apotheke, ihre Öffnungszeiten zu verlängern, ist es ratsam, zunächst einen Testlauf durchzuführen. Um zusätzliche Personalkosten gering zu halten, sollte der Apothekenleiter zunächst die neu hinzu kommenden Zeiten möglichst mit vorhandenen Kapazitäten ausfüllen. Eine Kundenfrequenzanalyse mit einem Umsatzvergleich kann dann Auskunft über den Erfolg der Maßnahme geben. Erst nach dieser Abschätzung sollte über eine dauerhafte Änderung der Öffnungszeiten nachgedacht werden.

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