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HIV-Therapie

Fortschritte und Probleme

26.07.2017
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Von Annette Mende / Erstmals seit Einführung der antiretroviralen Therapie erhält heute mehr als die Hälfte der HIV-Infizierten auf der Welt Arzneimittel gegen ihre Infektion. Während die medikamentöse Versorgung besser wird und die Todesfälle sinken, nimmt aber die Resistenzrate gegen wichtige Wirkstoffe zu – vor allem in Entwicklungsländern.

Von den diagnostizierten 36,7 Millionen Menschen auf der Erde, die das HI-Virus in sich tragen, erhalten aktuell 19,5 Millionen eine antiretrovirale Therapie (ART). Das sind die offiziellen ­Zahlen, die das gemeinsame Programm der Vereinten Nationen zu HIV/Aids (UNAIDS) bei der gerade zu Ende gegangenen Konferenz der internationalen Aids-Gesellschaft (IAS) in Paris vorstellte. Positiv ist auch die Entwicklung bei den HIV-bedingten Todesfällen. Diese haben sich seit dem Höhepunkt im Jahr 2005 von 1,9 Millionen pro Jahr auf nun 1 Million fast halbiert.

 

Die 90-90-90-Strategie

 

Allerdings ist man damit noch lange nicht am Ziel. Dieses ist ehrgeizig gesteckt: Aids soll bis 2030 besiegt werden. UNAIDS setzt dazu auf die sogenannte 90-90-90-Strategie: 90 Prozent der HIV-Infizierten sollen diagnostiziert sein, 90 Prozent der Diagnostizierten sollen eine antiretrovirale Therapie erhalten und bei 90 Prozent der Therapierten soll die Virusvermehrung komplett unterdrückt werden.

 

Weltweit gibt es bereits sieben Länder, in denen das 90-90-90-Ziel erreicht wurde: Botswana, Dänemark, Großbritannien, Island, Kambodscha, Schweden und Singapur. Deutschland ist laut UNAIDS-Bericht zusammen mit zehn weiteren Nationen kurz davor. Global betrachtet war man Ende 2016 mit 70 Prozent Diagnostizierten, 77 Prozent Therapierten und 82 Prozent erfolgreich Behandelten aber noch ein ganzes Stück davon entfernt. Sorgenkinder sind vor allem Osteuropa und hier insbesondere Russland und die ­Ukraine sowie Zentralasien. In dieser Region war zwischen 2010 und 2016 ein Anstieg der jährlichen Neuinfektionsrate um 60 Prozent zu verzeichnen (von 120 000 auf 190 000), vor allem unter Suchtkranken mit intravenösem Drogenkonsum. Gleichzeitig wird hier sehr häufig schon das erste 90er-Ziel nicht erreicht: Viele der Betroffenen wissen nichts von ihrer Infektion.

 

Bedenklich ist auch eine Zunahme der Resistenzen gegen HIV-Medikamente, auf die die Weltgesundheits­organisation (WHO) in ihrem aktuellen HIV-Resistenz-Report hinweist. Demnach steigt in Entwicklungs- und Schwellenländern der Anteil an HIV-Patienten, die bei Start einer ART bereits resistent gegen die wichtigsten Medikamente sind. Dem Report zufolge waren in sechs von elf überwachten Staaten in Afrika, Asien und Lateinamerika zuletzt mehr als 10 Prozent der therapienaiven Patienten resistent gegen die nicht nukleosidischen Reverse-Trans­kriptase-Hemmer (NNRTI) Efa­virenz oder Nevirapin. Diese beiden Arzneistoffe sind die preisgünstigsten und am häufigsten in der Erstlinientherapie eingesetzten NNRTI. Ab einer Resistenz­rate von 10 Prozent müssen laut einer Mitteilung der WHO dringend die nationalen Leitlinien zur HIV-Therapie überarbeitet werden.

 

Resistenzen bei Kindern

 

Resistenzen gegen antiretrovirale Medikamente entstehen, wenn HIV-Infizierte sie nicht regelmäßig einnehmen – häufig, weil die Versorgung der Pa­tienten mit Arzneimitteln nicht dauerhaft gewährleistet ist. Um die viro­logische Kontrolle sicherzustellen, müssten Betroffene eigentlich auf ­andere Wirkstoffklassen ausweichen, die aber in Ländern mit schwachen Gesundheitssystemen oft noch schwieriger zu bekommen sind. Die WHO will dem Problem mit einem neuen Fünf-Jahres-Plan begegnen. Dieser sieht unter anderem eine Unterstützung ärmerer Länder bei der Erfassung von Resistenzen gegen HIV-Medikamente und bei der Etablierung neuer Therapiestrategien vor.

 

Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf die Identifizierung und Versorgung von HIV-infizierten Kindern und Jugendlichen gerichtet werden. Laut UNAIDS-Bericht kam es 2016 weltweit zu 160 000 pädiatrischen HIV-Infektionen. Die WHO berichtet, dass Kinder besonders häufig von Resistenzen gegen HIV-Medikamente betroffen sind, da sie teilweise bereits vor der Geburt beziehungsweise über die Muttermilch mit ART der Mutter in Kontakt kommen. Maßnahmen wie die medikamentöse Prophylaxe der Mutter-zu-Kind-Übertragung oder eine prophylaktische ART-Gabe im Säuglingsalter erhöhen – wenn sie den Erreger nicht erfolgreich eliminieren – zusätzlich die Resistenzrate. Eine systematische Literatur­recherche habe bei Kindern vor Therapiebeginn eine NNRTI-Resistenzrate von 49,3 Prozent ergeben, so die WHO.

 

HIV-Monatsspritze

 

Da eine gute Compliance sowohl für die Wirksamkeit der ART als auch zur Prävention von Resistenzen eine Schlüsselrolle spielt, erregte in Paris auch die ­Vorstellung eines möglichen neuen Therapieansatzes Aufsehen: eine Monatsspritze gegen HIV. Sie würde es HIV-Patienten, die keine Tabletten einnehmen wollen, ermöglichen, auf Injektionen im Vier- oder Acht-Wochen-Rhythmus auszuweichen. Die Ergebnisse einer Phase-II-Studie, die die Effizienz einer lang wirksamen Injektionslösung mit den beiden antiretroviralen Wirkstoffen Cabotegravir und Rilpivirin mit der eines oralen Therapieregimes verglich, wurden bei der IAS-Konferenz präsentiert und zeitgleich im Fachjournal »The Lancet« veröffentlicht (DOI: 10.1016/S0140-6736(17)31917-7).

Bei der in der LATTE-2-Studie getesteten Injektionslösung handelt es sich um eine zur intramuskulären Anwendung bestimmte Nanosuspensions-Formulierung mit dem neu entwickelten HIV-Integrase-Hemmer Cabotegravir (GSK1265744), ein Analog von Dolu­tegravir (Tivicay®), und dem NNRTI ­Rilpivirin (Edurant®). 309 therapienaive HIV-Infizierte wurden zunächst oral über 20 Wochen mit Cabotegravir, Abacavir und Lamivudin behandelt, um die Virusvermehrung zu stoppen. Von 286 Teilnehmern mit Virussuppression (weniger als 50 Kopien HIV-RNA pro ml Blut) erhielten anschließend randomisiert je 115 die Cabotegravir-Rilpi­virin-Spritze entweder im Vier- oder Acht-Wochen-Rhythmus und 56 weiter die orale Cabotegravir-Abacavir-Lamivudin-Kombi.

 

32 Wochen nach der Randomisierung betrug der Anteil an Patienten mit weiterbestehender Virussuppression unter oraler Therapie 91 Prozent, mit der Monatsspritze 94 Prozent und mit der Zweimonatsspritze 95 Prozent. Auch eine Auswertung nach 96 Wochen zeigte einen Vorteil für die Spritze mit 87 Prozent (Vier-Wochen-Abstand) beziehungsweise 94 Prozent (Acht-­Wochen-Abstand) gegenüber 84 Prozent (orale Therapie). Das berichtet ein Forscherteam um Dr. David Margolis von der Herstellerfirma Viiv.

 

Schmerzen an der Injektionsstelle waren mit 97 Prozent in der Vier- Wochen-Gruppe und 96 Prozent in der Acht-Wochen-Gruppe die häufigste Nebenwirkung; sie waren meistens mild bis moderat ausgeprägt und nach drei Tagen wieder verschwunden. ­Daneben kam es in allen drei ­Behandlungsarmen zu Nasopharyngitis, Durchfall und Kopfschmerzen. Wirksamkeit und Sicherheit des neuen Medikaments werden in laufenden Phase-III-Studien nun weiter ­untersucht. /

Kommentar

Ungleich verteilt

Eine HIV-Infektion ist heute dank der modernen antiretroviralen Therapie (ART) kein Todesurteil mehr – zumindest wenn man im richtigen Land lebt. Bei aller Freude über die im Großen und Ganzen positive Entwicklung, die der UNAIDS-Bericht belegt, darf nicht in Vergessenheit geraten, dass der Zugang zu Diagnose- und Therapiemöglichkeiten nach wie vor sehr davon abhängt, wo auf der Welt ein Betroffener zu Hause ist. Wo sie verfügbar und wirksam ist, hat die ART mit Single-Tablet-Regimes und künftig womöglich auch Monatsspritzen ein Maximum an Nutzerfreundlichkeit erreicht. Ob er lieber einmal täglich eine Tablette einnehmen oder alle paar Wochen eine Spritze erhalten möchte, ist aber eine Frage, die sich ­einem HIV-Infizierten in Afrika nicht stellt, der zwei Tage zur nächsten Gesundheitseinrichtung laufen und dann froh sein muss, wenn es dort überhaupt Medikamente gibt, gegen die er nicht resistent ist. Wenn die Menschheit es wirklich ernst meint mit dem Wunsch, HIV zu besiegen, müssen daher alle Anstrengungen auf die Verbesserung der ­Situation in den Problemregionen der Welt gerichtet werden.

 

Annette Mende 

Redakteurin Pharmazie

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