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Spinnenausstellung

Die Netzwerkerinnen

26.07.2016  16:01 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek, Frankfurt am Main / Hier stellen sich die Ausstellungsobjekte auch persönlich vor. Rund 40 lebende Vogelspinnen und Skorpione aus fast allen Regionen der Welt sind Teil einer Sonderausstellung, die das Frankfurter Senckenberg-Museum im Rahmen der Reihe »Kultur trifft Natur« zeigt. Mit dabei: die größte Spinne der Welt und die giftige Schwarze Witwe – alle sicher verwahrt in Glasterrarien.

Spinnen haben ein schlechtes Image. Viele Menschen empfinden ein mulmiges Gefühl bei ihrem Anblick – die Arachnophobie oder Spinnenangst zählt zu den häufigen sogenannten spezifischen Phobien. Wer die achtbeinigen Krabbler besser kennenlernt, entdeckt aber, wie ästhetisch sie sind und welche erstaunlichen Fähigkeiten sie haben. Aus gleich drei Perspektiven gibt das Senckenberg-Naturmuseum jetzt Einblick in die Welt der Spinnen: mit der Präsentation lebender Tiere, mit großformatigen Fotografien sowie Installationen der zarten und gleichzeitig äußerst stabilen Spinnennetze – für die sich auch die Medizin interessiert.

 

Dr. Peter Jäger ist wissenschaftlicher Kurator und Leiter der Arachnologie im Senckenberg-Forschungsinstitut. Die arachnologische Sammlung besteht seit fast 200 Jahren und enthält Spinnentiere aus allen Kontinenten. Seit 380 Millionen Jahren gibt es Spinnen auf der Erde, und von den geschätzten mehr als 500 000 Arten sind erst etwa 46 000 bekannt.

 

Spinnen sind Jägers berufliche Passion. Auf seinen Forschungsreisen entdeckte der Arachnologe 300 neue Arten, darunter auch die größte bisher bekannte Spinne Heteropoda maxima mit einer Beinspannweite von bis zu 30 Zentimetern. Jäger teilt seine Begeisterung für Spinnen mit dem Fotografen Nicky Bay. Der aus Singapur stammende Bay macht mit dem Objektiv seiner Kamera Jagd auf die vielfältige tropische Spinnen­welt. Menschen hätten Angst vor Spinnen, weil sie sie nicht kennen und verstehen, ist Bay überzeugt. Seine Makro­aufnahmen, die nur minimal nachbearbeitet werden, zoomen Details wie feinste Härchen, Sprenkel und Kieferklauen ins Großformat, rücken das auffällige Farbspektrum in knalligem Rot oder sattem Blau ins Zentrum oder zeigen die Verwandlungskünste der Tiere, wenn sie sich als Ameisen tarnen, um ihre Beute auszutricksen. Eindrucksvoll dokumentieren die Fotos eine erstaunliche Farben- und Formenvielfalt, die immer donnerstags auch hautnah zu erleben ist, wenn Dominik Jasinski vom Projekt Araneus die Krabbler um 15 Uhr füttert. Jasinski nimmt die Tiere sogar aus den Terrarien, wenn der Besucherandrang nicht zu groß ist. 

Man darf sie dann anfassen oder sich auf die Hand setzen. Seit 1999 organisiert das Projekt Araneus Ausstellungen mit lebenden Spinnentieren. Bis heute wurden sie in 115 Museen und 13 Ländern Europas gezeigt. Neben der Wissensvermittlung ist es Ziel des Projekts, Vorurteile und Ängste gegenüber Spinnen abzubauen.

 

Feinste Fäden

Spinnen bauen aus feinsten Fäden die unterschiedlichsten Netze – vom einfachen Radnetz bis hin zum dreidimensionalen Netztunnel. Das filigrane Material, das, bezogen auf sein Gewicht, belastbarer als Stahl ist, fasziniert den Künstler Tomas Saraceno seit Jahren. Mit Jägers Unterstützung entstand bereits 2010 die naturgetreue Rekonstruktion eines dreidimensionalen Spinnennetzes der Schwarzen Witwe im Riesenformat. Kleinere, aber originale Spinnennetz-Installationen des Künstlers schweben im abgedunkelten zweiten Ausstellungsraum im Scheinwerferlicht und setzen die erstaunlichen Bauwerke der kleinen Tiere beinahe märchenhaft in Szene. Im Mittelpunkt die lebende Seidenspinne »Nephila«, die ihr Netz während der Ausstellung kontinuierlich weiterspinnt.

Spinnenseide ist ein Wunderwerk der Natur. Sie ist absolut biokompatibel, biologisch abbaubar, extrem elastisch und trotzdem reißfest. Hitze macht dem nur rund 5 Mikrometer dünnen Proteinfaden ebenso wenig zu schaffen wie Pilze und Bakterien. In Belastungstests zeigt der Spinnenfaden keine Ermüdungserscheinungen.

 

Medizinische Helfer

 

»Ihre Druckresistenz ist vergleichbar mit dem Material Kevlar, das unter anderem bei der Herstellung schusssicherer Westen Verwendung findet«, sagt Christina Liebsch von der Klinik für Plastische, Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie der Medizinischen Hochschule Hannover. Hier laufen seit mehreren Jahren erfolgreiche Projekte zum Einsatz von Spinnenseide bei durchtrennten Nervenbahnen des peripheren Nervensystems. Mediziner kennen die Vorteile der Spinnenseide schon länger. Im Labor wird sie für den biomedizinischen Einsatz getestet, etwa zur Unterstützung regenerativer Prozesse von Nerven und Haut, zur Knorpel- und Knochenrekonstruktion sowie als Material für Herniennetze und Nähte.

Spinnen in Natur und Kultur

15. Juli 2016 bis 8. Januar 2017
Informationen: www.senckenberg.de

 

Der Vortrag »Kostbare Fäden: »Spinnenseide und ihre Anwendung in der Medizin« von Christina Liebsch findet im Rahmen des Begleitprogramms am 26. Oktober 2016 statt.

Ihr »Material« erhalten die Forscher der Klinik für Plastische, Ästhetische, Hand- und Wiederherstellungschirurgie von zurzeit 60 Spinnen der Gattung Nephila clavipe, die im klinikeigenen »Spinnenlabor« ihre metergroßen Netze spannen. Zweimal wöchentlich werden die achtbeinigen Kollegen im Dienste der Wissenschaft »gemolken«. Dazu fixiert man sie – mit den Spinnendrüsen nach oben – vorsichtig auf einem Schaumstoffkissen. Sieben verschiedene Drüsen hat die Spinne, für die Wissenschaftler ist aber vor allem die sogenannte Drag-Line interessant. Der Haltefaden, an dem sich das Tier blitzschnell abseilt und wieder hochkrabbelt, ist besonders haltbar und für medizinische Zwecke gut geeignet. Rund 200 bis 500 Meter Faden können pro Tier »geerntet« und mithilfe einer speziellen Maschine aufgewickelt werden. Den Laborspinnen schadet das nicht. Sie werden dabei mit etwa zwei Jahren genauso alt wie in der Natur auch.

»Spinnenfäden der Gattung Nephila clavipe besitzen Eigenschaften, welche die Adhäsion und die Proliferation von Zellen fördern und sich somit hervorragend für das Tissue engineering von Nerven, das heißt, der Züchtung von Geweben, eignen«, sagt Professor Dr. Peter Vogt, Leiter der Klinik für Plastische, Ästhetische Hand- und Wiederherstellungschirurgie. Bei Experimenten mit Schafen entfernten die Forscher den Tieren Nervengewebe aus den Hinterläufen und setzten ein Konstrukt aus einer azellulären Vene ein, die mit Tausenden von Spinnenfäden durchzogen war. Sie entpuppten sich als hervorragendes Leitmaterial, an dem sich feine Nervenverästelungen orientieren, entlang- und wieder zusammenwachsen konnten – und das über eine Distanz von 6 Zentimetern. Bis dahin funktionierten ähnliche Venenbrücken mit zum Beispiel Muskelzellen nur über die Strecke von etwa 2 Zentimetern. Nach einem halben Jahr war der Nerv komplett wiederhergestellt, Muskeln, die sich bei Nervenverletzungen sonst zurückbilden, waren nicht atrophiert und die Tiere konnten wieder laufen. Beim Menschen wird der fantastische Faden bisher noch nicht eingesetzt. Viele behördliche Standards müssen erfüllt werden, was bei einem natürlichen Material viel Zeit und Geld kostet. »Aber es wird nicht mehr lange dauern und ist auf jeden Fall machbar«, ist Liebsch überzeugt. /

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