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Psychische Gesundheit

Die Seele raucht mit

21.07.2015
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Von Inga Richter / Rauchen begünstigt nicht nur körperliche Erkrankungen, sondern erhöht auch das Risiko, psychische Störungen zu entwickeln. Andersherum verleiten psychische Erkrankungen scheinbar zum Zigarettenkonsum. Auf lange Sicht verschlimmern sich dadurch die Symptome, eine Entwöhnung trägt zur Besserung bei. Die genauen Zusammenhänge sind noch Gegenstand der Forschung.

Rauchen fügt Ihnen und den Menschen in Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu. Wer das Rauchen aufgibt, verringert das Risiko tödlicher Herz- und Lungenerkrankungen. Raucher sterben früher. Die EU-Warnhinweise auf den Zigarettenschachteln sind umfänglich, aber längst nicht vollständig.

 

Was noch fehlt, ist beispielsweise diese Mahnung: Rauchen gefährdet Ihre seelische Gesundheit. »Zwischen Tabakkonsum und psychischen Störungen besteht eine hohe Komorbidität«, sagt Dr. Christoph Kröger, Leiter des Instituts für Therapieforschung (IFT) in München. Langzeitbeobachtungen zeigen, dass Raucher zwei- bis viermal häufiger unter Angststörungen oder Depressionen leiden als Nichtraucher. »Bei starken Rauchern ist das Vorhandensein einer psychischen Erkrankung sehr wahrscheinlich.«

 

Andersherum betrachtet finden sich unter psychisch labilen Menschen mehr Raucher als unter psychisch Gesunden. Von rund 4400 Teilnehmern der US-amerikanischen National Comorbidity Study rauchte etwa jeder Fünfte derjenigen ohne psychische Symptomatik, berichteten Professor Dr. Karen Lasser und Kollegen im Jahr 2000 im Journal »JAMA« (DOI: 10.1001/jama.284.20.2606). Im Vergleich dazu griff etwa jeder dritte Mensch mit sozialer Phobie täglich zu Zigaretten, jeder zweite mit generalisierten Angststörungen und sogar zwei von drei Patienten mit bipolaren Störungen. Auch stieg mit der Schwere der Erkrankung die Anzahl der konsumierten Zigaretten sowie deren Nicotingehalt. Ob Tabakrauch tatsächlich psychische Störungen verursacht oder mental labile Menschen eher zu selbst schädigendem Verhalten neigen, das weiß allerdings bislang niemand genau. Bei den meisten Studien würden andere möglicherweise ursächliche Faktoren nicht berücksichtigt, erklärt Kröger: »Man schaut, wer raucht und dann, wer depressiv geworden ist.«

 

Forscher des University College London hielten es etwas genauer und bezogen Faktoren wie BMI, Alter, soziökonomischen Status, Vorerkrankungen und Gesundheitsverhalten ein, um den reinen Einfluss von Tabakqualm auf die psychische Gesundheit herauszufiltern. Sie nahmen Speichelproben von 5560 rauchenden und 2595 nicht rauchenden Teilnehmern des schottischen Gesundheitssurvey (1998 und 2003) und bestimmten deren Gehalt an Serumcotinin, einem Abbauprodukt von Nicotin. Nur anhand dieser Werte und unabhängig vom Raucherstatus teilte man die Probanden in fünf Gruppen ein und ermittelte den Seelenzustand mittels des »General Health Questionnaire«.

 

Das Ergebnis überrascht nicht: »Wir fanden einen starke dosisabhängige Assoziation zwischen Nicotinexposition und psychologischem Stress«, berichteten die Wissenschaftler um Dr. Mark Hamer 2010 im Fachjournal »JAMA Psychiatry« (DOI: 10.1001/archgenpsychiatry.2010.76). Nichtraucher mit niedrigem Serumcotiningehalt waren psychisch weitaus stabiler als Raucher. Nachdenklicher stimmt die Korrelation zwischen Cotiningehalt (0,05 bis 14,99 μg/l) und psychischer Anspannung bei den Probanden, die selbst nicht rauchten aber augenscheinlich passiv belastet waren.

 

Giftige Partikel

 

Die Auflistung der im Tabakrauch enthaltenen Substanzen liest sich wie die Bestandsliste eines toxikologischen Labors. Neben Nicotin ist Acetaldehyd mengenmäßig stark vertreten, gefolgt von Blausäure, Aceton, Acrolein, Teer, Arsen und Schwermetallen, um nur einige der bis zu 4000 Inhaltsstoffe zu nennen. 

»Die genaue Rolle des Nicotins ist unklar«, sagt Kröger, die Kombination der Giftstoffe scheint wichtiger zu sein. Vom Nicotin weiß man jedoch, dass es binnen zehn Sekunden ins Gehirn gelangt und dort an die nicotinischen Acetylcholinrezeptoren andockt. In der Folge werden vermehrt Neurotransmitter ausgeschüttet, die auch mit psychischen Erkrankungen in Zusammenhang stehen: Dopamin als Schlüsselsubstanz des Belohnungssystems, Serotonin, bekannt als vermuteter Mangelstoff bei Depressionen sowie das körpereigene Opioid Endorphin.

 

Subjektiv bewirkt der Rauch gesteigerte Aufmerksamkeit und Gedächtnisleistungen, Wohlgefühl und Entspannung. Die meisten Raucher würden in jungen Jahren anfangen und somit bereits während der Entwicklungsphase ihre Gehirnfunktionen permanent mit künstlichen Zusatzstoffen labilisieren, erläutert der Psychologe. Möglicherweise, so die Theorie, verändert dieser beständige Einfluss die Rezeptoren derart, dass Betroffene auf andere Reize nicht mehr angemessen reagieren können: »Aber das ist noch weit weg davon, wirklich verstanden zu werden.«

 

Ein gestörter Haushalt der Botenstoffe könnte ebenfalls erklären, weshalb psychische Kranke häufiger tabak­abhängig sind. »Depressive rauchen, um weniger depressiv zu sein, Angstpatienten, um ihre Angst zu reduzieren«, sagt Kröger. Bewusst oder unbewusst setzen Betroffene die Nicotinwirkung womöglich als Selbstmedikation ein, um ihre Stimmung zu regulieren. Allerdings hilft das nur kurz. Einerseits wird Nicotin nach dem Ausdrücken der Zigarette schnell abgebaut, andererseits entwickelt das Gehirn bei Dauerkonsum eine Toleranz. »Wer gerade anfängt, mag die Effekte noch spüren«, so Kröger: »Süchtige bemerken davon nichts mehr.« Aufgrund der Gewöhnung versuchen Abhängige, dasselbe Gefühl durch höheren Konsum zu erreichen. Kröger spricht von einem Teufelskreis. Die kurzfristige Entspannung verkehrt sich langfristig ins Gegenteil, da die anregende Wirkung des Nicotins auf einer erhöhten Ausschüttung von Adrenalin und Cortisol beruht.

 

Evolutionsbedingt bereiten die Stresshormone den Körper auf Gefahren vor. Flucht oder Kampf, so hieß die Überlebensstrategie der frühen Menschen. Adrenalin erhöht Herzfrequenz und Blutdruck, Cortisol setzt Energiereserven frei und lässt unter anderem den Blutzuckerspiegel ansteigen. Mit jedem Zug versetzen die Hormone Körper und Geist in einen Alarmzustand: bei 20 Zigaretten immerhin etwa 200-mal täglich. Vielleicht deshalb berichten rauchende Angstpatienten von stärkeren Anfällen und Panikattacken als ihre nicht rauchenden Leidensgenossen. Nachweislich erhöht Rauchen sogar das Risiko für suizidale Gedanken und Selbstmordversuche.

 

In den diagnostischen Klassifikationssystemen DSM-IV und ICD-10 wird die Nicotin- beziehungsweise Tabakabhängigkeit als eigenständige Krankheit anerkannt. »In manchen Fällen haben psychische Erkrankungen und die Bereitschaft zu rauchen gemeinsame Wurzeln«, meint Kröger. In diesem Fall sei es egal, welches Symptom zuerst da war. Eine Störung auf biologischer, kognitiver oder sozialer Ebene könne empfängliche Menschen womöglich für verschiedene Ausprägungen prädisponieren. Ein Beispiel für diese Hypothese könnte sein, dass 50 bis 90 Prozent aller Patienten mit einer Alkohol- oder Drogenabhängigkeit ebenfalls rauchen. Die vermeintlich belohnenden Effekte potenzieren sich, allerdings auch die Risiken für die Gesundheit.

 

Der Ausstieg lohnt sich

Aus einer Sucht auszusteigen sei schwierig aufgrund der Ambivalenz dem Suchtmittel gegenüber, erklärt Kröger: »Die Therapie für Patienten mit psychischen Störungen muss aber noch intensiver und individueller ausfallen als für psychisch Gesunde.« Für Kliniken hat das IFT das Konzept »Rauchfrei nach Hause« entwickelt. Es basiert, wie andere Entwöhnungstherapien, auf medikamentöser Unterstützung durch Nicotinersatzstoffe sowie kognitivem Training in kleinsten Gruppen. Notwendig sind klare Zielvorgaben: »Wie gestalte ich mein Leben ohne Zigaretten, was tue ich, wenn das Verlangen einsetzt?« Das Deutsche Krebsforschungszentrum empfiehlt zudem, den Entzug in die Remissionsphase einer psychischen Erkrankung zu legen. Außerdem sollten sich die Patienten mit ihrem Arzt absprechen. Das plötzliche Weglassen von Nicotin kann die Symptome verstärken und auch die Wirkung der Medikamente.

 

Wie die Gemütslage auf den Verzicht von Zigaretten reagiert, zeigte eine Metaanalyse von Wissenschaftlern der University of Birmingham (DOI: 10.1136/bmj.g1151). Die Forscher um Gemma Taylor verglichen 26 Studien, in deren Rahmen die Probanden vor dem Rauchstopp sowie mehrere Wochen und schließlich Jahre danach zu ihrem mentalen Befinden befragt wurden. Auch dieses Ergebnis verwundert kaum: Es zeigten sich eindeutige Verbesserungen in Bezug auf Depressionen, Ängstlichkeit, psychologische Lebensqualität und positive Gefühle. Die Effekte waren gleich groß oder gar größer als diejenigen, die durch Anti­depressiva oder anxiolytische Medikamente erreicht werden konnten. /

Rauchen erhöht das Schizophrenie-Risiko

Christina Hohmann-Jeddi / Rauchen gefährdet die Gesundheit – auch die geistige. Denn einer Metaanalyse zufolge haben Zigarettenraucher ein erhöhtes Risiko, eine Schizophrenie zu entwickeln und zwar in jungen Jahren.

 

Das berichten Forscher um Dr. James MacCabe vom King’s College in London im Fachjournal »The Lancet Psychiatry« (DOI: 10.1016/S2215-0366(15)00152-2). Dass ein Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und Psychosen besteht, ist schon länger bekannt. So rauchen Betroffene häufiger und mehr als die Durchschnittsbevölkerung. Ob Rauchen die Entstehung von Psychosen auch begünstigt, untersuchten nun MacCabe und sein Team: Hierfür werteten sie die Daten von 61 Studien mit fast 300 000 Teilnehmern aus, von denen etwa 15 000 rauchten.

 

Die Analyse zeigte, dass zum Zeitpunkt der ersten klinischen Schizophrenie-Episode 57 Prozent der Betroffenen rauchten. In Fall-Kontroll-Studien hatten Raucher gegenüber Nichtrauchern ein dreifach höheres Erkrankungsrisiko (Odds Ratio: 3,22). Hier gebe es aber Hinweise auf einen Publikations-Bias (eine Verzerrung der Ergebnisse durch eine unausgewogene Veröffentlichungspraxis). In prospektiven Studien lag das Schizophrenie-Risiko bei Rauchern doppelt so hoch wie bei Nichtrauchern. Das Odds Ratio betrug 2,18. Zudem zeigte sich, dass Personen, die täglich rauchen, im Durchschnitt etwa ein Jahr früher erkranken als Abstinente.

 

Ein ursächlicher Zusammenhang zwischen Tabakkonsum und einer Schizophrenie-Erkrankung ist durch diese Studie nicht belegt. Hier sei weitere Forschung nötig, schreiben die Wissenschaftler. Allerdings ist ein ursächlicher Zusammenhang aus pathophysiologischer Sicht nicht unwahrscheinlich, da es Hinweise darauf gibt, dass Tabakrauch die Aktivität von Risikogenen beeinflusst und außerdem die Freisetzung von Dopamin im Gehirn verstärkt. Eine Überaktivität von dopaminergen Arealen wird mit Schizophrenie in Verbindung gebracht. /

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