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Sildenafil

Zum Preis von einem Glas Bier

23.07.2014
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Von Thomas Glöckner / Seit dem Patentablauf für den Wirkstoff Sildenafil bricht der Umsatz mit Viagra® ein. Immer mehr Generika unterstützen den Mann und dessen bestes Stück.

Das dicke Minus stand verschämt in Klammern. Als der weltgrößte Pharmakonzern Pfizer seine Zahlen für das erste Quartal 2014 präsentierte, stand hinter Viagra ein Minus von 19 Prozent. Statt 461 Millionen Dollar wie im Vorjahr hatte der US-Pharmariese mit seinem Potenzmittel nur noch 374 Millionen Dollar umgesetzt. Damit stürzt das Geschäft mit der rautenförmigen blauen Pille immer schneller ab. 2013 hatte Pfizer mit Viagra noch 1,9 Milliarden Dollar erlöst. Das waren bereits 8 Prozent weniger als 2012, als Viagra mit 2,1 Milliarden Dollar einen Umsatzrekord feierte.

Viagra »hat die Behandlung der Erektionsstörung quasi revolutioniert«, bestätigt Wolfgang Bühmann, Sprecher des Berufsverbands der Deutschen Urologen. Bis 1998 konnten sich Männer mit mangelhaftem Stehvermögen allenfalls ein erektionsförderndes Medikament in den Schwellkörper spritzen lassen, ein Gel in die Harnröhre einführen – oder sie nahmen gleich eine Vakuum-Erektionshilfe zur Hand.

 

1,8 Milliarden Tabletten

 

Der Wirkstoff Sildenafil, ein Phosphodiesterase-5-Hemmer (PDE-5-Hemmer), führt über eine Entspannung der Muskulatur zu einer stärkeren arteriellen Durchblutung des Penis. Das begünstigt bei sexueller Stimulation eine Erektion. »Die Einnahme einer Tablette ist wesentlich einfacher und anwenderfreundlicher als Injektionen oder mechanische Manipulationen«, erläutert Bühmann. Seit der Markteinführung von Viagra 1998 haben die Amerikaner weltweit mehr als 1,8 Milliarden Tabletten an mehr als 37 Millionen Männer verkauft.

 

Der Bedarf für Mittel gegen Erektile Dysfunktion (ED), bei der Männern keine ausreichende Erektion für befriedigenden Geschlechtsverkehr gelingt, ist hoch. Allein in Deutschland sind rund sieben Millionen Männer von ED betroffen, schätzt der BDU. Längst nicht alle suchen einen Urologen auf. Und »durchschnittlich trägt ein Mann das Problem drei Jahre mit sich herum, bevor er ärztliche Hilfe in Anspruch nimmt«, berichtet Bühmann.

 

Ein Jahr nachdem das Patent für Viagra im Juni 2013 in den meisten europäischen Märkten ausgelaufen ist, setzen Nachahmerprodukte dem Original massiv zu. Statt 400 Millionen Dollar wie noch 2011 spielte Viagra in Europa 2013 nur noch rund 265 Millionen Dollar ein. Ein Vergleich des Marktforschungsunternehmens IMS Health für Viagra und rund zwei Dutzend Generika bestätigt diesen Trend auch für den deutschen Apotheken- und Versandhandelsmarkt. Zwischen Juni 2013 und März 2014 ist der Umsatz für das Originalmedikament um fast 80 Prozent auf rund 640 000 Euro pro Monat geschrumpft. Generika hingegen haben in dieser Zeit ihren Umsatz auf etwa 4,2 Millionen Euro fast verfünffachen können.

 

Generika attackieren Levitra

 

Der Erfolg der Nachahmerpräparate beeinträchtigt offenbar auch das Geschäft mit noch patentgeschützten Viagra-Konkurrenten. So spürt der Leverkusener Pharma- und Chemiekonzern Bayer Einbußen bei Levitra®. Den Wirkstoff Vardenafil bewirbt der Hersteller mit dessen schneller Wirkung. Dennoch: Nachdem der Umsatz mit der Potenzpille schon 2013 um 5,5 Prozent auf 290 Millionen Euro geschrumpft war, landeten im ersten Quartal 2014 (62 Millionen Euro) sogar fast neun Prozent weniger in der Konzernkasse. Einen Grund sieht eine Konzernsprecherin im »generischen Wettbewerb«.

 

Am Geschäft mit Sildenafil-Präparaten gegen ED, das laut IMS Health allein im ersten Quartal 2014 welt-weit ein Volumen von rund 2 Milliarden Euro hatte, wollen möglichst viele Anbieter verdienen. Teva Deutschland, das den Gesamtmarkt für die Indikation ED in Deutschland auf rund 33 Millionen Euro schätzt, strebt mit seinem Produkt Sildenafil ratiopharm® nach Auskunft eines Sprechers bis 2015 die Marktführerschaft an.

 

Lieber Kino als Sex

 

Der Stada-Konzern hat sich gleich mit drei Produkten auf das Viagra-Geschäft gestürzt und stellt nach Auskunft einer Sprecherin fest, dass die Preise für Sildenafil-Generika »zum Teil um mehr als 75 Prozent unter denen des Originalproduktes« liegen.

 

Das kommt dem deutschen Mann offenbar entgegen. Die Behandlungsmöglichkeiten für ED haben sich seit dem Patentablauf für Viagra nicht geändert. Dennoch »hat sich die Zahl der gewünschten Verordnungen verdreifacht«, wundert sich Bühmann. »Offensichtlich sind Männer nicht generell bereit, für einen zufriedenstellenden Geschlechtsverkehr etwa die gleiche Summe aufzuwenden wie für eine Kinokarte«, rechnet der Urologe mit Verweis auf den Originalpreis von Viagra (12 bis 14 Euro pro Tablette) vor. Akzeptabel sei mit einem Generikapreis für 100 mg Sildenafil (2,50 Euro pro Tablette) allenfalls »der Gegenwert eines Glases Bier in einem gastronomischen Betrieb«. /

Der Schwarzmarkt boomt

Daniela Biermann / In den Niederlanden finden sich bei Weitem mehr Reste und Abbauprodukte des Potenzmittels Sildenafil im Abwasser, als es nach offiziellen Verschreibungszahlen möglich wäre. Niederländische Forscher schließen daraus auf einen florierenden illegalen Internethandel mit Viagra® und seinen Generika.

 

Die Forscher um Bastiaan J. Venhuis nahmen Proben in den Kläranlagen von Amsterdam, Eindhoven und Utrecht und maßen die Konzentrationen von Sildenafil und zwei seiner Metabolite. Die ermittelten Mengen setzten sie mit den Abgabemengen des entsprechenden Zeitraums in Beziehung. Das Ergebnis: 60 Prozent höhere Mengen im Abwasser als zu erwarten, schreiben die Forscher vom Nationalen Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt im »British Medical Journal« (doi: 10.1136/bmj.g4317). Sie werten das als Erfolg illegaler Internet­apotheken. Zahlen aus deutschen Klärwerken liegen nicht vor. /

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