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Demenzpatienten

Wie die Kommunikation gelingt

27.07.2010
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Von Brigitte M. Gensthaler / Demenzpatienten brauchen viel Aufmerksamkeit und Zuwendung. Dies gilt auch für das Beratungsgespräch in der Apotheke. Klare Ausdrücke, einfache Botschaften, unterstreichende Gestik und Mimik helfen ihnen, das Gesagte zu verstehen.

Ein geglücktes Gespräch, auch wenn nicht viel gesprochen wurde, macht zufrieden. Dies gilt für alle Beteiligten: den Kunden ebenso wie den Apotheker und sein Team. Wer im Umgang mit Demenzpatienten einige Regeln beherzigt, trägt viel dazu bei, dass die Kommunikation gelingt und Kunden und Patienten sich in der Apotheke wohl fühlen.

Dr. Herbert Mück, Facharzt für psycho­so­ma­tische Medizin in Köln, gibt in seinem Demenz-Ratgeber viele Tipps, die für Angehörige und Pflegende, aber auch Heilberufler nützlich sind. Man könne nicht mit jedem Demenzpatienten in gleicher Weise kommunizieren, meint der Arzt und empfiehlt, sich am Krankheitsstadium zu orientieren. Wichtig sei, nicht enttäuscht, verärgert oder aggressiv zu reagieren, wenn das Gespräch misslingt.

 

Kurze Sätze, klare Botschaft

 

Menschen mit leichter Demenz kommen oft noch selbst in die Apotheke, um ihre Medikamente zu besorgen. Hilfreich ist es, sie mit Namen zu begrüßen, dann eine kleine Pause einzulegen und in einfachen klaren Sätzen zu sprechen. Eindeutige Mitteilungen kommen besser an als abstrakte Begriffe, Wenn-dann-Sätze und viele verschiedene Vokabeln. »Babysprache« oder gebrochenes Deutsch sind fehl am Platz. Wenn ein Demenzpatient nicht reagiert, sollte man den Satz oder die Frage geduldig und freundlich in möglichst gleichem Wortlaut wiederholen, empfiehlt Mück. Die Patienten brauchen mehr als andere Patienten Zeit, um Informationen zu verarbeiten. Wenn der Berater ständig neue Begriffe »nachschiebt«, trage dies eher zur Verwirrung als zur Verständigung bei.

 

Bei langjährigen Kunden kennt der Apotheker oftmals persönliche Reizworte, zum Beispiel »Geld« oder »Krankenhaus«, und kann diese im Gespräch vermeiden. Auch Wörter wie »nie«, »nein« oder »trotzdem« lösen leicht Widerspruch aus oder werden nicht richtig verstanden. Verbote sind tabu, denn Demenzpatienten stoßen häufig an Grenzen und Zurückweisungen und empfinden dies auch so. Mück rät, Alternativen vorzuschlagen, unter denen der Patient wählen kann. Dies vermittle ein Gefühl von Freiheit und Wichtigkeit und helfe über ein »Nein« hinweg.

 

Notwendige Informationen, zum Beispiel zur Arzneimitteleinnahme, sollte man mehrmals ins Gespräch einfließen lassen, anstatt sie wie in einem Quiz abzufragen. Auch die Wortwahl ist wichtig: »Rosa Pillen« können sich viele Senioren besser merken als »pinkfarbene Oblongtabletten«. In der Selbstmedikation muss man die Kunden oft zum Reden ermuntern, da viele mit nachlassender Gedächtnisleistung einsilbig werden. Wichtig ist es dann, ihnen Zeit zum Antworten zu lassen und nicht zu drängeln.

 

»Sprechen Sie in lauten Situationen bewusst leise«, rät der Arzt. Dies verringere Aufregung und Nervosität auf beiden Seiten; lautes Sprechen dagegen verwirre unnötig. Voraussetzung ist natürlich, dass der Patient gut hört. Ein Blick auf die Ohren, ob eventuell ein Hörgerät getragen wird, hilft weiter. Es ist kein Problem, den Patienten zu fragen, auf welchem Ohr er besser hört, und dieses dann zu nutzen.

 

Mit dem Körper sprechen

 

Körpersprache, Mimik und Gestik werden immer wichtiger, wenn die Demenz voranschreitet. Die verbalen und nonverbalen Botschaften müssen übereinstimmen, denn die Patienten spüren eine Diskrepanz sehr deutlich. Ein Beispiel: Die Begrüßung »Schön, Sie wiederzusehen« kann Verwirrung auslösen, wenn der Körper des Sprechers zugleich Hektik, Ärger oder Desinte­resse signalisiert. Ebenso erkennen Demenzpatienten Angst und Frustration im Gesicht des anderen.

Weil Blickkontakt und Mimik so wichtig sind, sollte der Berater während des Gesprächs nicht weggehen oder sich abwenden. Wer etwas holen möchte, kann dies ankündigen: »Ich hole jetzt Ihr Medikament und komme gleich zu Ihnen zurück«. Eindeutige Gesten können das Gesagte wirkungsvoll unterstreichen. Nie dürfe man über den Kopf des Patienten hinweg mit einer anderen Person sprechen oder heimlich Zeichen machen, betont Mück. Dies sei entwürdigend.

 

Patienten mit mittelschwerer Demenz vergessen manchmal im Laufe des Gesprächs, wer vor ihnen steht. »Haben Sie keine Scheu, sich mehrmals vorzustellen«, rät der Arzt in diesem Fall. Er empfiehlt ferner, auf Negativformulierungen zu verzichten, da Worte wie »nein« oder »niemand« leicht überhört werden. Statt »niemand will Ihnen wehtun« versteht der Kranke möglicherweise nur »wehtun«. Klarheit schafft auch das Wörtchen »ich« statt »man«. Wenn der Apotheker sagt, »ich rate Ihnen, gleich zum Arzt zu gehen«, ist dies eindringlicher als »man muss . . .«.

 

Gesten regen zum Nachahmen an

 

Patienten mit schwerer Demenz kommen selten selbst und wenn, dann in Begleitung in die Apotheke. Sich diesen Patienten von vorne nähern, sie erst ansprechen, wenn sie das Gegenüber gesehen haben, Augenkontakt halten, eventuell die Hand berühren oder nehmen – diese einfachen Regeln sind laut Mück sehr hilfreich für eine gute Kommunikation. Gesten regen zum Nachahmen an. Diesen Tipp können Apothekenmitarbeiter an Betreuer weitergeben: Sie können den Nachahmungseffekt nutzen, wenn sie dem Kranken beispielsweise das Tablettenschlucken, Trinken oder Eincremen vormachen.

 

Ein wichtiges Element in der Kommunikation sind auch Berührungen, betont Mück. Dass Berührung und »Begreifen« Sicherheit vermitteln, kann jeder selbst erproben, wenn er sich im Dunkeln auf einen Stuhl setzt und vorher nach der Sitzfläche tastet. Körperkontakt vermittelt jedem Menschen ein Gefühl von »Wirklichkeit« und Eingebundensein. Selbstverständlich haben auch demenzkranke Menschen individuelle körperliche Tabuzonen, die es zu respektieren gilt: Während der eine ein leichtes Schulterklopfen als aufmunternde Geste empfindet, ist dies für den anderen ungehörig.

 

Die größten Chancen, verstanden zu werden, haben Apothekenmitarbeiter mit einer einfachen klaren Sprache, unterstützt durch eindeutige Gesten und Mimik. Eine entspannte Körperhaltung vermittelt Ruhe. Manchmal erreicht man den Kranken besser über vertraute Familienangehörige, die als »Dolmetscher« fungieren, manchmal hilft ein aus der Kindheit vertrauter Dialekt.

 

Viele Demenzpatienten verstummen im Laufe ihrer Erkrankung. Nicht selten verstummen dann auch die Angehörigen und Betreuer. Darauf sollte man in der Apotheke achten und das Schweigen nicht fehldeuten. Gerade Angehörige von Demenzpatienten sind oft dankbar, wenn sie zum Gespräch ermuntert werden und über Sorgen, Erlebnisse und Erfahrungen berichten dürfen. /

Quelle:

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Mück, H.: Demenz-Ratgeber unter www.demenz-ratgeber.de

 

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