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Der pharmazeutische Süßigkeitenladen der Schurkenapotheken

22.07.2008  16:42 Uhr

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Der pharmazeutische Süßigkeitenladen der Schurkenapotheken

Von Daniel Rücker

 

Der Versandhandel mit Arzneimitteln über das Internet bereitet nicht nur den Deutschen Probleme. Noch schlimmer sieht es in den USA aus. Selbst bei Betäubungsmitteln legen nur die wenigsten Internetapotheken Wert auf ein Rezept.

 

Einmal im Jahr untersucht das National Center on Addiction and Substance Abuse (CASA) an der Universität von Columbia, wie es um die Seriosität von Internetapotheken bestellt ist. Beim Start im Jahr 2004 war das Ergebnis verheerend und bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Von 159\ Internet-Apotheken liefern 85 Prozent verschreibungspflichtige Arzneimittel ohne Rezept. Das gilt sogar für Betäubungsmittel. Die meisten schert es auch nicht, ob der Besteller ein Kind ist.

 

Für ihre Untersuchung haben die Tester von CASA das Satzfragment »buy ...  without presciption« in verschiedene Suchmaschinen eingegeben. Gesucht wurde nach Betäubungsmitteln, unter anderem Kodein, Fentanyl, Benzodiazepinen, Barbituraten und Methylphenidat. Insgesamt warfen die drei Suchmaschinen 206 Werbe-Sites und 159 Verkaufs-Sites für diese Medikamente aus. Davon lieferten 85 Prozent die Ware ohne Rezept. Von den anderen begnügte sich die Hälfte mit einem gefaxten Rezept.

 

Der schlichte Zugang zu Betäubungsmitteln spiegelt sich auch in der Zahl BtM-Missbraucher wider. Deren Zahl stieg in den USA von 7,8 Millionen im Jahr 1992 auf 15,1 Millionen im Jahr 2003 und sogar 15,8 Millionen im Jahr 2006. Damit konsumierten deutlich mehr Amerikaner illegal Betäubungsmittel als illegale Drogen wie Kokain, Heroin oder Halluzinogene.

 

Besonders dramatisch entwickelt habe sich die Lage bei Teenagern zwischen 12 und 17 Jahren. Im Jahr 2006 hatten 8,5 Prozent Betäubungsmittel missbraucht. Die Präferenz für Betäubungsmittel wundert die Tester nicht. Schließlich seien sie viel besser verfügbar als illegale Drogen. Ihr Fazit: »Das Internet ist ein pharmazeutischer Süßigkeitenladen.« »Schurkenapotheken im In- und Ausland« hätten einen neuen Weg geschaffen, auf dem sich skrupellose Anwender und Käufer verschreibungspflichtige Arzneimittel zu verbotenen Zwecken besorgen können.

 

Für die deutschen Apotheker sind diese Ergebnisse ein weiteres Indiz dafür, dass der Arzneimittel-Versandhandel nicht ausreichend kontrolliert werden kann. »Die Studie zeigt, dass im Internet verschreibungspflichtige Medikamente ohne Rücksicht auf Suchtgefahr oder Nebenwirkungen verramscht werden. Das Verbot des Versandhandels mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln wäre ein wichtiger Schritt in Richtung Verbraucherschutz«, kommentierte Magdalene Linz, Präsidentin der Bundesapothekerkammer.

 

Eine solch weitgehende Konsequenz ist für die wirtschaftsliberalen Amerikaner freilich nicht denkbar. Immerhin sind sich aber auch die Wissenschaftler von CASA einig, dass der Vertriebsweg besser kontrolliert werden muss. Angesichts des niedrigen Niveaus, auf dem dies zurzeit in den USA geschieht, ist dies allerdings schon fast eine Binsenweisheit. So geht es im Moment noch darum, dass nach einem Entscheid des Senats vom April der Verkauf von verschreibungspflichtigen Arzneimitteln ohne Rezept über das Internet verboten werden soll.

 

Um die Verbraucher zu schützen, hat die National Association of Boards of Pharmacy das Zertifikat Verified Internet Pharmacysite (VIPPS) eingeführt. Die Zertifizierung ist freiwillig und teuer. Sie kostet 5000 bis 8000 Dollar und 1000 bis 4000 Dollar für die jährliche Rezertifizierung. Entsprechend gering ist bislang die Resonanz. Nach Angaben von CASA gibt es zurzeit 15 zertifizierte Internetapotheken.

 

Der Nutzen eines Zertifikates ist zweifelhaft. Wie CASA festgestellt hat, schmücken sich viele Internetapotheken mit erfundenen Gütesiegeln, etwa von der erfundenen Amerikanischen Drug Administration. Wer auf die Fälschung hereinfällt, der kennt nicht das echte Siegel. Damit ist auch dieses von beschränktem Wert.

 

Eine Mitschuld an dem Dilemma tragen nach Überzeugung von CASA auch die Internet-Suchmaschinen. Google, Yahoo und MSN/Windows LifeSearch erzeugten bei der Suche nach Betäubungsmitteln ohne Rezept zumindest auf ihren US-amerikanischen Websites nicht nur eine dynamische Trefferliste, sie werben angeblich auch mit bezahlten Links für die Bezugsquellen. Immerhin haben die Suchmaschinen Besserung gelobt.

 

Vielleicht kommen die Bemühungen für mehr Verbraucherschutz in den USA aber ohnehin bald zu spät. Wie CASA herausfand gibt es mittlerweile einen neuen Trend: Websites stellen kein Onlinerezept für eine Internetapotheke aus, sondern beauftragen einen Online-Arzt, der ein Rezept direkt an eine echte Apotheke am Wohnort des Bestellers schickt.

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