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Zecken

Seltene Arten übertragen seltene Krankheiten

21.07.2006
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Zecken

Seltene Arten übertragen seltene Krankheiten

von Thomas F. Voigt, Laudenbach

 

Beim Thema Zecken geht es in Deutschland primär um Ixodes ricinus, FSME und Borreliose. Doch noch eine ganze Reihe weiterer, exotischer Arten kommt hier zu Lande vor. Sie übertragen seltene Infektionskrankheiten wie Q-Fieber oder Hundemalaria.

 

Zecken lassen sich nach ihrer Morphologie und Biologie in zwei Familien, die Lederzecken (Argasidae) und die Schildzecken (Ixodidae) unterscheiden. Lederzecken, zu denen fünf Gattungen mit zurzeit 140 bis 170 Arten zählen, sind auf die Tropen und Subtropen beschränkt. Eine Ausnahme macht hier die Taubenzecke, die auch in Mitteleuropa auftreten kann. Schildzecken werden in 19 Gattungen mit etwa 650 Arten unterteilt und sind im Freiland weltweit verbreitet.

 

Die Schafzecke

 

Die Schafzecke (Dermacentor marginatus) ist nahezu in ganz Europa einschließlich Deutschland verbreitet. Die mit einer Größe von 5 bis 16 mm relativ große Zeckenart tritt vornehmlich im Umfeld von Schafen auf. Sie bevorzugt buschige Weiden und Steppen, kann sekundär aber auch in Laubwäldern leben. Optimale Entwicklungsmöglichkeiten findet Dermacentor marginatus in Landstrichen mit weniger als 650 mm mittleren jährlichen Niederschlägen. In den wärmeren Gebieten Europas zählt sie neben Ixodes ricinus zu den häufigsten Zeckenarten. Sie ist dennoch relativ kältetolerant und kann bereits zur Schneeschmelze im Spätwinter auftreten.

 

Larven und Nymphen der Schafzecke parasitieren an kleinen Säugern. Adulte Tiere findet man bei Schafen am Hinterkopf, Hals und an der Rückenpartie. Diese sind an der deutlichen Verfärbung der Wolle durch den bluthaltigen Zeckenkot zu erkennen. Neben Schafen werden aber auch Ziegen, Rinder, Rotwild, Hunde und Menschen befallen. Hunde verschleppen die Parasiten häufig ins menschliche Umfeld. Dermacentor marginatus ist unter anderem Überträger von Rickettsien bei Mensch und Tier und ist häufig mit das Reservoir für Coxiella burnetii, dem Erreger des Q-Fiebers. Eine Q-Fieber-Infektion kann beim Menschen sogar aerogen durch kontaminierten Zeckenkotstaub erfolgen.

 

Die Auwaldzecke

 

Die Auwaldzecke (Dermacentor reticulatus), ebenfalls in Europa einschließlich Deutschland verbreitet, zählt mit einer Größe von 5 bis 16 mm auch zu den größeren Zeckenarten. Charakteristisch ist das kleine weiße Schild mit dunklen Flecken, das beim Weibchen den vorderen Teil des Rückens bedeckt und beim Männchen den ganzen Rücken. Als Lebensraum bevorzugt die Spezies im Gegensatz zur Schafzecke feuchte Gebiete wie Auwälder, Moore, Marschland und feuchte Wiesen. Die Larven und Nymphen parasitieren an Waldmäusen und anderen Kleinnagern, während die adulten Stadien bei Rehen, Wildschweinen, Füchsen, Pferden, Hunden und Menschen auftreten.

 

Die Auwaldzecke hat einen konstanten jährlichen Zyklus. Im Frühjahr sind die adulten Stadien aktiv, im Sommer die Larven und Nymphen. Laut Angaben der Freien Universität Berlin hat sich die Auwaldzecke in den letzten Jahren in Deutschland stark vermehrt und ausgebreitet. Gefürchtet ist diese Zeckenart vor allem bei Hundehaltern, da sie unter anderem Überträger von Protozoen ist, die Hundemalaria hervorrufen.

 

Die Braune Hundezecke

 

Die Braune Hundezecke (Rhipicephalus sanguineus) ist in Südeuropa im Mittelmeerraum beheimatet. Sie hat einen rotbraunen, birnenförmigen Körper und erreicht eine Größe bis zu 11 mm. Nach Nord- und Mitteleuropa ist sie durch Hunde eingeschleppt worden, die sich im Urlaubsland infiziert hatten. Da diese Art an Trockenheit gewöhnt ist, kann sie sich im kalten Klima von Deutschland nur in Wohnungen etablieren und entwickeln. Durch die sehr hohe Vermehrungsrate (2000 bis 5000 Eier pro Weibchen) kommt es bei Rhipicephalus sanguineus im menschlichen Umfeld sehr schnell zu Massenpopulationen.

 

Hauptwirt dieser Zeckenart ist der Hund, dennoch werden im Freiland auch Schwein, Rind, Ziege, Hase, Kaninchen und wild lebende Kleinsäuger befallen. Hat sich diese Zeckenart erst einmal in der Wohnung oder einem Hundezwinger etabliert, wird neben dem Hund auch der Mensch als Wirt genutzt. Mit dem Entfernen der Zecke ist es bei der Braunen Hundezecke nicht getan, zwangsläufig ist auch das Umfeld zu behandeln, um die gesamte Population zu vernichten. Die Belästigung des Hundes oder des Menschen ist, wegen des massenhaften Auftretens, meist weitaus stärker ausgeprägt als bei Ixodes ricinus. Bei Hunden führt ein Befall neben verschiedenen Infektionskrankheiten nicht selten auch zur Anämie, da ein adultes Weibchen pro Saugakt 0,55 ml Blut saugt.

 

Die Taubenzecke

 

Die Taubenzecke (Argas reflexus) ist in Südeuropa beheimatet und wurde wahrscheinlich durch Zugvögel nach Nord- und Mitteleuropa verschleppt. In unseren Breiten kann sie allerdings nur in Gebäuden überleben. Sie ist häufig im Umfeld von verwilderten Haustauben zu finden, hat einen ovalen Körper und erreicht eine Größe bis zu 11 mm. Bedingungen wie extrem niedrige Luftfeuchtigkeit mit Temperaturen von mehr als 45° Celsius überstehen sie ebenso schadlos wie hohe Luftfeuchtigkeit mit Minustemperaturen von mehr als -10° Celsius.

 

Problematisch für den Mensch wird die Taubenzecke immer dann, wenn Geflügel als Wirt nicht mehr zur Verfügung steht. Häufig ist dies bei sanierten Altbauten der Fall, die zuvor von Tauben besiedelt waren. Die Zecken überleben den Umbau in Mauerfugen und -ritzen und attackieren dann bei der nächtlichen Nahrungssuche den Menschen. Die Parasiten überleben allerdings auch jahrelange Hungerperioden.

 

Mehr als Borreliose und FSME

 

Neben den in unseren Breiten relativ bekannten Erkrankungen wie Lyme-Borreliose und FSME ist das weltweit durch Zecken bedingte Krankheitspotenzial extrem hoch. Auch in Europa breiten sich verschiedene durch Bakterien, Viren und Protozoen verursachte Infektionskrankheiten, wie die Bundesinstitute melden, stark aus.

 

Rickettsiosen

 

Rickettsien sind obligat intrazellulär lebende Bakterien, die beim Menschen eine ganze Reihe von Erkrankungen wie Rocky-Mountain-Fleckfieber, Zeckenbissfieber, Colorado-Zeckenfieber sowie Fleckfieber hervorrufen. Die Kokken befallen Endothelzellen von kleinen Blutgefäßen verschiedener Organe und verursachen dadurch eine Vaskulitis. Darüber hinaus tritt sehr häufig auch eine Lymphadenitis auf, und schwere Verläufe können auch zu einer Enzephalitis sowie zu ausgeprägten Hautschädigungen mit Nekrosen führen. Die häufigste Rickettsiose ist das durch Coxiella burnetii verursachte Q-Fieber. Nach einer Inkubationszeit von zwei bis drei Wochen beginnt die Erkrankung mit Temperaturanstieg, grippeähnlichen Symptomen, Kopfschmerzen und Husten. Meist entwickeln die Patienten auch eine atypische Pneumonie.

 

Die Erreger werden meist durch Dermacentor marginatus, zum Teil aber auch aerogen ohne Zeckenkontakt übertragen. Coxiella burnetii ist weltweit verbreitet, kommt aber in Gegenden mit hohem Schafbestand häufiger vor. In den vergangenen Jahren waren insbesondere süddeutsche Landstriche betroffen, so 1998 in Freiburg mit 120 Erkrankten, 1999 auf der Schwäbischen Alb bei Rottweil mit 200 erkrankten Personen und in 2005 bei Jena mit 300 Fällen. Neben Zecken können Rickettsiosen aber auch durch Flöhe, Läuse und Milben verursacht werden.

 

Ehrlichiosen

 

Ehrlichen sind kleine, obligat intrazellulär lebende, gram-negative Bakterien, die wie die Rickettsien zur Familie der Rickettsiaceaen gehören. Einige leben nur in Granulozyten, andere nur in Monozyten. Daher wird die so genannte humane monozytäre Ehrlichiose (HME) von der humanen granulozytären Ehrlichiose (HGE) unterschieden, die vor allem durch Ixodes-Zecken übertragen wird.

 

Die granulozytäre Form beginnt nach einer etwa zweiwöchigen Inkubationszeit abrupt mit hohem Fieber, starken Kopfschmerzen, Unwohlsein, Frösteln, Übelkeit, Muskelschmerzen und Gelenkbeschwerden. Die Erkrankung verläuft in der Regel mild, in 2 bis 5 Prozent der Fälle endet sie aber tödlich. Die Erreger der monozytären Ehrlichiose, Ehrlichia chaffeensis, werden durch Amblyomma- und Dermacentor-Spezies übertragen. Die Erkrankung setzt nach etwa sieben bis zehn Tagen mit unspezifischen grippalen Symptomen, Fieber, Abgeschlagenheit, abdominellen Schmerzen, Hautausschlag, Diarrhö und Myalgien ein.

 

Die Zecken bleiben, wenn sie den Erreger beim Saugakt aufgenommen haben, über verschiedene Stadien hinweg infiziert. Da die Ehrlichien in den Speicheldrüsen der Zecken persistieren, werden diese bei der nächsten Blutmahlzeit an den Wirt weitergegeben. Infiziert eine Zecke den Menschen mir Ehrlichia und Borreliose gleichzeitig, verläuft die Borreliose wesentlich schwerer. An eine Coinfektion mit Ehrlichia muss auch gedacht werden, wenn die Borreliose-Therapie nicht anspricht.

 

Die HGE wurde 1994 erstmals in den USA beschrieben und tritt dort mit 100 Fällen jährlich auf. Einzelfälle in Europa sind in Schweden, Slowenien und England beobachtet worden. Seroepidemiologische Studien bei Menschen und der Nachweis des Erregers in Zecken zeigen, dass diese Bakterien auch in der Schweiz und Deutschland vorkommen. Hier zu Lande sind etwa 4 Prozent der Zecken infiziert Der Erreger der HME, der 1991 isoliert wurde, ist in den USA beheimatet. In Deutschland tritt er nicht auf.

 

Babesiosen

 

Babesien sind in Erythrozyten parasitierende, durch Zecken übertragene Einzeller, die einen ähnlichen Lebenszyklus wie Malaria-Plasmodien aufweisen. Seit 1888 sind diese Erreger im veterinärmedizinischen Bereich bekannt und traten in der Vergangenheit bereits bei Rindern, Schafen, Ziegen, Pferden, Eseln, Schweinen, Hunden und Katzen auf. In jüngster Vergangenheit steigt die Zahl der Babesiose-Erkrankungen bei Hunden (Hundemalaria) an. Bis vor wenigen Jahren war sie bei uns fast ausschließlich als Reisekrankheit bekannt. Allein in Deutschland sind aber im letzten Jahr mehr als 500 Hunde an der von Auwaldzecken übertragenen Infektion mit Babesia canis erkrankt. Die Tiere leiden an hohem Fieber, Anämie und Gelbsucht. Für die humanpathogene Form der Babesiose ist der Erreger Babesia divergens verantwortlich. Dieser wird hauptsächlich durch Ixodes-Arten übertragen.

 

Infizierte Zecken haben sich mittlerweile über fast ganz Deutschland ausgebreitet und stellen so für Mensch und Tier ein hohes Risiko dar. Die erste Erkrankung beim Menschen mit tödlichem Verlauf trat 1957 auf. Seither sind in Europa etwa 30 Fälle von Babesiose mit schweren Verlaufsformen und einer Letalität von 50 Prozent dokumentiert worden. Die meisten Erkrankungen betrafen Menschen, deren Milz entfernt wurde. Bei intakter Milz sind Menschen in der Regel resistent gegen Babesien. In den USA traten allerdings schwere Verläufe bei Patienten auch mit intakter Milz auf.

 

Allergische Reaktionen

 

Der Stich einer Taubenzecke kann beim Menschen allergische Reaktionen vom Soforttyp hervorrufen. Diese treten als generalisierte Urtikaria (Nesselausschlag), Quincke-Ödem (schmerzende Schwellung im Unterhautgewebe) oder als Urtikaria-Angioödem-Syndrom, zum Teil mit Diarrhöen, auf. Urtikaria oder Ödem erscheinen aber, egal wo Argas reflexus gestochen hat, am ausgeprägtesten an Kopf und Hals. Folge sind dann vielfach Atemnot, Kreislaufbeschwerden, Herzrhythmusstörungen und anaphylaktischer Schock.

 

Außerdem können viele Dermacentor-, Ixodes- und Haemaphysalis-Arten Zeckenparalyse verursachen. Ein von weiblichen Zecken in der Speicheldrüse produziertes Neurotoxin blockiert beim Stich die Ausschüttung von Acetylcholin an der motorischen Endplatte, was bei Mensch und Tier zu einer aufsteigenden Lähmung führt. Die Zeckenparalyse ist zwar selten, verläuft aber in etwa 10 Prozent der Fälle tödlich. Gefährlich ist es vor allem dann, wenn der Zeckenstich am Hinterkopf und in der Nähe der Wirbelsäule erfolgt, wenn die korrekte Diagnose verpasst und die Zecke nicht rechtzeitig entfernt wurde.

 

Kein Stich, keine Infektion

 

Gegen viele von Zecken übertragene Erkrankungen gibt es weder einen Impfstoff noch eine spezifische medikamentöse Therapie. In der Regel werden Antibiotika verabreicht, die aber auch häufig nur die Symptome lindern, ohne kurativ zu wirken. Eine Bekämpfung von Zecken ist außer bei der Taubenzecke nicht möglich. Ein weiteres Problem stellt bei Mensch und Tier die korrekte Diagnose der seltenen Erkrankungen dar, sodass auf eine Krankheit erst relativ spät reagiert werden kann. Vor diesem Hintergrund gewinnt sowohl in der Human- als auch in der Veterinärmedizin die Expositionsprohylaxe mit Repellentien zunehmend an Bedeutung. Dies sind in der Apotheke in unterschiedlicher Form, mit natürlichen und synthetischen Wirkstoffen, erhältlich.

Literatur

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