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Gedächtnisambulanz

Frühe Diagnose gegen das Vergessen

26.07.2013  10:39 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek, Frankfurt am Main / Ist es vielleicht eine Demenz? Diese Frage treibt viele ältere Menschen um, die Gedächtnis­störungen bei sich bemerken. Sogenannte Memory- Kliniken sind auf die Früh-Diagnostik und Therapie von Demenz-Erkrankungen spezialisiert. Die PZ sprach mit der Fachärztin für Neurologie und Geriatrie, Dr. Kerstin Amadori.

PZ: Frau Dr. Amadori, Sie sind Oberärztin an der Memory-Klinik der Medizinisch-Geriatrischen Klinik am Frankfurter Agaplesion-Diakonissen-Krankenhaus. Was genau macht eine Memory-Klinik?

 

Amadori: Sie ist eine Anlaufstelle für alle Fragen rund um das Thema Gedächtnisstörungen für Menschen über 65 Jahre. Unser Schwerpunkt liegt auf der Frühdiagnostik demenzieller Erkrankungen. Im Frühstadium einer Demenz, wenn die Patienten noch eine gute Lebensqualität haben, können wir zum einen den Krankheitsprozess medikamentös am besten stabilisieren. Zum anderen brauchen Betroffene und Angehörige so früh wie möglich eine Diagnose, um sich mit der Krankheit auseinandersetzen zu können und sich vorzubereiten auf das, was möglicherweise auf sie zukommt.

PZ: Können Sie ein kurzes Fallbeispiel eines sogenannten typischen Patienten schildern?

 

Amadori: Jede demenzielle Erkrankung verläuft anders, je nachdem, welche Hirnregion betroffen ist, deshalb ist auch jeder Patient anders. Sehr typisch ist aber die Tatsache, dass die Patienten selber zunächst gar nicht hierherkommen wollen. Meistens kommen sie auf Initiative von Angehörigen, des Ehepartners oder der Kinder. Beispielsweise Maria K. Die 78-jährige Frau sagte mir direkt zu Beginn unseres ersten Gesprächs: »Mein Mann wollte das jetzt unbedingt so.« Sie zeigte überhaupt kein Störungsbewusstsein bezüglich ihres Verhaltens. Dass man zunächst versucht, die Fassade aufrechtzuerhalten, ist ein typisches Zeichen der Alzheimer-Demenz und sicher auch eine Form von Bewältigungsstrategie. Auch bei Maria K. klang zunächst alles, was sie erzählte, logisch und nachvollziehbar. Ihr Mann zeichnete dann jedoch ein ganz anderes Bild. Sie sei nicht nur vergesslich, sondern auch entgegen der Fahrtrichtung einer vierspurigen Straße gefahren, käme mit Überweisungen und Bankgeschäften nicht mehr zurecht, und die Einnahme ihrer Medikamente gerate ohne Aufsicht zunehmend durcheinander. Diese Aussagen haben sich dann in unseren Tests auch widergespiegelt.

 

PZ: Wie unterscheidet sich eine Demenz vom normalen Vergessen?

 

Amadori: Die Demenz ist niemals normal oder natürliche Alternsfolge, sondern immer ein krankhafter Prozess. Wir unterscheiden die Demenz von einer gewöhnlichen Altersvergesslichkeit dadurch, dass die Demenz zu einer Einschränkung der Alltagstauglichkeit führt. Am Anfang der Krankheit stehen Störungen des Kurzzeitgedächtnisses und der Merkfähigkeit, später verschwinden auch Erinnerungen aus dem Langzeitgedächtnis. Betroffene verlieren Schritt für Schritt die während ihres Lebens erworbenen Fähigkeiten und können ihren Alltag nicht mehr selbstständig meistern.

 

PZ: Sind Gedächtnisstörungen das Leitsymptom einer Demenz?

 

Amadori: Bei den meisten Demenzen steht die Gedächtnisstörung klar im Vordergrund, insbesondere bei der degenerativen Form vom Alzheimer-Typ, der zwei Drittel der Fälle ausmacht. Aber es gibt nicht nur Alzheimer. Bei der vaskulären, das heißt gefäßbedingten Demenzform treten Persönlichkeitsveränderungen wie unangemessene Wutanfälle oder Orientierungs­losigkeit auf. Die frontotemporale Variante beginnt oft mit Verhaltens-auffälligkeiten, Euphorie und Enthemmung, denen später die Gedächtnisprobleme folgen. Es gibt auch Mischformen, sie alle nehmen aber meist einen irreversiblen, fortschreitenden Verlauf. Eine Ausnahme bilden die sogenannten sekundären Demenzen. Sie sind die Folge einer Grunderkrankung, beispielsweise einer Schilddrüsen­unter­funktion, die sich zurückbildet, wenn sich die Schilddrüsenfunktion wieder normalisiert. Dann haben wir auch einige Patienten mit sogenannter »mild cognitive impairment« (MCI) – einer leichten Gedächtnisstörung, die auch in Tests nachgewiesen werden kann, aber noch nicht zu einer Alltagseinschränkung führt. Sie ist nicht zwangsläufig eine Vorstufe der Alzheimer-Demenz und kann sich bei einigen Patienten sogar wieder verbessern.

 

PZ: Wie sieht ein Aufenthalt in der Memory-Klinik aus?

 

Amadori: Die Untersuchungen finden bei uns an zwei bis drei aufeinander folgenden Tagen zwischen 9 und 16 Uhr in den Räumen der geriatrischen Tagesklinik statt. Kurz zusammengefasst kann man sagen: Am ersten Tag finden ärztlich-psychologische Untersuchungen statt, am zweiten Tag folgen bildgebende Verfahren und am dritten Tag gegebenenfalls noch eine Punktion. Die Diagnose läuft typischerweise in mehreren Stufen ab: ärztliche Befragung und körperliche Untersuchung, Erfassung begleitender körperlicher Erkrankungen, ausführliche neuropsychologische Tests mit dem Ziel, Störungen der Gehirnfunktion, zum Beispiel des Gedächtnisses, der Orientierung, der Sprache und des räumlichen Vorstellungsvermögens in einem Test­verfahren zu objektivieren. Darüber hinaus prüfen Physio- und Ergotherapeuten Mobilität und Alltagskompetenz der Patienten. Dann gibt es natürlich auch eine Labordiagnostik. Eine Kernspintomografie kann zeigen, ob im Kopf eine strukturelle Ursache für eine Alzheimer-Demenz vorliegt, zum Beispiel ein Subduralhämatom. In bestimmten Fällen machen wir auch eine Liquor-Diagnostik – einerseits um eventuell entzündliche ZNS-Prozesse auszuschließen, andererseits gibt das Nervenwasser durch charakteristisch veränderte Eiweiße Hinweise auf eine Alzheimer-Demenz. Die Kassen übernehmen den normalen Tagessatz, wenn eine hausärztliche Überweisung zur Demenzabklärung vorliegt.

 

PZ: Wie geht es nach der Diagnose weiter?

 

Amadori: Wir führen mit jedem Patienten ein Abschlussgespräch, auf Wunsch auch mit den Angehörigen zusammen. Wenn wir die Diagnose stellen, können wir – zumindest im statistischen Mittel – ungefähr voraussagen, wie der Verlauf der Krankheit aussehen kann. Es gibt Demenz-Patienten, die wollen ganz genau wissen, was weiter passiert. Es gibt aber auch diejenigen, die sagen: »Jetzt habe ich die Diagnose, ich nehme auch die Tabletten, aber damit ist es genug.« Insbesondere für Angehörige ist es jedoch eine große Entlastung, wenn sie wissen, dass Wesensveränderungen ihrer Eltern oder Ehepartner beispielsweise ins Aggressive hinein, krankheitsbedingt und nicht persönlich gemeint sind. Wir bieten auch Angehörigen-Seminare an.

 

Häufig sind es aber nicht nur die medizinischen, sondern sozialrechtliche Fragen, bei denen ein erheblicher Informationsbedarf besteht. Deshalb sind auch Patientenverfügungen und Vorsorgevollmachten ein Thema im Abschlussgespräch. Und ganz praktische Dinge wie Pflegestufe beantragen und die Frage, ob es Unterstützungsangebote für Angehörige gibt. Wir regen an, das wirklich anzupacken und nicht auf morgen zu verschieben. Es gibt auch die Möglichkeit, sich mit unserem Sozial­dienst zusammenzusetzen.

PZ: Kann man einer Demenz vorbeugen?

 

Amadori: Das Alter ist der wichtigste Risikofaktor für eine Demenz. Das können wir nicht beeinflussen. Es gibt aber auch Dinge, an denen wir arbeiten können. Dazu zählen, das wird in letzter Zeit immer klarer, die kardiovaskulären Risiken, die für die vaskuläre, aber auch für die Alzheimer-Demenz eine große Rolle spielen. Es hilft, Blutdruck, Blutfette und Körpergewicht im Normbereich zu halten, den Diabetes zu kontrollieren, nicht zu rauchen, nur moderat Alko­hol zu trinken und die berühmte mediterrane Diät einzuhalten.

 

Was sich in Studien immer wieder zeigt: Regelmäßiger Ausdauersport hilft nachweislich gegen den kognitiven Abbau. Die eindeutigen Ergebnisse haben sogar Fachleute überrascht. Sich etwa drei- bis fünfmal wöchentlich eine halbe Stunde lang bewegen – das bietet nicht nur Schutz vor der Entwicklung einer Demenz, sondern wirkt sich auch positiv auf den kognitiven Verlauf bei Demenz-Kranken aus. Patienten, die wissen wollen, was sie tun können, um Kontrolle zurückzugewinnen, rate ich deshalb beispielsweise zur Anschaffung eines Heimtrainers. Weitere protektive Faktoren sind tragfähige soziale Beziehungen. Das müssen nicht viele sein, aber verlässliche.

 

PZ: Welche Rolle spielt die Apotheke bei der Alzheimer-Therapie?

 

Amadori: Aus Sicht der Geriaterin ist die Polypharmazie ein ganz großes Thema. Was wir verordnen, ist ein Arzneimittel unter vielen. Wir sehen die Patienten in der Regel nur kurz und können sie nicht längerfristig ambulant begleiten. Deshalb sollte die Apotheke immer kontrollieren, ob das, was der Patient alles einnimmt, auch zusammenpasst. Mittel der Wahl bei Alzheimer sind die Cholinesterasehemmer, also die drei Substanzen Donepezil, Rivastigmin und Galantamin. Wir hören immer wieder, dass die Patienten die Arzneimittel absetzen, wenn zum Beispiel gastrointestinale Beschwerden auftreten. Das Rivastigmin gibt es auch in Pflasterform, bei Schluckstörungen gibt es die Medikamente auch als Saft, darauf können Apotheker hinweisen.

 

PZ: Gibt es Hoffnung auf Heilung?

 

Amadori: Es stecken einige neue Medikamente in der Pipeline klinischer Prüfungen. Vor allem müssen sich zum jetzigen Zeitpunkt aber die Hilfestellungen für den Alltag Demenz-Kranker ausweiten. Fast jeder kennt jemanden, der betroffen ist. Alle fünf Jahre ab dem 65. Lebensjahr verdoppelt sich das Demenz-Risiko, wir rechnen mit 300 000 Neuerkrankungen pro Jahr. Mehr als ein Drittel der Über-90-Jährigen ist bereits erkrankt. Insgesamt sprechen wir heute von bis zu 1,4 Millionen Demenzkranken in Deutschland. Die Demenz ist unter uns, man kommt an dem Thema gar nicht mehr vorbei.

 

Es muss sich ein Netzwerk bilden, das die Betroffenen von Anfang bis Ende begleitet. Der Verlauf einer Demenz ist etwas sehr Dynamisches: Zu Beginn brauchen die Betroffenen etwas ganz anderes als in mittleren Stadien oder zum Schluss. Memorykliniken sind ein wichtiger Mosaikstein in einem Versorgungssystem, das expandieren muss. Wir bieten Frühdiagnostik an, weil wir gesehen haben, dass da ein erheblicher Bedarf besteht. Die Diagnose­stellung ist der Anfang, den Patienten dann mit Anstand zu begleiten, ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Letztendlich ist die Demenz die Konsequenz einer positiven Entwicklung, nämlich der, dass wir älter werden dürfen. /

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