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Wundheilung

Feucht ist besser

20.07.2010
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Von Wolfgang Vanscheidt / Feuchte Wundbehandlung fördert die Heilung, Schorfbildung behindert sie: Auf dieser Grundlage basiert der Konsensus europäischer Experten zur Versorgung von Alltagswunden. Die darin zusammengefassten Empfehlungen geben den Stand der Wissenschaft über die Bedeutung des Wundmilieus für den natürlichen Regenerationsprozess wieder.

Mit einer Veröffentlichung Georg Winters im Fachmagazin »Lancet« hat zu Beginn der 1960er-Jahre im klinischen Wundmanagement ein Paradigmenwechsel stattgefunden: Der britische Mediziner wies nach, dass das Feuchthalten der Wunde zu einer Beschleunigung der Wundheilung führt und dass Schorf den Regenerationsprozess behindert. Damit wurde die lang währende Meinung, dass man Wunden trocken versorgen sollte und Schorf der beste Verband sei, widerlegt. Darüber hinaus kann ein feuchtes Wundmilieu das Risiko beziehungsweise die Ausprägung der sichtbaren Narbenbildung verringern.

Ein Expertengremium, bestehend aus den Pädia­tern Dr. José Valter Ferreira Alves (Portugal) und Professor Dr. Antonio Angeloni (Italien), dem polnischen Chirurgen Professor Dr. Arkadiusz Jawien sowie dem Freiburger Dermato­logen Pro­fessor Dr. Wolfgang Vanscheidt und Professor Dr. Richard White, Internist an der University of Worcester, verfasste ein Konsensus­papier zur Behandlung leichter akuter Wunden. Das Fazit dieses Konsensuspapiers lautet, die Regenera­tion der Wunde zu beschleunigen, indem Störfak­toren der Wundheilung durch ein optimal feuchtes Wundmilieu minimiert werden (Franz et al., 2008).

 

Zur Behandlung von chronischen Wunden und Problemwunden existieren in der Literatur zahl­reiche Empfehlungen und Leitlinien. Dagegen sind evidenzbasierte Standards für das Manage­ment akuter Wunden vergleichsweise rar, obwohl Bagatellverletzungen wesentlich häufiger vorkommen als chronische Wunden. Teilweise werden leichte Verletzungen wie kleine Schnitte, Kratzer, Abschürfungen oder oberflächliche Verbrennungen noch nach veralteten Methoden wie dem »Verschorfenlassen« an der Luft versorgt. An dieser Stelle setzen die aktuellen Empfehlungen zur angemessenen Versorgung von Alltagswunden der fünf Experten an (Alves, 2009).

Versorgung leichter Wunden

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Die Wunde mit Trinkwasser (trinkbarem Leitungswasser) säubern. Bei höherem Infektionsrisiko initial zusätzlich mit einem Antiseptikum desinfizieren.

Versorgung mit einer geeigneten Wundauflage, die ein feuchtes Wundmilieu fördert.

Die Wunde gegebenenfalls zum weiteren Schutz abdecken.

 

Durch das Säubern der Wunde werden bakterielle und virale Belastungen reduziert und eventuell vorhandene Fremdkörper aus dem Wundbett entfernt. Auf diese Weise vermindert die Wundreinigung die Gefahr der Infektion und Reizung. Geeignet dazu ist Trinkwasser (trinkbares Leitungswasser) oder abgekochtes beziehungsweise destilliertes Wasser (Fernandez & Griffiths, 2008). Die frühzeitige Anwendung von kaltem Wasser ist zudem ein wesentlicher Faktor für die Reduktion von Wundschäden bei Brandwunden und lindert die Schmerzen (Cuttle et al, 2008; Jandera et al., 2000). Bei Wunden mit erhöhtem Infektionsrisiko kann initial vor Anlegen des Verbands ein Wundantiseptikum angewendet werden.

 

Säubern reduziert Infektionsrisiko

 

Ein optimal feuchtes Wundmilieu fördert die Heilung. Durch die fehlende Schorfbildung werden das Narbenrisiko und der für verschorfende Wunden typische Juckreiz reduziert. Diese positiven Effekte lassen sich durch geeignete Wundauflagen erreichen (Alsbjörn et al., 2007; Atiyeh et al., 2002). Eine optimale Wundauflage sollte folgende Eigenschaften haben:

 

Regulation der Wundfeuchtigkeit

Schutz vor Krankheitserregern und physikalischen Reizen

atraumatische Entfernung

Komfort und gute Verträglichkeit

Regulation der Wundfeuchtigkeit

 

Zur Unterstützung des Prinzips der feuchten Wundheilung werden sogenannte hydroaktive (= wasserregulierende) Wundauflagen eingesetzt. Diese gibt es sowohl in fester Form (zum Beispiel Pflaster) als auch in Form von Gelen zum Auftragen. Entscheidend für die Wahl der richtigen hydroaktiven Wundauflage ist der Feuchtigkeitsgehalt der Wunde.

 

Durch eine optimale Wundauflage sollte die Entfernung von überschüssigem Exsudat und nekrotischem Gewebe unterstützt werden, ohne dass dabei das Wundbett austrocknet. Zu viel Exsudat kann zum Aufquellen des gesunden Gewebes um den Wundrand herum und zu einer Infektion führen; eine stark absorbierende Wundauflage jedoch kann das unerwünschte Austrocknen des Wundbetts zur Folge haben. Daher ist zur Regulierung des Flüssigkeitsgehalts des Wundbetts eine Auflage mit einer geeigneten Saugfähigkeit zu wählen (Metzger, 2004).

 

Ist das Wundgewebe feucht genug und wird nur wenig Exsudat produziert, kann eine den Wasserverlust einschränkende Hydrokolloid-Auflage die Gewebehydratation aufrechterhalten, ohne zu viel Flüssigkeit zu absorbieren. Ist hingegen der Feuchtigkeitsgehalt des Wundgewebes bereits zu niedrig, kann ein Hydrogel mit hohem Wassergehalt der Wunde Feuchtigkeit spenden und somit die optimale Gewebehydratation wieder herstellen (Atiyeh et al., 2002; Ovington, 2007).

 

Laut Studien konnten vor allem hydroaktive Gele die Heilung von Brandwunden deutlich beschleunigen und durch ihre zusätzliche kühlende Wirkung die Schmerzen lindern (Wasiak et al., 2008). Hydrokolloidgele haben die Fähigkeit, je nach Hydratationszustand des Gewebes, auf das sie aufgetragen werden, Flüssigkeit zu absorbieren (»Hydrokolloid-Effekt«) oder zu spenden (»Hydrogel-Effekt«). Dadurch entfällt die oftmals schwierige Einstufung des Feuchtigkeitsgehaltes einer Wunde, da diese Hydrokolloidgele für trockene und für nässende Wunden gleichermaßen geeignet sind.

 

Schutz vor Erregern und Reizen

 

Ein wichtiges Ziel einer Wundauflage ist die Verhinderung der Vermehrung von Mikroorganismen, die sonst eine Infektion begünstigen könnten. Da die meisten hydroaktiven Wundauflagen, zum Beispiel Hydrokolloide, eine Barriere gegen Mikroorganismen erzeugen und die Gefahr einer Kontamination minimieren, bieten diese Auflagen deutliche Vorteile gegenüber konventionellen Pflastern und Auflagen (Lawrence, 1994). In einem feuchten Wundmilieu wird zudem die Aktivität der Immunzellen gefördert und so einer Infektion entgegengewirkt. Eine feuchte Wundauflage in Form von Pflastern und Gelen schützt die Nervenenden vor Luftkontakt und Austrocknung und hilft dadurch, schmerzhafte Reize zu minimieren.

Zudem sollte das Auflagenmaterial ein atraumatisches Entfernen ermöglichen (Wijetunge, 1994) und Schmerzen und Reizungen weiter vermindern. Wundauflagen, die nicht mit der Wunde verkleben, sind während der Epithelisierung weniger schmerzhaft zu entfernen (Vaneau et al., 2007). Ferner kann dadurch vermieden werden, dass bei jedem Wechsel die neu gebildete, dünne Epithelschicht zerstört wird. Hydroaktive Wundauflagen verkleben in der Regel nicht mit der Wundoberfläche und minimieren dadurch deren Beschädigung beim Entfernen der Auflage.

 

Elastische oder verformbare Auflagen wie amorphe hydroaktive Gelformulierungen sind sowohl klinisch als auch in der Selbstbehandlung leicht zu handhaben. Aufgrund der galenischen Formulierung passen sich derartige Wundauflagen an verschiedene Wundformen und -größen an und eignen sich daher auch zur Versorgung stark bewegter Körperstellen wie Ellenbogen und Knie. Ein anderer Aspekt, den es zu beachten gilt, ist die Gefahr allergischer Reaktionen und Nebenwirkungen. Diese Gefahr kann man durch den Einsatz eines Produkts gering halten, das seine Wirkung eher auf physikalischem statt auf pharmakologischem Weg entfaltet, das heißt das keinen pharmakologisch aktiven Wirkstoff enthält und somit für Patienten aller Altersgruppen geeignet ist.

 

Schlussfolgerung

 

Alltagswunden sollten generell so versorgt werden, dass ein verbesserter Heilungsprozess möglich ist. In einem feuchten Wundmilieu tritt die Heilung schneller ein und das Narbenrisiko ist reduziert. Die Auswahl einer geeigneten Auflage zur Förderung des optimalen Heilungsmilieus ist abhängig vom Zustand der Wunde. Hydrokolloidpflaster beziehungsweise -auflagen sind geeignet für die Versorgung von Wunden, die viel Flüssigkeit absondern (Beam, 2008), während sich für trockene Wunden ein feuchtigkeitsspendendes Hydrogel eignet. Allgemein ist der Einsatz eines Hydrokolloidgels, das diese beiden Eigenschaften verbindet – das heißt je nach Wundbeschaffenheit Feuchtigkeit spendet oder absorbiert – für die Versorgung von Alltagswunden empfehlenswert, weil es sowohl auf trockene als auch auf nässende Wunden aufgetragen werden kann. Werden diese Empfehlungen bei der Versorgung leichterer Verletzungen berücksichtigt, kann die Heilung beschleunigt und das Risiko der Narbenbildung verringert werden (Beam, 2007). / 

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