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PMDS

Gefühle außer Kontrolle

07.07.2015
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Von Nicole Schuster / Die prämenstruelle dysphorische Störung (PMDS) ist ein belastendes Krankheitsbild: Bei betroffenen Frauen können die regelmäßig auftretenden Depressionen, Aggressionen und der Wunsch nach sozialem Rückzug Beziehungen zerstören und sogar den Job kosten. Die Behandlung erfordert Feingefühl und sollte langfristig angelegt sein.

Etwa jede dritte Frau im gebärfähigen Alter beschreibt, dass sie sich einige Tage vor der Monatsblutung nicht so leistungsfähig fühlt und klagt über bestimmte körperliche Beschwerden wie Kopfschmerzen, Blähbauch oder spannende Brüste. 

 

Die Betroffenen leiden unter dem sogenannten prämenstruellen Syndrom (PMS). »Wenn auch eine seelische Komponente dabei ist, sprechen wir im Unterschied zum PMS von der prämenstruellen dysphorischen Störung«, sagt Professor Dr. Stephanie Krüger, Chefärztin am Zentrum für Seelische Frauengesundheit am Vivantes Humboldt-Klinikum Berlin, im Gespräch mit der Pharmazeutischen Zeitung.

 

Die prämenstruelle dysphorische Störung, kurz PMDS, tritt in der zweiten Zyklushälfte etwa im Zeitraum der letzten vier bis vierzehn Tage vor dem Eintreten der Menstruation auf. Betroffen sind bis zu 15 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter. Bei bis zu 7 Prozent sind die Beschwerden so ausgeprägt, dass sie sich als Belastung im Alltag auswirken.

 

Aggresiv oder depressiv

 

Kennzeichnend für die PMDS ist die depressive Stimmungslage beziehungsweise Dysphorie. Auch ungewohnt aggressives oder impulsives Handeln kann auftreten. Streitigkeiten mit Familienangehörigen oder Arbeitskollegen und sogar Gesetzesverletzungen können eine Folge davon sein, dass die Frauen ihre Gefühle nicht unter Kontrolle haben. Häufig auftretende Konzentrationsstörungen und ein vermindertes Interesse an üblichen Aktivitäten erschweren zudem das Funktionieren im Alltag. Die Neigung zum sozialen Rückzug kann zur Belastung innerhalb der Familie und dem Freundeskreis werden.

 

Zu den somatischen Symptomen gehören ähnlich wie beim PMS unter anderem Heißhunger, Essanfälle, rasche Erschöpfung, Schwitzen, Schlafstörungen, Gelenk- und/oder Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Gewichtszunahme, aufgeblähter Bauch, Brustschmerzen sowie Verstopfung oder Durchfall. Es besteht eine hohe Komorbidität mit psychiatrischen Erkrankungen.

 

Bianca Neumann* erlebte die Auswirkungen von PMDS am eigenen Leib. »Ich kannte mich selbst nicht mehr. Ständig musste ich mich zusammenreißen, damit niemand etwas merkt«, erzählt sie der PZ. Während der schlimmsten Tage habe sie sich wie in einer schweren Depression gefangen gefühlt. »Ich konnte mich nicht mehr versorgen und war kaum noch arbeits­fähig. Hinzu kamen Aggressionen. Manchmal wäre ich auf der Autobahn am liebsten jemandem hinten reingefahren, um den inneren Druck abzubauen.« Heute weiß die junge Frau, dass nicht sie schuld an dem Kontrollverlust war. »Es sind die Hormone, die alles durcheinander bringen.«

 

Die genauen Ursachen für die Störung sind allerdings nach wie vor unbekannt. Da die Symptome ausschließlich in der zweiten Zyklushälfte auftreten, erscheint es naheliegend, dass ein Zusammenhang mit den Hormonen Progesteron und Estrogen besteht. Deren spezielle Relation zueinander in der zweiten Zyklushälfte könnte die Beschwerden infolge einer veränderten Rezeptorbesetzung im Gehirn auslösen. Auch Störungen im Serotonin-Stoffwechsel könnten vorliegen.

 

Vielen Frauen sind die Beschwerden, die von Außenstehenden leicht als Zickereien oder bloße Anstellerei abgetan werden, unangenehm. Gerade Betroffene, die viel Leistung von sich verlangen und ihr Leben ansonsten im Griff haben, verfallen schnell in Selbstzweifel und zögern, einen Arzt aufzusuchen. Damit verlängern sie jedoch nur das Leid, denn ärztliche Hilfe ist durchaus möglich. Wichtig ist, dass sie sich an den richtigen Mediziner wenden. Das ist in der Regel nicht der Gynäkologe. 

Auch der Hausarzt weiß mit dem Begriff PDMS oft nichts anzufangen. »Die Betroffenen sollten einen Psychiater aufsuchen, der sich bestenfalls auf endokrinologische Störungen spezialisiert haben sollte oder sich für geschlechtsspezifische Medizin interessiert«, rät Krüger. Experten sind auch gynäkologische Endokrinologen. »In großen Städten gibt es vielfach Hormonsprechstunden oder Zentren für Frauengesundheit, die für diese Patientinnen geeignet sein können.« Abseits von Ballungsgebieten kann die Suche nach einem Spezialisten allerdings schwierig sein.

 

Die Möglichkeiten der Diagnose sind gering, da die meisten Blutwerte einschließlich der Hormonwerte in der Regel unauffällig sind. Patientinnen ist zu empfehlen, mindestens über drei Zyklen ein Stimmungstagebuch zu führen und dieses zum Arztbesuch mitzubringen. Der Mediziner kann daran prüfen, ob es einen Zusammenhang zwischen den Symptomen und bestimmten Zyklusphasen gibt. Charakteristisch für die PMDS ist, dass die Beschwerden mit Einsetzen der Regelblutung verschwinden, da in der ersten Zyklushälfte auch bei den Betroffenen die Hormonkonstellation optimal ist. Die Symp­tome kehren erst in den kritischen Tagen des nächsten Zyklus zurück. Neben einer gründlichen Ana­mnese gehört auch eine körperliche Untersuchung zur Diagnose. Psychiatrische Erkrankungen mit ähnlichen Merkmalen wie Depressionen, Borderline-Störung oder Angststörungen muss der Arzt ausschließen können.

 

Nicht eine Pille für alle

 

Ein spezialisierter Arzt ist nicht nur erforderlich, um die Störung richtig zu diagnostizieren, sondern auch, um sie adäquat zu behandeln. Faktoren wie Schwere des Syndroms, Alter und Lebenssituation der Patientin, Symptombild sowie allgemeiner Gesundheitszustand und medizinische Vorgeschichte sollten miteinbezogen werden. »Bei der Auswahl der Therapie ist viel Feingefühl gefragt«, erklärt Krüger. »Ich frage als Erstes danach, was die Patientin für Erwartungen hat. Auch Ängste und Abneigungen gegen bestimmte Maßnahmen müssen ernst genommen werden.« Schließlich gehe es hier nicht um eine Behandlung, die wenige Tage oder Wochen ausgehalten werden müsse. »Viele Frauen müssen daran bis zum Eintritt der Wechseljahre festhalten«, so die Expertin.

 

Empfehlungen, die vor allem bei eher leichten Beschwerden helfen, sind eine Ernährungsumstellung, Stress­management, Entspannungstechniken oder die Einnahme bestimmter Vitamine. Sport hat einen allgemein günstigen Einfluss auf das körperliche und seelische Wohlbefinden und wirkt auch den häufig auftretenden Wasser­einlagerungen entgegen. »Bei der Ernährung ist zu beachten, dass bestimmte Inhaltsstoffe von Lebens- und Genussmitteln die Beschwerden verstärken können«, weiß Krüger. Alkohol etwa verschlimmere die Symptomatik, beispielsweise die Neigung, übermäßig Wasser ins Gewebe einzulagern.

 

Bei stärkeren Formen von PMDS helfen diese Maßnahmen nicht. Hier kann der Arzt einen medikamentösen Therapieversuch mit selektiven Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmern (SSRI) unternehmen, die die Patientinnen jedoch im Unterschied zur normalen anti­depressiven Behandlung nur in der zweiten Phase des Monatszyklus nehmen sollen. Auch hormonelle Thera­pien können helfen. Wichtig ist, dass die gewöhnliche Pille meist nicht geeignet ist, die PMDS zu behandeln. Die Patientinnen benötigen stattdessen Präparate mit speziellen, für sie geeigneten Hormonzusammensetzungen.

 

Pflanzliche Alternativen

 

Frauen, die pflanzliche Alternativen bevorzugen, kann der Apotheker Präparate mit Mönchspfeffer oder Traubensilberkerze empfehlen. Es gibt zudem Hinweise, dass die Einnahme von Vit­amin B6 die Beschwerden lindern könnte. Bianca Neumann hat nach vielen erfolglosen Therapieversuchen Erleichterung durch einen Verhütungsring gefunden. Seit knapp zwei Monaten ist sie symptomfrei. Betroffenen Frauen rät sie, nicht die Hoffnung auf Hilfe aufzugeben und sich vor allem selbst keine Vorwürfe zu machen. /

 

* Name von der Redaktion geändert

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