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Raucher sollen mehr zuzahlen

10.07.2012
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Von Werner Kurzlechner, Berlin / Eine Mehrheit der Be­­völkerung plädiert für höhere Zuzahlungen für Raucher und Extremsportler. Das fand eine Forscherin aus Bremen im Rahmen einer Unter­suchung zur Priorisierung heraus. Kritik an der Stu­die bleibt nicht aus.

Die Priorisierung medizinischer Leistungen ist ein komplexes Problem. Das zeigte sich vergangene Woche in Berlin an der unzufriedenen Ratlosigkeit einiger Diskussionsteilnehmer, nachdem Dr. Jeannette Winkelhage von der Jacobs University Bremen die Ergebnisse ihrer Bevölkerungsbefragung zu diesem Thema referiert hatte. Die Soziologin sezierte innerhalb eines Großforschungsprojektes, wie medizinische Laien zentrale Fragen zur Priorisierung beantworten.

 

Ein ethisches Problem

 

Das Unbehagen einiger Zuhörer am Ende des Vortrags auf Einladung der Technischen Universität Berlin resultierte offenkundig aus dem Zweifel, ob die ethische Dimension des Themas in der Untersuchung in vollem Umfang herausgearbeitet wurde. So argwöhnte ein Arzt aus dem Auditorium, dass der Kern des Problems den mehr als 2000 Befragten womöglich nicht völlig klar gemacht worden sei – nämlich der Umstand, dass als Folge einer politischen Entscheidung für Priorisierung bestimmten Patienten bestimmte Therapien aus finanziellen Gründen schlichtweg verweigert werden könnten.

In der Tat lag Winkelhages Ausführungen, die sich besonders auf Fragen des Alters und des Lebensstils konzentrierten, ein recht weit gefasster Priorisierungsbegriff zugrunde. Der Forscherin war daran gelegen, ein erstes, aber möglichst umfassendes Meinungsbild zu gewinnen. Sie fand etwa heraus, dass knapp 90 Prozent der Befragten Bevorzugung oder Benachteiligung aufgrund des Lebensstils erst einmal ablehnen.

 

Bei konkreterem Nachfragen sagten dann allerdings jeweils mehr als zwei Drittel, dass Alkoholiker, Raucher, Extremsportler oder exzessive Sonnenanbeter mehr als andere für Medikamente zuzahlen sollten. Nicht einmal die Hälfte der Befragten forderte dies auch bei ungesunder Ernährung oder Bewegungsmangel. Je älter die Befragten, umso häufiger kam die Forderung nach Schlechterstellung von Rauchern. Die Zustimmung für eine Benachteiligung von Bewegungsmuffeln fiel bei Älteren hingegen umso geringer aus, erläuterte Winkelhage.

 

Ferner legte die Wissenschaftlerin dar, dass sich bei abstrakter Fragestellung viele Bürger für eine bessere Behandlung junger im Vergleich zu alten Patienten aussprachen. Fragte man jedoch konkret danach, ob im Brandfall junge Opfer bevorzugt gerettet werden sollten, bejahte dies nur eine kleine Minderheit. Ferner offenbart die Studie bildungsabhängige Unterschiede: Menschen mit niedrigem Bildungslevel plädierten beispielsweise gehäuft für eine Bevorzugung älterer Patienten. Laut Winkelhage spricht das für eine bedarfsorientierte Sichtweise im Gegensatz zur Selbstverantwortungsperspektive. Diese stellt die Lebenschancen der Jüngeren in den Vordergrund und ist häufig die Sichtweise von Akademikern.

 

In der Anschlussdiskussion hagelte es Kritik. Die Studie berücksichtige nicht, dass Zuzahlungen in möglicherweise moderatem Rahmen etwas gänzlich anderes seien als Berechnungen darüber, wie viel eine mögliche Lebensverlängerung durch eine spezielle Therapie am Ende kosten dürfe, hieß es.

 

Kosten spielen geringe Rolle

 

Methodische Kritik gab es auch an der Conjoint-Analyse, die Winkelhage jedoch als wissenschaftlich üblich verteidigte. 120 Probanden waren dabei gebeten worden, 16 Kärtchen mit verschiedenen Patientenprofilen in die Reihenfolge zu bringen, in der sie vom Arzt behandelt werden sollten. Winkelhage fand so heraus, dass das Alter für die Befragten der offenbar wichtigste Entscheidungsfaktor ist, gefolgt von der Schwere der Krankheit und den Therapieaussichten. Nur eine vergleichsweise geringe Rolle spielen aus Laiensicht die mit einer Behandlung verbundenen Kosten.

 

Die Wissenschaftlerin forderte, die Priorisierungsfrage auf gesellschaftlicher Ebene zu entscheiden. Zuvor müsse jedoch erst einmal eine breite Debatte zu diesem Thema stattfinden. Ihre Forschungsergebnisse sollten vor allem als Anstoß dazu dienen, so Winkelhage. /

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