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Vaginalmykose

Erst therapieren, dann sanieren

06.07.2011
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Jucken und Brennen im Vaginaltrakt deuten die meisten Frauen als Vaginalmykose. Doch nur 40 Prozent von ihnen haben dann tatsächlich eine solche. Sieben Fakten, die Sie im Beratungsgespräch zu Candida-Infektionen wissen müssen.

Wie äußert sich typischerweise eine Candida-Infektion?

 

Die Patientinnen klagen über einen unaufhörlichen Juckreiz, der in ein Gefühl des Brennens übergehen kann. Ein weiteres charakteristisches Merkmal ist ein vermehrter Fluor mit krümeligem, gelb-weißlichen Aussehen. Auf dem Vaginalepithel zeigt sich unter den Soorbelägen ein roter Grund. Auch die Schamlippen sind stark gerötet und geschwollen. Im Randbereich der Mykose sind mitunter kleine Bläschen anzutreffen.

 

Die Tatsache, dass der Ausfluss geruchlos ist, ist ein wichtiger Indikator. Denn wird der Geruch als ausgeprägt und unangenehm empfunden, kann dies ein Indiz für eine bakterielle Infektion sein.

Sind Vaginalmykosen ein Fall für die Selbstmedikation?

 

Eine allgemeine Regel lautet: Treten die charakteristischen Symptome zum ersten Mal oder häufiger als viermal im Jahr auf, liegt eine Schwangerschaft vor oder ist sich die Betroffene hinsichtlich der Symptome unsicher, ist ein Besuch beim Gynäkologen angezeigt.

 

Die Leitlinie »Vulvovaginalcandidose«, die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe vor einem Jahr erarbeitet wurde, sieht die Selbstmedikation im Übrigen gar nicht so unkritisch. Da heißt es: »Die ersten hoffnungsvollen Erwartungen der frühen 1990er-Jahre aufgrund von Mitteilungen, dass die Patientinnen fast immer ihre Vaginalcandidose selbst korrekt diagnostizieren könnten, sind (zumindest heute) offensichtlich nicht richtig. Nur ein Drittel von 95 Frauen, die vaginale Antimykotika zur Selbsttherapie gekauft hatten, litten tatsächlich an einer Candidose. Es ist deshalb wieder empfehlenswert, nur nach korrekter Diagnose zu behandeln.«

 

Kann man sich überhaupt mit einem Pilz anstecken?

 

An einer vaginalen Pilzinfektion kann man sich normalerweise nicht anstecken. Die Candidose wird in 85 bis 95 Prozent der Fälle durch die Hefe Candida albicans hervorgerufen. Da diese Spezies als Kommensale auf der menschlichen Schleimhaut vorkommt, erfolgt eine Infektion zumeist endogen, und zwar meist über den eigenen Intestinaltrakt oder den des Partners, der auch im Sperma mit dem gleichen Hefepilzstamm kolonisiert sein kann. Eine Infektion beispielsweise über eine Toilette ist so gut wie unmöglich, da die Hefepilze dort nicht überlebensfähig sind.

 

Zum Ausbruch der Krankheit kommt es vielmehr, wenn das lokale Immunsystem beispielsweise nach einer Medikamenteneinnahme oder durch Stress geschwächt ist und sich die Hefepilze dadurch unkontrolliert vermehren können. Daher rührt auch die Bezeichnung »Krankheit der Kranken«. Bester Beweis dafür ist die Tatsache, dass die Vaginalmykose eine der häufigsten Nebenwirkungen einer Antibiotikatherapie bei Harnwegsinfektionen darstellt. Je länger die Antibiose dauert, umso größer ist das Risiko, aufgrund des gestörten Scheidenmilieus an einer Candida-Infektion zu erkranken. Besonders häufig trifft es die Frauen bei rezidivierenden Cystitiden.

 

Die Kolonisation mit C. albicans hängt vom Glucosegehalt in der Vagina ab, der unter dem Einfluss der Sexualsteroide zyklisch variiert. So treten die klinischen Zeichen typischerweise prämenstruell auf, da in dieser Zeit die Zuckerspiegel der Vagina erhöht sind. Das bedeutet aber auch, dass Mädchen vor der Menarche und Frauen nach der Menopause so gut wie nie erkranken. In der Schwangerschaft macht sich C. albicans dagegen bis zu dreimal häufiger breit. Auch ein erhöhter Glucosegehalt in Blut und Gewebe durch Diabetes bietet dem Hefepilz gute Wachstumsbedingungen. Allgemein anerkannt ist zudem die Feststellung, dass psychosozialer Stress der Ausbreitung von C. albicans Vorschub leisten kann. Durch Prozesse der Psychoneuroimmunologie kommt es zur lokalen Immunsuppression.

 

Warum infizieren sich manche Patientinnen immer wieder?

 

Rund 75 Prozent der Frauen haben mindestens einmal in ihrem Leben eine Candida-Infektion, viele von ihnen mehrfach. Etwa 10 Prozent leiden unter einer chronisch-rezidivierenden Form, da die Beschwerden die Frauen mehr als viermal im Jahr belästigen. Der Hauptgrund für die immer wieder aufflammenden Infektionen dürfte jedoch sein, dass Verwandte von C. albicans beim Infektionsgeschehen eine Rolle spielen, so vor allem C. glabrata und C. krusei. Ersterer ist besonders häufig bei diabetischen und bei immunsupprimierten Frauen nachgewiesen worden. Er ist gegen die üblichen Dosierungen aller für gynäkologische Zwecke zugelassenen Antimykotika resistent beziehungsweise klinisch nicht ausreichend empfindlich. Auch C. krusei ist gegen Triazole praktisch resistent. Die Therapie beider Non-albicans-Infektionen gestaltet sich deshalb äußerst schwierig; etablierte Therapieregime existieren derzeit nicht.

Irritationen im Intimbereich vermeiden

Übertriebene Genitalhygiene schadet mehr als dass sie nutzt. Denn sie kann die fein austarierte physiologische Vaginalflora durcheinanderbringen und Vaginal- und Harnwegsinfektionen begünstigen. Folgende Tipps beugen vor:

 

So banal es klingt: Die »Wischtechnik« nach dem Toilettengang ist essenziell. Die richtige Reinigung nach dem Stuhlgang von vorne nach hinten minimiert das Risiko einer Schmierinfektion deutlich.

Zur Reinigung der Genitalregion genügen lauwarmes Wasser oder milde Lotionen, die auf das Milieu des Intimbereichs abgestimmt sind (wie Canesten® GYN Sensicare Intimwaschpflege, Vagisan® Intimwaschlotion). Dazu die Hände, einen Einmal- oder frischen Baumwollwaschlappen verwenden. Alkalische Seifen, Duschgele mit aggressiven oder entfettenden Waschsubstanzen, Intimsprays oder Vaginalspülungen sind tabu.

Nach dem Waschen sorgfältig abtrocknen. Bei gereizter, trockener Haut helfen spezielle Salben und Cremes mit pflegenden Lipiden (wie Deumavan®-Intimpflegesalbe). Es entsteht eine Art Schutzschicht, die gereizter Haut hilft, sich zu regenerieren.

Waschlappen, Handtücher und Slips sollten täglich gewechselt und bei 60 Grad Celsius mit einem Vollwaschmittel gereinigt werden. Wer ganz sichergehen möchte, kann dem Spülgang einen speziellen Wäschespüler (wie Canesten® Hygiene Wäschespüler) zusetzen.

Synthetische Fasern haben im Intimbereich nichts zu suchen: Unterwäsche aus Kunstfaser, Binden und Slip-Einlagen mit Kunststoff-Folie und auch Nylon-Strumpfhosen können keinen Schweiß aufsaugen und fördern damit einen Wärme- und Feuchtigkeitsstau. Deshalb Baumwollunterwäsche tragen, die man überdies bei 60 Grad Celsius waschen kann.

Eventuell das Kontrazeptivum wechseln. Scheidendiaphragmen und lokale Spermizide können die physiologische Abwehrfunktion der Vagina aus dem Gleichgewicht bringen.

Für Wasserratten: Der Aufenthalt im Schwimmbadbecken sollte nicht allzu lang ausgedehnt werden. Der hohe Chlorgehalt des Wassers setzt dem Scheidenmilieu ordentlich zu. Nach dem Schwimmen sollte man sich gut abtrocknen und schnell vom nassen Badeanzug befreien. Das beugt übrigens auch Harnwegsinfektionen vor. Und auch Dampfbäder und öffentliche, nicht ausreichend desinfizierte Whirlpools sollten gemieden werden, denn hier herrscht ein ideales fecht-warmes Klima für Keime aller Art.

Die Haarentfernung in der Bikinizone ist in. Doch Vorsicht: Die dazu verwendeten Enthaarungscremes enthalten oft Substanzen, die die empfindliche Haut in dieser Region reizen.

 

Interessant: Eine Resistenz gegen Candida albicans spielt dagegen so gut wie keine klinisch bedeutende Rolle. Dennoch gehen manche Experten davon aus, dass der vermehrte Gebrauch rezeptfreier Azolderivate für das vermehrte Auftreten der Non-albicans-Arten verantwortlich ist. Denn bei mehrfacher Anwendung könnten sie zu einer Selektion weniger empfindlicher Spezies führen.

 

Neben den seltenen Candida-Arten sind jedoch auch folgende Faktoren für immer wiederkehrende Infektionen ausgemacht worden: So kann zum Beispiel das Tragen von Strings das Infektionsrisiko fördern, da durch die Reibung die Vaginalhaut gereizt und eine Übertragung der Erreger vom Darm auf die Vagina begünstigt wird. Bei Intimpiercings können sich die Erreger in den Stichkanälen festsetzen und sind dort nur schwer mit Cremes zu erreichen. Nützlich kann auch die Rasur der Intimzone sein, da sich an den Schamhaaren Erreger festsetzen können, die immer wieder eine neue Infektion hervorrufen. Neu ist die Erkenntnis, dass C. albicans an Intrauterinspiralen (IUD) adhärente Biofilme bildet, sodass IUD ein Rezidivrisiko sein können.

 

Können Hausmittel wie Joghurt-Tampons oder Essig-Sitzbäder hilfreich sein?

 

Verschiedene Hausmittel aus Großmutters Rezeptkiste wie Tampons, die in Naturjoghurt getränkt und dann vaginal eingeführt werden, stehen nach wie vor hoch im Kurs. Doch sie sind nicht nur unnütz, sondern verschärfen die Situation oft noch. Die im Joghurt enthaltenen Milchsäurebakterien können der Infektion nichts entgegensetzen. Mitunter enthält der sogenannte Naturjoghurt Konservierungsmittel und andere chemische Zusätze, die der Scheidenflora erst recht zusetzen. Ähnlich fatal können sich Spülungen oder Sitzbäder mit Essig-Mischungen auswirken.

Genauso abzulehnen sind sogenannte Antipilz-Diäten. Eine Darmsanierung ist nicht möglich und auch nicht nötig, da die Candida-albicans-Kolonisation der Faeces in geringer Keimzahl und bei immunkompetenten Menschen normal ist. Sinnvoll ist es jedoch, besonders wenn Infektionen immer wiederkehren, Präparate mit gefriergetrockneten Kulturen von Wasserstoffperoxid-bildenden Laktobazillen oder Milchsäure-haltige Vaginalpräparate (wie Vagisan®, KadeFungin Milchsäurekultur®) anzuwenden. Die lokal applizierten Laktobazillen besiedeln die Vaginalschleimhaut, senken durch Bildung von Milchsäure den pH-Wert und bauen damit die gesunde Vaginalflora wieder auf (siehe auch Seite 14). Das stärkt die Keimbarriere zum Schutz vor Neuinfektionen. Die Präparate werden entweder kurmäßig bis sieben Tage hintereinander angewendet oder nach Bedarf zwei- bis dreimal pro Woche. Ideal ist die Anwendung von H2O2-bildenden Laktobazillen nach einer antimykotischen Therapie.

 

Wie lässt sich eine Candida-Infektion am besten behandeln?

 

Die akute Infektion wird mit Imidazolen wie Clotrimazol (wie Canesten® GYN, KadeFungin®) oder Miconazol (wie Gyno-Daktar® Vaginal), mit Polyenen wie Nystatin (wie Biofanal®) oder mit Ciclopirox­olamin (Batrafen®) behandelt. Sie gelangen als Vaginaltablette oder -zäpfchen oder Schmelzovula an Ort und Stelle. Die Vaginalcreme versorgt die Vulva mit dem antimykotischen Wirkstoff. Für die Selbstmedikation gibt es die Ein- und Drei-Tages-Therapie. Es ist aber auch möglich, peroral zu behandeln. In der Regel kommt das Triazol Fluconazol (wie Canifug® Fluco, Flunazul® gyn) zum Einsatz. Es ist allerdings verschreibungspflichtig. Alle Therapieregimes wurden in Studien miteinander verglichen und zeigten klinisch und mykologisch ähnlich gute Ergebnisse, heißt es in der Leitlinie. In der Praxis hat sicher die Lokaltherapie mit Clotrimazol die größte Bedeutung. Anders in der Schwangerschaft: Da sind die Heilungsergebnisse mit Imidazolen signifikant besser als mit Polyenen.

 

Ein Muss unter den Beratungstipps: Am besten führt man die Präparate abends vor dem Schlafengehen in die Scheide ein. Während der Nachtruhe ist die Kontaktzeit ausreichend lang, der Wirkstoff kann sich gut verteilen und läuft nicht vorzeitig aus. Die Vaginalcreme wird tagsüber zwei- bis dreimal auf den äußeren Genitalbereich aufgetragen.

 

Ist die Ein-Tages-Therapie mit Clotrimazol wirklich wirksam?

 

Studien bestätigen, dass es die Ein-Tages-Clotrimazol-Therapie (Canesten® GYN Once Kombi) mit der drei Tage währenden Behandlung aufnehmen kann. Sowohl in der Wirksamkeit als auch in der Verträglichkeit gibt es keine Unterschiede. Dabei gingen die Symptome während den ersten beiden Behandlungstagen in der Gruppe der Ein-Tages-Kombination schneller zurück als bei den Patientinnen, die das Azol über drei Tage anwendeten.

 

Die Galenik hat einen nicht unerheblichen Anteil an der hohen Effektivität der Ein-Tages-Therapie: In dieser Formulierung ist Milchsäure eingearbeitet. Zum einen beschleunigt diese die Freisetzung von Clotrimazol, da die Substanz wie alle anderen Triazole ihr Wirkoptimum im Saueren hat. Zum zweiten regt das durch die Milchsäure geschaffene sauere Vaginalmilieu den Übergang des Pilzes in die Myzelphase an und macht ihn so besonders angreifbar für Clotrimazol.

 

Die Ein-Tages-Formulierung enthält 500 mg Clotrimazol, während bei der 3-Tages-Behandlung 200 mg auf jede Tablette entfallen, insgesamt also 600 mg Wirkstoff. Pharmakokinetische Untersuchungen zeigen, dass durch die 500-mg-Gabe ein intravaginales Wirkstoffdepot aufgebaut wird, das über mindestens drei Tage Wirkstoff in fun­gizider Konzentration bereithält. /

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