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Nichtraucherschutz

WIPIG-Umfrage zur Raucherentwöhnung in der Apotheke

07.07.2008
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Nichtraucherschutz

WIPIG-Umfrage zur Raucherentwöhnung in der Apotheke

Von Verena Bockhorni, Katrin Gast und Helmut Schlager, München

 

Seit einem halben Jahr gilt in Bayern das schärfste Nichtraucherschutzgesetz Deutschlands. WIPIG - Wissenschaftliches Institut für Prävention im Gesundheitswesen fragte nach, welche Rolle das Thema Rauchstopp seitdem in bayerischen Apotheken gespielt hat und nimmt eine erste Bestandsanalyse vor. Die Auswertung der Fragebögen belegt, dass die Beratung durch Apotheker von Rauchern gesucht und genutzt wird.

 

In Deutschland rauchen rund 20 Millionen Menschen (1). Jährlich versucht jeder Dritte, mindestens einmal mit dem Rauchen aufzuhören (2). Apotheker können mit einer fundierten Beratung einen erheblichen Beitrag zum erfolgreichen Nichtrauchen leisten. Sie sind in vielen Fällen der erste Ansprechpartner von Aufhörwilligen und können Patienten auf ihrem Weg in die Rauchfreiheit aktiv begleiten. Eine professionelle Unterstützung erhöht die Chancen auf Erfolg, tatsächlich mit dem Rauchen aufzuhören. Diese Effektivität einer pharmazeutischen Beratung wird in verschiedenen Studien belegt (3). Bereits ein kurzes Beratungsgespräch von circa drei Minuten kann den Erfolg der Abstinenzversuche von Rauchern um 30 Prozent steigern. Viele Raucher haben das Nichtraucherschutzgesetz nun zum Anlass genommen, mit dem Rauchen aufzuhören. Haben die Apotheker das Thema aktiv in der Beratung aufgegriffen? Haben Kunden verstärkt eine Beratung gefordert? Ist die Nachfrage nach Entwöhnungsmitteln gestiegen? Haben sich Apotheker zu diesem Thema fortgebildet?

PZ-Originalia

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Die freiwillige Umfrage erfolgte in zwei Abschnitten. Im März 2008 führte WIPIG einen Testlauf der Umfrage durch. Der Fragebogen wurde dabei an 170 Pharmaziepraktikanten verteilt. 9,4 Prozent antworteten. Die Auswertung der Fragebögen belegte deren Praktikabilität und zeigte, dass die Befragung in der öffentlichen Apotheke zu validen Daten führen kann. Im Mai 2008 wurde der Fragebogen an 588 Apotheken in den drei größten bayerischen Städten München, Nürnberg und Augsburg postalisch verschickt. Die 49 Antworten (8,3 Prozent) wurden im Zeitraum von 21. Mai bis 19. Juni von WIPIG ausgewertet.

 

Ergebnisse

 

Im ersten halben Jahr seit Einführung des Nichtraucherschutzgesetzes kamen die Patienten verstärkt in die Apotheke und nahmen auch pharmazeutische Beratung in Anspruch (ja: 65 Prozent, nein: 35 Prozent). 3 Prozent der Apotheker werden mehrmals täglich nach Ersatzpräparaten gefragt, 18 Prozent einmal täglich und immerhin 36 Prozent alle zwei bis drei Tage. Bei 43 Prozent taucht die Frage nach Entwöhnungshilfen seltener als alle drei Tage auf.

 

Die am häufigsten gewünschten Entwöhnungshilfen sind apothekenpflichtige Kaugummis und Pflaster (Kaugummi: 100 Prozent, Pflaster: 84 Prozent, verschreibungspflichtige Präparate: 31 Prozent, Sublingualtabletten/Lutschtabletten: 16 Prozent; Mehrfachfachnennungen möglich). Bei der persönlichen Beratung stehen, neben der Produktberatung, konkrete Fragen zu Wirksamkeit und Anwendung der einzelnen Präparate im Vordergrund. (Wirksamkeit: 47 Prozent, Anwendung: 41 Prozent, Präparate: 33 Prozent, Preis: 20 Prozent, Gewichtszunahme als Nebenwirkung: 12 Prozent, Nebenwirkungen gesamt 4 Prozent; Mehrfachnennungen möglich).

 

Bei der Beratung greifen 92 Prozent der teilnehmenden Apotheken auf unterstützende Materialien wie Flyer und Broschüren zurück. Die Mehrheit der teilnehmenden Apotheker (78 Prozent) nutzt entsprechende Angebote aus der pharmazeutischen Industrie. Andere Angebote werden ebenfalls, aber in deutlich geringerem Maß genutzt. Etwa 6 Prozent nutzen die vom BAV Bayerischer Apothekerverband e. V. empfohlenen Aktionsmaterialien der Landeszentrale für Gesundheit in Bayern (www.bayern-atmet-durch.de). 4 Prozent gestalteten ein eigenes Informationsblatt.

 

Obwohl sich Apotheker mit ihrem Fachwissen im Bereich der Raucherentwöhnung gut positionieren könnten, fragen nur 16 Prozent der Teilnehmer routinemäßig den Raucherstatus von Risikopatienten ab und 84 Prozent gar nicht. Auf die Möglichkeiten einer Entwöhnung weisen knapp 80 Prozent der befragten Apotheker gelegentlich hin, nur 4 Prozent tun dies regelmäßig. 16 Prozent verzichten ganz auf diesen Hinweis. Die Gründe hierfür sind verschieden: Kunden reagieren unterschiedlich (57 Prozent) und zum Teil sehr ablehnend (18 Prozent) auf das Initiativangebot einer Entwöhnung. Hier besteht von Apothekerseite zum Teil die Angst, den Kunden durch offensives Nachfragen zu verlieren (6 Prozent). 16 Prozent der Teilnehmer gaben an, kein ausreichendes Personal oder keine Zeit für ein derartiges Gespräch zu haben.

 

Die Mehrheit der teilnehmenden Apotheker (57 Prozent) hat das Thema Rauchstopp aufgegriffen und Beratungsaktionen entweder zum Jahreswechsel oder im letzten halben Jahr durchgeführt. Der Welt-Nichtrauchertag am 31. Mai 2008 war dagegen für die meisten kein Anlass für Aktionen: 88 Prozent der Apotheker beantworteten die Frage nach Aktionen an diesem Tag mit Nein.

 

Trotz des »durchwachsenen« Ergebnisses sind nahezu alle teilnehmenden Apotheker (82 Prozent) der Meinung, dass die Prävention zum Thema Rauchen zur universitären Ausbildung der Pharmazeuten gehören sollte. Rund ein Drittel der Teilnehmer besucht selbstständig Fortbildungen in diesem Bereich. Dabei wird vor allem das Schulungsangebot der Pharmafirmen genutzt. 8 Prozent der Teilnehmer nutzen die Angebote der Bayerischen Landesapothekerkammer, die unter anderem eine innovative Zertifikatfortbildung zur Raucherentwöhnung anbietet. Für die Apotheker bedeuten Fortbildungen auf diesem Gebiet vor allem einen Zuwachs an Kompetenz. Weitere Gründe für den Besuch von Schulungen sind Kundenbindung (53 Prozent), Umsatzsteigerung (35 Prozent) und Berufszufriedenheit (18 Prozent). 4 Prozent der teilnehmenden Apotheken sahen keinen Nutzen in zusätzlichen Fortbildungen.

 

Fazit

 

Studien belegen, dass in der öffentlichen Apotheke eine effektive Beratung zur Raucherentwöhung stattfinden kann. Außerdem stellt das Thema für die Apotheke ein durchaus vielversprechendes Aufgabengebiet dar. Denn Kunden fragen in der Apotheke aktiv nach Information. Durch professionelle Betreuung während der Entwöhnungsphase kann sich der Apotheker als persönlicher Ansprechpartner im Bereich Prävention und Gesundheitsförderung positionieren und sein Profil schärfen.

 

WIPIG - Wissenschaftliches Institut für Prävention im Gesundheitswesen hat in einer ersten Bestandsaufnahme in Bayern beleuchtet, dass Apotheker das Thema Rauchstopp häufig als Chance erkannt und mit Aktionen begleitet haben. In der direkten Kundenansprache zeigten sich die Teilnehmer jedoch eher zögerlich. Der Vergleich mit der Testumfrage an die Pharmaziepraktikanten macht zwar deutlich, dass mit zunehmender Berufserfahrung die Möglichkeiten der Patientenkommunika-tion durch wachsende Sicherheit vielfältiger werden. Hier sieht WIPIG dennoch Handlungsbedarf für die Zukunft: Es gilt, firmenunabhängige (Schulungs-)Angebote zu entwickeln, die die Möglichkeiten der Erstansprache von Risikopatienten auch bei begrenztem Zeit- und Personalrahmen aufzeigen und damit den Einstieg in die Kommunikation bei dieser sehr emotionalen Frage nach dem Raucherstatus erleichtern.

Literatur

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Statistisches Bundesamt. Leben in Deutschland. Haushalte, Familien und Gesundheit ­ Ergebnisse des Mikrozensus 2006.

Fiore, M. C., et al., Treating tobacco use and dependence. Clinical practice guideline. Rockville, MD, U.S. Department of Health and Human Services. Public Health Service 2000.

Sinclair, H. K., Bond, C. M., Stead, L. F., Community pharmacy personnel interventions for smoking cessation. Cochrane Database of Systematic Reviews 2004; Issue 1: Art. No. CD003698. DOI: 10.1002/14651858.CD003698.pub2

Laven, A, Ausbruch aus der Nikotinsucht. Pharm. Ztg. 153, Nr. 9 (2008) 16-25.

Bölcskei, P., Walden, K., Das ABC zur Begleitung in die Rauchfreiheit. Med. Monatsschr. Pharm. 5 (2008) 173.

 

Für die Verfasser:

Wissenschaftliches Institut für Prävention im Gesundheitswesen

Maria-Theresia-Straße 28

81675 München

info(at)wipig.de

www.wipig.de

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