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Zytostatika

Nebenwirkungen beherrschbar

10.07.2007  17:43 Uhr

Zytostatika

Nebenwirkungen beherrschbar

Von Daniela Biermann, Frankfurt am Main

 

Docetaxel und Oxaliplatin sind wirksame Waffen im Kampf gegen einige Tumorarten. Sie können Krebspatienten wertvolle Lebensmonate schenken. Mittels moderner Begleittherapien lassen sich die Nebenwirkungen mildern.

 

»Wirksamkeit und Lebensqualität schließen sich in der Tumorbehandlung nicht aus«, sagt der Onkologe Dr. Ralf-Dieter Hofheinz vom Klinikum Mannheim. Sie seien vielmehr die Pole, zwischen denen sich die Therapie bewegt. Hofheinz referierte beim Workshop »Zytostatische Arzneimittel in der modernen Krebstherapie: Möglichkeiten und Herausforderungen für den Pharmazeuten«, organisiert von Sanofi-Aventis Deutschland. Der Onkologe gab einen Überblick zur Therapie mit Docetaxel (Taxotere®), einem halbsynthetischen Taxan, gewonnen aus den Nadeln der Europäischen Eibe. Es steigert den Aufbau und verhindert den Abbau von Mikrotubuli und stoppt damit die Zellteilung.

 

Das Mittel ist zur Behandlung von fünf verschiedenen Krebsarten zugelassen: Mamma-, Prostata-, nicht kleinzelliges Bronchialkarzinom und seit 2006 auch Adenokarzinom des Magens und Plattenepithelkarzinome in Kopf und Hals.

 

Kleiner Benefit, großer Fortschritt

 

Zwar habe Docetaxel ein niedriges emetogenes Potenzial, sagte Hofheinz, doch dürfe es nie ohne Dexamethason verabreicht werden, um Ödemen und Allergien vorzubeugen. Zu den Nebenwirkungen zählen auch Neutropenien, ein Abfall der neutrophilen Granulozyten. Sie treten bei einer Gabe von 75 bis 100 mg/m² alle drei Wochen deutlich häufiger auf als bei der wöchentlichen Gabe von 35 mg/m², wie eine Studie mit Prostatakrebs-Patienten zeigte. Die gefährliche febrile  Neutropenie (fieberhafter Granulozytenabfall) tritt allerdings selten auf. Zudem steht mit dem Wachstumshormon Granulozyten-koloniestimulierender Faktor (G-CSF) ein Mittel zur Behandlung und Sekundärprophylaxe zur Verfügung. Auch andere  Nebenwirkungen wie erhöhte Infektneigung, Thrombozytopenie, Anämie, Haarausfall, Haut- und Nagelveränderungen, Neurotoxizität und Hyperlacrimation (verstärkter Tränenfluss) bezeichnete Hofheinz  als »beherrschbar dank geeigneter Medikamente«.

 

Kombinationstherapien mit Docetaxel verlängerten in mehreren vergleichenden Studien mit anderen Therapieschemata die Zeit bis zur Progression der Erkrankung und die Überlebensdauer. Auch die Ansprechraten der Tumoren auf die Chemotherapie stiegen. Hofheinz hält jeden Benefit bezüglich des Gesamtüberlebens für einen Erfolg. Wegen der  hohen Wirksamkeit könne Docetaxel trotz seiner verhältnismäßig großen Toxizität im Vergleich zu anderen Therapien die Lebensqualität erhalten und verbessern, zog der Referent ein Fazit.

 

Platin geht auf die Nerven

 

Über den aktuellen Stand und die Perspektiven in der Therapie mit Oxaliplatin (Eloxatin®) berichtete Dr. Hans-Peter Lipp, Leiter der Apotheke der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Bei dem Medikament handelt es sich um einen Platinkomplex mit den Liganden Oxalat und 1,2-Diaminocyclohexan. In Kombination mit 5-Fluorouracil und Folinsäure ist es zur First-Line-Therapie des metastasierenden kolorektalen Karzinoms und seit 2004 auch zur adjuvanten Behandlung zugelassen.

 

Als wichtige Nebenwirkung nannte Lipp Neuropathien, die bei 95 Prozent der behandelten Patienten auftreten. Akute Nervenschäden werden durch Kälte verstärkt und bilden sich in den meisten Fällen nach dem Ende der Therapie  zurück. In der Nachbeobachtung über einen Zeitraum von bis zu drei Jahren wiesen  nur circa drei Prozent der Behandelten noch Beschwerden auf.

 

Bei der Neurotoxizität spielen Oxalat-ionen eine Rolle, die beim Abbau von Oxaliplatin frei werden. Denn sie chelatisieren Calcium und Magnesium, was womöglich zu einer Veränderung der Erregbarkeit spannungsabhängiger Natriumkanäle führt. Die Gabe von Glutathion senkte in einer kleinen Studie die Schädlichkeit für das Nervengewebe. Allerdings wird auch die gewünschte zytotoxische Wirkung abgeschwächt. Denn das Enzym Glutathion-S-Transferase konjugiert die Substanz an den Platinkomplex und inaktiviert ihn damit.

 

Neuer Wirkstoff mit Dreifachwirkung

 

Eine neue Begleitmedikation zum Schutz der Nerven könnte Anfang nächsten Jahres verfügbar sein. Xaliproden, ein 5-HT1-Agonist, aktiviert die Synthese von körpereigenen Neurotrophinen. Die innovative Substanz soll einen dreifachen Effekt auf die Nervenfunktion aufweisen: schützen, reparieren und differenzieren. Xaliproden befindet sich derzeit in Phase-III-Studien und soll neben der Indikation in der Onkologie auch als Alzheimertherapeutikum zugelassen werden.

 

Zu den allgemeinen Nebenwirkungen einer aggressiven Chemotherapie zählen auch Nierenschäden. Denn wenn große Zellzahlen in kurzer Zeit absterben, steigen Purinabbau und Harnsäurespiegel. Harnsäurekristalle können in den Nierentubuli ausfallen. Das schränkt die Nierenfunktion ein und kann zum Versagen dieser Organe führen. Rasburicase (Fasturtec®) verhindert mögliche Gewebeschäden, indem es, wie sein physiologisches Pendant Uratoxidase, Harnsäure zum besser wasserlöslichen Allantoin abbaut.

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