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Kunst

Hoch über Deutschland

09.07.2007  14:21 Uhr

Kunst

Hoch über Deutschland

Von Conny Becker

 

Kunstinteressierte kommen in diesem Sommer in Deutschland auf ihre Kosten. Nach Berlin kamen die »schönsten Franzosen« und entwickeln sich zum diesjährigen Sommermagneten. Alternativen des deutschen Kunstsommers sind in Kassel und Münster zu sehen.

 

Überall in Berlin die Farben der Trikolore: In Blau, Weiß und Rot präsentieren sich Busse, Straßenbahnen und Fahrradtaxis - wie Luftpostbriefe sind unzählige Plakate und Papiertüten gerahmt. So erfahren auch die wenigen uneingeweihten Touristen: Berühmte Franzosen sind nach Berlin gekommen, und zwar aus New York.

 

Gemeint sind rund 150 französische Gemälde und Skulpturen des 19. Jahrhunderts, die aus dem Metropolitan Museum of Art stammen. Es beherbergt nach dem Musée d‘Orsay in Paris die weltweit größte Sammlung französischer Kunst dieser Epoche. Umbauarbeiten am New Yorker »Met« ermöglichten das viermonatige Gastspiel der Meisterwerke in der Berliner Neuen Nationalgalerie.

 

Betörende Lichtreflexe

 

Zu den Publikumslieblingen zählen die Werke der Impressionisten, die seit den 1870er-Jahren mit lichten Farben der Abbildung der Natur einen neuen Ausdruck gaben. Claude Monet ist der helle, lichtdurchflutete Gartensaal gewidmet, der die Reflexe auf der dargestellten Wasseroberfläche zum Leuchten bringt und unterstreicht, wie von Materialität nur leichte Schatten übrig bleiben.

 

Die chronologisch gehängten Bilder lassen den Betrachter die gesamte Entwicklung der französischen Malerei im 19. Jahrhundert nachvollziehen. Der von der Kunstakademie gelehrte Klassizismus, in dem Aktdarstellungen nur in mythologischer Verkleidung gezeigt werden durften, ist ebenso vertreten wie der entlarvende Realismus eines Gustave Courbet. Der revolutionäre Maler enttarnte in dem Gemälde »Frau mit Papagei« eine in ihrer Pose vermeintliche Venus als Kurtisane und führte nicht nur neue Themen, sondern mit seiner stark pastösen Malweise auch eine neue Technik ein, derer sich dann auch die Impressionisten bedienten.

 

Frauen und Landschaften bilden die dominierenden Themen der Ausstellung, wovon Degas Tänzerinnen, Gaugins Tahitianerinnen sowie van Goghs Zypressen und Schwertlilien zeugen. Ein kleiner Einblick wird schließlich noch in die Frühwerke von Picasso und Matisse gestattet, auch wenn diese Gemälde erst im 20. Jahrhundert entstanden sind. Denn erst Courbet, die Impressionisten, vor allem aber aber Cézanne und van Gogh schafften die Basis für die spätere Moderne.

 

Eine Ausnahme in der Gemälde-dominierten Ausstellung bildet der Auguste Rodin gewidmete Raum, der ausschließlich Skulpturen enthält. Die berühmten, überlebensgroßen »Bürger von Calais«, empfangen den Besucher bereits im gläsernen Obergeschoss des Museums.

 

SMS statt Schlange stehen

 

Um lange Warteschlangen zu vermeiden, entwickelten die Berliner ein neues Ticket-System: Jeder Besucher bekommt eine Eintrittskarte mit Nummer. An Bildschirmen rund um das Museum oder im Internet kann man verfolgen, wann diese Nummer eingelassen wird. Alternativ kann man sich über SMS benachrichtigen lassen und die Zwischenzeit nutzen, um zum Beispiel die Parallelausstellung in der Alten Nationalgalerie zu besuchen. Sie zeigt die Berliner Sammlung französischer Kunst, mit den Impressionisten im Mittelpunkt. Direktor Hugo von Tschudi war um 1900 einer der Ersten, der Werke von Manet, Monet, Renoir oder Cézanne für ein Museum erwarb. Für Kaiser Wilhelm II. stellte der Kauf dieser unkonventionellen, zeitgenössischen und überdies französischen Kunst jedoch einen Affront dar, sodass er von Tschudi entließ und eine grandiose Sammlung vereitelte.

 

Zeitgenössisches heute

 

Wie umstritten Gegenwartskunst zumeist ist und vielleicht auch sein muss, zeigt sich im deutschen Kunstsommer in Kassel und Münster. Ist es Kunst, 1001 Chinesen über die Dauer von 100 Tagen zur Dokumenta einfliegen zu lassen wie es der chinesische Künstler Ai Weiwei gerade macht? Ähnlich spektakulär hat der Österreicher Peter Friedl eine ausgestopfte Giraffe aus einem palästinensischen Zoo nach Kassel bringen lassen: ein ungewöhnliches Opfer des politischen Konflikts zwischen Israel und den Palästinensern an der West Bank. Die »Kunst« steckt hier im Konzept, die Präsentation des Objekts entbehrt jedoch nicht einer ansprechenden Ästhetik.

 

Ausstellungsmacher Roger Buergel hat abseits der ausgetretenen Kunstpfade geschaut, viele Namen der 113 Dokumenta-Künstler waren selbst Insidern nicht bekannt. Statt die »Besten« und Berühmten zu präsentieren, schaffte er einen »Erfahrungsraum«, der dem Besucher die Freiheit lässt zu definieren, was Gegenwartskunst ist. Ob dazu auch persische Miniaturen aus dem 14. Jahrhundert gehören, muss er selber entscheiden.

 

Immer noch aktuell ist das Kunstwerk »Square Depression« von Bruce Nauman. Die »negative« Pyramide, ein sich zur Mitte hin senkendes Quadrat mit einem Durchmesser von 25 Metern, hatte der amerikanische Künstler 1977 für die ersten der im Zehn-Jahres-Turnus stattfindenden Skulptur-Projekte in Münster entworfen. 30 Jahre später ist sie nun in der westfälischen Stadt begehbar, macht den Besucher zu einem Teil der Skulptur, wie die Skulpturen zu einem Teil der Stadt geworden sind. Die Kunstwerke sind in ganz Münster verteilt, hier treffen Kunst und Öffentlichkeit unmittelbar aufeinander. Zu sehen sind 36 internationale Künstler, darunter bekannte Namen wie Thomas Schütte, Mike Kelley oder Rosemarie Trockel. Auch Isa Gesken, die derzeit den deutschen Pavillion der Biennale in Venedig ausstattet, darf nicht fehlen. Im Nachbarland Italien ist sie noch bis November zu sehen, wer jedoch im Lande bleiben will, hat auch in Münster eine spannende Alternative.

 

Die Ausstellung »Die schönsten Franzosen kommen aus New York« in der Neuen Nationalgalerie Berlin ist noch bis zum 7. Oktober zu sehen, die Documenta 12 in fünf Ausstellungsorten in Kassel bis zum 23. September und die Skulptur-Projekte Münster bis zum 30. September 2007.

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