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ABDA-Presseseminar

Die Apotheke als Partner des Patienten

10.07.2006
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ABDA-Presseseminar

Die Apotheke als Partner des Patienten

von Christiane Berg, Hamburg

 

Apotheken haben eine wichtige Funktion für den Verbraucherschutz. Fünf Kolleginnen und Kollegen gaben beim Gesundheitspresseseminar der ABDA Einblicke in das breit gefächerte Leistungsspektrum der Apotheke.

 

Sie zeigten zum Beispiel auf, wie Diabetiker von der Apotheke profitieren, welche Selbsttests aus der Apotheke empfehlenswert sind, und was der Apotheker als Case-Manager bei sozialrechtlichen Fragen leistet. Sie informierten zudem über spezifische Lebenslagen, die die Supplementierung von Vitaminen oder Mineralien erforderlich machen können, und hoben die Bedeutung der Prävention durch eine ausgewogene Ernährung sowie Bewegung hervor.

 

Routinierte Kooperation

 

Zuvor hatte Magdalene Linz, Präsidentin der Bundesapothekerkammer (BAK), die Ergebnisse der im vergangenen Jahr durchgeführten bundesweiten Aktion zur Erfassung arzneimittelbezogener Probleme (ABP) vorgestellt (siehe PZ 25/06). 1146 Apotheken hatten von Februar bis Mai 2005  insgesamt 10.427 arzneimittelbezogene Probleme registriert. Im Durchschnitt sind das 9,1 ABP pro Apotheke und Woche. Die Studie habe gezeigt, dass das jeweilige Problem in 81,7 Prozent der Fälle ganz und zu 10,8 Prozent teilweise gelöst werden konnte. Das erfolgreiche Lösen von ABP sowohl auf der Verordnungs-, als auch auf der Patienten- oder Vertriebsebene führe nicht nur zu einer verbesserten Anwendung von Arzneimitteln, sondern erhöhe vor allem die Arzneimittelsicherheit. Des Weiteren belege die Studie, dass durch die Intervention in der Apotheke Schadensfälle vermieden werden und ein wirtschaftlicher Einsatz von Medikamenten unter anderem durch das Vermeiden von Doppelverordnungen gefördert wird.

 

Linz betonte, dass sich das Vier-Augen-Prinzip der Zusammenarbeit von Arzt und Apotheker nicht zuletzt angesichts von mehr als 150.000 Pharmazentralnummern, einer alle zwei Wochen erfolgenden Aktualisierung sowie ferner gesetzlichen Maßnahmen wie neuen Festbetragsregelungen bewährt.

 

Die BAK-Präsidentin zeigte sich erfreut über die routinierte Kooperation von Medizinern und Pharmazeuten. Im engen Kontakt mit den Ärzten sei die wohnortnahe, öffentliche Apotheke am besten geeignet, ABP zu erkennen, zu vermeiden und zu lösen.

 

Die umfangreiche, in ihrer Art bislang einmalige Untersuchung unterstreiche einmal mehr die Bedeutung der Rolle des Apothekers. »Als Arzneimittel-Fachmann ist dieser Partner und kompetenter Berater nicht nur des Arztes, sondern auch des Patienten«, so Linz. Die BAK-Präsidentin sprach von »gelebtem Verbraucherschutz«.

 

Partner des Patienten

 

Die von Kunden und Patienten geschätzten Stärken und Kernkompetenzen der Apotheke seien laut Studien unter anderem Menschlichkeit (79 Prozent), pharmazeutische Beratung (73 Prozent), Standort-Qualität (61 Prozent), Lieferbereitschaft (63 Prozent) sowie Beratung in der Selbstmedikation (58 Prozent), bestätigte der Vorsitzende des Landesapothekerverbandes Sachsen-Anhalt, Mathias Arnold. Arnold hob die Rolle des Apothekers als »Lotse und Wegweiser« im sich wandelnden Gesundheitswesen hervor. Als »schutzsuchender Verbraucher mit Sehnsucht nach Geborgenheit«, der bei Über- und Fehlinformation durch die modernen Medien zur Entscheidungsunfähigkeit neigt, sei der Kunde »nicht König, sondern Partner«, der in der Apotheke eine Lösung für seine Probleme sucht. 

 

Angesichts des demographischen Wandels, der Zunahme multimorbider Patienten sowie der steigenden Zahl chronischer Erkrankungen bei gleichzeitigem Abbau sozialer Netze und gesellschaftlicher Solidarität sei mehr und mehr nicht nur die pharmazeutische Betreuung, sondern auch die soziale Beratung und Begleitung des Patienten durch die Apotheke als »niederschwellige Anlaufstelle« gefragt. Arnold betonte, dass die Apotheke soziale Begleitung schon immer praktiziert habe, diese jetzt angesichts steigender Herausforderungen in der Kundenbetreuung derzeit in Kooperation mit dem beta-Institut für sozialmedizinische Forschung und Entwicklung, Augsburg, nur noch flächendeckend ausbaue.

 

Der Apotheker als Case-Manager erweitere damit seinen pharmazeutischen Blickwinkel und berücksichtige dabei auch finanzielle und psychische Gegebenheiten. Die Apotheke sei eine »Brücke«, die dem Patienten im Falle persönlicher Belastungen wie Einsamkeit, Schwerbehinderung oder Pflegebedürftigkeit den Weg zu Hilfsangeboten der Krankenkassen oder sozialen Dienste weist. Arnold betonte, dass die soziale Beratung der Apotheke »Hilfe zur Selbsthilfe« bietet. »Wir geben dem Patienten das Wertvollste, das wir haben - unsere Erfahrung«, so der niedergelassene Apotheker.

 

Halbierung der Fehlerquote

 

»In signifikantem Maße profitieren vor allem auch chronisch kranke Menschen wie Diabetiker von der Apotheke«, machte Manfred Krüger, Krefeld, deutlich. Circa sechs Millionen Diabetiker leben in Deutschland. Die Dunkelziffer der »Volkskrankheit epidemischen Ausmaßes mit steigender Dimension und Brisanz« sei hoch. Sie werde auf weitere zwei bis drei Millionen geschätzt. Etwa jeder achte Apothekenkunde sei also betroffen.

 

Krüger betonte, dass die Apotheke durch Risikochecks wie Messung von Body-Mass-Index, Blutdruck, Blutzucker und Cholesterol nicht nur zur Früherkennung und Bestimmung des individuellen Erkrankungs-Risikos beiträgt, sondern darüber hinaus Betroffene durch Information und Motivation unter anderem zur Verhaltensänderung (Bewegung, Ernährung) auch beim Selbstmanagement ihrer Krankheit unterstützt.

 

Ein wichtiger Aspekt der Diabetesbehandlung ist die Blutzucker-Selbstkontrolle, die zu einer Verbesserung der Lebensqualität und höheren Lebenserwartung beiträgt und von 27 Prozent der Menschen mit Diabetes (1,6 Millionen) durchgeführt wird. Dass aber auch hier »einiges schief laufen« kann, habe die EDGAr-Studie (Evaluation der Durchführung von Glucoseselbstkontrollen von Menschen mit Typ-2-Diabetes in Apotheken) gezeigt. In der Studie nahmen Diabetiker Selbstmessungen mit eigenen Geräten in Anwesenheit von Apothekern vor. Diese machten auf etwaige Fehler aufmerksam und übten mit den Studien-Teilnehmern die korrekte Handhabung der Geräte. Nach sechs Wochen wurde ein Vorher-Nachher-Vergleich vorgenommen.

 

Machten 83 Prozent der Probanden bei der ersten Demonstration durchschnittlich 3,7 Fehler, so waren es beim zweiten Beratungstermin nur noch 41 Prozent der Teilnehmer, denen durchschnittlich 1,8 Fehler unterliefen. Damit wurde gezeigt, dass bereits die einmalige Beratung des Apothekers die Fehlerquote mehr als halbiert. Die häufigsten Fehler seien falsches Reinigen der Hände, das Herauspressen des Bluttropfens aus der Fingerkuppe und Bedienungsfehler der Messgeräte gewesen. Die EDGAr-Studie belege, dass das Angebot der Apotheken zur Unterstützung des Selbstmanagements effektiv und notwendig ist.

 

Warnung vor Geldmacherei

 

Neben den gängigen Untersuchungen in der Apotheke wie Bestimmung des Blutzuckerwerts, des Blutdrucks oder des Gesamtcholesterols tragen auch spezifische Selbsttests zur Früherkennung von gesundheitlichen Risiken bei, führte Dr. Matthias Schneider, Dellingen, aus.

 

So seien unter anderem die in der Apotheke erhältlichen Tests auf Nierenparameter leicht durchführbar und gut geeignet zur Früherkennung und Verlaufskontrolle nicht nur von Diabetes mellitus, sondern auch von Erkrankungen der Nieren und Harnwege. Als zweckmäßig hob Schneider unter anderem auch Bestimmungen des Urin-pH-Wertes oder Tests auf Zahnbelag hervor, die gerade Kindern den Umgang mit der Zahnbürste erleichtern.

 

Kritisch bewertete der Apotheker nicht nur die verschiedenen Tests auf okkultes Blut im Stuhl, sondern auch Selbsttests auf Eintreten der Menopause, Lactat-Tests oder Haarmineralanalysen. Dringend abzuraten sei von Selbsttests auf lebensbedrohliche Erkrankungen wie Nachweis von PSA als Hinweis auf einen Tumor der Prostata oder Tests auf Helicobacter pylori.

 

»Extrem fragwürdig« nannte Schneider Tests auf Herzinfarkt. Nicht nur, dass es zwangsläufig zu Anwendungsfehlern durch die situationsbedingte Aufregung kommen müsse, Herzinfarkt sei immer eine Indikation für den Notarzt. Lebenswichtige Zeit dürfe nicht durch zweifelhafte Tests vergeudet werden, sagte der Referent.

 

Schutz vor Scharlatanerie

 

Obwohl Anti-Aging in den USA ein Milliarden-Dollar-Geschäft ist: »Viele Experten bescheinigen der Anti-Aging-Bewegung Quacksalberei und Scharlatanerie«, so Martina Dreeke-Ehrlich, Hinte/Niedersachsen. Der Alterungsprozess des Menschen könne weder angehalten, noch umgekehrt werden. Daher sei für die Apotheke nicht Anti-Aging, sondern Prävention das Thema.

 

Die Referentin betonte, dass es keine wissenschaftlich gesicherten Daten zur Effektivität von Estrogenen oder Testosteron(derivaten) zur positiven Beeinflussung des (Haut-)Alterungsprozesses, zur Prävention von Herz-Kreislauf- oder Demenzerkrankungen beziehungsweise zur Vermeidung von Haarausfall gibt. Auch wenn spezifischen Phytotherapeutika Estrogen-ähnliche Wirkungen zugeschrieben werden: Die Anwendung von Rotklee, Soja oder Cimicifuga zum Beispiel in der Osteoporose- oder Herzkreislauf-Prophylaxe sei klinisch nicht belegt. 

 

Obwohl Dehydroepiandrosteron (DHEA) die Fähigkeit zur Verbesserung der Vitalität, der Stimmung, der Libido und der erektilen Dysfunktion zugeschrieben wird: Auch die Daten zu DHEA sind eher ernüchternd, konstatierte Dreeke-Ehrlich. Die DHEA-Einnahme führe lediglich zu einer Verbesserung der Symptome auf Placebo-Niveau. Belege für die klinische Wirksamkeit ständen ebenso wie Beweise für den klinisch relevanten Nutzen zum Beispiel von Ginseng oder Ginkgo biloba bei Alterserscheinungen noch aus.

 

Die Apothekerin hob die Bedeutung der Prävention durch Bewegung, eine gesunde kalorienreduzierte Ernährung, effektive Stressbewältigung und eine positive Lebenseinstellung zur gesunden Alterung hervor. Protektive medikamentöse Gesamtkonzepte seien besonders erfolgversprechend bei Osteoporose, Hyperinsulinämie und Diabetes mellitus, kardiovaskulären Erkrankungen und Adipositas.

 

Mangelerscheinungen beheben

 

Dass Apotheker eine wichtige Funktion für den Verbraucherschutz haben, machte auch Jutta Doebel, Erftstadt, deutlich. Eine ausgewogene und abwechslungsreiche Ernährung mit viel Obst, Gemüse, Fisch und Vollkornprodukten reiche für gesunde Menschen zur Deckung des Nährstoff-, Vitamin- und Mineralstoffbedarfs normalerweise aus. Echte Mangelerscheinungen seien in Deutschland sehr selten, kämen jedoch trotz des üppigen Nahrungsangebotes infolge von Fehlernährung vor.

 

Laut Untersuchungen des Robert-Koch-Instituts 2004 seien 90 Prozent der Bundesbürger mit Folsäure, 70 bis 80 Prozent mit Vitamin D sowie jeweils 50 Prozent mit Vitamin E oder den Mineralstoffen Kalzium, Jod und Eisen  unterversorgt.

 

Der Nährstoffbedarf sei in vielen Lebenslagen, zum Beispiel in der Schwangerschaft, im Alter, bei Übergewicht, bei Leistungssport, Nikotinkonsum oder Medikamenteneinnahme, höher als normal. Die Referentin betonte, dass Menschen unter Leistungsdruck von einer ausreichenden Zufuhr an Vitamin C und E, Selen und Zink, Magnesium, B-Vitaminen und Arginin, Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch von der zusätzlichen Gabe von Folsäure, Vitamin C und Eisen profitieren.

 

Für ein gesundes Wachstum brauchen gerade Kinder ausreichend Kalzium, Omega-3-Fettsäuren, Folsäure und Zink, sagte Doebel. Für Sportler sind Kalium, Magnesium, Zink, die B-Vitamine und die Vitamine C und E zur Deckung des Mehrstoffbedarfs und zur schnellen Regeneration wichtig. Zur Erhaltung ihrer Lebensqualität sollten Senioren insbesondere auf B-Vitamine, Vitamin D und Kalzium achten.

 

Auch bei chronischen Erkrankungen könne die zusätzliche Gabe von Vitaminen sinnvoll sein: So hätten zum Beispiel Diabetiker unter anderem einen erhöhten Bedarf an Vitamin C und E, Folsäure, Zink, Chrom oder Magnesium. Doebel betonte, dass die individuelle Beratung in der Apotheke zur ergänzenden Einnahme von Nährstoffpräparaten hilfreich und sinnvoll ist.

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