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Lip- und Lymphödem

Tortur für Leib und Seele

04.07.2017
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Von Christiane Berg / Schräge Blicke, Getuschel, soziale ­Diskriminierung bis hin zum Mobbing in der Schule und am ­Arbeitsplatz: Lip- und/oder Lymphödeme gehen nicht nur mit schweren körperlichen, sondern auch mit gravierenden seelischen Belastungen einher.

Als chronisch progrediente Fettverteilungsstörung ist das Lipödem von übermäßig dicken Beinen und Armen bei in Frühstadien gleichzeitig schlanker Taille und wohlproportioniertem Körperstamm geprägt. Es wird von einer ödembedingten Beschwerdesymptomatik, das heißt Druckschmerz sowie Schwere- und Spannungsgefühl begleitet. In Spätstadien bilden sich meist umschriebene Wülste insbesondere an den Oberschenkel- und Knie-Innen­seiten.

 

Da sich viele Ärzte mit der überwiegend bei Frauen auftretenden Lipohypertrophia dolorosa nur unzureichend oder gar nicht auskennen oder sie häufig als Adipositas fehlinterpretieren, werden die Patientinnen oft schlichtweg falsch oder gar nicht therapiert.

 

Pathomechanismus unbekannt

Die genauen Pathomechanismen der Fettzellen-Erkrankung sind nicht bekannt. Meist bricht diese bei Änderungen im Hormonhaushalt, etwa in der Pubertät, in den Wechseljahren oder in der Schwangerschaft aus, heißt es in der S1-Leitlinie »Lipödem« (1).

 

In der Mehrzahl der Krankheitsfälle wird eine genetische Komponente vermutet, zumal eine familiäre Häufung des Lipödems beobachtet wird. Sind Lipödem-ähnliche Veränderungen in Einzelfällen auch bei Männern zu verzeichnen, so werden diese auf Hor­montherapien oder Hormonstörungen, unter anderem im Rahmen des Hypogonadismus, zurückgeführt.

 

Vermutlich liegt der pathologischen Fettgewebsvermehrung eine Hypertrophie und Hyperplasie der Fettzellen bei gleichzeitiger Veränderung des Bindegewebes mit Kapillarpermeabilitätsstörungen zugrunde.

 

Es drängt vermehrt Flüssigkeit aus dem Gefäßsystem ins Interstitium. Im Stadium 1 ist die Subkutis gleichmäßig verdickt und die Hautoberfläche noch glatt (Abbildung, links). Doch bereits hier kann es schon bei geringsten Stößen zu Hämatomen kommen (1).

Das Lymphsystem reagiert auf das übermäßige Flüssigkeitsangebot mit einem gesteigerten Lymphtransport. Es wird diskutiert, dass die dadurch entstehende Dauerbelastung der Lymphgefäße zur Degeneration der Gefäßwände und somit wiederum zur Reduktion der Transportkapazität mit Entstehung von Ödemen führt. Der weitere Verlauf der Erkrankung kann von der Ausbildung eines Lipödems mit sekundärem Lymphödem, sprich: Lipolymphödem oder auch Lip-/Lymph­ödem geprägt sein.

 

In Spätstadien der Erkrankung kommt es zu Sekundärveränderungen wie Sklerose und Papillomatose in der Dermis. Die zunehmende Fibrosierung des Unterhautfettgewebes geht mit weiteren Transportinsuffizienzen und schließlich knotenartigen Strukturen im verdickten Subkutanbereich einher. Im Stadium 2 ist die Hautoberfläche uneben und überwiegend wellenartig (Abbildung rechts). Im Stadium 3 kommt es zu ausgeprägter Umfangsvermehrung mit überhängenden Gewebeanteilen (Wammenbildung).

 

Scham, Angst und ­Depressionen

 

»Geschätzt wird, dass in Deutschland circa vier Millionen Frauen betroffen sind. Viele berichten von großem psychischen und physischen Leid und erheblichen Komorbiditäten bis hin zum völligen Verlust jedweder Lebensqualität«, sagt Marion Tehler, 2. Vorsitzende der Lipödem Hilfe Deutschland e. V. (2), Rahden, im Gespräch mit der PZ.

 

Die mit dem Lipödem verbundene starke Gewichtsbelastung geht nicht nur mit einer Abnutzung der Hüften und Kniegelenke sowie Erkrankungen des gesamten Bewegungsapparates (Pseudo-X-Beine, Arthrose et cetera) einher, sondern kann auch Entzündungen, Ekzeme und Infektionen durch Scheuer- und Okklusionseffekte in den Hautfalten auslösen. Die Erkrankung kann zudem zu Angst und Depressionen führen, da viele Betroffene wegen ihres äußeren Erscheinungsbildes nicht nur angestarrt werden. »Sie werden zum Teil übelst beschimpft, sodass man schon von Menschenverachtung sprechen kann«, so Tehler.

»Der psychische Druck ist groß. Sogar Kinder werden von anderen Kindern wegen ihrer vermeintlich fetten Mutter gemobbt.« So werde zum Beispiel der Kauf von Kleidern und Schuhen sowie der Besuch von Café, Restaurant, Kino oder Theater oft zum Horrortrip. »Die vorhandenen Sessel und Lehnstühle sind meist viel zu ­schmal, sodass es für Betroffene nicht oder nur mit Mühe möglich ist, sich zu setzen oder wieder aufzustehen.«

 

Viele Partner hätten ebenfalls Probleme. »Oft trennen sie sich selbst nach vielen Ehejahren, weil sie völlig überfordert sind.« Von einer erfüllenden Sexualität könne meist nicht die Rede sein. Manche Frauen, so Tehler, verzichten auf Nachwuchs, da sie zum einen etwaige Töchter vor einem ähnlichen Schicksal bewahren möchten und zum anderen wissen, dass das Lipödem in der Schwangerschaft einen enormen Schub erfahren kann.

 

Symptomatische Therapie

 

Zur Diagnostik des Lipödems nennen die Autoren der aktuellen S1-Leitlinie neben der Anamnese, Inspektion und Palpation die Verlaufskontrolle und ­Dokumentation von Gewicht, Body-Mass-Index und Taille-Hüfte-Verhältnis (Waist-Hip-Ratio) sowie regel­mäßige Umfangs- und Volumenmessungen der Extremitäten. Als Standard­therapie wird die Kombinierte Physikalische Entstauungstherapie (KPE) in Form manueller Lymphdrainage, Kompressions- und Bewegungstherapie sowie professioneller Hautpflege empfohlen. Intensität und Frequenz der Maßnahmen richten sich nach der Ausprägung und Dauer der Beschwerden.

 

Eine Kalorienreduktion trägt nicht zum Abbau der hypertrophen Fettzellen bei. Da jedoch eine begleitend bestehende Adipositas den Verlauf und das Beschwerdebild des Lipödems ­verschlechtern kann, ist es sinnvoll, ­jeglichen Kalorienüberschuss zu vermeiden.

 

Tehler betont, dass eine vorübergehende »Diät« insbesondere zur Ausschlussdiagnose angezeigt sein kann. Die fehlende Volumenabnahme der Extremitäten trotz Reduktion des Gesamtgewichts sei ein entscheidendes Krankheitszeichen und Diagnosekriterium. Allzu oft jedoch werde den Frauen eine generelle Gewichtsreduktion durch vermehrte Bewegung und Ernährungsumstellung angeraten. »Dabei ist inzwischen bewiesen, dass Diät und Sport das Lipödem nicht verringern«, kritisiert sie.

 

Laut Studien münden die erfolglosen Diäten oft sogar in Essstörungen wie Bulimie, Anorexie oder Binge-­Eating und größten seelischen Frust, da das Lipödem trotz aller Konsequenz und Disziplin weiter wuchert. Tehler: »Nicht zufällig leiden Patientinnen gerade in fortgeschrittenen Stadien unter erheblichen Scham- und Minderwertigkeitsgefühlen. Sie haben so gut wie gar kein Selbstbewusstsein mehr und trauen sich kaum mehr auf die Straße.«

Die manuelle Lymphdrainage könne zwar gegebenenfalls zur Minderung der Lymphlast und somit der Schmerzen beitragen. Sie bringe jedoch vielen »Lipödemerinnen« im Gegensatz zu Frauen mit Lymphödem oder einer Mischform aus Lip- und Lymphödem nur wenig Linderung, da sie kaum Wasser eingelagert haben. Immer müsse der individuelle Fall mit den ganz persönlichen Beschwerden betrachtet werden.

 

Auch die in der Leitlinie empfohlenen flach gestrickten Kompressionsstrümpfe tragen laut Tehler zumeist nicht zur ­Linderung der Beschwerden bei. Sie werden vor allem im Sommer als zusätz­liche körperliche Belastung empfunden. Dies gilt ganz besonders, wenn sie falsch angemessen wurden und in den Kniekehlen scheuern oder kneifen.

 

Liposuktion oft ­unumgänglich

 

Laut Leitlinie kann zur dauerhaften Reduktion des krankhaften Unterhautfettgewebes an Beinen und Armen bei fortschreitender Progredienz trotz konservativer Therapie die Liposuktion ­unumgänglich werden. Die Fettabsaugung ist oft die einzige Möglichkeit, die Beschwerden, Schmerzen und Symptome dauerhaft zu mindern oder gar zu beseitigen. Die Operation sei »keine Schönheits-OP und kein Spaziergang«, sondern anfänglich vielfach mit ­großen Schmerzen verbunden, sagt Tehler. Auch könne sie keine Modellbeine zaubern. In erster Linie gehe es darum, den Patientinnen wieder Schmerzfreiheit, Beweglichkeit und Freude zu ermög­lichen. »Viele Frauen, die operiert wurden, berichten von einem neuen ­Leben.«

 

»Der Eingriff erfolgt unter anderem im Rahmen einer kurzstationären Überwachung unter örtlicher Betäubung, also Tumeszenz-Lokalanästhesie, mithilfe gewebe- und lymphgefäßschonender Absaugtechniken mittels dünner und stumpfer Mikrosonden von drei bis vier Millimetern«, erklärt der Chirurg Dr. Axel Baumgartner, ­Lübeck, im Gespräch mit der PZ. Die ­Patienten bleiben eine Nacht in medizinischer Betreuung.

 

Vollnarkosen werden laut Baumgartner vermieden, um das Risiko des Eingriffs möglichst gering zu halten. Zudem bleiben die Patientinnen auf dem Operationstisch mobil und können danach umgehend wieder aufstehen. Da das aktive Muskelspiel während der Operation erhalten bleibt, können der Befund und das Ausmaß der Absaugung optimal beurteilt werden. »Aufgrund des häufig großen Schweregrads des Lipödems können mehrere Operationen im Abstand von mindestens sechs Wochen notwendig werden, um letztlich die Symptomatik vollständig zu behandeln.«

Die Liposuktion kann ödembedingte Beschwerden, zum Beispiel Spontan- und Druckschmerzen, Ödeme und ­Hämatomneigung, signifikant lindern. Nach Erfahrung des Chirurgen können die konservativen Therapiemaßnahmen bei den meisten Frauen verringert oder sogar über viele Jahre abgesetzt werden. Mechanisch und okklusiv bedingte Hautschäden können reduziert oder beseitigt, die ­Beweglichkeit und das Gangbild optimiert und Risiken für weitere orthopädische Komplikationen minimiert werden. Baumgartner unterstrich, dass das Selbstbewusstsein und die Lebens­qualität der Patientinnen gemäß ­eigener derzeit laufender Studien und Langzeitdaten deutlich steigen.

 

»Die Liposuktion beim Lipödem ist eine sehr effektive und erfolgreiche ­Behandlungsoption.« Der Arzt betonte, dass das Risikoprofil des operativen Eingriffs vergleichsweise gering ist und in etwa dem einer Krampfader-OP entspricht. Nur in wenigen Fällen kommt es zu Wundinfektionen, allergischen Reaktionen auf verabreichte Medikamente, Hämatome oder Hautunregelmäßigkeiten.

 

Allerdings, so kritisiert Tehler, ist die Liposuktion noch nicht im GKV-Leistungskatalog enthalten. »Nur in wenigen Einzelfällen übernehmen die Krankenkassen die Kosten.« Die Lipödem Hilfe Deutschland e. V. setze sich daher beim G-BA für die generelle Übernahme der Kosten ein. »Von A wie Antragstellung bis V wie Verordnung: Als unsere Hauptaufgabe betrachten wir es, betroffenen Frauen generell und in jeder Hinsicht mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Vor allem aber haben wir es uns zum Ziel gesetzt, alles in unserer Macht Stehende zu tun, der Krankheit Lipödem die gesellschaftliche Aufmerksamkeit und Anerkennung zu verschaffen, die ihr unbedingt zukommen muss«, betont sie.

 

Neue Leitlinie Lymphödem

 

Während das Lipödem symmetrisch und beidseitig, also rechts und links an Beinen und Armen immer gleich stark ausgeprägt auftritt, ist das behandlungsbedürftige Lymphödem meist durch einseitige Schwellungen zum Beispiel von Armen oder Beinen gekennzeichnet. Auch Organe, Kopf und Gesicht oder aber Geschlechtsteile können erkranken (Tabelle).

 

In der neuen, im Mai 2017 von der AWMF veröffentlichten S2k-Leitlinie zu »Diagnostik und Therapie der Lymph­ödeme« werden diese als chronische entzündliche Erkrankungen des Interstitiums infolge einer primären ­(anlagebedingten) oder sekundären (erworbenen) Schädigung des Lymphdrainage-Systems definiert (3).

Tabelle: Differenzialdiagnostische Kriterien von Lip- und Lymphödem; nach (1)

Diagnose Charakteristika
Lipödem
Ursachen und ­Beginn Hypertrophie und Hyperplasie der Fettzellen; zumeist bei Änderungen des Hormonhaushaltes, etwa in der Pubertät, Schwangerschaft oder ­Menopause
Spezifisches symmetrisch lokalisiert, extremitätenbetont, übermäßig dicke Beine und Arme bei in Frühstadien gleichzeitiger schlanker Taille und wohlproportioniertem Körperstamm, Hände und Füße nicht ­betroffen, Kragen- oder Muffbildung im Bereich der Gelenkregionen, Hämatom-Neigung, orthopädische Komplikationen durch Abnutzung der Hüften und Kniegelenke sowie Erkrankungen des gesamten Bewegungsapparates (Pseudo-X-Beine, Arthrose et cetera), Stemmer-Zeichen negativ, Entzündungen, Ekzeme und Infektionen der Haut durch Scheuer- und Okklusionseffekte, begleitend Ödem-bedingte Beschwerden hin zur Entwicklung eines Lip-/Lymphödems
Lymphödem
Ursachen und ­Beginn angeboren, zum Beispiel Nonne-Milroy-, Hennekam- oder Lymphödem-Distichiasis-Syndrom erworbene Schädigung des Lymphdrainagesystems, zum Beispiel durch operative Eingriffe, ­insbesondere Entfernung axillärer Lymphknoten bei Tumoroperationen, durch maligne Prozesse, ­infektiöse Erkrankungen oder fortgeschrittene chronisch-venöse Insuffizienz (CVI)
Spezifisches meist einseitig lokalisierte Schwellungen unter anderem an Armen oder Beinen, gegebenenfalls an Füßen und Händen, stadienabhängig: Gewebeverhärtungen, Stemmer-Zeichen positiv, in Spätphasen: Bläschen, Lymph-Fisteln und -Zysten, Ekzeme und schlecht heilende Wunden, Gefahr der Entstehung eines bösartiges Lymphangiosarkoms

Die Minderung der Transportkapazität des Lymphdrainage-Systems führt zu Transportstörungen der lymphhaltigen Last mit Gewebeflüssigkeit und Proteinen, die sich nunmehr in Zellzwischenräumen sammelt und zu lokalen Schwellungen führt. Dabei wird das primäre Lymphödem auf eine genetische Prädisposition, also eine angeborene Fehlbildung des Lymphsystems mit einer pathologischen Architektur und Funktion der Lymphgefäße zurückgeführt. Zu den angeborenen Lymph­ödemen zählen unter anderem das Nonne-Milroy-, das Hennekam- oder auch das Lymphödem-Distichiasis-­Syndrom.

 

Zum sekundären Lymphödem kann es zum Beispiel durch operative Eingriffe und hier insbesondere die Entfernung axillärer Lymphknoten bei Tumoroperationen infolge Mammakarzinom sowie maligne Prozesse, infektiöse ­Erkrankungen oder auch fortgeschrittene chronisch-venöse Insuffizienzen (CVI) kommen. Als ein wesentlicher ­Risikofaktor gilt die Adipositas, die vermutlich zu einer mechanischen Behinderung des Lymphtransports führt. Von Beginn an, doch insbesondere in Spätstadien des Lymphödems werden Veränderungen des Binde- und Fettgewebes in Form von Fibrose und Sklerose sowie der extrazellulären Matrix mit Zunahme von Kollagen(fasern), Elastin oder Glykosaminoglykanen wie Hyaluronan beobachtet. Die Inzidenz des sekundären Lymphödems in Industriestaaten liegt bei 0,13 bis 2 Prozent (3).

Alltagstipps für Patienten

»Einmal Lymphödem heißt immer Lymphödem«: Umso mehr Bedeutung sei spezifischen Verhaltensregeln zuzumessen, betont die Deutsche Gesellschaft für Lymphologie (DGL, 5).

 

  • Vorsicht vor Verletzungen, vor einengender Kleidung, vor Überwärmung, körperlicher Überlastung und Übergewicht: Das gilt sowohl für Patienten mit einem Arm/Rumpf- oder Bein- als auch für jene mit ­einem Genital- oder Gesichtslymph­ödem.
  • Insbesondere Hände und Arme müssen zum Beispiel im Haushalt oder bei der Gartenarbeit geschützt ­werden, um Infektionen auszuschließen. Gummihandschuhe sind empfehlenswert. Selbst kleinste Wunden sind umgehend zu desinfizieren.
  • Am Lymphödem-Arm darf kein Blut abgenommen und keine Injektion, Infusion, Akupunktur oder Blutdruckmessung vorgenommen werden. Bei beidseitigen Armödemen ist die Blutentnahme aus einer Leistenvene empfehlenswert.
  • Zwischen körperlichen Arbeiten sind Pausen einzulegen, die Einkaufstasche ist stets am ödemfreien Arm zu tragen, gegebenenfalls sind Taschen oder Koffer auf Rädern zu verwenden. Uhren, Ringe und Armreifen sollten am gesunden Arm getragen werden.
  • Bei Langstrecken-Flügen, Bahn-, Bus- und Autotouren kann es zum verstärkten Lymphstau kommen. Patienten mit Ödemneigung sollten Kompressionsstrümpfe oder -bandagen tragen.
  • Als Sportarten sind Nordic Walking, Radfahren (auch Hometrainer), Schwimmen, medizinisches Krafttraining und Langlauf geeignet. Brennende Sonne, heiße Bäder und Saunagänge sind zu meiden.

Mittels Anamnese, Inspektion und Palpation unterscheiden Ärzte beim Lymphödem vier Stadien:

 

  • Stadium 0, das Latenz- oder Intervallstadium, gilt als Lymphangiopathie mit noch suffizientem Lymphge­fäß-System. Es verursacht keine Beschwerden und zeigt keine pathologischen Befunde.
  • Im Stadium I (umkehrbares, spontan reversibles Ödem) sind leichte Schwellungen, zum Beispiel in Armen oder Beinen, tagsüber zu beobachten. Bei Druck mit Finger oder Daumen auf das geschwollene Gewebe bleibt eine Delle zurück. Die Schwellung klingt über Nacht ab. Hautveränderungen fehlen. Hochlagern reduziert die Schwellung.
  • Im Stadium II werden spontan irre­versible Lymphödeme beobachtet, die wegen der Fibrose des Gewebes auch durch Hochlagerung der Extremität nicht mehr vollständig rückbildungsfähig sind. Dellen sind kaum eindrückbar. Die Schwellung hat sich verhärtet, das Bindegewebe ist verdickt, die Haut schmerzhaft gespannt.
  • Stadium III wird als ausgeprägte Form von Stadium II mit stärkster Fibrose und schwersten Hautveränderungen betrachtet. Die Haut ist deutlich ­verdickt und vernarbt. Sie neigt zu Bläschen, Lymph-Fisteln und -Zysten, Ekzemen und schlecht heilenden Wunden. »Wenn auch selten, so kann sich in diesem Stadium bei Nicht­behandlung des Lymphödems ein bösartiges Lymphangiosarkom entwickeln«, berichtet Baumgartner.

 

Zur Beurteilung der Verhärtung des Gewebes dient unter anderem das Stemmersche Zeichen: Lässt sich die Haut an den Zehen nicht oder kaum abheben, gilt das Zeichen als positiv. Gegebenenfalls kommen nach der Basisdiagnostik weiterführende Diagnostik-Verfahren wie MRT oder spezielle Laboruntersuchungen beziehungsweise genetische Tests zum Einsatz.

 

Biografische Zäsur

 

In Deutschland leben etwa 80 000 Menschen mit Lymphödem. 90 Prozent sind Frauen. Wie das Lipödem geht auch das Lymphödem mit großen psychischen Belastungen einher. »Es hat gravierende Folgen für den individuellen Lebensentwurf und verlangt anstrengende Krankheitsarbeit. Jede Pa­tientin muss um die Neufindung ihres Weges kämpfen«, sagt Susanne Helmbrecht, 1. Vorsitzende der Lymphselbsthilfe e. V., Herzogenaurach, im Gespräch mit der PZ.

 

Ob Lip- oder Lymphödem oder eine Mischform: »Die Diagnose ist eine biografische Zäsur, die meist zu einem Schockzustand und zu vor­übergehender Handlungsunfähigkeit führt. Nur allzu oft werden Lip- und Lymphödem-Patientinnen mit ihrer Erkrankung jedoch allein gelassen.« Hier setze die Arbeit der Lymphselbsthilfe an. Als ständiges Mitglied im G-BA kämpfe der Verein nicht nur für sozialrechtliche Verbesserungen für die Betroffenen. Er informiere darüber hinaus auch über Therapieoptionen und die große Bedeutung des Selbstmanagements der Erkrankung, sagt Helmbrecht (4).

Die KPE mit manueller Lymphdrainage sowie entstauenden Bewegungsübungen, speziellen Atemtechniken, Kompressionstherapie, Hautpflege und Selbstmanagement zählt wie beim Lip- so auch beim Lymphödem zur Basis- und Standardtherapie. Es stehen keine Medikamente zur Kausaltherapie zur Verfügung (3).

 

»Der Einsatz von Diuretika ist in der Dauertherapie des Lip/Lymphödems nicht indiziert. Diese konzentrieren und erhöhen den Eiweißgehalt des Gewebes und begünstigen dadurch die Ödem­entwicklung statt ihr entgegenzuwirken«, unterstreicht Baumgartner.

 

Bei schweren Komplikationen, zum Beispiel einem akutem Erysipel, kann die orale oder sogar parenterale Applikation von Antibiotika erforderlich werden. Bei Stauungsdermatitiden haben sich Antihistaminika und Corticoid-haltige Salben bewährt.

 

Gemäß Leitlinie ist eine operative Therapie in Betracht zu ziehen, wenn der Patient trotz konservativer Therapie und Therapieadhärenz weiter einen hohen Leidensdruck hat und sekundäre Gewebeveränderungen zunehmen. Hier, so Baumgartner, kommen nach genauer Indikationsstellung chirurgische Maßnahmen zum Einsatz. Ziel ist die Wiederherstellung des unterbrochenen Lymphsystems durch Transplantation körpereigener Lymphgefäße oder Venen, die Umleitung der ­Flüssigkeit im Gewebe durch neu ­geschaffene Verbindungen von Lymphgefäßen und Venen über das Blut­gefäßsystem oder die Entfernung ­pathologisch veränderten Gewebes.

 

Zwar nehmen die operativen Maßnahmen zu. Hier liege die Zukunft, sagt Baumgartner und schränkt ein: »Alle entsprechenden Möglichkeiten gelten jedoch derzeit noch als mehr oder weniger experimentell: Es existieren bisher nur wenige wissenschaftliche Studien zum Einsatz operativer Verfahren beim Lymphödem.« Operationen seien zudem nur Zentren mit entsprechender Expertise vorbehalten.

 

Neukodierung ­unumgänglich

 

Primär oder sekundär, nach (partieller) Mastektomie oder sonstigen medizinischen Maßnahmen, zervikal, inguinal oder urogenital, obere oder untere Extremitäten, mit oder ohne Komplikationen? Wichtig für die Beratung in sozialrechtlichen und finanziellen Fragen zu wissen ist: Seit dem 1. Januar 2017 gilt die neue Regelung zum langfristigen Heilmittelbedarf, gemäß der bei jedem Lymphödem-Patienten die Neukodierung der auf der ICD-10-GM-Version 2017 basierenden Diagnose erforderlich ist. Diese Version ermöglicht eine nach Lokalisationen differenzierte und zum großen Teil stadienbezogene Kodierung lymphologischer Krankheitsbilder.

Die Autorin

Christiane Berg studierte Pharmazie an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel und wurde 1984 in der Abteilung Toxikologie des Zentrums Klinisch-Theoretische Medizin II (Leitung: Professor Dr. Otmar Wassermann) promoviert. Im selben Jahr ging sie als Redakteurin der Pharmazeutischen Zeitung nach Frankfurt am Main. Es folgte eine zweijährige Tätigkeit in einer Frankfurter PR-Agentur. Seit Gründung des norddeutschen Redaktionsbüros der Pharmazeutischen Zeitung 1989 lebt und arbeitet Berg in Hamburg.

 

Dr. Christiane Berg

Alte Rabenstraße 8

20148 Hamburg

E-Mail: chris-berg@t-online.de

Die Neukodierung, so die DGL, bedeutet momentan eine erhebliche Mehrarbeit für die Praxen, führt aber langfristig zu einer genaueren Einstufung des Lymphödem-Schweregrads und erleichtert somit die Abrechnung mit den Kostenträgern. Sie sei notwendig, da es nunmehr erweiterte Listen mit Diagnosen wie Lymphödeme der oberen und unteren Extremität(en) im Stadium II und III gibt, die die Kriterien des langfristigen Heilmittelbedarfs erfüllen. Nutzt der Vertragsarzt die entsprechenden ICD-10-Schlüssel, kann er zugunsten des betroffenen Patienten Verordnungen ausstellen, die sein Budget nicht belasten.

 

Physisch, psychisch, sozial: Die Autoren der neuen Lymphödem-Leitlinie betonen, dass die grundsätzliche Aufklärung und Schulung der Patienten in der individuellen Selbsttherapie zum Standard der konservativen Behandlung zählen. Die Erfahrung, so Baumgartner, bestätigt, dass gut aufgeklärte Patient(inn)en ein geringeres Risiko und weniger ausgeprägte Lymph­ödeme als unwissende zeigen. Informierte und im Selbstmanagement ­geübte Menschen können leichter mit der belastenden Erkrankung Lip- und/oder Lymphödem leben. »Das Wissen um die Fakten ist unverzichtbar im Kampf gegen die Tortur für Leib und Seele.« /

 

Literatur

 

  1. S1-Leitlinie Lipödem. Stand: 31. 10. 2015, gültig bis 30. 6. 2020. www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/037-012l_S1_Lipoedem_2016-01.pdf
  2. Lipödem Hilfe Deutschland e. V., www.lipoedem-hilfe-ev.de 
  3. S2k-Leitlinie Diagnostik und Therapie der Lymphödeme. Stand: 23. 5. 2017, gültig bis 22. 5. 2022. www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/058-001l_S2k_Diagnostik_und_Therapie_der_Lymphoedeme_2017-05.pdf
  4. Lymphselbsthilfe e. V., www.lymphselbsthilfe.de
  5. Deutsche Gesellschaft für Lymphologie – DGL. www.dglymph.de

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