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Schädel-Hirn-Trauma

Stürze mit gravierenden Folgen

04.07.2006
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Schädel-Hirn-Trauma

Stürze mit gravierenden Folgen

von Gudrun Heyn, Berlin

 

In Deutschland erleiden jedes Jahr erheblich mehr Menschen ein Schädel-Hirn-Trauma als einen Schlaganfall. Doch in der Bevölkerung wird die Verletzung des Gehirns durch Stürze und Unfälle kaum als ernsthafte Erkrankung wahrgenommen. Dabei können schwere Schädel-Hirn-Verletzungen gravierende Folgen haben ­ von Störungen des Denkvermögens und der Bewegungskoordination bis hin zum Tod.

 

Jedes Jahr erleiden in der Bundesrepublik rund 273.000 Menschen ein Schädel-Hirn-Trauma (SHT). Dies ist das Ergebnis einer von der Hannelore-Kohl-Stiftung geförderten Studie, die erstmalig verlässliche Angaben über die Häufigkeit von Schädel-Hirn-Verletzungen, ihre Ursachen und über die Versorgungssituation der Patienten in Deutschland lieferte. Hierzu erfassten Mediziner der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster, der Medizinischen Hochschule Hannover sowie insgesamt 26 Akutkrankenhäuser und 11 Reha-Kliniken in den Regionen Hannover und Münster von 2000 bis 2001 rund 97 Prozent aller Patienten mit einer Schädel-Hirn-Verletzung. »Unsere Studie ist wahrscheinlich weltweit die einzige umfassende Datenerhebung, die eine Hochrechnung auf das ganze Land erlaubt«, sagte Professor Dr. Eckhard Rickels von der Neurochirurgischen Klinik in Ulm auf einer Pressekonferenz in Berlin.

 

Mehr als die Hälfte aller Schädel-Hirn-Traumen entstehen bei Stürzen im häuslichen Bereich und in der Freizeit. Verkehrsunfälle sind dagegen erst an dritter Stelle der Ursachenstatistik zu finden. Durch die Anschnallpflicht in Kraftfahrzeugen werden in Deutschland viele Schädel-Hirn-Verletzungen verhindert, erklärten die Experten. Doch Radfahrer und Fußgänger seien nach wie vor gefährdet.

 

Rund 66 Prozent der Patienten sind den Studienergebnissen zufolge jünger als 45 Jahre. Auffällig hoch ist dabei der Anteil von Kindern unter 16 Jahren: Er beträgt fast 30 Prozent. Besonders häufig treten die Verletzungen in der Altersgruppe der Zwei- bis Dreijährigen auf. Ihr Kopf ist im Verhältnis zum Körper relativ groß und schwer, so dass sie bei einem Sturz oder Unfall unweigerlich auf dem Kopf landen. Aber auch ältere Menschen über 75 Jahren sind auf Grund ihrer verminderten Körperbeherrschung häufig von einem Schädel-Hirn-Trauma betroffen.

 

Verschiedene Schweregrade

 

SHT sind durch Schlag, Stoß oder Schleuderbewegungen verursachte Verletzungen von Kopf und Gehirn. Durch die Wucht der Bewegung schlägt das Gehirn gegen den Schädelknochen, wobei die Neurone geschädigt werden, was zumindest kurzfristig zu neurologischen Störungen führt. Die Verletzungen lassen sich in die drei Schweregrade leicht, mittelschwer und schwer unterteilen. Im einfachsten Fall treten vorübergehend Benommenheit, Übelkeit und Kopfschmerzen auf. Oft können sich Betroffene nicht mehr daran erinnern, was geschehen ist. Bleibende Schäden sind bei diesen Verletzungen nicht zu erwarten.

 

Dauert die Bewusstlosigkeit ungefähr fünf Minuten und verschwinden die Beschwerden nach fünf Tagen wieder, spricht man von einer Gehirnerschütterung. Bei dieser mittelschweren Form des HST sind Hirnblutungen und bleibende Störungen selten.

 

Etwa 25 Prozent der Patienten erleiden schwere Verletzungen. Die Patienten, die überleben, sind über Stunden bis Tage bewusstlos. Gefäße und Gewebe des Gehirns zerreißen, weshalb meistens Blutungen auftreten. Häufig fallen dabei Hirnfunktionen nachhaltig aus und es kommt zu bleibenden Bewusstseinsstörungen. Wenn die Großhirnfunktion ausfällt, Stammhirn und Kleinhirn aber weiter arbeiten, fallen die Patienten in Wachkoma. Sie können zwar ihre Augen öffnen, haben aber kein Bewusstsein und keine Möglichkeit der Kommunikation mit ihrer Umwelt.

 

Verbesserungsfähige Versorgung

 

In Deutschland ist die medizinische Versorgung von Schädel- Hirn-Verletzten der Studie zufolge gut. Vor allem dem Konzept der Unfallversorgung geben die an der Untersuchung beteiligten Experten eine gute Note. Dennoch lässt sich die Betreuung von Betroffenen noch verbessern. Nur etwa 60 Prozent der Ärzte handeln am Unfallort den Leitlinien zur Behandlung von SHT-Patienten entsprechend. Selbst eindeutig Schwerverletzte werden oft nicht intubiert. Dabei gehört die Sauerstoffversorgung des Gehirns neben der Stabilisierung des Kreislaufs zu den wenigen medizinischen Maßnahmen am Unfallort, die ein weiteres Absterben von Gefäßen und Gewebe verhindern können.

 

Für Notärzte ist es häufig nicht einfach, den Verletzungsgrad eines Unfall- oder Sturzopfers abzuschätzen. Eine sichere SHT-Diagnose ist nur mit Hilfe der Computertomographie möglich, die aber in Rettungswagen und -hubschraubern nicht zur Verfügung steht. Besonders wichtig ist es daher, den neurologischen Status eines Patienten zu dokumentieren. Anhand einer Checkliste lässt sich abschätzen, wie es um den Patienten steht. Geprüft werden hierbei, ob der Patient die Augen offen hat, die Pupillenreaktionen des Betroffenen, Reflexe, Muskeltonus und Sensibilität. Nur so kann festgestellt werden, ob sich später die Symptome eines Betroffenen weiter verschlechtern und damit eine ernsthaftere Schädigung des Gehirns vorliegt.

 

Rund 27.000 Patienten erleiden jedes Jahr ein mittleres bis schweres Schädel-Hirn-Trauma. Aber selbst ein leichtes SHT kann die Lebenssituation eines Menschen nachhaltig verändern. Auch Monate und Jahre nach einer Hirnverletzung sind Störungen des Denkvermögens und des Bewusstseins möglich. Zudem werden viele Patienten von Depressionen und Angst geplagt. So ergab die SHT-Studie, dass knapp 6 Prozent aller Betroffenen nur noch teilweise oder überhaupt nicht mehr in Schule, Ausbildung oder Beruf zurechtkommen. Um so unverständlicher ist es für die Experten, dass rund 95 Prozent der Patienten nach Abschluss der Akutversorgung nicht in eine Spezialklinik oder Abteilung für Rehabilitation verlegt werden. Vor allem durch eine neuropsychologische Behandlung lassen sich viele verloren gegangene Fähigkeiten wieder herstellen oder durch andere ersetzen. So lernen etwa SHT-Patienten, die nicht mehr sprechen können, sich mit Hilfe eines Computers zu verständigen.

 

Viele Schädel-Hirn-Verletzungen könnten vermieden oder zumindest in ihren Folgen abgemildert werden, wenn die Bevölkerung besser aufgeklärt wäre. In Amerika werden beispielsweise Football-Trainer darin geschult, ein Schädel-Hirn-Trauma zu erkennen. Sie wissen, wann ein Sportler oder Schüler wieder auf das Spielfeld darf oder ärztlich behandelt werden muss. Nach dem amerikanischen Vorbild könnten auch in Deutschland Sporttrainer und Lehrer ausgebildet werden, meinen die an der Studie beteiligten Experten. Außerdem sei es für Kinder und Erwachsene gleichermaßen wichtig, beim Fahrradfahren einen Helm zu tragen. Verbesserungsmöglichkeiten werden aber auch im häuslichen Bereich gesehen. So sind viele Leitern trotz eines CE-Gütesiegels nicht standsicher und bergen besonders für ältere Menschen ein großes Gefahrenpotenzial.

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