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Hypertonische Kochsalzlösung für den Praxisbedarf

04.07.2006
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Hypertonische Kochsalzlösung für den Praxisbedarf

von Holger Reimann, Eschborn

 

Da die Inhalation einer hypertonischen Kochsalzlösung die Beschwerden von Mukoviszidose-Patienten lindern kann, verordnen Pulmologen zurzeit zunehmend hypertonische Solen. Das NRF schlägt die Herstellung eines praxistauglichen Konzentrats zur Verdünnung vor.

 

Für die rezepturmäßige Herstellung isotonischer Natriumchlorid-Inhalationslösungen besteht auf Grund des Angebots geeigneter Fertigprodukte kein Bedarf (1). Insofern wurde auch vor dem Hintergrund der aufwendigen Sterilherstellung in Einzelabpackungen eine entsprechende NRF-Vorschrift zurückgezogen (2). Dies betraf auch die 5-prozentige Konzentrationsstufe, zumal für die Inhalation konzentrierter Solen bekannt ist, dass oberhalb von 3 Prozent eine Schleimhautreizung, Hustenreiz mit Schmerzempfindung und leicht entzündlichen Reaktionen einsetzt, die allerdings innerhalb weniger Stunden reversibel sind (3). Neuerdings gibt es jedoch Hinweise darauf, dass die Inhalation einer hypertonischen Natriumchlorid-Lösung der Konzentration 70 mg/ml bei Mukoviszidose-Patienten bestimmte Parameter der Lungenfunktion verbessern und die Häufigkeit von Verschlimmerungen senken kann (4, 5).

 

Dabei wird die Lösung langfristig zweimal täglich nach Anwendung eines Bronchodilators inhaliert (4). Auf Initiative von Pulmologen werden offensichtlich aktuell versuchsweise wieder hypertonische Solen verordnet. Ein Extrembeispiel ist die fragwürdig hohe Konzentration von 30 Prozent Natriumchlorid, die bei der NRF-Rezepturinformationsstelle als Problemfall einging. Hierbei ist die Sättigungskonzentration überschritten. Sicherlich war beabsichtigt, dass die Lösung volumetrisch verdünnt wird, und eine Prozentangabe in der logisch eigentlich unsinnigen, aber in der Praxis verbreiteten Form »Prozent (m/V)« gemeint. Wegen der höheren Dichte von etwa 1,19 g/ml ist eine noch nicht ganz gesättigte, etwa 25-prozentige (m/m) Natriumchlorid-Lösung tatsächlich 30-prozentig (m/V), siehe Tabelle.

prozentuale Konzentration
(m/m) [g/100 g]
Dichte
[g/ml]
„prozentuale“ Konzentration
(m/V) [g/100 ml]
23,00 1,1721 26,96
23,76 1,1784 28,00
24,00 1,1804 28,33
25,00 1,1887 29,72
25,12 1,1904 30,00
26,00 1,1972 31,13

Interpolierte Konzentrations- und Dichteangaben für

wässrige Natriumchlorid-Lösungen 28 und 30 g/100 ml

bei 20 °C neben Tabellenwerten der Literatur (9)

Konzentrat zur Verdünnung

 

Wie rasch und massiv Inhalationslösungen für die Mukoviszidose-Medikation im Mehrdosenbehältnis mit Bacillus cereus verkeimen können, hatte bereits vor Jahrzehnten ein Feldversuch mit durchschnittlich neun Entnahmen innerhalb von fünf Tagen gezeigt (6). Einige Vibrionen, Staphylokokken, Pseudomonas-Stämme und Enterokokken tolerieren hohe Natriumchlorid-Konzentrationen zwischen 5 und 15 Prozent (7), Keimwachstum in gesättigter Kochsalzlösung gilt jedoch als ausgeschlossen.

 

Im Vergleich zu anwendungsfertigen und bei Anbruch mikrobiell anfälligen Natriumchlorid-Inhalationslösungen aus Sterilproduktion ist deshalb ein mikrobiologisch stabiles Vierfach-Konzentrat in Form der nahezu gesättigten Natriumchlorid-Lösung 280 mg/ml kein schlechter Vorschlag und leicht zu realisieren. Die Lösung muss nur bei Bedarf jeweils frisch mit genau drei Volumenteilen Trinkwasser auf ein Volumenteil Konzentrat hygienisch einwandfrei verdünnt werden. Die Voraussetzungen hierfür dürften in pulmologischen Arztpraxen und bei den Eltern Mukoviszidose-kranker Kinder meist gegeben sein. Bei Gebrauch einer wiederholt verwendeten Einmalspritze zur volumetrischen Verdünnung sollte mit dieser erst das Wasser und dann das Konzentrat abgemessen werden, damit die feucht aufbewahrte Spritze nicht verkeimen kann. In den USA wird zum Ausschluss jeglichen Risikos für Natriumchlorid-Inhalationslösungen Sterilität gefordert, für Wasser für Inhalationszwecke sogar eine Begrenzung bakterieller Endotoxine (8).

 

Das 28-prozentige Konzentrat und die Verdünnung mit frischem Trinkwasser ist jedoch durchaus arzneibuchkonform, da laut der Ph.-Eur.-Monographie »Zubereitungen zur Inhalation« nicht zwingend steril zu sein brauchen. Ebenso wichtig wie die Angabe der richtigen Verdünnung unmittelbar vor Gebrauch ist bei solchen Konzentrat-Rezepturen der bereits in der zurückgezogenen NRF-Monographie sinngemäß gemachte Hinweis: »Reste der anwendungsfertigen Verdünnung nach Anwendung verwerfen!«.

Literatur

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AMK/NRF, Unkonservierte Kochsalzlösung zur Inhalation aus Mehrdosenbehältnissen, Pharm. Ztg. 149 (2004) 3141.

NRF 2005, Tabelle I.5.-1: 2005 zurückgezogene Monographie 8.6., Natriumchlorid-Inhalationslösung 0,9 oder 5 Prozent.

Kommission B 8 beim Bundesgesundheitsamt/Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, Aufbereitungsmonographie-Entwurf: Inhalations-Solen, Vorveröffentlichung vom 20.12.1990.

Elkins, M. R., Robinson, M., Rose, B., A controlled trial of long-term inhaled hypertonic saline in patients with cystic fibrosis, N. Engl. J. Med. 354 (2006) 229-240.

Donaldson, S. H., Bennett, W. D., Zeman, K. L., et al., Mucus clearance and lung function in cystic fibrosis with hypertonic saline, N. Engl. J. Med. 354 (2006) 241-250.

Kuhn, R. J., Lubin, A. H., Jones, P. R., Nahala. M. C., Bacterial contamination of aerosol solutions used to treat cystic fibrosis, Am. J. Hosp. Pharm. 39 (1982) 308-309.

Daschner, F., Hübner, J., Wie lange sind Kochsalzlösungen als Nasentropfen haltbar?, Med. Mo. Pharm. 13 (1990) 289.

N. N., Monographien: Sodium Chloride Inhalation Solution, Sterile Water for Inhalation. In: The United States Pharmacopeial Convention (Hrsg.), USP NF 2006. USP 29 ­ The United States Pharmacopeia/NF 24 ­ The National Formulary, Rockville 2005.

Weast, R. C., Sodium chloride, Handbook of Chemistry and Physics, 57th edition, CRC Press, Cleveland 1976, S. D-233.

 

Anschrift des Verfassers:

Dr. Holger Reimann

Neues Rezeptur-Formularium (NRF)

Pharmazeutisches Laboratorium

Carl-Mannich-Straße 20

65760 Eschborn

reimann(at)govi.de

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