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Zystennieren

Tolvaptan erhält Zulassung

24.06.2015
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Von Sven Siebenand, Frankfurt am Main / Die autosomal- dominante polyzystische Nierenerkrankung (ADPKD) ist vererbbar und chronisch fortschreitend. Bisher war nur eine symptombezogene Therapie möglich. Mit der Zulassung von Tolvaptan (Jinarc®) zur Behandlung der ADPKD hat sich das nun geändert. Mit dem Vasopressin-2-Rezeptor-Antagonisten lässt sich die Erkrankung zwar nicht heilen, die Progression der Krankheit aber hinauszögern.

ADPKD ist eine Systemerkrankung. »Vor allem sind die Nieren betroffen«, sagte auf einer Pressekonferenz von Otsuka Pharma in Frankfurt am Main Professor Dr. Nicholas Obermüller vom dort ansässigen Universitätsklinikum. Typischerweise leiden die Patienten zum Beispiel unter abdominalen Schwellungen, Hypertonie, Infektionen, Nierensteinen, Blut im Urin sowie Flanken- und Rückenschmerzen. Ursache ist eine Genmutation, die zur renalen Zystenbildung führt. Bedingt durch deren Wachstum schreitet die Schädigung der Nieren fort, die bei den meisten Betroffenen im Alter zwischen 50 und 60 Jahren in Nierenversagen mit Dialysepflicht mündet. Obermüller zufolge leben allein in Deutschland mindestens 60 000 bis 80 000 ADPKD- Patienten. 10 Prozent aller Dialysepatienten seien an ADPKD erkrankt.

 

Nierenfunktion bleibt länger erhalten

 

Bisher konnte die ADPKD nur symptomatisch behandelt werden. Neben der Blutdrucksenkung kommt es laut dem Mediziner auch auf eine konsequente Infektionsbehandlung an. Zudem sollten die Betroffenen das Rauchen aufgeben, um die Progression der Erkrankung nicht weiter zu fördern. »Die Patienten sollten möglichst wenig coffeinhaltige Getränke konsumieren«, gab Obermüller einen Ernährungstipp. Der Grund für diese Empfehlung ist, dass Coffein den enzymatischen Abbau von cyclischem Adenosinmonophosphat (cAMP) hemmen kann. Dieser Second Messenger ist durch die genannte Mutation ohnehin hochreguliert, wodurch Bildung und Vergrößerung von Zystennieren gefördert werden. Zusätzlich wird cAMP durch das Peptidhormon Vasopressin erhöht. An dieser Stelle greift Tolvaptan an. Indem der Wirkstoff Vasopressin am V2-Rezeptor verdrängt, wird die cAMP-Produktion reduziert, sodass es in der Folge zu einer Verminderung der Zellproliferation, insbesondere der renalen Zystenbildung und des Zystenwachstums, kommt.

 

In einer randomisierten, placebokon­trollierten Doppelblindstudie mit 1445 ADPKD-Patienten konnte gezeigt werden, dass Tolvaptan die Zystenbildung wirksam verlangsamt. Der Hauptindikator für die Wirksamkeit war die Veränderung des Gesamtnierenvolumens nach drei Behandlungsjahren. Unter Placebo nahm die Gesamtgröße der Nieren um 18,8 Prozent zu, unter Tolvaptan betrug die Zunahme 9,6 Prozent. Auch die Nierenfunktion blieb unter Tolvaptan signifikant besser erhalten als unter Placebo. »Patienten könnten fünf bis zehn dialysefreie Jahre dazugewinnen«, zog Professor Dr. Peter Gross, Leiter des Studienzentrums der Uniklinik Dresden, ein Fazit.

 

Seit Mai 2015 ist der Vasopressin-2-Rezeptor-Antagonist in Europa bei ADPKD zugelassen. Indiziert ist er bei erwachsenen Patienten mit chronischer Nierenerkrankung im Stadium 1 bis 3 zu Behandlungsbeginn mit Anzeichen für eine rasche Krankheitsprogression. ADPKD stellt damit das zweite Indikationsgebiet des Arzneistoffs dar. Seit 2009 ist das Tolvaptan-haltige Präparat Samsca® zur Behandlung einer Hyponatriämie beim Syndrom der inadäquaten Sekretion des antidiuretischen Hormons in Europa zugelassen.

 

ADPKD-Patienten nehmen Tolvaptan zweimal täglich oral ein. Die empfohlene Tagesdosierung beträgt initial 60 mg, aufgeteilt in 45 mg morgens nach dem Aufstehen und 15 mg acht Stunden später. Danach erfolgt – je nach Verträglichkeit – zunächst eine Dosiserhöhung auf 60 mg/30 mg (90 mg Tagesdosis) und schließlich auf 90 mg/30 mg (120 mg Tagesdosis). Die Behandlung wird mit der maximalen tolerierten Dosis fortgeführt. Je nach Verträglichkeit können das auch weniger als 120 mg am Tag sein.

 

Auf die Leber achten

 

»Wo Licht ist, ist auch Schatten«, sagte Gross mit Bezug auf die beobachteten Nebenwirkungen. Aufgrund des Wirkmechanismus von Tolvaptan, der zu einer gesteigerten Aquarese führt, sind unter anderem Durst, Polyurie, Nykt­urie und vermehrter Harndrang (Pollakis­urie) sehr häufige Nebenwirkungen. Kopfschmerzen, Schwindel, Müdigkeit und Erschöpfung treten ebenfalls sehr häufig auf. Zudem ist das Risiko für Leberschädigungen unter Tolvaptan erhöht. Ärzte sollten daher die Leberfunktion der Patienten im Auge behalten. /

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