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Großhandel

Sanacorp und CERP handeln gemeinsam

26.06.2007
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Sanacorp und CERP handeln gemeinsam

Von Thomas Bellartz, Hamburg

 

Die Sanacorp und die französische CERP Rouen schmieden eine paneuropäische Allianz. Am vergangenen Samstag haben die beiden Genossenschaften in Hamburg und Lyon die Zustimmung ihrer Vertreterversammlungen eingeholt. Sitz des neuen Konzerns mit dem Arbeitstitel »Millenium« wird das italienische Bologna.

 

Das Votum der Vertreterversammlung, des höchsten Gremiums der Sanacorp Pharmazeutische Großhandlung eG, war, für manche überraschend, deutlich: Nur eine Gegenstimme gab es gegen die von langer Hand vorbereitete »Annäherung« zwischen der deutschen Apotheker-Genossenschaft und ihrem französischen Pendant. Obwohl die Bilanz des Jahres 2006 und auch das Thema Celesio/Gehe/DocMorris die Versammlung beschäftigten, war der Zusammenschluss mit den Franzosen das Top-Thema des Tages.

 

Vor der finalen Abstimmung, der in den vergangenen Wochen und Monaten zahlreiche Informationsveranstaltungen für die gut 7300 Sanacorp-Genossen vorausgegangen waren, warben Vorstand, Aufsichtsrat und einige Vertreter für den Schulterschluss mit der CERP Rouen. Aufsichtsratschef Jürgen Funke hatte schon in seiner Begrüßung angekündigt, eine Zusammenführung mit der CERP werde die Sanacorp und damit die Rolle der selbstständigen, unabhängig geführten Apotheken stärken.

 

Man werde die eigene »Identität und unser Selbstverständnis nicht aufgeben, sondern stärken«. Damit gebe man auch eine deutliche Antwort für die jüngsten Marktveränderungen in Deutschland und Europa. Funke: »Der Wettbewerb wird sich weiter verschärfen. Für nationale Großhandlungen wird es schwerer werden zu bestehen gegen globale und vertikal integrierte Konzerne.« Funke hatte seine Kollegen aufgefordert, den Weg zu bereiten »für eine gemeinsame Zukunft der unabhängigen Apotheker«.

 

»Wir wollen die Grundlage unserer Existenzsicherung verstärken und uns mit Apothekerinnen und Apothekern auf der europäischen Ebene verbünden«, mit diesen Worten gab Vorstandschef Manfred Renner das Signal für den Eintritt der Sanacorp in eine neue, unternehmenshistorische Phase der Veränderung. Es gehe um die Erhaltung und Förderung der selbstständigen Apotheke ­ und dies vor dem Hintergrund einer fortschreitenden Konzentration sowohl auf der Herstellerstufe als auch bei den großen Wettbewerbern der Sanacorp, die sich bereits europaweit etabliert hätten.

 

Dabei gebe es auch außerhalb Deutschlands Unternehmen, »die ein mit uns identisches Grundverständnis haben«, so Renner. Man sei bereits seit Jahren mit CERP Rouen im Gespräch gewesen, habe jedoch wegen des schwebenden Verfahrens um die Mehrheitsübernahme bei der Anzag nicht aktiv werden können. Nun gehe es um die Zusammenführung von zwei Großhandlungen »zur Stärkung ihrer unternehmerischen Basis in den zwei größten Arzneimittelmärkten Europas«. CERP und Sanacorp einige das Ziel, gemeinsam wachsen zu wollen. Das werde Vorteile bringen. Renner: »Die Existenzsicherung der apothekereigenen Unternehmen, das ist der Vorteil für die Mitgliedsapotheken, der besonders evident geworden ist.« Die Vorteile konkret: Verdoppelung des Einkaufsvolumens, auf der Beschaffungsstufe wird es Synergien geben, Austausch von Wissen und Erfahrungen und darüber hinaus ein Wachstum an Innovationsgeist und Ideenreichtum.

 

Frappierend sind aus Sicht beider Unternehmen die Ähnlichkeiten. Entscheidend ist aber der bei beiden beinahe identische Unternehmenswert. Einfluss auf die Entwicklung der gemeinsamen Gesellschaft sollen auch weiterhin zu 100 Prozent Apothekerinnen und Apotheker haben. Das operative Geschäft der Sanacorp AG, an der die Sanacorp eG die vollen Stimmrechte hält, wird in eine GmbH ausgegliedert, deren Gründung von der Vertreterversammlung beschlossen wurde.

 

Das nun in einer Untergesellschaft ausgegliederte operative Geschäft wird zu 100 Prozent in eine gemeinsame Gesellschaft eingebracht. Beide Unternehmen, CERP Rouen und die Sanacorp, halten je 50 Prozent der Anteile. Für die Vertreter, Mitglieder und Kunden ändere sich nichts, erläuterte Renner in Hamburg. Die Gesellschaft nimmt ihren Sitz in Bologna, damit auch in diesem Sinne die Parität gewahrt bleibe. Im Übrigen habe man sich für ein EU-Land entschieden, das eine zweistufige Leitungsstruktur gesellschaftsrechtlich vorsehe.

 

Der Aufsichtsrat wird aus je drei Apothekern der bestehenden CERP- und Sanacorp-Aufsichtsräte bestückt sowie mit je einem Arbeitnehmervertreter. Hinzu kommt ein italienischer Wirtschaftsprüfer als gesetzlich gewolltes Pflichtmitglied. Auch beim Vorstand setzt man auf Parität und Kompetenz; das Gremium wird aus je zwei Vorstandsmitgliedern der nationalen Genossenschaften gebildet. Nach Abschluss der gesellschaftsrechtlichen Vorgänge wird »Millennium« über ein Stammkapital von zunächst 50 Millionen Euro verfügen. Das Konzept stößt überdies schon jetzt auf weitere Interessenten. So haben nach Angaben Renners drei weitere apothekereigene Großhandelsunternehmen Interesse angemeldet und wollen dem neuen Verbund bereits näher- oder beitreten. Wichtig sei aber, dass man eine Plattform schaffe, zunächst für immerhin rund 12.000 selbstständige Apotheken in Frankreich, Deutschland und Belgien.

 

Berücksichtigt man die Tragweite der Entscheidung, dann war die Debatte weder ausschweifend lang noch kontrovers. Das mag an den Entwicklungen um Gehe/Celesio gelegen haben. Bei den entscheidenden Abstimmungen stellte die qualifizierte Mehrheit von 75 Prozent der abgegebenen Stimmen keine ernsthafte Hürde dar.

 

Mit 99 Prozent der Stimmen votierten die Apothekerinnen und Apotheker in der Freien- und Hansestadt für den Weg in ein paneuropäisches,  genossenschaftliches und apothekereigenes Unternehmen. Zuvor hatte unter anderem Dr. Jörn Graue, Vorsitzender des Hamburger Apothekervereins, die Bedeutung der Entscheidung hervorgehoben: »Dies ist keine Hochzeit im Himmel, sondern auf Erden und zwar mit starker Bodenhaftung.« 

 

Im französischen Lyon hatten parallel zu den Sanacorp-Vertretern die Delegierten der CERP Rouen entschieden und dies nicht weniger deutlich, als ihre deutschen Kollegen. Mit ebenfalls knapp 100 Prozent der Stimmen ist der Startschuss deutlich und grenzüberschreitend zu vernehmen.

Kommentar: Entscheidung für Unabhängigkeit

Während die Politik auf der Suche nach einem kleinsten gemeinsamen Nenner im vereinten Europa durch die Niederungen nationaler Notdürfte tappt, machen die genossenschaftlichen Pharmagroßhandlungen Nägel mit Köpfen. Die ohnehin offensiv und expansiv ausgerichtete Noweda feiert bei Gießen nicht nur ihre neue Niederlassung, sondern auch dank der schwindsüchtigen Gehe und eigener Vertriebsstärke ihre Kundenzuwächse. In Hamburg setzte die Sanacorp Segel. Auf zu neuen Ufern.

 

Vergangen sind die Sanacorp-Dauerbaustellen Anzag und auch Herba: Die Zusammenführung des operativen Geschäfts von Sanacorp und CERP Rouen in ein gemeinsames Unternehmen ist eine klare Kampfansage an die großen Pharmahandelskonzerne. Auch wenn im Vergleich zu Celesio, Phoenix und Alliance Boots die Größe von Sanacorp/CERP keine bedeutende Rolle zu spielen scheint, ist der 23. Juni 2007 der Auftakt zu mehr.

 

Denn weitere apothekereigene Genossenschaften sehen sich durch Politik und Vertikalisierung in die Ecke gedrängt. Nicht nur die Unabhängigkeit der Großhändler, sondern ganz besonders die der unabhängigen und inhabergeführten Apotheken scheint bedroht. Warum also nicht den großen Schulterschluss vollziehen?

 

Die neue europäische Genossenschaft verdient alle Aufmerksamkeit derjenigen Apothekerinnen und Apotheker, denen die eigene Selbstständigkeit am Herzen liegt. Genossenschaften, ob national aufgestellt, regional oder europäisch, sind mehr als Rettungsboote in einem Sturm-umtosten Ozean. Sie bieten schon heute eine Antwort auf die Fragen, die von Konzernen wie Celesio politisch provoziert werden. Und sie geben eine richtungsweisende Antwort auf die angstvolle Frage vieler selbstständiger Pharmazeuten nach der eigenen Zukunft.

 

Egal, wie der Europäische Gerichtshof Ende 2008 oder wann auch immer in  Sachen Apothekenmarkt entscheidet: Apotheken haben heute schon oder noch die Chance, Entscheidungen zu treffen. In Eigenverantwortung über ihre Zukunft, für Selbstständigkeit und Unabhängigkeit.

 

Thomas Bellartz

Leiter der Hauptstadtredaktion

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