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»Gen-Müll« ist doch nicht unnütz

26.06.2007
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»Gen-Müll« ist doch nicht unnütz

Von Daniela Biermann

 

Ein Gen, eine RNA, ein Protein ­ so lautete ein Dogma in der Genetik, das nun überdacht werden muss. Wissenschaftler gingen bislang davon aus, dass von 3,3 Milliarden Basen in der DNA nur 1,5 Prozent abgelesen und in Proteine translatiert werden. Der Rest galt als »Müll« (Junk-DNA), der nicht transkribiert wird.

 

Das internationale Projekt Encyclopedia of DNA elements (ENCODE) zeigte nun aber das Gegenteil: Unabhängig voneinander untersuchten 38 Labore weltweit insgesamt 30 Millionen Basenpaare von 44 verschiedenen Stellen repräsentativ für das gesamte Genom. Bei 400 bekannten Genen  in den untersuchten Abschnitten erwarteten die Forscher eine entsprechende Anzahl RNA. Sie fanden jedoch etwa die doppelte Menge sich zum Teil überschneidender RNA-Transkripte und fast die zehnfache Anzahl an Genschaltern, die die Transkription regulieren, wie sie in der Fachzeitschrift »Nature« (Band 447, Seite 799 bis 816) berichten. Die nicht kodierenden RNA sind zudem oft spezifisch nur in einem Gewebe aktiv.

 

Da die zusätzlichen RNA-Fragmente nicht in Proteine übersetzt werden, stellt sich die Frage, welche Funktion sie erfüllen. »Wir glauben nicht, dass sie durch Zufall produziert werden«, sagte Tom Gingeras von der Firma Affymetrix in Santa Clara, Kalifornien, einer der Leiter von ENCODE. Die zusätzliche RNA spielt vermutlich beim Transport von Molekülen in der Zelle oder in der Regulation der Genaktivität eine Rolle. In diesem Fall könnte die »Müll-RNA« an der Entstehung von Krankheiten beteiligt sein.

 

Dr. Jörg Hackermüller vom Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie, ebenfalls an ENCODE beteiligt, will daher die Gendiagnose auf das gesamte Genom ausweiten: »Unsere Ergebnisse eröffnen viele neue Möglichkeiten für die Krankheitsdiagnostik und werden künftig sicher auch für die Therapie interessant ­etwa bei Krebs oder Herzinfarkten.«

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