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Die Menge macht’s

20.06.2017  16:48 Uhr

Die Menge macht’s

Manche Arzneistoffe sind so gut, dass sie sich damit selbst schaden. Zum Beispiel das Penicillin: Seit seiner Einführung in den 1930er-Jahren haben das Antibiotikum und andere Antiinfektiva unzählige Menschenleben gerettet und wurden daher immer häufiger eingesetzt. Die Kehrseite der Medaille ist jedoch, dass man über Antibiotika heute nicht mehr sprechen kann, ohne die grassierenden Resistenzen zu berücksichtigen. Der Über­gebrauch der Antibiotika hat sie teilweise wirkungslos gemacht – eine ­potenzielle Bedrohung für jeden von uns.

 

Ähnlich verhält es sich mit den Protonenpumpeninhibitoren (PPI). Ihre Entwicklung stellte 1989 einen Meilenstein in der Therapie säureassoziierter Erkrankungen des Gastrointestinaltrakts dar. Mit PPI kann die Säureproduktion des Magens medikamentös nahezu komplett ausgeschaltet werden. Das bedeutete einen riesigen Fortschritt für Ulcus-geplagte Pa­tienten, deren Beschwerden bis dahin nur mit einer Durchtrennung des Nervus vagus zu kontrollieren gewesen waren. Schnell wurden PPI zu ­einer absoluten Blockbuster-Arzneistoffklasse. Eine Entwicklung, die noch nicht am Ende ist, denn die Verkaufszahlen steigen weiter an.

 

Die enorme Effektivität der PPI hat jedoch auch dazu geführt, dass sie von immer mehr Menschen eingenommen werden, die sie eigentlich nicht unbedingt bräuchten (lesen Sie dazuSäureblocker: Zu Unrecht in Verruf geraten). Anders als bei den Antibiotika hat das zwar keine direkten Folgen für andere. Dennoch ist der Übergebrauch der PPI bedenklich. In den vergangenen Jahren haben verschiedene Studien insbesondere den Dauergebrauch von PPI mit Gesundheitsrisiken wie Osteoporose, Magen-Darm-Infektionen und Herzinfarkt in Verbindung gebracht. Gastroenterologen betonen zwar, dass hier lediglich Assoziationen gefunden wurden und keine Kausalitäten. Doch die vermuteten pathophysiologischen Zusammenhänge sind größtenteils plausibel, sodass diese Signale nicht auf die leichte Schulter genommen werden sollten. Ärgerlicherweise gerät bei dieser Diskussion vollkommen in Vergessenheit, dass die Vorteile der PPI-Einnahme gegenüber den möglichen Risiken bei Patienten mit gegebener Indikation klar überwiegen.

 

Patienten, die den medikamentösen Magenschutz brauchen, sollten keine Bedenken haben, ihn nötigenfalls auch langfristig einzusetzen. Die Indikation muss jedoch regelmäßig überprüft werden, denn wenn sie wegfällt, sollte auch der PPI ausgeschlichen werden. Bei vorübergehenden Beschwerden wie saurem Aufstoßen sollten PPI höchstens sporadisch angewendet werden. Diese eigentlich selbstverständlichen Einschränkungen könnten die Ehre der zuletzt etwas in Verruf geratenen Arzneistoffklasse wiederherstellen.

 

Annette Mende

Redakteurin Pharmazie

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