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Kreativität

Hirn auf Hochtouren

17.06.2015  10:17 Uhr

Von Ulrike Abel-Wanek / Der Kopf ist so leer wie die Kaffeetasse, eine Idee ist nicht in Sicht. Wie kommt es, dass manche Menschen gute Einfälle haben, andere aber nicht? Die Medizin und die Psycho­logie nehmen, wie die Wirtschaft schon längst, seit einigen Jahren den schöpferischen Prozess des Gehirns genauer unter die Lupe.

Eine Kerze, ein Streichholzmäppchen und eine Schachtel mit Reißnägeln: Die Aufgabe besteht darin, die Kerze an einer Wand zu befestigen. Wenn man sie anzündet, darf dabei kein Wachs auf den Boden tropfen.

 

Dieses Kerzenexperiment dachte sich der Psychologe Karl Duncker bereits in der 1930er-Jahren aus – im Rahmen seiner Arbeiten über das kreative Denken. «Bis heute beschäftigt das sogenannte Kerzenproblem unzählige Psychologiestudenten weltweit, die sich als Versuchskaninchen daran immer noch die Zähne ausbeißen», schreibt der Biologe und Psychologe Bas Kast in seinem Buch «Und plötzlich macht es Klick». Auf die Lösung kommen, je nach Studie, zwischen 25 und gut 50 Prozent der Probanden. Sie erscheint simpel, sobald man sie kennt: Die Schachtel mit den Reißnägeln wird zum Kerzenständer umfunktioniert und an die Wand gepinnt .

 

Der Lösung auf die Spur kommen am ehesten Menschen, die es schaffen, eingefahrene Denkmuster zu verlassen. Im Fall des Kerzenproblems heißt das: gedanklich nicht auf die eigentliche Funktion der Schachtel als Behältnis für Reißzwecke fixiert zu bleiben. Klingt einfach, ist es aber nicht. Denn für so gut wie jede Situation, in die man öfter gerät, bildet das Gehirn ein sogenanntes Schema. Mithilfe dieses mentalen Routinenetzwerks kann man getrost auf Autopilot schalten, um ohne größere Zwischenfälle durch den Tag zu kommen. Das macht uns effizient. Wer zerbricht sich beispielsweise morgens nach dem Aufstehen noch den Kopf darüber, was er als Nächstes tun muss? Schemata navigieren uns sicher durch viele Situationen, ohne dass wir noch viel nachdenken müssten. Sie helfen, sich fast schlafwandlerisch in bekannten Räumen zurechtzufinden oder Gegenstände wiederzuerkennen und einzuordnen. Und so bleibt eine Schachtel auf den ersten Blick oft nur eine Schachtel.

 

Man muss das Gehirn irritieren

 

Außerhalb von Standard-Situationen funktioniert das jedoch nicht. Ist mehr Kreativität gefragt, muss das Gehirn raus aus der perfekt eingespielten kognitiven Maschinerie. Und dazu muss man es irritieren.

 

Um das zu beweisen, schickte die Psychologin Simone Ritter von der Universität Nimwegen Dutzende von Versuchspersonen mithilfe einer computergesteuerten Datenbrille durch eine virtuelle Uni-Kantine. Eine Gruppe erkundete eine Kantine, in der sich alles ganz normal verhielt. Eine andere Gruppe sah sich in der Cafeteria mit kleinen Spielzeugautos, schwebenden Flaschen und verschwindenden Koffern konfrontiert – was die Erwartungen des Gehirns und den Realitätssinn aus der Bahn warf. Hatte sich dadurch ein Kreativitätsschub bei den Probanden eingestellt? Tatsächlich schnitten die Besucher der absurden Kantine im Vergleich zu den Besuchern der normalen Cafeteria bei einem Ideen-Test eindeutig besser ab. Ihre Einfälle auf die Frage: Was macht Geräusche?, waren deutlich vielfältiger und nicht auf eine einzige Kategorie wie Auto, Zug oder Flugzeug beschränkt wie bei ihren Mitstreitern. Ihr Denken war flexibler geworden und verlief in ganz unterschiedliche Richtungen. So kamen sie unter anderem darauf, dass auch Insekten, eine Uhr oder fließendes Wasser Geräusche machen. Der »Schemaverstoß« hatte ihre Fantasie geweckt.

 

Entgegen der Klischees ist Kreativität keine Eigenschaft einiger weniger Genies oder Künstler. Jeder hat sie, man muss sie nur hervorlocken. Zum Beispiel mit einem Auslandsaufenthalt. Tatsächlich ist ein längerer Aufenthalt in einem fremden Land wie ein Intensivkurs in Sachen kreatives Denken – weil andere Kulturgepflogenheiten an liebgewonnenen Gewohnheiten rütteln und man permanent mit neuen »Schemaverstößen« behelligt wird. Die Untersuchung eines Forscherteams der Business School Insead in Frankreich und der Northwestern Universitiy in den USA an über 200 Testpersonen ergab: Die Wahrscheinlichkeit, dass jemand Dunckers Kerzenproblem löst, wächst mit der Anzahl der Monate, die er im Ausland studiert oder gearbeitet hat.

 

Auch wer ein volles Adressbuch besitzt, hat gute Chancen, kreativ durchs Leben zu gehen. Das wichtigste Umfeld für Menschen ist zweifellos das soziale. Und da weisen Forschungsergebnisse in eine ähnliche Richtung: Häufige Kontakte mit Menschen, die die eigenen Denkschemata erweitern und auch mal widerlegen, halten fit im Kopf.

 

Konzentration macht blind

 

In der Arbeitswelt wird bekanntlich kaum etwas so hoch geschätzt wie Konzentration: Nur wer sich gut und lange konzentrieren kann, gilt als produktiv. Die Wertschätzung hat in vielen Fällen Berechtigung. Niemand möchte sich beispielsweise einem unkonzentrierten Chirurgen oder Piloten anvertrauen. Und auch für kreatives Arbeiten braucht man Biss und Sitzfleisch über oft lange Strecken, bis es zum gewünschten Ergebnis kommt. Doch Konzentration hat auch eine Kehrseite: Sie kann geistig blind machen. Der sogenannte Gorilla-Versuch macht das deutlich (www.theinvisiblegorilla.com/videos.html): Im Rahmen des Versuchen verfolgen Testpersonen ein Video mit einer Gruppe junger Leute, die sich Bälle zuwerfen. Sie sind in zwei Teams aufgeteilt, das eine mit schwarzen, das andere mit weißen Trikots gekleidet. Gezählt werden sollen die Pässe der Spieler in Weiß. Eine leichte Aufgabe für jeden, der zählen kann. Zum Erstaunen der Versuchsteilnehmer und der Forscher wurde jedoch von der Hälfte der Testpersonen etwas übersehen: dass etwa zur Halbzeit des knapp einminütigen Videos jemand im schwarzen Gorilla-Kostüm durchs Bild wanderte. Obwohl viele den Gorilla geradewegs anguckten, nahmen sie ihn nicht wahr. Das Gehirn hatte in dem Moment nur Aufmerksamkeit für den Ball und war in der Lage, sogar etwas so Ungewöhnliches wie einen Gorilla geistig auszuradieren.

 

Eine ganze Reihe neuerer Experimente zeigt, dass sich kreative Aha-Erlebnisse vor allem dann einstellen, wenn man sich entspannt. Das Gehirn geht dann in einen bestimmten Aktivitätsmodus über, einen »Offline-Modus«. Und wenn das Gehirn offline geht, kommen Einfallsreichtum, Assoziationen und Fantasie in Fahrt. Pausen werden so zum essentiellen Teil kreativer Arbeit. Diese Form der Kreativitätstechnik nutzte Beethoven zum Beispiel täglich.

 

Zwei US-Psychologinnen konfrontierten über 400 Studenten mit einer Serie von Denkaufgaben. Die Probanden waren entweder Nachteulen oder Frühaufsteher. Einige der Aufgaben erforderten einen Perspektivenwechsel beziehungsweise eine kreative Einsicht (siehe Kasten). Das Ergebnis war überraschend. Die Chance, die Aufgaben zu lösen, war dann am größten, wenn sich die Studenten in ihrem chronobiologischen Tagestief befanden: Die Frühaufsteher erreichten ihr kreatives Hoch am Abend, die Nachteulen schnitten morgens am besten ab. Die Erklärung: Das Gehirn der Nachteulen befand sich am frühen Morgen noch im benommenen Zustand, die Konzentration war noch nicht hochgefahren und das Denken durch die Konzentration noch nicht verengt. Bei den analytischen Aufgaben galt tendenziell das Umgekehrte. Je idealer die Tageszeit zum chronobiologischen Typus passte, desto besser die Leistung. Fazit des Forscherteams: Allzu viel Konzentration steht dem Einfallsreichtum im Weg.

 

Je mehr Alpha, desto origineller

 

Dem Rätsel der Kreativität experimentell auf die Schliche zu kommen, versuchte schon der Amerikaner Colin Martindale in den 1970er-Jahren. Mithilfe des Elektroenzephalografen zeichnete er die elektrischen Hirnströme von Menschen bei kreativen Tätigkeiten auf – zum Beispiel beim Schreiben origineller Texte – und stellte fest, dass die Hirnströme besonders kreativer Menschen in einem spezifischen Frequenzbereich einen Höhenflug hinlegten. Es war der Bereich zwischen 8 und 12 Hertz, auch als Alpha-Aktivität bezeichnet. Alpha-Aktivität wird mit sogenannter entspannter Wachheit in Verbindung gebracht. Alpha signalisiert also nicht Entspannung im Sinne von »gar nichts tun«. Das Gehirn zieht in dem Zustand seine Aufmerksamkeit von der Außenwelt ab – doch nicht, um ein Nickerchen zu machen. Eher könnte der Realitätsrückzug der Preis dafür sein, sein Vorstellungsvermögen hochzufahren. Umgekehrt heißt das: Wenn ich zum ersten Mal in meinem Leben Auto fahre, kann ich mir vermutlich nicht gleichzeitig eine spannende Geschichte ausdenken. Je mehr sich das Gehirn der Realität zuwendet, desto mehr muss es der Fantasie den Rücken kehren.

 

Also muss man einfach nur meditieren und wird ein Genie? Nicht ganz. Realis­tischer ist es, die Fähigkeiten zu erkennen, die einem gegeben sind. Hat man die Aufgaben gefunden, die zu einem passen, ist man vermutlich auch kreativ. »Jeder ist ein Genie«, soll Einstein gesagt haben – »aber wenn du einen Fisch danach beurteilst, ob er auf einen Baum klettern kann, wird er sein Leben lang glauben, er sei dumm.« /

 

Quellen und Literatur

 

  • Bas Kast: Und plötzlich macht es Klick. Das Handwerk der Kreativität oder wie die guten Ideen in den Kopf kommen. Sachbuch. S. Fischer-Verlag 2015. ISBN: 978-3-10-038304-4. EUR 19,99. 
  • FAZ-Hörbuch Hirnforschung 7 (2015). Das Geheimnis der Kreativität. 2 Audio-CDs. Spieldauer 2.24 Stunden. ISBN: 978-3-89843-280-1. EUR 19,90.
  • Henning Beck: Hirnrissig. Die 20,5 größten Neuromythen – und wie unser Gehirn wirklich tickt. 272 Seiten. Hanser Verlag 2014. ISBN 978-3-446-44038-8. EUR 16,90.

Denksportaufgabe

Wasserlilien auf einem bestimmten See verdoppeln alle 24 Stunden ihre Ausdehnung auf der Oberfläche. Bei Sommeranfang schwimmt eine Lilie auf dem See, nach 60 Tagen ist er komplett zugedeckt. An welchem Tag ist der See zur Hälfte bedeckt?

 

Fast jeder versucht, diese Aufgabe analytisch vom Anfang her zu lösen – und steckt bald fest. Bis es hoffentlich irgendwann Klick macht.

 

Quelle: Kast  /  Lösung: Am 59. Tag

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