Pharmazeutische Zeitung online
Gesundheitswirtschaft

Die Pharmaindustrie liebt Berlin

22.06.2010  14:19 Uhr

Von Nils Franke, Berlin / Die Berliner Wirtschaft hinkte lange hinterher. Jetzt holt sie auf. Auch mithilfe der Pharmaindustrie. Die stellt dort bereits jeden zehnten Industriearbeitsplatz. Ob die Hauptstadt diese Liebe erwidert, kann sie jetzt beim Thema Zwangsrabatt unter Beweis stellen.

Der Verband der forschenden Pharma-Unternehmen (VFA) fordert das Bundesland Berlin auf, sich beim Bund für eine Milderung des Zwangsrabatts einzusetzen. Besonders die Hauptstadt, in der die Pharmaindustrie eine immer größere Rolle spiele, werde darunter zu leiden haben, sagte Hauptgeschäftsführerin Cornelia Yzer bei einer Diskussionsveranstaltung in Berlin. Unter der Überschrift »Gesundheitswirtschaft in Berlin – Standort im Aufwind« hob der Verband die Bedeutung der Pharmaindustrie für die Hauptstadt hervor.

 

Gutes Fundament und Störfeuer

 

»Sei es, dass wir am Potsdamer Platz Pfizer sehen, die ihre Deutschlandzentrale dorthin verlegt haben«, zählte Yzer auf, »dass Bayer-Schering ein ganzes Quartier zum Pharmacampus umgestaltet hat, dass Berlin Chemie aus Berlin heraus den osteuropäischen Markt erschließt oder Sanofi-Aventis als weiteres Flaggschiff gerade eine weitreichende Kooperation mit der Charité unterschrieben hat – Berlin profitiert.« Rund 10 000 Menschen sind dem VFA zufolge inzwischen in der pharmazeutischen Industrie in Berlin beschäftigt und erwirtschaften einen Umsatz von über fünf Milliarden Euro. Damit stelle die pharmazeutische Industrie jeden zehnten Industriearbeitsplatz. »Ein gutes Fundament also für weitere Entwicklungen. Wenn da nicht auch Störfeuer wäre«, sagte Yzer.

Die Rahmenbedingungen in Deutschland insgesamt verschlechterten sich nach Einschätzung des VFA durch die vom Bundesgesundheitsministerium geplan­te Erhöhung des Zwangsrabatts, den Hersteller Kran­kenkassen gewähren müssen. Er soll zum 1. August von sechs auf 16 Prozent steigen – und 1,2 Milliarden Euro bei forschenden Pharmaunternehmen generieren. Andere Länder hätten längst erkannt, dass forschende Industrie mit Förderung flankiert werden müsse. Dort seien Steuergutschriften für Forschungsinvestitionen gang und gäbe. »Es wäre ein gutes Signal, wenn Phar­ma­unternehmen einen Teil ihrer Ausgaben für Forschung mit dem Zwangsrabatt verrechnen könnten. Das würde sich auch für Berlin auszahlen. Die hier ansässigen Unternehmen werden an den Einsparun­gen mit jährlich 150 Millionen Euro beteiligt sein. Da wird auch Berlin eine Menge entgehen«, warnte Yzer.

 

Dr. Kurt Geppert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung Berlin attestierte der Hauptstadt eine hohes Potenzial. »Berlin hat ein eigenständiges wirtschaftliches Profil – praktisch aus dem Nichts – und befindet sich in einem deutlichen Aufholprozess gegenüber anderen Städten.«

 

Wissenschaftliches Potenzial

 

Das sei nach dem historisch bedingten industriellen Niedergang nicht selbstverständlich. Noch 2004 habe Berlin als einzige Hauptstadt der Welt mit seiner Wirtschaftsleistung unter dem nationalen Durchschnitt gelegen. Heute seien Berlins dynamische Sektoren: Dienste der Informationstechnik, Medien, Forschung und Entwicklung, Tourismus, Kulturwirtschaft, Interessenvertretung und die technologieintensive Industrie. Standortvorteile Berlins seien wissenschaftliches Potenzial, kulturelles Potenzial, Urbanität und der Hauptstadtbonus.

 

Auch die Gesundheitswirtschaft in Berlin wachse – wenn auch nicht wesentlich stärker als im nationalen Schnitt, sagte Geppert. Aber die Chancen der Stadt in diesem Bereich würden sich in Zukunft eher noch verbessern. Derzeit sei Erstaunliches zu beobachten: »Die Bevölkerung von Deutschland insgesamt nimmt ab, die der Städte jedoch nimmt zu. Die Städte werden jünger.« Berlin habe da etwas zurückgelegen und hole jetzt deutlich auf.

 

Neben der Verjüngung sei auch zu beobachten, dass Städte und besonders Berlin immer stärker Zentren wissensintensiver und unternehmensbezogener Dienstleistungen würden. »Wir vermuten, dass das zusammengehört: Es scheint offensichtlich, dass die jungen Leute, die dazukommen, auch die neuen Stellen besetzen«, sagte Geppert.

 

»Junge Menschen können es sich zunehmend leisten, in die Region zu ziehen, die ihnen am besten gefällt. Die Marktmacht gut ausgebildeter Menschen ist gestiegen und wird mit der Verknappung von Humankapital weiter wachsen.« Geppert empfiehlt der Berliner Politik, sich bewusst zu machen, »dass Lebensqualität ein ebenso bedeutender wirtschaftlicher Faktor ist wie die eigentliche Wirtschaftspolitik. Bildungspolitik, Familienpolitik und Stadtgestaltung sind zentrale Pfeiler, auf denen die Berliner Wirtschaft ruht.« /

Mehr von Avoxa