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Komplementärmedizin

Was empfohlen werden kann

16.06.2009
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Pharmacon Meran 2009

Komplementärmedizin: Was empfohlen werden kann

Acht von zehn Krebspatienten greifen zu komplementärmedizinischen Mitteln, bevorzugt zu Mistelpräparaten, Vitaminen und Spurenelementen. Sie wollen damit aktiv an der Krankheitsbewältigung mitarbeiten und oft auch ihr Immunsystem stärken. Ist ein Nutzen nachgewiesen?

 

Welche Maßnahmen empfehlenswert sind, erläuterte Professor Dr. Josef Beuth vom Institut zur wissenschaftlichen Evaluation naturheilkundlicher Verfahren, Universität Köln. Definitionsgemäß ist die Komplementärmedizin kein Ersatz für eine Standardtherapie, sondern soll diese ergänzen und möglichst optimieren. Viele Maßnahmen erreichten in Studien einen hohen Evidenzgrad. Dringend warnte der Referent vor Alternativmedizin, die die Ängste der Patienten schürt und zu hohem Preis unhaltbare Heilungsversprechen gibt. Viele Diagnostik- und Therapieverfahren seien unzureichend oder gar nicht wissenschaftlich überprüft.

 

Als Basis der Komplementärtherapie nannte Beuth eine verbesserte Ernährung sowie Bewegung und Sport. »Essen kann tödlich sein, Bewegungsmangel ebenso.« Geeignete Ernährung und körperliche Aktivität könnten die Tumorraten um 30 bis 50 Prozent senken. Oft müsse man den Patienten erklären, dass man Krebs weder aushungern noch anfüttern kann und es daher keine »Krebsdiät« gibt. Normalgewichtige sollten während der Tumortherapie vielmehr essen, was ihnen schmeckt - auch, um eine Kachexie zu verhindern. Reichlich Obst, Gemüse und Getreideprodukte seien allgemein empfehlenswert; rotes Obst und Gemüse enthält viele Antioxidanzien. Drei- bis viermal pro Woche Tomaten zu essen, könne dem Prostatakarzinom vorbeugen.

 

Sport ist prophylaktisch und therapeutisch wirksam, wobei moderater Ausdauersport ausreicht. Zwei- bis dreimal pro Woche mindestens 30 bis 40 Minuten Bewegung könnten das Fatigue-Syndrom signifikant bessern und Körperbewusstsein und -funktion verbessern.

 

Wenn der Patient während der Akut- und Reha-Behandlung eine psychoonkologische Begleitung wünscht und akzeptiert, könne diese die Lebensqualität steigern, betonte der Arzt. Ob sich auch die Prognose verbessert, ist noch nicht bewiesen. Methoden wie Entspannung, Meditation und Visualisierung sind auch bei Schlafstörungen hilfreich. Schmerzbewältigung und Gesprächstherapie gehören ebenso zum Angebot der Psychoonkologie. »Wir wollen den Patienten einen gesunden Egoismus vermitteln, denn das hilft, gesund zu werden und zu bleiben.«

 

Indikationsbezogen kommen in der Komplementärmedizin auch Arzneimittel zum Einsatz. Es gebe viele gute Studien zu deren Nutzen, berichtete Beuth. So könne anorganisches Selen die Wirkung von Chemo- und Strahlentherapie verbessern und Nebenwirkungen am Magen-Darm-Trakt sowie Ödeme reduzieren. Antioxidativ wirkt Selen erst nach Einbau in Enzyme. Fisch, Hülsenfrüchte und Vollkornprodukte sichern die Versorgung über die Ernährung. »Eine bis zwei Paranüsse pro Woche reichen aus, um den Selenspiegel zu normalisieren.« Ansonsten könne man 100 bis 200 µg pro Tag zuführen.

 

Proteolytische Enzyme wie Papain, Trypsin und Chymotrypsin haben laut Beuth in Studien bewiesen, dass sie Nebenwirkungen von Chemo- und Strahlentherapie bei Patienten mit Brust- oder Darmkrebs oder Plasmozytom reduzieren können. Die Einnahme von Lektin aus Linsen (Lens culinaris) könne die Schleimhäute stabilisieren und deren Funktion erhalten. In einer kleinen Anwendungsbeobachtung habe sich ein Gemisch aus Selenit, Enzymen und Linsenlektin bewährt. Das Ergebnis müsse jetzt in randomisierten Studien bestätigt werden.

 

Wenn der Patient zusätzlich Vitamine zuführen will, sollte der Apotheker bilanzierte Vitamin-Spurenelement-Gemische auswählen, die die empfohlenen Tagesdosen, aber kein Eisen enthalten. Dieses wirke im Überschuss als Wachstumsfaktor und sei karzinogen für die Schleimhautzellen im Gastrointestinaltrakt. Nur bei nachgewiesenem Eisenmangel sollte das Element supplementiert werden.

 

Die von vielen Patienten geschätzten Mistellektine konnten in den meisten Studien die Lebensqualität erhöhen, was auf eine Endorphin-Ausschüttung zurückgeht. Beuth empfahl, Mistelpräparate nie während einer Chemo- oder Strahlentherapie, sondern danach einzusetzen, aber nur bei nachgewiesener Immunsuppression. Dazu reiche es meist aus, sechs bis zehn Wochen nach der Tumortherapie ein Differenzialblutbild anzulegen und die Leukozyten zu zählen. Es sei ausreichend, wenn deren Zahl im unteren Normbereich liegt, informierte der Arzt. Generell empfehle er den Patienten, nach der Tumortherapie zunächst einmal alle Therapien abzusetzen. Wenn Nebenwirkungen auftreten oder eine Indikation erkennbar ist, sollte dann gezielt behandelt werden.

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