Pharmazeutische Zeitung online
Liberalisierung

Schweden sprengt die Kette

17.06.2008  16:14 Uhr

Liberalisierung

Schweden sprengt die Kette

Von Uta Grossmann, Stockholm

 

Der schwedische Apothekenmarkt steht vor der Liberalisierung. Bei der Jahresversammlung des Verbandes der europäischen Hersteller von Selbstmedikation AESGP erläuterte Regierungsberater Lars Reje seine Vorschläge. Die Entwicklungen in Deutschland beschrieb ABDA-Vertreter Mark-Rüdiger Metze.

 

Zur 44. Jahresversammlung des Verbandes der europäischen Selbstmedikationsindustrie AESGP waren vergangene Woche Teilnehmer aus Europa, Australien, China, Iran, Israel, Japan, Korea, Libanon, Mexiko, Oman, Saudi-Arabien, der Türkei, den Vereinigten Arabischen Emiraten, den USA und Jemen nach Stockholm gekommen. Innovation in der Selbstmedikation war das Leitthema.

 

Das Gastgeberland Schweden ist gerade dabei, radikale Schritte zum Umbau seines Gesundheitssystems zu unternehmen. Die Regierung will damit Innovationen fördern und eine weitgehende Liberalisierung einleiten, wie ihr Berater für den Arzneimittelmarkt, Lars Reje, während des AESGP-Kongresses erläuterte. Die damals neu gewählte schwedische Regierung hatte Ende 2006 eine Kommission mit dem Ökonomen Reje an der Spitze eingesetzt. Sie sollte Vorschläge für mehr Wettbewerb im Apothekenmarkt erarbeiten und die Möglichkeit erörtern, einige nicht verschreibungspflichtige Medikamente außerhalb von Apotheken verkaufen zu dürfen. Noch sind die gut 900 schwedischen Apotheken im Besitz der staatlichen Apothekenkette Apoteket.

 

Monopol von Apoteket vor dem Aus

 

Die Regierung beabsichtigt, das Monopol von Apoteket auf den Verkauf verschreibungspflichtiger und verschreibungsfreier Medikamente zum 1. Januar 2009 aufzuheben. Die Mitte-Rechts-Regierungskoalition wurde mit der Absicht zitiert, bis zu 50 Prozent der staatlichen Apotheken verkaufen zu wollen. Unternehmen wie Celesio, Phoenix und Alliance Boots stehen in den Startlöchern, um Apotheken zu übernehmen, sobald das Monopol fällt. Auch viele schwedische Apotheker haben Interesse daran, selbst Apotheken zu erwerben.

 

Der Europäische Gerichtshof hatte 2005 konstatiert, das schwedische staatliche Apothekenmonopol 2005 verstoße gegen europäisches Recht. Vor einigen Monaten legte Berater Lars Reje einen 700 Seiten langen Bericht seiner Kommission vor, den die Regierung nun prüft. Reje empfiehlt eine weitgehende Erlaubnis des Fremdbesitzes. Mit Ausnahme von Ärzten und Arzneimittelherstellern soll es jedem gestattet werden, Apotheken zu besitzen. Eine pharmazeutische Ausbildung ist nicht nötig. Der Ökonom rät der Regierung, den Verkauf von nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten für eine definierte Gruppe von OTC-Präparaten (OTC für over the counter, über den Ladentisch) auch außerhalb von Apotheken zu erlauben - über Mittel zur Nikotinersatztherapie hinaus, für die das bereits seit dem 1. März möglich ist. Auch einige homöopathische und pflanzliche Präparate dürfen schon jetzt außerhalb von Apotheken verkauft werden. Reje sagte in seinem Vortrag vor der AESGP-Versammlung, die Regierung solle die schwedische Arzneimittelbehörde (Medical Products Agency, MPA) damit beauftragen, eine Liste derjenigen OTC-Produkte zu erstellen, die künftig außerhalb von Apotheken verkauft werden sollen. Als Outlets sind ihm so ziemlich alle Läden recht, nur keine Restaurants, in denen Alkohol ausgeschenkt wird.

 

Reje verspricht sich davon mehr Wettbewerb und sinkende OTC-Preise. Beratung wird es in diesen Geschäften nicht geben, denn es ist kein pharmazeutisches Personal vorgesehen. Die Verkäufer in den Läden dürfen keine Informationen über Kunden weitergeben und über die OTCs nur das sagen, was auf Packung oder Beipackzettel steht. Um trotzdem für Arzneimittelsicherheit zu sorgen, schlägt Reje eine Altersgrenze von 18 Jahren für die Abgabe von OTCs außerhalb von Apotheken vor. Die MPA und die kommunalen Behörden sollen das kontrollieren.

 

Anders Blanck vom Läkemedesindustriföreningens (LIF), dem schwedischen Verband der Pharmaindustrie, wies auf ungeklärte Sachverhalte hin. So sei nicht klar, wer entscheide, was als verschreibungspflichtiges Rx-Arzneimittel und was als OTC-Präparat auf den Markt komme. Der LIF begrüßt Rejes Vorschlag, OTCs auch in anderen Geschäften zu verkaufen, ist aber gegen eine Altersgrenze von 18 Jahren. Blanck sieht auch nach der Verwirklichung von Rejes Ideen den Hauptmarkt für Arzneimittel weiterhin in den Apotheken - und fordert noch mehr Freiheit.

 

OTC-Shops für jüngere Leute

 

Monica Hagman berichtete den Kongressteilnehmern, dass eine geringe Apothekendichte und wenig verbraucherfreundliche Öffnungszeiten wichtige Gründe für den Wunsch der Regierung nach einer Deregulierung des schwedischen Apothekenmarktes seien. Die Pharmazeutin, die seit 28 Jahren in unterschiedlichen Positionen für die staatliche schwedische Apothekenkette Apoteket arbeitet, erläuterte, dass es derzeit 878 Apoteket-Filialen und neuerdings 39 Apoteket-Shops gibt. In diesen Shops werden nur OTCs verkauft. Sie sollen den Zugang zu rezeptfreien Produkten vor allem in Innenstadtlagen mit teuren Gewerbeflächen verbessern, denn dort gibt es in den traditionellen Apoteket-Filialen meist aus Platzgründen wenige OTC-Regale. Die Shops richten sich vor allem an jüngere Leute, die selbst etwas für Gesundheit und Wohlbefinden tun wollen.

 

Die OTC-Preise sind staatlich festgelegt. Es gibt auch die Möglichkeit, per E-Mail Medikamente zu bestellen, die man sich entweder nach Hause oder in die nächstgelegene Apoteket-Filiale liefern lassen kann, etwa wenn ein Kunde ein Mittel gegen Haarausfall benötigt und es ihm peinlich wäre, das laut in der Apotheke zu sagen. Sollte die Deregulierung wie von Reje vorgeschlagen kommen und Fremdbesitz sowie der Verkauf bestimmter OTC-Produkte außerhalb der Apotheke erlaubt werden, müssen sich die schwedischen Apotheken auf einen harten Wettbedwerb einstellen. Monica Hagman sieht das auch als Herausforderung. »Wir müssen unsere Beratung verbessern und unsere pharmazeutische Kompetenz beweisen«, sagte sie. Traumhafte Zustände  herrschen dagegen in Frankreich, jedenfalls aus Sicht deutscher Apotheker, die mit Bangen auf das Urteil des Europäischen Gerichtshofs zum Fremd- und Mehrbesitz warten. Dieses Urteil wird über eine Liberalisierung des Apothekenmarkts entscheiden.

 

Muriel Wizman-Dahan vom französischen Gesundheitsministerium plädierte dafür, OTC-Produkte ausschließlich in Apotheken zu verkaufen, um die Patienten zu schützen, nicht die Apotheker, wie sie betonte. Es gebe keinen Grund, Risiken einzugehen, indem man den Verkauf auch in Supermärkten zulasse. Medikamente seien sensible Produkte, sonst wären sie keine Medikamente, argumentierte die Französin. Außerdem hätten Erfahrungen in anderen Ländern gezeigt, dass Medikamente durch den Verkauf in Supermärkten nicht automatisch billiger würden.

 

Mehr als 13 Prozent für OTCs

 

Mark-Rüdiger Metze erläuterte in Stockholm die Entwicklung des deutschen Apothekenmarkts mit Blick auf die Selbstmedikation. Metze ist Referent für Märkte bei der ABDA - Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Von den 36,7 Milliarden Euro, die 2007 in Deutschland für Arzneimittel und Hilfsmittel umgesetzt wurden, gingen 4,92 Milliarden auf das Konto nicht verschreibungspflichtiger Medikamente. Das sind 13,4 Prozent des Gesamtmarktes. Von diesen waren wiederum 6,1 Prozent frei verkäufliche Präparate (299 Millionen Euro), 24,5 Prozent apothekenpflichtige OTCs, die verschrieben und erstattet wurden (1,2 Milliarden Euro) und 69,4 Prozent nicht verschreibungspflichtige, apothekenpflichtige Präparate.

Mehr von Avoxa