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Prüfungsstress

Wenn Angst das Denken blockiert

19.06.2007
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Prüfungsstress

Wenn Angst das Denken blockiert

Von Bettina Wick-Urban

 

Das Herz pocht rasend schnell. Schweißperlen auf der Stirn, feuchte Hände, Übelkeit, Durchfall und die Angst, die das Atmen fast unmöglich macht ­ und einfach nicht verschwindet. Heute findet die Prüfung statt, die einen seit einigen Wochen nicht mehr ruhig schlafen lässt.

 

Die meisten kennen die Symptome der Prüfungsangst recht gut. Borwin Bandelow, Präsident der Gesellschaft für Angstforschung, schätzt, dass 70 Prozent aller Studierenden an Prüfungsangst leiden. Genauso sind aber auch Schüler, Auszubildende und Berufstätige betroffen. Nicht nur vor Examen auch bei Führerscheinprüfungen, Vorstellungsgesprächen, Vorträgen oder Wettkämpfen quält die Angst vor dem Versagen.

 

Wer unter Prüfungsangst leidet, muss nicht generell ein ängstlicher Mensch sein. Vielmehr ist es eine ganz konkrete Stresssituation, die die Angst auslöst: die anstehende Bewertung und die Befürchtung, dabei schlecht abzuschneiden. Bei Stress produziert die Nebennierenrinde vermehrt Adrenalin und Noradrenalin. Normalerweise helfen diese Hormone dem Körper, bei Gefahr schnell zu reagieren. Deshalb versetzt ein bisschen Lampenfieber in »Kampfbereitschaft«, bringt die grauen Zellen auf Trab und belohnt mit guten Ergebnissen.

 

Prüfungen sind Ausnahmesituationen. Dass sie nervös machen, ist völlig normal. Wird der Grad der Erregung allerdings zu hoch, blockiert die Menge der ausgeschütteten Hormone die Synapsen im Gehirn. Folge: Wer sich vor Prüfungen regelrecht verrückt macht, schränkt seine geistige Leistungsfähigkeit und auch seine Lebensqualität ein. Konzentrationsstörungen und Denkblockaden sind die Folge. Statt sich effizient auf die Prüfung vorzubereiten, flüchten die Betroffenen sich in unwichtige Routinearbeiten. Zudem fühlen sie sich ängstlich, unsicher und sind leicht reizbar. Oft leiden sie unter starken Stimmungsschwankungen und Unlust, was sich bis zur Depression steigern kann.

 

Die Angst kann von innerer Unruhe, Schweißausbrüchen, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Durchfall, Verstopfung, Erbrechen, Schwindel, Herzrhythmusstörungen, Müdigkeit, Heißhungerattacken genauso wie von Appetitlosigkeit begleitet werden.

 

Erlernte Angst

 

Warum haben manche Menschen mehr Angst vor Prüfungen als andere? Meistens spielen mehrere Faktoren eine Rolle. Prüfungsangst ist erlernt und hängt eng mit Erfahrungen aus der Kindheit oder mit bereits erlebten negativen Prüfungssituationen zusammen. Menschen, die an Prüfungsangst leiden, wurden früher oft von ihren Eltern überfordert oder gar bestraft, wenn sie nicht die gewünschten Leistungen erbrachten. Kinder verlieren dadurch zunehmend an Selbstsicherheit. Später lehnen sie sich bei Misserfolgen oft selbst ab. Wer schon einmal durch eine Klausur gefallen ist, bei einer mündlichen Prüfung einen Blackout hatte oder von einem Prüfer ungerecht bewertet wurde, wird sich vor der nächsten Prüfung wieder an den Misserfolg erinnern. Die Angst, dass das Gleiche noch einmal passiert, beherrscht das Denken. Auch die herrschenden gesellschaftlichen Normen spielen eine Rolle. Leistungsdruck und Karrieredenken sind in der heutigen Gesellschaft stark ausgeprägt. Erfolge sind wichtig, wer sich aber davon zu sehr einnehmen lässt und sein Selbstwertgefühl nur in Abhängigkeit von der eigenen Leistung definiert, wird stärker an der Angst leiden zu versagen.

 

Richtig atmen

 

Ein erster wichtiger Schritt gegen die Prüfungsangst anzugehen ist, sich diese einzugestehen und die Gründe dafür ausfindig zu machen. Viele fürchten auch kurz vor der Prüfung, zu wenig gelernt zu haben oder den Stoff nicht richtig zu beherrschen. Hier hilft eine realistische Bestandsaufnahme über die Prüfungsanforderungen und das erforderliche Lernpensum. Die eigenen Schwächen, aber auch Stärken, sollten festgestellt werden und davon ausgehend ein strukturierter Lernplan entworfen werden. Dieser sollte in Abschnitte eingeteilt sein, die dann abgearbeitet werden. Auch Pausen sollten von vorneherein festgelegt werden.

 

Eine falsche Atmung kann die Angst verstärken: Wer nur noch nach Luft jappst, atmet zu flach und verstärkt so die innere Aufregung durch Sauerstoffarmut. Das kräftige und viel zu schnelle Atmen, die Hyperventilation, verstärkt die Panik und kann sogar zu Übelkeit und Ohnmacht führen. Rechtzeitig vor der Prüfung sollte deshalb die sogenannte Bauchatmung erlernt werden, dass heißt, langsam und bewusst durch den Bauch zu atmen. Das hilft bei einer Panikattacke, schnell wieder ruhig zu werden. Auch Entspannungsmethoden wie autogenes Training helfen, die Angst in den Griff zu bekommen.

 

Prüfungsangst verlernen

 

Die Entspannung kann genutzt werden, um die Furcht vor bestimmten Situationen zu verlernen. Die sogenannte »systematische Desensibilisierung« stammt aus der Verhaltenstherapie. Dieser Methode liegt die Annahme zugrunde, dass man die Furcht verlernt, wenn man sich dem angsterzeugenden Reiz aussetzt. Das funktioniert allerdings nur, wenn weder Angst, noch negative Konsequenzen auftreten. Dabei stellt man sich während der Entspannung die am wenigsten angstauslösende Situation vor und geht schrittweise zu schwierigeren Bildern über. Bekommt man trotzdem Angst, bricht man die Reihe ab und beginnt langsam wieder von vorn. So erkennt man schließlich, dass der gefürchtete Reiz gar keine Furcht auslöst.

 

Psychopharmaka keine Lösung

 

Rauben Angst und Unruhe trotz Zeitmanagement, Lernplan und Entspannungsübungen den Schlaf vor der Prüfung kann die kurzfristige Selbstmedikation mit Phytopharmaka angeraten werden. Empfehlenswert sind hier Fertigpräparate mit Extrakten aus Baldrianwurzel, Hopfenzapfen, Melissenblättern oder Passionsblumenkraut. Hierbei ist zu beachten, dass die Pflanzenextrakte ausreichend hoch dosiert sind. In der Regel tritt die volle Wirkung erst nach Wochen ein.

 

Von der Behandlung mit Psychopharmaka, um das Problem in den Griff zu bekommen, sollte abgeraten werden. Im Gegenteil: Benzodiazepine können geradezu kontraproduktiv sein. Besonders kurz wirksame Benzodiazepine wie Midazolam oder Triazolam können Rebound-Insomnien und Angstsymptome auslösen und damit die Leistungsfähigkeit zusätzlich herabsetzen. Wenn die Prüfungsangst massive Panikattacken auslöst und Schlafstörungen zur Regel werden, dann sollte ärztliche Hilfe in Anspruch genommen werden.

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